Diskutierten über Manufacturing-X: Hartmut Rauen, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des VDMA, Henrik Schunk, VDMA-Vizepräsident, Iris Plöger, Mitglied der Hauptgeschäftsführung des Bundesverbands der Deutschen Industrie, Georg Kube, Global Vice President Industry Data Ecosystems von SAP und Donatus Weber, Director Digital Services der Kampf Schneid- und Wickeltechnik GmbH.

Diskutierten über Manufacturing-X (von links): Hartmut Rauen, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des VDMA, Henrik Schunk, VDMA-Vizepräsident, Iris Plöger, Mitglied der Hauptgeschäftsführung des Bundesverbands der Deutschen Industrie, Georg Kube, Global Vice President Industry Data Ecosystems von SAP und Donatus Weber, Director Digital Services der Kampf Schneid- und Wickeltechnik GmbH. (Bild: Anna McMaster)

Wie hoch ist überhaupt die Bereitschaft der Unternehmen, Produktions- und Logistikdaten im Ökosystem zu teilen? Das wollte eine TED-Umfrage unter mehr als 900 Teilnehmer:innen auf dem Maschinenbau-Gipfel wissen. Grundsätzlich zeigten sich die Befragten aufgeschlossen. Nur elf Prozent gaben an, gar keine Daten teilen zu wollen. Über die Hälfte bringt eine hohe und höhere Bereitschaft dazu mit.

Eine zweite Saalumfrage „Kennen Sie den EU-Data Act und sind vorbereitet?“ zeigte, dass die Unternehmen hier noch erheblichen Nachholbedarf haben. Knapp die Hälfte gab an, gar keine oder sehr wenig Wissen dazu zu besitzen. Nur knapp 13 Prozent kreuzten an, perfekt oder sehr gut vorbereitet zu sein. Mit dem Data Act will die EU den Austausch von Daten regeln.

Aus Sicht von Iris Plöger, Mitglied der Hauptgeschäftsführung beim Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), ist der Data Act der nächste logische Schritt, um mit Regulierung das zu erreichen, was vorher nicht geklappt hat: eine bessere Datennutzung. „Wir sind in den letzten Jahren den Beweis schuldig geblieben, dass wir uns selbst regulieren können, das müssen wir jetzt leisten“, sagte Plöger auch.

Zu Industrie 4.0 gehörten viele Bausteine, ohne Cloud und Datenräume gehe es nicht, so Iris Plöger. Zunächst habe man sich an den großen US-Cloud-Anbietern aus dem B2C-Bereich orientiert, doch das funktioniere aufgrund ganz anderer Voraussetzungen in Europa und im B2B nicht. Datenräume wie Catena-X für die Autoindustrie oder Manufacturing-X sollen hier eine Lösung bringen.

Daten: Ecosystem statt Ego-System

„Wir haben in den Firmen in den letzten Jahren, jeder in seinem Silo, versucht, etwas aus den Daten zu machen“, resümierte Henrik Schunk, Vorstandsvorsitzender von Schunk, auf die Frage, wie der Standort Deutschland mit Blick auf Datenökosysteme zu bewerten sei. Das sei dem einen besser gelungen, dem anderen schlechter. „Wir müssen vom ‚Ego-System‘ auf das ‚Ecosystem‘ kommen, weil da viel größere Potenziale für den Maschinen- und Anlagenbau liegen“, sagte Schunk.

Für die Wettbewerbsfähigkeit von Deutschland und Europa sei Resilienz enorm wichtig. Das sei nicht mehr mit proprietären Systemen, sondern nur mit dem Datenaustausch von vielen zu erreichen.

Schunk sieht Deutschland bei der Datennutzung derzeit im Mittelfeld. Man habe zwar viele Voraussetzungen verschlafen, sich jedoch zum Thema Datenmanagement und der Verwaltungsschale sowie OPC UA viele Gedanken gemacht, um die Daten abzugreifen. Jetzt stehe ein besseres Miteinander von Maschinenbauern und Lieferanten auf dem Plan. „Das ist die zweite Halbzeit. Auf dem starken Domain-Wissen des Maschinenbaus ist auf dieser Basis viel möglich. Aber wir müssen den Turbo anschalten“, folgerte Schunk.

