Deutsche Zulieferindustrie in der Krise

Deutsche Zulieferindustrie unter massivem Druck

Die deutsche Zulieferindustrie bleibt in einer tiefen Strukturkrise. Auch 2026 fehlt bislang jedes Signal für eine nachhaltige Trendwende.

Wie tief steckt die deutsche Zulieferindustrie in der Strukturkrise? Zahlen, Forderungen und Belastungen im Überblick.

Summary: Die deutsche Zulieferindustrie verzeichnete 2025 sinkende Umsätze, rückläufige Produktion und einen deutlichen Beschäftigungsabbau. Auch zum Jahresauftakt 2026 bleiben Produktion, Beschäftigung und Geschäftsklima unter Druck. Hohe Arbeits- und Energiekosten, schwache Nachfrage, Importdruck und regulatorische Belastungen verschärfen die Lage und treiben Investitionen ins Ausland.

Die deutsche Zulieferindustrie befindet sich weiterhin tief in der Strukturkrise. Die anhaltende Krise setzte sich auch 2025 fort. Der Umsatz der Branche sank um 1,1 Prozent, die Produktion ging um 1,0 Prozent zurück. Damit war 2025 bereits das vierte Jahr in Folge mit rückläufiger Produktion.

Ohne das zwischenzeitliche Corona-Erholungsjahr 2021 zeigt die Entwicklung seit 2019 eine strukturell abwärts gerichtete Tendenz. Besonders deutlich wird die Verschärfung der Lage beim Blick auf die Beschäftigung: Sie lag 2025 um 3,4 Prozent unter dem Vorjahresniveau. Der Personalabbau gewinnt damit an Breite und zeigt, wie stark die anhaltende Schwäche an die Substanz der deutschen Zulieferer geht.

Warum 2026 keine Trendwende erkennen lässt 

Auch der Jahresauftakt 2026 liefert keine Anzeichen für eine Trendwende. In den ersten beiden Monaten war die Beschäftigung mit -3,4 Prozent weiter rückläufig. Der zum Jahresende 2025 noch leicht positiv gerichtete Trend wurde damit früh enttäuscht. Auch die Produktion entwickelte sich erneut negativ. Nach den ersten beiden Monaten 2026 lag sie bereits wieder bei einem Minus von 0,4 Prozent. Diese Entwicklung spiegelt sich auch im ifo-Geschäftsklima der deutschen Zulieferer wider. Im März 2026 fiel das saisonbereinigte Geschäftsklima deutlich von -14,4 Punkten im Februar auf -24,1 Punkte. Die zuvor erkennbare zögerliche Stabilisierung auf sehr niedrigem Niveau wurde damit abrupt beendet. Zugleich markiert der Wert den schlechtesten Stand seit genau einem Jahr.

Geschäftslage und Erwartungen spürbar verschlechtert

Sowohl die Einschätzung der aktuellen Geschäftslage als auch die Erwartungen für die kommenden sechs Monate haben sich im Zuge der Kriegshandlungen im Iran spürbar verschlechtert. „Nur etwa jeder zehnte Zulieferer bewertet seine aktuelle Lage als gut, während lediglich 16 Prozent der Branche eine Besserung in den kommenden sechs Monaten erwarten. Die Stimmung bleibt damit klar im negativen Bereich“, so Christian Vietmeyer, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Zulieferindustrie (Argez).

Schwache Nachfrage, hohe Kosten, steigender Wettbewerbsdruck 

Ursächlich ist vor allem die weiterhin schwache Nachfrage in den zentralen Abnehmerbranchen. Die Auftragseingänge entwickeln sich zu volatil, um eine nachhaltige Stabilisierung zu ermöglichen. Gleichzeitig verschärfen externe Risiken die Situation zusätzlich. Geopolitische Spannungen und handelspolitische Unsicherheiten wirken belastend, während steigende Energiepreise die Kosten erhöhen und Investitionen bremsen. Hinzu kommt ein wachsender internationaler Wettbewerbsdruck. Während die deutsche Zulieferindustrie um Stabilisierung ringt, steigen die Importe in wichtigen Produktgruppen deutlich an. So wurden Waren aus Eisen und Stahl im Jahr 2025 rund zehn Prozent stärker importiert als im Vorjahr. Bei zahlreichen Automobilteilen fiel das Wachstum nochmals höher aus.

