Batterie-Start-ups: Wo Europas größte Lücken liegen
Batterie-Start-ups konzentrieren sich auf technologisch anspruchsvolle, aber finanzierbare Bereiche. Eine Studie zeigt zugleich deutliche Lücken bei Rohstoffen, Recycling und industrieller Skalierung.
Warum entstehen Batterie-Start-ups vor allem im Midstream? Eine Studie zeigt Stärken, Finanzierungslücken und Skalierungshürden.IM Imaginery - stock.adobe.com
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Summary: Ein Team der Universität Münster und der Fraunhofer FFB hat mehr als 400 Batterieunternehmen weltweit geprüft und 144 zwischen 2014 und 2024 gegründete Start-ups ausgewertet. Die Studie zeigt, dass Gründungen vor allem im technologisch anspruchsvollen, aber noch finanzierbaren Midstream entstehen, während kapitalintensive Bereiche wie Rohstoffe, Recycling und Second-Life-Anwendungen schwächer besetzt bleiben. Die Folge ist eine Skalierungslücke, die durch stufengerechte Förderung, verlässliche Rahmenbedingungen und risikobereite Finanzierung geschlossen werden soll.
Start-ups gelten als wichtige Treiber der Energiewende. Eine Studie der Universität Münster und der Fraunhofer-Einrichtung Forschungsfertigung Batteriezelle FFB zeigt nun, an welchen Stellen der globalen Batterie-Wertschöpfungskette besonders viele junge Unternehmen entstehen und wo die Gründungsaktivität gering bleibt.
Für die Untersuchung analysierte das Forscherteam mehr als 400 identifizierte Batterieunternehmen weltweit. Nach einer manuellen Prüfung entstand eine finale Stichprobe von 144 Start-ups, die zwischen 2014 und 2024 gegründet wurden. Die Ergebnisse erschienen in der Fachzeitschrift „Energy Strategy Reviews“.
Wie aus der Mitteilung der Fraunhofer FFB hervorgeht, konzentrieren sich die Gründungen vor allem auf die mittleren Stufen der Batterie-Wertschöpfungskette. Besonders stark vertreten sind junge Unternehmen bei fortschrittlichen Materialien, spezialisierten Komponenten und in der anschließenden Zellfertigung.
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In diesen Bereichen treffen hohe technologische Anforderungen auf einen Kapitalbedarf, der im Vergleich zu anderen Stufen der Wertschöpfungskette noch als beherrschbar gilt. Das macht die betreffenden Felder für Gründer, Investoren und Industriepartner attraktiv. Gleichzeitig entsteht ein dichter Wettbewerb um Kapital, Technologiepartnerschaften und den Zugang zur industriellen Anwendung.
Kapitalbedarf prägt die Gründungslandschaft
Die Schwerpunktbildung im sogenannten Midstream ist nach Einschätzung der Forschenden kein Zufall. Dort ist spezialisiertes technologisches Know-how gefragt, ohne dass die erforderlichen Investitionen von Beginn an das Niveau besonders kapitalintensiver Produktions- oder Infrastrukturbereiche erreichen.
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»Gründungen entstehen vor allem dort, wo das nötige Wissen hoch, der Kapitalbedarf aber noch handhabbar ist. Gleichzeitig sehen wir, dass große Finanzierungsrunden auf wenige Unternehmen konzentriert sind, während viele Start-ups unterfinanziert bleiben. Genau daraus entsteht eine Skalierungslücke«, erläutert Linda Brüss, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Entrepreneurship der Universität Münster.
Die Untersuchung macht damit einen zweigeteilten Finanzierungstrend sichtbar. Einzelne kapitalintensive Unternehmen erhalten große Finanzierungsrunden. Viele material- und hardwareorientierte Gründungen verfügen dagegen nicht über ausreichende Mittel, um ihre Technologien aus der Entwicklung in eine industrielle Produktion zu überführen.
Die technologische Entwicklung allein reicht somit nicht aus. Entscheidend ist, ob junge Unternehmen Produktionskapazitäten aufbauen, Qualifizierungsprozesse durchlaufen und ihre Lösungen in bestehende industrielle Strukturen integrieren können. Genau an diesem Übergang entsteht nach den Ergebnissen der Studie häufig eine Skalierungslücke.
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Wo wichtige Engpassbereiche unbesetzt bleiben
Deutlich weniger Gründungen entstehen in besonders kapitalintensiven und regulatorisch anspruchsvollen Teilen der Batterie-Wertschöpfungskette. Das betrifft sowohl vorgelagerte Bereiche wie die Rohstoffgewinnung als auch Aktivitäten am Ende des Lebenszyklus, darunter Batterierecycling und Second-Life-Anwendungen.
Damit konzentriert sich die Gründungsdynamik nicht automatisch auf jene Felder, die für den Aufbau einer durchgängigen europäischen Batteriewertschöpfung besonders relevant sind. Der industriepolitische Bedarf und das tatsächliche Gründungsgeschehen fallen in mehreren Bereichen auseinander.
