Industrie 4.0 entwickelt sich mit KI, digitalen Zwillingen und humanoiden Robotern zur zentralen Wettbewerbsfrage der deutschen Industrie.
Claus WilkClausWilkClaus WilkChefredakteur
Industrie 4.0 bleibt laut Bitkom er entscheidende Wettbewerbsfaktor für die deutsche Industrie.panuwat - stock.adobe.com
Anzeige
Summary: Eine Bitkom-Befragung unter 555 Industrieunternehmen in Deutschland zeigt zur Hannover Messe 2026 die hohe Relevanz von Industrie 4.0 für Wettbewerbsfähigkeit und Produktion. KI, digitale Zwillinge und vernetzte Infrastrukturen sind vielerorts bereits im Einsatz, während humanoide Roboter zwischen Produktivitätshoffnung und Skepsis stehen. Gleichzeitig bremsen Konjunktur, internationaler Wettbewerbsdruck und Defizite bei Standortbedingungen das Tempo der digitalen Transformation.
Industrie 4.0 wird in der deutschen Industrie klar als Chance und als strategischer Wettbewerbsfaktor bewertet. 81 % der Industrieunternehmen sehen darin eine Chance, 16 % ein Risiko. Für 94 % ist Industrie 4.0 sehr wichtig oder unverzichtbar, um im internationalen Wettbewerb zu bestehen. Nur knapp 4 % halten das Thema für unwichtig.
Bitkom
Das geht aus einer repräsentativen Befragung im Auftrag des Digitalverbands Bitkom hervor, die anlässlich der Hannover Messe unter 555 Industrieunternehmen des verarbeitenden Gewerbes ab 100 Beschäftigten in Deutschland durchgeführt wurde. „Industrie 4.0 ist kein Technologietrend, sondern die Basis für industrielle Wettbewerbsfähigkeit“, sagt Bitkom-Vizepräsidentin Dr. Tanja Rückert. „Mit KI und künftig humanoiden Robotern erhält Industrie 4.0 ein massives Upgrade, die digitale Transformation der deutschen Industrie geht mit KI in die nächste Runde.“
Anzeige
Wie groß die Bedeutung dieser Technologien eingeschätzt wird, zeigen weitere Werte der Studie. 89 % der Industrieunternehmen messen Industrie 4.0 eine sehr große oder eher große Bedeutung für die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie bei. Bei Künstlicher Intelligenz sind es 78 %, bei humanoiden Robotern 63 %.
Industrie 4.0 ist in der Produktion angekommen
Anzeige
In den Fabriken ist Industrie 4.0 laut Studie längst Teil des Alltags. 97 % der Industrieunternehmen setzen mindestens eine Industrie-4.0-Anwendung ein. Besonders weit verbreitet ist KI in der intelligenten Steuerung und Planung. 40 % der Unternehmen nutzen KI bereits, weitere 38 % planen den Einsatz.
Auch digitale Zwillinge haben sich in der Produktion etabliert. 45 % der Industrieunternehmen haben sie bereits im Einsatz, 26 % planen ihre Einführung. Bei digitalen Infrastrukturen und Vernetzung liegen IoT-Plattformen vorne. Sie sind bei 45 % im Einsatz und bei 33 % geplant. Darüber hinaus tragen laut Mitteilung auch Datenräume, Edge Computing, Lifecycle-Management und 5G-Campusnetze zu einer vernetzten Produktion bei.
Bitkom
Noch am Anfang steht Physical AI, also KI, die Maschinen oder Roboter zu physischen, selbstständig ausgeführten Aufgaben befähigt. 6 % der deutschen Industrieunternehmen setzen diese Technologie bereits ein, 28 % planen ihre Einführung.
„In den Fabriken ist Industrie 4.0 gut zehn Jahre nach Einführung des Begriffs Alltag“, sagt Rückert. „Jetzt kommt es darauf an, mit Digitalen Zwillingen, KI und künftig auch humanoiden Robotern ein neues Kapitel der Industrie 4.0 aufzuschlagen.“
Anzeige
Beim Blick auf die Investitionen zeigt sich ein stabiles bis leicht expansives Bild. 27 % der deutschen Industrieunternehmen wollen 2026 im Vergleich zu 2025 mehr in Industrie-4.0-Technologien investieren. 50 % wollen das bisherige Niveau halten, 20 % planen geringere Investitionen.