„Viele Unternehmen haben erkannt, wo die Potenziale der Digitalisierung liegen und begonnen, Dinge umzusetzen. Dabei sind viele in der Pilot- und Konzeptphase stecken geblieben, im sogenanten Pilot Purgatory“, konstatierte Georg Kube, Global Vice President Industry Data Ecosystems bei SAP. Das Fegefeuer bedeute, dass es nicht gelinge, die Lösungen zu skalieren und man an dem Problem hänge, dass auch die Daten nicht ausreichend ausgetauscht werden, um zu skalieren. „Daten fließen zwar in den Unternehmen, aber die stehen nicht im Ökosystem zur Verfügung“, so Kube. Das liege vor allem am mangelnden Vertrauen, dass die Daten auch wirklich nur für die vorgesehenen Zwecke verwendet werden. Zudem sei Monetarisierung ein Thema, speziell wenn hier einige Player größere Vorteile haben.

Den Datenraum zum Vertrauensraum machen

„Das Datenteilen funktioniert bisher nicht, weil keiner Lust hat, an einem Monopol zu arbeiten. Der gordische Knoten wurde aber mit der Idee des Datenraums durchschlagen“, stellte Moderator Hartmut Rauen, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des VDMA, fest.

Bei Manufacturing-X rede man weniger über technologische Hürden, sondern über Hürden in den Köpfen. „Es ist wie mit der Liebe! Aus dem Teilen wird mehr, auch bei den Daten“, sagte Rauen unter zustimmendem Applaus des Publikums. Jetzt gehe es darum, den Datenraum zu einem Vertrauensraum zu entwickeln, der EU Data Act sei dafür ein wichtiger Trigger.

Doch was kommt mit der Regulierung überhaupt auf die Unternehmen zu? „Das ist wirklich noch eine Blackbox, es ist ein so komplexes Regulierungsvorhaben mit vielen Schnittstellen, dass wir noch nicht genau wissen, was es bedeutet“, erklärte Iris Plöger.

Aus Sicht von Dr. Donatus Weber, Director Digital Services bei der Kampf Schneid- und Wickeltechnik, versteht die Branche noch nicht gut genug, wie die Wertschöpfung bei ihren jeweiligen Kunden funktioniert. Zwar sei bereits Geld in Plattformen und Connectivity gesteckt worden, doch auf Seiten der Kunden sei nicht klar, warum diese ihre Daten hergeben sollten. Die Monetarisierung bleibe so eine wesentliche Herausforderung.

„Wir haben einen Fehler gemacht, wir sind nie beim Kunden gewesen, um zu fragen, was man dort bereit sei zu zahlen“, konstatierte Weber, der den VDMA-Arbeitskreis Plattformökonomie leitet. Es sei wichtig, im Vorfeld besser simulieren zu können, ob sich neue Ideen monetarisieren lassen. Dabei helfe jetzt ein vom Expertenkreis entwickeltes Papier mit einer „Monetizing Canvas“.

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(Bild: mi-connect)

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"Die Plattform gehört allen"

Das Entscheidende an neuen Lösungen sei, dass Daten nicht mehr zentral irgendwo eingespeist werden müssen, erklärte Georg Kube. Stattdessen können Datenanalyse-Algorithmen zu den Daten gebracht werden. So könnten etwa KI-Modelle an unterschiedlichen Stellen trainiert und das Wissen wieder zusammengebracht werden. „Man hat ein Domänenwissen und möchte die Daten nicht verlieren, das ist im Datenraum gelöst. Die Plattform gehört allen. Man kann eigene Anwendungen einbringen und seine Kunden erreichen, ohne die Kundenschnittstelle zu verlieren“, beschrieb Rauen den Ansatz.

Er verwies auf die Lösung in der Automobilindustrie, die jetzt ihren Datenraum Catena-X mit dem Joint Venture Cofinity-X als Betreibergesellschaft vorantreibt. Auch hier geben die Teilnehmer ihre Daten weder ab, noch stellen sie diese zentral zur Verfügung: Die Daten liegen also nicht beim Betreiber. Statt als Datenkrake ist das Konzept eher als Broker-Service zu verstehen, bei dem Daten in der Community nach Bedarf angeboten und getauscht werden können.

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