Welche Wirtschaftswende die Branche fordert 

Von der Bundesregierung wird weiterhin eine mutige und zukunftsgerichtete Wirtschaftswende erwartet. Die Hauptprobleme der Zulieferer bleiben ungelöst und verschärfen sich weiter. Die im internationalen Vergleich hohen Arbeitskosten drängen viele Zulieferer aus dem Geschäft und führen zu Produktionsverlagerungen in kostengünstigere Länder. Als Stellschrauben für eine Absenkung der Arbeitskosten werden mehrere Maßnahmen genannt: 

  • eine Erhöhung des Arbeitsvolumens durch längere Arbeitszeiten, 
  • die Eindämmung des hohen Krankenstands etwa durch die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung sowie 
  • Reformen, mit denen die Lohnzusatzkosten auf maximal 40 Prozent zurückgeführt werden. 

Es sei richtig, dass die Bundesregierung Vorschläge zur Reform der Sozialversicherungen ausarbeite. Nun müsse daraus schnell Gesetzgebung werden, um wieder Vertrauen in den Standort Deutschland entstehen zu lassen und Investitionszurückhaltungen aufzubrechen. Für die Zulieferbetriebe ist es demnach entscheidend, wieder zu wettbewerbsfähigen Lohnstückkosten produzieren zu können. Erforderlich seien wirksame Investitionsanreize und Fördermaßnahmen, die eine höhere Produktivität durch Automatisierung und den Einsatz neuer Technologien ermöglichen und zugleich den Pfad zur Klimaneutralität ebnen.

Energiepreise bleiben ein zentraler Standortnachteil 

Die versprochene Absenkung der Energiepreise für die Industrie ist bislang nicht spürbar angekommen. Viele Zulieferbetriebe bleiben bei der Reduktion der Stromsteuer außen vor, während der sogenannte Industriestrompreis für das produzierende Gewerbe zu einer Absenkung des Strompreises um 1 bis 2 Cent/kWh, also im Mittel um rund zehn Prozent, führt. Auch der Bundeszuschuss zu den Netzentgelten wirkt sich nicht in jedem Netzgebiet entlastend aus. Im Ergebnis ist das aus Sicht der Branche zu wenig und führt noch nicht zu einem wettbewerbsfähigen Strompreis. Gas bleibt für viele industrielle Wärmeprozesse nach wie vor alternativlos, da andere wettbewerbsfähige Energieträger nicht verfügbar sind.

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Nationaler CO-Preis belastet deutsche Unternehmen

Für den Mittelstand kommt hinzu, dass der Gaspreis mit dem nationalen CO-Preis belastet ist, der nur deutsche Unternehmen trifft und höher ist als der CO-Preis für große Emittenten im ETS. Der nationale CO-Preis müsse daher ausgesetzt werden, bis der europäische CO-Preis für Kleinanlagen, ETS 2, greift. Nur so lasse sich ein Level Playing Field im gemeinsamen Markt sicherstellen.

Warum immer mehr Investitionen ins Ausland fließen 

Diese Faktoren haben nach Darstellung der Verbände zu einer neuen Welle der Globalisierung in der Zulieferindustrie geführt. Mittelständler ab einer bestimmten Größe reagieren auf den auch durch Zölle verstärkten Trend zu mehr lokaler Produktion und entziehen sich gleichzeitig den deutschen Standortbedingungen. „Immer wieder treffen Geschäftsleitungen von Zulieferern die Entscheidung, in ausländische Werke anstatt in den deutschen Standort zu investieren. Oder die Kunden ziehen die Aufträge aus Deutschland ab. Wir bluten langsam aus“, so Dr. Martin Theuringer, Hauptgeschäftsführer Bundesverband der Deutschen Gießerei-Industrie.

„Made in Europe“ und Automotive Package als
industriepolitische Signale 

Der Vorschlag der EU-Kommission für ein „Made in Europe“ weist aus Sicht der Branche grundsätzlich in die richtige Richtung. Eine stärkere Verankerung europäischer Wertschöpfung kann dazu beitragen, die industrielle Basis zu stabilisieren und die Resilienz gegenüber externen Schocks zu erhöhen. Entscheidend ist jedoch, dass entsprechende Regelungen praxistauglich ausgestaltet werden und nicht zu zusätzlichen bürokratischen Belastungen führen. Nur dann können sie tatsächlich zu mehr Aufträgen für die europäische Zulieferbasis beitragen. Dass in der EU nur noch emissionsfreie Fahrzeuge vom Staat gefördert werden sollen, wird als gesetzgeberisches Ziel als legitim bezeichnet. Wichtig sei jedoch, die Technologieoffenheit über das Jahr 2035 hinaus zu erhalten und Verbrenner nicht zu verbieten. Die Veränderungen durch das Automotive Package der Europäischen Kommission weisen aus Sicht der Branche den richtigen Weg hin zu einem technologischen Wettbewerb um die besten Antriebsformen.

