Zwei Mitarbeiter mit Maske sitzen verzweifelt auf dem Boden.

Viele Unternehmen mussten aufgrund der Coronakrise Insolvenz anmelden. - AdobeStock/chokniti

| von Anja Ringel

Strukturwandel, fehlendes Kapital, Fehlinvestitionen oder Mängel im Führungsstil: Die Gründe für Insolvenzen sind vielfältig, oft ist es nicht nur eine Ursache. Dieses Jahr ist mit der Coronakrise eine weitere dazu gekommen. Immer öfter ist die Pandemie der Auslöser für Unternehmensinsolvenzen.

So auch beim Reifenhersteller BBS. Das Unternehmen, das unter anderem BMW, Volkswagen und Mercedes beliefert, musste vor rund zwei Monaten Insolvenz anmelden. Die finanzielle Schieflage sei unter anderem auf das derzeit sehr schwierige Marktumfeld im Automobilsektor zurückzuführen, erklärt die Firma auf ihrer Website. Und weiter: „Ungünstig beeinflusst wurde unsere Situation durch den coronabedingten ‚Lockdown‘.“ Dieser habe unter anderem zu einer Drosselung der Produktion geführt.

Schon im Mai musste der Aluminiumguss-Spezialist Finoba Automotive einen Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens stellen. Auch hier erklärte die zuständige Insolvenzverwaltung, das Unternehmen leide unter dem Absatzrückgang in der Automobilbranche, die sich durch die Corona-Pandemie massiv verschärft habe.

Können die Kosten optimiert werden?

Momentan wird versucht, Investoren zu finden. Der Verlauf des Insolvenzverfahrens hängt jedoch laut der zuständigen Kanzlei davon ab, ob es gelingt, die Kosten zu optimieren und die laufenden Verhandlungen mit Kunden erfolgreich abzuschließen.

BBS und Finoba sind nur zwei Beispiele von vielen. Denn zwischen April und Juni meldeten die Amtsgerichte 58 Insolvenzen von Unternehmen mit einem Umsatz von mindestens 20 Millionen Euro – ein Anstieg von fast 30 Prozent im Vergleich zum ersten Quartal 2020. Das geht aus dem Insolvenz-Report der Beratungsgesellschaft Falkensteg hervor.

Allein im April wurden 27 Verfahren eröffnet – sieben mehr als im März. „Seit acht Jahren wurden keine höheren Antragszahlen gemeldet“, schreiben die Experten in einer Pressemitteilung.

Viele Zulieferer waren bereits vor der Krise angeschlagen

Auch bei den Großinsolvenzen steigt die Zahl: Im ersten Halbjahr gab es laut des Falkensteg-Reports 103 Unternehmensinsolvenzen. „Es könnten bis Dezember mehr als 200 Firmeninsolvenzen werden. Das Niveau des Vorjahres mit 118 Anträgen ist fast erreicht und es werden noch zwei weitere starke Quartale kommen“, sagt Falkensteg-Partner und Studienautor Johannes von Neumann-Cosel Ende August.

Neben dem Einzelhandel sind vor allem – wie die beiden Beispiele gezeigt haben- automobilnahe Unternehmen betroffen, erklären die Experten weiter. In beiden Branchen hätten sich die Insolvenzzahlen gegenüber dem ersten Quartal von sieben auf 14 verdoppelt. Die Beratungsgesellschaft erklärt aber auch: Viele Händler und Automobilzulieferer seien bereits vor der Coronakrise angeschlagen und in finanziellen Schwierigkeiten gewesen.

Und weil die staatlichen Hilfsangebote nur für durch die Coronakrise in Schwierigkeiten geratene Unternehmen sind, haben die ohnehin schon angeschlagenen Firmen keine Kredite erhalten, so die Experten.

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Insolvenzantragspflicht wird ausgesetzt

Dennoch könnten sich Insolvenzen verzögern und erst 2021 stattfinden. Denn die Bundesregierung hat beschlossen, dass die Regelung über die Aussetzung der Insolvenzantragspflicht für den Antragsgrund der Überschuldung bis Ende 2020 ausgesetzt bleiben soll. Dadurch soll eine Pleitewelle verhindert werden.

