Management-Prioritäten

Künstliche Intelligenz: Warum Strategie jetzt ins Hintertreffen gerät

Künstliche Intelligenz entwickelt sich zur wichtigsten Managementpriorität großer Unternehmen in Europa. Laut einer aktuellen Horváth-Studie rücken Effizienz und Digitalisierung in den Mittelpunkt, während strategische Zukunftsthemen an Bedeutung verlieren.

Warum wird Künstliche Intelligenz zur wichtigsten Managementpriorität? Eine Horváth-Studie zeigt den Wandel in der Industrie.

Summary: Mehr als 1.000 Topführungskräfte aus 32 Ländern sehen Künstliche Intelligenz als wichtigsten Hebel für Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit. Industrieunternehmen setzen weiterhin stark auf Kostenoptimierung, investieren aber zunehmend in KI. Gleichzeitig warnt die Studie davor, Innovationen und die Weiterentwicklung von Geschäftsmodellen zu vernachlässigen.

Warum verändert Künstliche Intelligenz die Managementprioritäten?

Künstliche Intelligenz hat sich laut der aktuellen Horváth-Studie zur wichtigsten Managementpriorität großer europäischer Unternehmen entwickelt. Digitalisierung liegt inzwischen vor klassischen Themen wie Kostenoptimierung und deutlich vor dem Fachkräftemangel, dessen Bedeutung spürbar zurückgeht. Wie aus der Studie hervorgeht, sehen Unternehmen ihre Wettbewerbsfähigkeit zunehmend durch Produktivität, Technologieeinsatz und strukturelle Effizienz bestimmt.

Gleichzeitig verändert sich die Wachstumsstrategie vieler Unternehmen. Zwar erwarten zahlreiche Befragte weiterhin steigende Umsätze, zusätzliche Kapazitäten oder umfangreiche Neueinstellungen stehen jedoch deutlich seltener im Fokus. Wachstum soll vor allem durch Automatisierung, Produktivitätssteigerungen und den gezielten Einsatz neuer Technologien erreicht werden.

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„Gerade der Dienstleistungssektor treibt diesen Shift über die letzten Jahre konsequent voran. Er ist vom demografischen Wandel besonders betroffen, die weitere Digitalisierung von Prozessen ist für ihn alternativlos“, sagt Heiko Fink, Vorstand und Studienleiter der Managementberatung Horváth.

Welche Unterschiede gibt es in der Industrie?

Bei produzierenden Unternehmen bleibt die Kostenoptimierung die wichtigste Managementaufgabe und liegt knapp vor der Digitalisierung. Der Fachkräftemangel ist dagegen vom sechsten auf den achten Platz der Prioritäten gerutscht.

„Spätestens mit Verabschiedung aktueller KI-Implementierungspläne sehen produzierende Unternehmen in fehlendem Personal kein Problem mehr. Hier ist nicht das Problem, dass nicht ausreichend Fachkräfte verfügbar sind – sondern, dass sie regional, gerade im deutschen Raum, zu teuer sind“, erklärt Heiko Fink.

Ein zentraler Hebel ist nach Angaben der Studie der Abbau von SG&A-Strukturen. Unternehmen verschlanken Headquarter-Funktionen, reduzieren das Mittelmanagement und organisieren administrative Bereiche neu. Gleichzeitig gewinnt das Prinzip „Local for Local“ an Bedeutung. Produktion, Forschung und weitere Unternehmensfunktionen werden verstärkt näher an wichtigen Absatzmärkten angesiedelt.

„Der Trend zu Shared-Service-Strukturen wird konsequent weiterverfolgt, Backoffice-Funktionen systematisch in Low-Cost-Regionen verlagert. Die Bedeutung der Firmenzentrale in der neuen Local-for-Local-Produktionswelt wird in den Unternehmen neu verhandelt und definiert. Die Supply Chain wird neu interpretiert – nicht mehr primär als physische Lieferkette, sondern als globale Organisation von Leistungs- und Prozessstrukturen. Unternehmen gestalten ihre Operating Models entsprechend neu und verlagern Funktionen, um näher an den Märkten zu sein und vor Ort in Technologie und Produktionsgeschwindigkeit aufzuholen, beispielsweise in China, Stichwort Robotics und Dark Factory“, sagt Fink.

Wo investieren Unternehmen in Künstliche Intelligenz?

Die Studie zeigt steigende KI-Investitionen in 14 der 16 untersuchten Branchen. Besonders stark erhöhen Banken, Finanzdienstleister und Professional-Service-Unternehmen ihre Budgets. Im Industriesektor investieren vor allem die Automobilindustrie und die Bauwirtschaft stärker in KI, allerdings weiterhin mit geringeren Umsatzanteilen als Dienstleistungsunternehmen.

