Blick in ein Stahlwerk mit glühenden Flachstahlerzeugnissen

Selbst in der energieintensiven Stahlindustrie liegen viele ungehobene Energie-Einsparpotenziale, die die WGP gemeinsam mit den Unternehmen heben möchte. (Bild: stock.adobe.com - Jordache)

Die Wissenschaftliche Gesellschaft für Produktionstechnik (WGP) hat mit den Auswirkungen der Energiekrise auf das produzierende Gewerbe beschäftigt und eine Effizienzinitiative gestartet. Damit sollen vor allem kleine und mittelständische Unternehmen beim Erstellen von individuellen Energiesparplänen unterstützt werden. Die kostenfreie Unterstützung der WGP soll dabei helfen, die Produktion in Deutschland selbst unter den ungünstigsten Bedingungen am Laufen zu halten.

„Ukraine-Krieg und drohende Gasembargos, Energielieferstopps oder Sanktionen könnten die Produktion in unserer Industrie erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg in größeren Teilen zum Erliegen bringen“, warnt WGP-Präsident Prof. Jens P. Wulfsberg. „Wir müssen daher alles tun, um unsere Produktionsautonomie aufrechtzuerhalten.“

Im Zuge der Effizienzinitiative unterstützen die Forschenden daher produzierende Unternehmen bei der Erarbeitung von individuellen Energie-Einsparmöglichkeiten. „Wir haben schon heute Lösungen für die Industrie, mit denen Energie im zweistelligen Prozentbereich eingespart werden kann – selbst in energieintensiven Branchen wie der Stahlindustrie“, so Wulfsberg. Die WGP habe darum beschlossen, auf zunächst 100 bis 200 Unternehmen zuzugehen und ihnen Workshops und Dialoge kostenfrei anzubieten, damit sie auch bei den ungünstigsten Szenarien noch möglichst handlungsfähig bleiben. Profitieren sollen von der Unterstützung vor allem kleine und mittelständische Unternehmen.

Was ist die WGP?

Die WGP ist ein Zusammenschluss von 70 führenden Professorinnen und Professoren der Produktionstechnik und deren Institute. Die WGP forscht auf dem Gebiet der Grundlagenforschung ebenso wie in der angewandten und der Industrieforschung. Dabei erstreckt sich die fachliche Orientierung von den spanenden wie spanlosen Fertigungsverfahren über die zugehörigen Maschinen und Anlagen, von der Robotik und Montagetechnik, bis hin zu Fragen des Produktionsmanagements, der Arbeitsgestaltung und der Produktionslogistik.

Wie die Unterstützung der WGP konkret aussehen wird

In den kommenden Wochen erstellen eigens für diese Aufgabe abgeordnete Mitarbeitende an den bundesweiten WGP-Instituten eine Liste der bislang erarbeiteten Best-Practice-Beispiele. Auch das Gespräch mit Industrieverbänden wollen die Professorinnen und Professoren suchen.

Darauf aufbauend werden Checklisten erstellt, die es Unternehmen ermöglichen sollen, sich stufenartig auf Szenarien wie steigende Energiepreise bis hin zum Gaslieferstopp einzustellen.

„Auf unserer Frühjahrstagung war allen klar, dass wir nicht wie gewohnt weitermachen können“, so Prof. Wolfram Volk, Sprecher des WGP-Wissenschaftsausschusses. „Sollte Russland die Gaslieferungen stoppen, fällt für unsere Industrie 50 Prozent der benötigten Primärenergie weg. Unsere Kompetenzen liegen gerade in innovativer, energie- und ressourcenschonender Produktion, und wir müssen unseren Teil dazu beitragen, diese schwere Krise zu überwinden.“

Um die Maßnahmen möglichst schnell in die Breite zu tragen, werden die WGP-Forschenden proaktiv auf Firmen zugehen. Auf Wunsch werden sie auch die Gegebenheiten vor Ort anschauen und ihre Handlungsempfehlungen an die spezifischen Produktionsbedingungen anpassen.

„Es kommt jetzt darauf an, so schnell wie irgend möglich die Initiative in Gang zu bringen, damit wir erste Effekte noch in diesem Jahr sehen können“, so Volk. „Das wird uns helfen, Energieengpässe abzumildern und die Produktion mit möglichst wenigen Einschränkungen weiter am Laufen zu halten.“

Welche Einsparpotenziale es bei vielen Unternehmen gibt

Die drohende Energiekrise – sei es durch europäische Sanktionen oder durch einen russischen Lieferstopp von Gas – könnte die Produktion von Vorprodukten für die Industrie stark einschränken. Das wiederum würde fast alle Industriezweige in Schwierigkeiten bringen. Doch die deutsche Industrie hat noch großes Potenzial bei der Einsparung von Primärenergie und viele der Maßnahmen lassen sich sogar kurzfristig umsetzen.

Allein bei Hilfsprozessen wie dem Waschen und Reinigen von Bauteilen werden rund 25 Prozent der Primärenergie verbraucht. „Hier haben wir einen sehr großen Hebel, wenn beispielsweise nicht unbedingt notwendige Waschvorgänge vermieden werden“, erläutert Volk, der den Lehrstuhl für Umformtechnik und Gießereiwesen an der Technischen Universität München leitet.

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Ebenfalls enorm sind die Einsparpotenziale für die Verwendung und Aufbereitung von Kühlschmierstoffen. „Die WGP hat in den vergangenen Jahren eine ganze Klaviatur an Möglichkeiten erarbeitet, die die Energieeffizienz etwa von Fertigungsprozessen, Verfahren, Maschinen, Steuerungs- und Planungsprozessen oder auch der Logistik deutlich steigern“, fasst Wulfsberg zusammen. „Damit können wir unsere Industrie in kurzer Zeit unabhängiger von möglichen Versorgungseinbrüchen beim Gas machen.“

Die WGP hofft, auf diese Weise nicht nur die Wirtschaft, sondern auch die Politik auf Einsparkapazitäten aufmerksam zu machen. „Wir haben sehr viele Hebel, die wir bislang nicht in der notwendigen Breite betätigen“, mahnt Wulfsberg, der das Laboratorium Fertigungstechnik (LaFT) an der Helmut Schmidt-Universität in Hamburg leitet. Schon während der Klimadebatte habe die Energieeffizienz in der Industrie vielfach ein stiefmütterliches Dasein geführt. Dies müsse sich nun zeitnah ändern.

Quelle: Wissenschaftliche Gesellschaft für Produktionstechnik e.V.

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