Was die EU-Altautoverordnung für Zulieferer bedeutet 

Die für den Sommer erwartete Einführung der EU-Altautoverordnung (ELVR) wird die Verwertungsquoten insbesondere in den Materialklassen Glas-, Elektronik- und Kunststoffbauteile erhöhen. Die Rücknahmeverpflichtungen und Recyclingquoten erfordern Investitionen in neue Bauteile, die leicht demontierbar, recyclingfähig und rezyklatgeeignet sind. Hersteller von Zulieferteilen aus Kunststoff dürfen die ab dem Jahr 2032 geforderte Rezyklatquote von 15 Prozent nur durch Post-Consumer-Abfälle erfüllen, die absehbar nicht in ausreichenden Mengen vorhanden sein werden. Denn auch andere Produktbereiche wie Verpackung, Bau und Elektro greifen auf diesen begrenzten Rezyklatstrom zu. Die qualitativ wichtige Quelle der Produktionsabfälle aus der Teileherstellung wird zugleich ausgeschlossen.

Wettbewerbsfähigkeit der Sekundärmaterialien muss gewährleistet sein

Außerdem besteht bislang kein tragfähiger Markt, der eine wirtschaftliche Demontage der Kunststoffbauteile und deren anschließende Verwertung beziehungsweise Vermarktung zulässt. Bereits heute zeigt sich eine Abnahme von Kunststoff-Recycling-Betrieben, auch weil Kunststoff-Originalware kostengünstiger verfügbar ist. „Der politisch gewollte Kreislauf ist aus der Idee des Ressourcenschutzes heraus zu unterstützen, jedoch muss die Wettbewerbsfähigkeit der Sekundärmaterialien gewährleistet und deren Herstellung wirtschaftlich sein“, fordert Michael Weigelt, Geschäftsführer Tecpart, und ergänzt: „Bei der Umsetzung der Altautoverordnung muss auf schlanke, bürokratiearme Prozesse und Entlastung der Recyclingbetriebe bei den Energiekosten geachtet werden, denn nur wirtschaftlich rentable Rezyklate werden den Eingang über die Kunststoffverarbeiter in europäische Fahrzeuge finden und die erhoffte internationale Wettbewerbsfähigkeit der Fahrzeuge ermöglichen.“

Quelle: Argez

FAQ zur deutschen Zulieferindustrie

1. Warum steckt die deutsche Zulieferindustrie in der Strukturkrise?

Die deutsche Zulieferindustrie leidet unter schwacher Nachfrage, hohen Arbeits- und Energiekosten, volatilem Auftragseingang sowie wachsendem internationalem Wettbewerbsdruck.

2. Wie entwickelte sich die deutsche Zulieferindustrie 2025?

Die deutsche Zulieferindustrie verzeichnete 2025 einen Umsatzrückgang von 1,1 Prozent, ein Produktionsminus von 1,0 Prozent und einen Beschäftigungsrückgang von 3,4 Prozent.

3. Welche Rolle spielen die Energiepreise für die deutsche Zulieferindustrie?

Für die deutsche Zulieferindustrie bleiben Energiepreise ein erheblicher Standortnachteil, da Entlastungen bei Strom und Gas aus Sicht der Branche nicht ausreichen.

4. Was fordert die deutsche Zulieferindustrie von der Politik?

Die deutsche Zulieferindustrie fordert unter anderem niedrigere Arbeitskosten, Reformen bei den Sozialversicherungen, Investitionsanreize, wettbewerbsfähige Energiepreise und bürokratiearme Regulierung.

5. Welche Auswirkungen haben ELVR und Rezyklatquoten auf die deutsche Zulieferindustrie? 

Die Vorgaben erhöhen für die deutsche Zulieferindustrie den Investitionsdruck bei recyclingfähigen Bauteilen, während zugleich Engpässe bei Post-Consumer-Rezyklaten drohen.

6. Wie beeinflusst der Importdruck die deutsche Zulieferindustrie?

Der steigende Importdruck verschärft den Wettbewerbsdruck auf die deutsche Zulieferindustrie zusätzlich, insbesondere bei Waren aus Eisen und Stahl sowie bei Automobilteilen.

7. Welche Folgen hat die Strukturkrise für die deutsche Zulieferindustrie?

Die Strukturkrise führt in der deutschen Zulieferindustrie zu sinkender Produktion, rückläufiger Beschäftigung, Investitionszurückhaltung und Produktionsverlagerungen ins Ausland.