Viele Industrieunternehmen befinden sich laut Studie noch in einer mittleren Reifephase der KI-Einführung. Anwendungen werden bereits pilotiert und in einzelnen Bereichen eingesetzt, eine vollständige Integration in End-to-End-Prozesse oder das Operating Model ist jedoch häufig noch nicht erreicht.

Unternehmen rechnen dennoch mit Produktivitätssteigerungen von 10 bis 15 %, insbesondere in Overhead-Funktionen, Vertrieb und operativen Prozessen. Als größte Herausforderungen gelten Datenqualität, Datenverfügbarkeit, die Integration in bestehende Prozesse sowie fehlende Kompetenzen in den Organisationen.

Welche Risiken sieht die Studie?

Trotz der hohen Erwartungen warnt Horváth vor einem vorschnellen Personalabbau.

„Gerade produzierende Unternehmen müssen darauf achten, nicht in die ‚AI-Layoff-Trap‘ zu geraten. Unternehmen nutzen AI als Begründung für schnellen Personalabbau, um kurzfristig Kosten zu senken und Effizienzpotenziale zu realisieren. Doch im Vergleich zu Dienstleistern hat die Industrie bislang vergleichsweise wenig in AI investiert. Dabei liegt gerade in ihrer Anwendung in der Produktion, also in Industrial AI, das größte Wachstumspotenzial“, sagt Fink.

Die Studie weist zudem darauf hin, dass organisatorische Effizienzprogramme vielfach Vorrang vor der Weiterentwicklung von Geschäftsmodellen und Produktportfolios erhalten.

„Es gilt, den gesamten Wertschöpfungs-Footprint zu optimieren, eigene Technologien wettbewerbsfähig weiterzuentwickeln und den Platz im Wettbewerbsumfeld neu zu definieren“, so Fink.

Im Ranking der Managementprioritäten liegt die Neuausrichtung von Geschäftsmodellen lediglich auf Platz zehn. Innovation und Forschung erreichen Rang sechs, während Nachhaltigkeit erneut an Bedeutung verliert.

Wie verändern sich Investitionen und Standorte?

Nach Angaben der Studie orientieren Unternehmen ihre Investitionsentscheidungen zunehmend an Kostenstrukturen, geopolitischen Risiken und Wachstumsperspektiven. Entsprechend gewinnen Nordamerika, Indien und China an Bedeutung, während Deutschland sowie West- und Südeuropa unter Wettbewerbsdruck stehen.

„Wir beobachten derzeit keine klassische Deindustrialisierung, sondern eine strategische Neuverteilung von Wertschöpfung. Unternehmen folgen den Märkten, den Kostenstrukturen und den Wachstumsperspektiven. Wer diese Entwicklung als bloße Standortverlagerung interpretiert, greift zu kurz“, sagt Heiko Fink. „Umso wichtiger ist es, die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands konsequent und mit einem realistischen Blick auf die globalen Rahmenbedingungen neu zu denken. Gleichzeitig dürfen Unternehmen bei aller Effizienzorientierung die gezielte Weiterentwicklung ihrer Geschäftsmodelle und Angebote nicht aus den Augen verlieren.“

Die Ergebnisse stammen aus der 7. jährlichen „Horváth CxO Priorities Study“. Dafür wurden mehr als 1.000 Vorstands- und Geschäftsführungsmitglieder großer Unternehmen aus 16 Branchen und 32 Ländern befragt, wie aus der Mitteilung hervorgeht. 83 % der untersuchten Unternehmen erzielen einen Jahresumsatz von mehr als 100 Millionen EUR.

mit Material von Horváth

Im Blickpunkt: Künstliche Intelligenz

• Warum ist Künstliche Intelligenz die wichtigste Managementpriorität? – Unternehmen erwarten durch KI höhere Produktivität, mehr Effizienz und eine stärkere Wettbewerbsfähigkeit.

• Welche Rolle spielt Künstliche Intelligenz in der Industrie? – Industrieunternehmen investieren zunehmend in KI, konzentrieren sich aktuell jedoch weiterhin stark auf Kostenoptimierung.

• Welche Risiken nennt die Studie bei Künstlicher Intelligenz? – Horváth warnt vor der sogenannten „AI-Layoff-Trap“, wenn Personal schneller abgebaut wird als KI-Anwendungen produktiv eingeführt werden.

• Warum geraten Innovationen trotz Künstlicher Intelligenz in den Hintergrund? – Laut Studie stehen Effizienzprogramme und organisatorische Anpassungen derzeit stärker im Fokus als die Weiterentwicklung von Geschäftsmodellen und Produktportfolios.

• Worauf basiert die Horváth-Studie zu Künstlicher Intelligenz? – Befragt wurden mehr als 1.000 Vorstands- und Geschäftsführungsmitglieder großer Unternehmen aus 16 Branchen und 32 Ländern.