Wie alte Schweißanlagen produktiv bleiben
Bei Guntamatic waren Teile der Schweißtechnik mehr als 25 Jahre alt. Statt die Portalanlagen komplett zu ersetzen, wurde gezielt modernisiert. Der Fall zeigt, wann Retrofit in der Schweißautomation sinnvoll sein kann.
Funktional entsprechen die Anlagen heute einer Neuanlage, resümiert Werner Dolesal, Cloos Austria.
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Eine Schweißanlage kann mechanisch noch solide sein und technisch trotzdem aus der Zeit fallen. Steuerung, Stromquelle oder Automatisierung genügen irgendwann nicht mehr den Anforderungen, während Portal, Stahlbau und Teile der Peripherie weiterhin zuverlässig arbeiten. Dann steht die Produktion vor einer nüchternen Investitionsfrage: komplett ersetzen oder gezielt modernisieren?
Genau vor dieser Entscheidung stand der österreichische Heiztechnikhersteller Guntamatic. Das Unternehmen entwickelt und fertigt Biomasse-Heizsysteme und verweist auf hohen Kosten- und Automatisierungsdruck am Produktionsstandort Österreich. Energiepreise und Lohnkosten machten einen hohen Automatisierungsgrad wirtschaftlich notwendig. Gleichzeitig waren Teile der vorhandenen Schweißanlagen bereits mehr als 25 Jahre in Betrieb.
Die Anwenderreportage zeigt Ausgangslage, Entscheidung und Umsetzung im Produktionsalltag.
Warum nicht gleich neu bauen?
Eine Neuanlage klingt zunächst nach der sauberen Lösung: aktuelle Technik, neue Komponenten, ein klarer Schnitt. In gewachsenen Fabriken ist dieser Schnitt allerdings selten klein. Fundamente, Medienversorgung, Materialfluss, Sicherheitstechnik, Programme und Bedienabläufe hängen an der vorhandenen Anlage. Mit dem Austausch der Maschine verändert sich deshalb oft mehr als nur die Schweißtechnik.
Guntamatic und CLOOS entschieden sich für ein Retrofit. Ein wesentlicher Punkt war, die Flexibilität der bestehenden Portalanlagen zu erhalten. Die mechanische Grundstruktur blieb damit dort im Einsatz, wo sie ihren Zweck weiterhin erfüllte; technisch überholte Bereiche wurden modernisiert. Das Prinzip ist für die Instandhaltung ebenso interessant wie für die Produktionsleitung: Nicht das Alter einer Anlage allein entscheidet, sondern der Zustand ihrer Baugruppen und die Frage, wo tatsächlich Leistung verloren geht.
Was die Modernisierung erreichen sollte
CLOOS berichtet nach der Umrüstung von besserer Schweißqualität und höherer Produktionssicherheit. Zugleich seien Stillstände und Nacharbeit zurückgegangen, die Produktivität habe zugenommen. Solche Angaben sind für Produktionsverantwortliche vor allem dann belastbar, wenn sie an Kennzahlen aus dem eigenen Betrieb gemessen werden: Anlagenverfügbarkeit, Ausschuss, Nacharbeitsquote, Taktzeit und Störungsdauer.
Der Vorteil eines Retrofit liegt damit nicht in einem möglichst spektakulären Technologiesprung. Er liegt darin, eine funktionierende Anlage an den Stellen zu erneuern, an denen veraltete Technik zum Engpass wird. Beim Roboterschweißen können das etwa Steuerungs- und Schweißtechnik, Sensorik, Antriebe oder sicherheitsrelevante Komponenten sein. Welche Eingriffe sinnvoll sind, muss jedoch aus der konkreten Anlage und ihrem Produktionsprogramm abgeleitet werden.
Weniger Eingriff heißt nicht weniger Planung
Ein Retrofit kann den Umbau begrenzen, weil Teile der vorhandenen Infrastruktur weiter genutzt werden. Das kann Stillstandszeiten und Integrationsaufwand reduzieren. Ein Selbstläufer ist die Modernisierung deshalb nicht. Vor der Entscheidung sollten mindestens der mechanische Zustand, die verbleibende Nutzungsdauer, die Ersatzteilsituation, Sicherheitsanforderungen sowie die Kompatibilität von Steuerung, Programmen und Schweißprozess geprüft werden.
Auch die Wirtschaftlichkeit gehört auf den Tisch. Neben dem Investitionsbetrag zählen die geplante Produktionsunterbrechung, Risiken bei der Inbetriebnahme, erwartete Verfügbarkeit und die Frage, wie lange die modernisierte Anlage das künftige Produktspektrum abdecken kann. Erst daraus ergibt sich ein belastbarer Vergleich mit einer Neuinvestition.
Ressourceneffizienz beginnt bei der Nutzungsdauer
Bei langlebigen Produktionsmitteln ist Nachhaltigkeit nicht nur eine Frage des Energieverbrauchs. Auch die Nutzungsdauer vorhandener Stahlkonstruktionen, Portale und mechanischer Baugruppen gehört zur Bilanz. Werden belastbare Komponenten weiterverwendet, müssen Material und bereits gebundene Herstellungsenergie nicht vorzeitig ersetzt werden.
Das macht ein Retrofit nicht automatisch zur ökologisch besseren Lösung. Ist die Mechanik verschlissen, lässt sich die erforderliche Leistung nicht mehr erreichen oder sind Sicherheitsanforderungen nur mit unverhältnismäßigem Aufwand umzusetzen, kann eine Neuanlage sinnvoller sein. Wo dagegen vor allem Steuerungs-, Schweiß- und Automatisierungstechnik veraltet ist, kann die Modernisierung Ressourcen und Kapital schonen, ohne die Produktionsanforderungen abzusenken.
Ein Retrofit war wirtschaftlich und strategisch die deutlich bessere Lösung
Günther Hümer, Geschäftsführer Guntamatic
Die entscheidende Frage ist nicht das Baujahr
Der Fall Guntamatic ist deshalb weniger ein Plädoyer für möglichst alte Maschinen als für eine differenzierte Bestandsaufnahme. Eine Anlage verdient kein Retrofit, weil sie lange gelaufen ist. Sie verdient es dann, wenn ihre mechanische Substanz trägt, der Modernisierungsumfang beherrschbar bleibt und die Produktion danach messbar stabiler, sicherer oder produktiver arbeitet.