Warum humanoide Roboter die Industrie spalten
Humanoide Roboter rücken als Teil von Physical AI stärker in den Fokus. Sie können Aufgaben übernehmen, die bislang von Menschen ausgeführt werden. 64 % der Industrieunternehmen sind der Auffassung, dass humanoide Roboter die Industrie produktiver machen. 68 % sprechen sich dafür aus, dass Deutschland humanoide Roboter schnell selbst entwickelt und auf den Weltmarkt bringt.
Gleichzeitig ist die Technologie umstritten. 31 % der Industrieunternehmen halten humanoide Roboter für einen Hype, der bald vorübergehen werde. 41 % sind der Auffassung, die Technologie koste mehr, als sie bringe. „An humanoiden Robotern scheiden sich derzeit die Geister“, sagt Rückert.
Anzeige
Heute ist der Einsatz humanoider Robotik in der Industrie noch die Ausnahme. 6 % der Industrieunternehmen arbeiten bereits mit humanoiden Robotern, 10 % planen dies, 8 % diskutieren darüber. Für 72 % ist der Einsatz derzeit noch kein Thema.
Langfristig rechnet die Industrie jedoch mit einer breiteren Verbreitung. 97 % können sich zumindest langfristig vorstellen, dass humanoide Roboter in der Produktion breit eingesetzt werden. 20 % erwarten einen breiten Einsatz in der Mehrzahl der Industrieunternehmen innerhalb der kommenden zehn Jahre. 3 % gehen davon aus, dass dies bereits in fünf Jahren der Fall sein wird, 17 % innerhalb von sechs bis zehn Jahren. 54 % halten ein solches Szenario erst in einem Zeitraum von elf bis zwanzig Jahren für realistisch. 14 % rechnen damit in 21 bis 30 Jahren, 9 % erst nach mehr als 30 Jahren. Nur 2 % meinen, dass sich humanoide Roboter in der Industrie nie flächendeckend durchsetzen werden.
„Humanoide Roboter waren vorgestern Science Fiction, gestern galten sie als visionär und jetzt werden sie zu einem echten, geschäftsrelevanten Industriethema“, so Tanja Rückert. „Entscheidend ist, dass Deutschland gleichermaßen in die Entwicklung wie in den Einsatz humanoider Roboter investiert.“
Anzeige
Wie stark KI Industrie 4.0 inzwischen prägt
Am Beispiel der humanoiden Robotik zeigt sich laut Studie, wie stark die industrielle Entwicklung inzwischen von Künstlicher Intelligenz geprägt wird. 79 % der Industrieunternehmen sind der Auffassung, dass KI künftig entscheidend für die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie sein wird. 76 % meinen, dass die deutsche Industrie beim Einsatz von KI eine Vorreiterrolle einnehmen sollte. Nur 19 % halten KI in der Industrie für einen vorübergehenden Hype.
Rückert ordnet die Entwicklung so ein: „KI ist nicht mehr nur eine einzelne Anwendung, sie wird derzeit zur wohl wichtigsten Basistechnologie in industrieller Entwicklung, Fertigung und Betrieb.“
Anzeige
Gleichzeitig wächst die Sorge, dass die deutsche Industrie bei KI an Tempo verliert. Mehr als die Hälfte der Unternehmen, 55 %, stimmt der Aussage zu, dass die deutsche Industrie die KI-Revolution zu verschlafen droht. Das sind neun Prozentpunkte mehr als im Vorjahr. Dennoch sehen sich 51 % der deutschen Industrieunternehmen beim KI-Einsatz vorne. 46 % ordnen sich als Nachzügler ein oder sagen, sie hätten den Anschluss verpasst.
„Künstliche Intelligenz ist für die deutsche Industrie die wohl wichtigste Zukunftsfrage“, so Rückert. „Die Unternehmen sehen in KI enormes Potenzial für mehr Effizienz, Qualität und Wettbewerbsfähigkeit.“
Was die Konjunktur für Industrie 4.0 bremst
Die wirtschaftliche Lage wirkt sich nach Einschätzung vieler Unternehmen negativ auf die Digitalisierung aus. 58 % der Industrieunternehmen sind der Auffassung, dass die aktuelle Konjunktur die Digitalisierung ihres Unternehmens bremsen wird. 45 % rechnen mit einem Stellenabbau im eigenen Unternehmen.