Eine Maßnahme, die von Neumann-Cosel kritisch sieht. Er erklärt: Eine Aussetzung werde die Probleme in der Automobilbranche und im Einzelhandel nicht lösen. „Weiterhin spricht gegen eine Verlängerung das Risiko, dass diese Unternehmen langfristig ihren Verpflichtungen nicht nachkommen werden können und der Schaden für Lieferanten und Kunden steigt“, erklärt von Neumann-Cosel in einer Mitteilung, „dagegen würde die Verlängerung der Bezugsdauer der Kurzarbeit den angeschlagenen Unternehmen in dieser Notsituation helfen.“

Gar von einer „Insolvenz-Zeitbombe“ sprechen die Experten der Kreditversicherungsgruppe Euler Hermes. Eine solche würde durch Covid-19 entstehen. Sie gehen davon aus, dass ein Großteil der Insolvenzen Ende 2020/Anfang 2021 durch ungleiche Ausgangsbedingungen entstehen. Das heißt: Durch verschiedene Wiederöffnungsstrategien der einzelnen Länder haben Firmen unterschiedliche Voraussetzungen.

Zahl der Insolvenzen wird weltweit drastisch ansteigen

Der „Global Insolvency Index“ des Unternehmens zeigt, dass die Zahl der Insolvenzen bis 2021 weltweit um 35 Prozent steigen wird. Die meisten Pleiten wird es demnach in den USA geben (plus 57 Prozent). Ebenfalls einen hohen Anstieg soll es in Ländern wie Brasilien (plus 45 Prozent) und China (plus 40 Prozent) geben.

Deutschland kommt mit einem Insolvenz-Anstieg von zwölf Prozent vergleichsweise glimpflich davon. Als Gründe nennt Ron van het Hof, CEO von Euler Hermes in den DACH-Ländern, die bessere Ausgangssituation, den kürzeren, weniger strikten Lockdown sowie die schnellen und umfangreichen Sofortmaßnahmen der Bundesregierung.

Die Grafik zeigt, um wie viel Prozent die Unternehmensinsolvenzen 2021 im Vergleich zu 2019 zunehmen werden.
Die Grafik zeigt, um wie viel Prozent die Unternehmensinsolvenzen 2021 im Vergleich zu 2019 zunehmen werden. - Grafik: Anja Ringel; Quelle: Euler Hermes

Aber: Sollten die Regierungen ihre Hilfen für die Wirtschaft vorzeitig abbrechen, könnte sich die Situation verschlimmern und die Zahl der Insolvenzen würde noch mehr steigen, so Euler Hermes. Ein weiterer Faktor ist, wann sich die Weltwirtschaft von den Auswirkungen der Corona-Pandemie erholen wird.

CEO spricht von „tickender Zeitbombe“

Die Entwicklung ist dabei sehr heterogen: In zwei von drei Ländern hat die Zahl der Pleiten bereits im Juli stark zugenommen, in den anderen wird der Anstieg laut den Experten von Euler Hermes erst 2021 stattfinden. „Das ist aber längst keine Entwarnung, sondern vielmehr eine tickende Zeitbombe", sagt van het Hof in einer Mitteilung. „Spätestens im dritten Quartal des Jahres wird diese Zeitbombe hochgehen und die Schockwellen dürften sich ins gesamte erste Halbjahr 2021 ausbreiten."

Doch es gibt auch gute Nachrichten: Anfang Juli ist das Insolvenzverfahren gegen den Elektroautohersteller e.Go Mobile eröffnet worden. Die Produktion des deutschen Start-ups musste gestoppt werden. Der Traum von Gründer Günther Schuh, ein günstiges E-Auto herzustellen, schien geplatzt. Doch inzwischen gibt es wieder Hoffnung: Ein strategischer Private-Equity-Investor ist beim Aachener Unternehmen eingestiegen. Nun soll die Produktion bald wieder starten.

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