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»Die Ergebnisse machen deutlich, dass Gründungsaktivität und industriepolitischer Bedarf nicht automatisch Hand in Hand gehen. Während einige Technologiefelder stark von Innovationen profitieren, fehlen in kritischen Bereichen wie Recycling und industrieller Skalierung weiterhin ausreichend Unternehmensgründungen. Wenn Europa seine Batteriewertschöpfung stärken will, müssen Gründungen gezielter dort unterstützt werden, wo heute noch Engpässe bestehen«, sagt Dr. Florian Degen, Abteilungsleiter Produktionstechnologie an der Fraunhofer FFB.
Die Bedeutung einer leistungsfähigen Batteriewertschöpfung ergibt sich auch aus dem erwarteten Rohstoffbedarf. Einer in der Mitteilung genannten Schätzung zufolge benötigt die Europäische Union bis 2030 bis zum 18-Fachen und bis 2050 bis zum 60-Fachen der Lithiummenge des Jahres 2020, um die erwartete Batterienachfrage zu decken.
Batterien gelten zugleich als Schlüsseltechnologie für eine klimaneutrale Mobilität. Eine leistungsfähige Batteriezellfertigung in Deutschland und Europa wird deshalb als strategisch wichtig eingeordnet. Neben neuen Technologien werden Unternehmen benötigt, die Innovationen entlang der Wertschöpfungskette in die industrielle Anwendung überführen.
Die 144 untersuchten Gründungen verteilen sich regional ungleich. Nach den Ergebnissen der Studie folgen Nordamerika, Europa und Asien jeweils unterschiedlichen industriellen Voraussetzungen und technologischen Entwicklungspfaden.
In Nordamerika zeigt sich eine stärkere rohstoffnahe Gründungsaktivität. Zudem richten sich dort zahlreiche Unternehmen auf Zukunftschemien wie Feststoff- und Lithium-Schwefel-Batterien aus.
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Europa verfügt demgegenüber über besondere Stärken im Batterierecycling und in der Kreislaufwirtschaft. Bei vorgelagerten Wertschöpfungsschritten und einzelnen Komponenten ist der europäische Markt nach den Studienergebnissen jedoch schwächer aufgestellt.
Asien stützt sich auf dichte Cluster aus Materialherstellern, Komponentenproduzenten und Zellfertigern. Etablierte Konzerne prägen dort Produktionsnetzwerke, Zulieferstrukturen und Qualifizierungswege. Diese industriellen Strukturen schaffen nach Einschätzung der Forschenden wichtige Voraussetzungen für die Skalierung junger Hardware-Unternehmen.
Die regionalen Unterschiede zeigen, dass Start-ups nicht isoliert von ihrem jeweiligen industriellen Umfeld betrachtet werden können. Produktionsnetzwerke, vorhandene Zulieferer, Qualifizierungswege und der Zugang zu Industriepartnern beeinflussen, ob sich junge Unternehmen entwickeln und ihre Technologien in größeren Stückzahlen fertigen können.
Warum steigende Investitionen die Skalierung nicht sichern
Die Investitionen in Batterie-Start-ups nahmen nach 2019 deutlich zu und erreichten 2021 und 2022 ihren bisherigen Höhepunkt. Auch der breitere Energiewende-Markt verzeichnete 2024 mit 2,1 Billionen USD einen Rekordwert.
Trotz des gewachsenen Investitionsvolumens bleibt die Finanzierung ungleich verteilt. Wenige kapitalintensive Unternehmen sichern sich große Runden, während zahlreiche Start-ups aus hardware- und materialintensiven Bereichen unterfinanziert bleiben.
Damit entsteht die Skalierungslücke ausgerechnet in jenen Feldern, in denen zusätzliche industrielle Kapazitäten für Versorgungssicherheit und Kreislaufwirtschaft besonders relevant wären. Die Finanzierung früher Entwicklungsphasen führt nicht automatisch dazu, dass Unternehmen später Demonstrationsanlagen, Produktionslinien oder industrielle Kapazitäten aufbauen können.
Hinzu kommen lange Qualifizierungsprozesse, regulatorische Anforderungen und unsichere Marktzugänge. Diese Faktoren erhöhen den Kapitalbedarf und verlängern den Zeitraum bis zur industriellen Anwendung. Für Start-ups entsteht dadurch eine besonders anspruchsvolle Phase zwischen erfolgreicher Technologieentwicklung und wettbewerbsfähiger Produktion.
Förderprogramme erreichen nicht alle Wertschöpfungsstufen
Ein weiteres Ergebnis der Studie betrifft das Verhältnis zwischen politischen Fördermaßnahmen und tatsächlichen Unternehmensgründungen. Europa verfügt demnach über eine hohe Dichte batteriepolitischer Programme. Dennoch entstehen gerade in den kapitalintensiven Bereichen der Wertschöpfungskette vergleichsweise wenige Start-ups.