Gleichzeitig sehen 48 % der Unternehmen die Möglichkeit, infolge von Stellenkürzungen in anderen Industrieunternehmen Fachkräfte zu gewinnen. Wie aus der Mitteilung hervorgeht, trifft der Digitalisierungsdruck damit auf eine Phase wirtschaftlicher Unsicherheit.
Zusätzlich erhöht der Wettbewerb aus China den Druck. 13 % der Industrieunternehmen empfinden wegen gestiegener Exporte aus China einen sehr starken Wettbewerbsdruck, 49 % einen eher starken. 22 % spüren nur geringen zusätzlichen Druck, 13 % gar keinen.
Wo Deutschland bei Industrie 4.0 zurückliegt
Im internationalen Vergleich sieht sich Deutschland bei Industrie 4.0 nach Selbsteinschätzung der Unternehmen nicht an der Spitze. Nur 10 % der Industrieunternehmen sehen Deutschland international vorne. Am häufigsten wird China als führende Nation bei Industrie 4.0 genannt, mit 34 %. Die USA folgen mit 21 %.
Bitkom
Die eigene Position bewerten die befragten Unternehmen etwas günstiger. 9 % sehen sich an der Spitze, 38 % eher als Vorreiter. Knapp die Hälfte, 50 %, ordnet sich dagegen als Nachzügler ein. 1 % sagt, das eigene Unternehmen habe den Anschluss verpasst.
„China legt bei Industrie 4.0 das Tempo vor“, so Rückert. „Deutschland muss dranbleiben, mit mehr Tempo und Investitionen in Innovation und digitaler Infrastruktur.“
Nach Einschätzung von Bitkom liegt die Verantwortung nun bei Unternehmen und Politik. Viele zentrale Anwendungen von Industrie 4.0 bauen heute auf KI auf oder werden durch KI deutlich leistungsfähiger. Entsprechend rückt die systematische Überführung in Produktions- und Engineering-Prozesse in den Mittelpunkt.
„Viele zentrale Anwendungen von Industrie 4.0 bauen heute auf KI auf oder werden durch sie deutlich leistungsfähiger. Umso wichtiger ist es, KI nicht nur punktuell zu testen, sondern sie systematisch in Produktions- und Engineering-Prozesse zu überführen – mit leistungsfähiger Infrastruktur, einheitlichen Datenstandards und qualifizierten Beschäftigten entlang der Wertschöpfungskette“, sagt Rückert.
Hinzu kommen Anforderungen an Standortbedingungen, Infrastruktur und Qualifizierung. „Deutschland braucht bei industrieller KI bessere Standortbedingungen: Mehr Rechenkapazitäten, bessere Dateninfrastrukturen, umsetzbare Regeln, gezielte Fachkräftequalifizierung und einfache Förderprogramme für den Mittelstand. Jetzt geht es nicht mehr um das nächste Pilotprojekt, sondern um den breiten Einsatz von KI in der Wirtschaft und Industrie.“
mit Material vom Bitkom
Industrie 4.0 im Fokus
• Welche Rolle spielt Industrie 4.0 für die Wettbewerbsfähigkeit? – 89 % der Industrieunternehmen messen Industrie 4.0 eine sehr große oder eher große Bedeutung für die Wettbewerbsfähigkeit bei.
• Wie weit ist Industrie 4.0 in der Produktion verbreitet? – 97 % der Industrieunternehmen setzen bereits mindestens eine Industrie-4.0-Anwendung ein.
• Welche Bedeutung hat KI für Industrie 4.0? – KI gilt in der Studie als zentrale Basistechnologie für Entwicklung, Fertigung und Betrieb und ist bei 40 % bereits im Einsatz.
• Wie werden humanoide Roboter im Umfeld von Industrie 4.0 bewertet? – Sie gelten für viele als Produktivitätsfaktor, gleichzeitig sehen Teile der Industrie hohe Kosten oder einen möglichen Hype.
• Wo steht Deutschland bei Industrie 4.0 im internationalen Vergleich? – Nach Selbsteinschätzung der Unternehmen liegt Deutschland hinter China und den USA auf Platz drei.