Ein Mann steht vor vielen Bildschirmen

Viele Unternehmen haben ihre Messestände in den virtuellen Raum verlagert. - Bild: metamorworks

| von Anja Ringel

Hannover Messe, Logimat, Automatica,… Die Liste der Messen, die dieses Jahr ausgefallen sind, ist lang (einen Überblick finden Sie hier). Ein Problem, nicht nur für die Veranstalter, sondern auch für die Aussteller. Denn normalerweise werden auf Messen stolz die neuesten Produkte und Innovationen präsentiert.

Was also tun? Viele Unternehmen – aber auch Institute – haben ihre Messe-Ausstellungsflächen in den virtuellen Raum verlegt um so einen Ersatz zu schaffen.

Eine Möglichkeit ist dabei, – wie Igus – Realität und eine virtuelle Welt zu verknüpfen. Das Kölner Unternehmen hat einen 400 Quadratmeter großen realen Stand aufgebaut, der im Internet ‚begehbar‘ war und multimedial informieren sollte. Auch persönliche Führungen mit einem Berater sowie Einzel- und Gruppengespräche waren möglich. „Als eine Messe nach der anderen abgesagt wurde, war uns schnell klar: Dann machen wir unsere eigene Messe und teilen sie von Köln aus mit der Welt“, erklärt Geschäftsführer Frank Blase.

Besucher können virtuell durch den Raum laufen. An den Stationen gibt es dann zum Beispiel Filme oder Texte über die entsprechenden Produkte. Bei einem persönlichen Gespräch führt ein Experte via Tablet über den Messestand, kann direkt auf die ausgestellten Produkte zurückgreifen und ihren Einsatz an Messemaschinen demonstrieren. Seit Anfang Mai haben nach Aussage des Unternehmens mehr als 18.000 Besucher den virtuellen Messestand von Igus besucht.

Ein virtueller Rundgang über den Igus Messestand: 150 Displays und 40 Videos informieren den Besucher über die Neuheiten.
Ein virtueller Rundgang über den Igus Messestand: 150 Displays und 40 Videos informieren den Besucher über die Neuheiten. Bild: Igus GmbH

Messen werden auch virtuell

Auch Trumpf wäre momentan eigentlich auf einer Messe vertreten – und zwar auf der Euroblech. Als Ersatz präsentiert das Ditzinger Unternehmen seine Neuheiten jetzt auf dem Euroblech Digital Innovation Summit 2020. Außerdem werden auf der eigenen Website neue Produkte und Anwendungslösungen digital gezeigt.

Statt eines Messebesuchs können Blechfertiger außerdem zum Trumpf-Stammsitz nach Ditzingen kommen. „Wir zeigen anhand unserer eigenen neuen Fertigung, wie sich Bauteile aus Blech in jeder Form und Größe um bis zu 30 Prozent effizienter produzieren lassen. Wir fertigen dort schneller und sparsamer, indem wir den kompletten Prozess vernetzt haben – von der Auftragsannahme bis zum fertigen Teil. Dieses Wissen wollen wir auch an unsere Kunden weitergeben“, sagt Reinhold Groß, Geschäftsführer Vertrieb und Services für den Geschäftsbereich Werkzeugmaschinen.

Mit Boschert präsentiert ein weiterer Blechbearbeiter sein Portfolio digital. Dafür hat das Unternehmen einen virtuellen Messestand konzipiert. Der Vorteil laut Unternehmen: Der Messestand sei rund um die Uhr geöffnet und biete Platz für das gesamte Sortiment.  Klickt der Nutzer auf eine der Maschinen oder wählt sie über das Drop-Down-Menü aus, erfährt er alles Wissenswerte darüber.

In einem Video stellt ein Boschert-Mitarbeiter dann die Maschine und ihre Vorzüge vor und demonstriert ihre Anwendung. Über den Anfrage-Button unter jedem Video können die Besucher auch direkt mit dem Experten zur jeweiligen Maschine in Kontakt treten.

Der virtuelle Messestand von Boschert
Auf dem virtuellen Messestand von Boschert erfahren die Besucher alles über das Portfolio des Blechbearbeitungsspezialisten und können mit den Experten in Kontakt treten. Bild: Boschert GmbH & Co. KG

Live-Chats als Ersatz für das persönliche Gespräch

Die Grob-Werke haben Anfang Oktober ihre technischen Innovationen statt traditionell mit einer Hausmesse mit einem Virtual Open House präsentiert. Auch hier hat das Unternehmen einen virtuellen Rundgang angeboten, um mehr über die Maschinen zu erfahren. Es gab aber auch einen „Blick hinter die Kulissen“ und – als Ersatz für die persönlichen Gespräche – einen Live-Chat mit Experten. Grob erweitere sein virtuelles Angebot außerdem mit Fachvorträgen on demand und einem virtuellen Showroom analog zum bestehenden Technologie- und Anwendungszentrum. 

 „Es ist das erste Mal, dass wir statt unserer traditionellen Hausmesse ein Virtual Open House veranstalten“, erklärt Christian Müller, Geschäftsführer Vertrieb. „Die Plattform bietet uns eine gute Möglichkeit, eine Vielzahl an Neuheiten zu zeigen. Dies ist auch für uns in gewisser Weise Neuland.“

Nicht nur Unternehmen, auch Verbände und Institutionen wagen den Weg in den virtuellen Raum. Nächste Woche starten zum Beispiel die digitalen Fraunhofer Solution Days zu den Themen Gesundheit, digitale Wirtschaft, Anlagen- und Maschinenbau sowie Mobilität. Dabei sollen die aktuellen Forschungs-Highlights und Technologien vorgestellt werden. Anders als bei den Unternehmensmessen gibt es jedoch keine Gesamtschau oder Ausstellungsstücke, erklärt das Institut.

Dafür gibt es täglich ein Leitthema und ein dazu passendes Programm mit Vorträgen und Themen-Sessions.  Was es schon gibt, sind digitale Stände, an denen Fraunhofer-Experten kontaktiert werden können.

Kann eine virtuelle Messe eine echte ersetzen?

Ebenfalls digital finden dieses Jahr Kongresse statt – zum Beispiel der Deutsche Logistik-Kongress der Bundesvereinigung Logistik (BVL). Der Großteil der Inhalte des Kongresses werde als rein digitales Format angeboten, weitere Teile werden als Webinare folgen, erklärte die BVL. Komplett abgesagt wurden dagegen die Ausstellung und die Networking-Events. „Mit der bisher geplanten Mischung aus analogem und digitalem Kongressformat wollten wir ein Zeichen des Mutes und der Zuversicht setzen und den Entscheidern im Wirtschaftsbereich Logistik in diesem schwierigen Jahr eine Plattform für den persönlichen Austausch bieten“, erklärte Prof. Thomas Wimmer, der Vorsitzende des Vorstands der BVL.

Und wie kommen die virtuellen Messen bei den Kunden an? Die digitale Messe von Igus sei in der gegenwärtigen Situation eine interessante Alternative zu einem realen Messestand, sagt Uwe Kinze, Entwicklungsleiter beim Velberter Beschlaghersteller Haps, einer Mitteilung zufolge.

Dennoch ersetze das mittelfristig nicht den klassischen Messeauftritt. „Ich habe gerne das Haptische an einem Stand, möchte die Produkte in die Hand nehmen und mir die Produktdetails genau ansehen“, sagt er. Auch dafür hat Igus eine Lösung gefunden und dem Kunden nach dem Termin die entsprechenden Muster zugeschickt. Zusätzlich geht Igus mit seiner Messe auf Tour und besucht die Kunden vor Ort.