Die Ergebnisse legen nahe, dass Förderprogramme allein Gründungsaktivitäten nicht automatisch in strategisch besonders relevante Bereiche lenken. Eine breit gestreute Unterstützung kann zwar frühe Ideen und technologische Entwicklungen fördern. Sie beseitigt jedoch nicht zwangsläufig die spezifischen Hürden beim Übergang in die industrielle Skalierung.
»Europa braucht eine Gründungsförderung, die nicht nur frühe Ideen unterstützt, sondern den Weg in die industrielle Skalierung mitdenkt. Gerade im Batteriebereich entstehen besonders hohe Hürden dort, wo Kapitalbedarf, Regulierung und Qualifizierung zusammenkommen. Förderung muss deshalb verlässlich, stufengerecht und langfristig angelegt sein«, empfiehlt Prof. David Bendig, Leiter des Instituts für Entrepreneurship der Universität Münster.
Die Förderung sollte sich nach Einschätzung der Forschenden deshalb stärker an den jeweiligen Anforderungen der einzelnen Wertschöpfungsstufen orientieren. Die gut besetzte Mitte der Kette benötigt andere Instrumente als kapitalintensive Rohstoff-, Recycling- oder Produktionsbereiche.
Wie Politik und Industrie die Skalierung erleichtern können
Aus der Untersuchung leiten die Forschenden mehrere Implikationen für Politik, Industrie und Finanzierung ab. Als entscheidend gelten verlässliche Rahmenbedingungen, langfristige Nachfragesignale sowie stufengerechte und risikobereite Finanzierungsangebote.
Hinzu kommen schlankere Genehmigungs- und Zertifizierungsverfahren. Sie sollen dazu beitragen, lange Entwicklungs- und Qualifizierungsphasen zu verkürzen und den Aufbau industrieller Kapazitäten zu erleichtern.
Auch gemeinsam genutzte Qualifizierungs-Infrastrukturen können jungen Unternehmen helfen, den Schritt von der Technologieentwicklung in die industrielle Produktion zu bewältigen. Gleiches gilt für vorwettbewerbliche Datenräume, die von Branchenkonsortien aufgebaut werden.
Voraussetzung ist nach Darstellung der Studie, dass Politik, Industrie und Finanzierung an denselben Hebeln ansetzen. Werden frühe Technologieentwicklung, industrielle Qualifizierung, Marktzugang und Produktionsaufbau getrennt betrachtet, bleiben Finanzierungslücken und Skalierungshemmnisse bestehen.
Methodik der Studie
Die Untersuchung verbindet die Theorie globaler Wertschöpfungsketten mit der Theorie unternehmerischer Ökosysteme. Dafür nutzte das Team einen stufenaufgelösten Kartierungsansatz.
Auf Basis von Crunchbase-Daten wurden mehr als 400 identifizierte Unternehmen manuell geprüft. Die finale Stichprobe umfasst 144 Batterie-Start-ups, die zwischen 2014 und 2024 gegründet wurden. Hybride Geschäftsmodelle konnten mehreren Stufen der Wertschöpfungskette zugeordnet werden.
Für die Analyse des politischen Umfelds nutzte das Forscherteam die Policies-and-Measures-Datenbank der Internationalen Energieagentur. Die Kartierung beschränkt sich auf die Kernproduktion und das End-of-Life-Recycling. Nachgelagerte Produkthersteller sowie digitale Querschnittsanbieter aus Bereichen wie Analytik, Software oder IoT wurden nicht berücksichtigt.
Die Studie trägt den Titel „Mapping the global -Stratbattery start-up landscape across the value chain: Implications for market design and industrial policy“. Sie wurde 2026 von David Bendig, Linda Brüss, Florian Degen und Timo Schäper in der Fachzeitschrift „Energy Strategy Reviews“ veröffentlicht. Die Untersuchung wurde vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt gefördert.
Im Fokus: Batterie-Start-Ups
• Wo entstehen besonders viele Batterie-Start-ups? – Batterie-Start-ups entstehen vor allem bei fortschrittlichen Materialien, spezialisierten Komponenten und in der Zellfertigung.
• Warum bleiben Batterie-Start-ups häufig in der Skalierung stecken? – Viele material- und hardwareintensive Gründungen sind unterfinanziert und müssen hohe Anforderungen bei Kapital, Regulierung und Qualifizierung bewältigen.
• Welche Bereiche meiden Batterie-Start-ups besonders häufig? – Vergleichsweise wenige Gründungen gibt es bei der Rohstoffgewinnung, im Recycling und bei Second-Life-Anwendungen.
• Welche regionalen Unterschiede gibt es bei Batterie-Start-ups? – Nordamerika ist stärker rohstoffnah und auf Zukunftschemien ausgerichtet, Europa auf Recycling und Kreislaufwirtschaft, Asien auf dichte Material-, Komponenten- und Zellcluster.
• Was benötigen Batterie-Start-ups für die industrielle Skalierung? – Erforderlich sind verlässliche Rahmenbedingungen, langfristige Nachfragesignale, stufengerechte Finanzierung sowie schlankere Genehmigungs- und Zertifizierungsverfahren.