Auf einer Straße stehen Autos hintereinander aufgereiht.

Autos sind momentan Ladenhüter: Die Nachfrage ist stark gesunken. - Bild: Adobe Stock/debramillet

| von Anja Ringel

Automobilhändler aber auch Autobauer und Zulieferer stehen aufgrund der Coronakrise momentan vor großen Problemen. Lieferketten brechen ein, die Nachfrage sinkt massiv. Vor allem der Stillstand des öffentlichen Lebens macht Autoverkäufe momentan schwer, kritisiert der Verband der Automobilindustrie (VDA) in einer gemeinsamen Erklärung mit dem Verband der Internationalen Kraftfahrzeugherstellern (VDIK) und dem Zentralverband Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe (ZDK).

Zum einen sind die Verkaufsstellen momentan geschlossen. Das versuchen die Händler durch telefonische oder digitale Angebote aufzufangen. Ein viel größeres Problem: Die Kfz-Zulassungsbehörden haben zum Teil die Arbeit eingestellt. Das heißt laut den Verbänden, dass viele Autohändler bestellte und zur Auslieferung bereite Fahrzeuge aufgrund der behördlichen Vorgaben nicht an die Kunden übergeben können.

„Kunden übernehmen und bezahlen diese Autos allerdings nur, wenn diese zugelassen werden können beziehungsweise zugelassen sind“, schreiben die Verbände in ihrer Erklärung. VDA, VDIK und ZDK fordern deshalb unbürokratische Lösungen, damit Händler weiter Autos zulassen können.

Die Zahl der Neuzulassungen ist laut VDA im März um 38 Prozent auf 215.100 Fahrzeuge gesunken. Das sei der höchste Rückgang in einem Monat seit Wiedervereinigung, so der Verband.

Automobilbranche: Düstere Prognose für 2020

Das Center of Automotive Management (CAM) rechnet in seinem neuesten Report weltweit mit einem Rückgang um 17 Prozent für den Automobilmarkt. Die Nachfrage werde um 15 Millionen Autos auf 68 Millionen sinken, erklären die Experten. In Europa rechnet das CAM mit einem Minus von 21 Prozent, in den USA von 17 Prozent und in China von zehn Prozent.

In ihrem Szenario geht das CAM um Studienleiter Professor Dr. Stefan Bratzel davon aus, dass die Einschränkungen des öffentlichen Lebens nur sechs bis acht Wochen dauern werden. Zudem soll die Nachfrage durch unterschiedliche staatliche Programme angeregt werden. Sollten zum Beispiel die Beschränkungen länger dauern, geht das CAM von einem deutlich höheren Nachfragerückgang aus.

„Insgesamt stellt die Coronakrise die Automobilwirtschaft in Deutschland vor die in ihrer Geschichte bislang größten Herausforderungen“, sagt Studienleiter Bratzel. „Auf der Angebots- beziehungsweise Produktionsseite wird es angesichts der dramatischen Liquiditätsengpässe vor allem darauf ankommen, die systemrelevanten Akteure zur Zukunftssicherung der Automobilbranche zu schützen.“ Dazu zählen Bratzel zufolge unter anderem Automobilhersteller, aber auch die Zulieferer und Handelsunternehmen.

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Coronakrise: Nachfrage wird zum größten Problem

Um eine Wiederherstellung und Stabilisierung der automobilen Wertschöpfungskette zu erreichen, ist es laut Bratzel wichtig, die Nachfrage durch „starke Anreize“ wieder zu steigern. Denn momentan herrsche aufgrund der Krise eine große Unsicherheit, weshalb sich Kunden auch mit Autokäufen zurückhalten.

Nachfrage ist auch für Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer von der Universität St. Gallen das größte Problem. Liquiditätshilfen und Kurzarbeit lösen den Nachfrage-Einbruch nicht, schreibt er in seiner aktuellsten Veröffentlichung.

Kurzarbeit und staatliche Hilfen können laut Dudenhöffer nur eine kurzfristige Brücke sein. Er schlägt deshalb vor, die Mehrwertsteuer für hochwertige Konsumgüter ab 20.000 Euro für neun Monate auszusetzen. Dadurch sollen wichtige Nachfrage-Impulse für den privaten Konsum gesetzt werden.

Um Nachfrage anzukurbeln brauchen Unternehmen neue Strategien

Der Autoexperte nimmt aber auch die Wirtschaft in die Pflicht: „Dazu braucht es von den Unternehmen Instrumente, die das längerfristige Besitz-Risiko den Kunden aus den Händen nehmen. Leasing-Programme mit außerordentlichen Kündigungsrecht – etwa bei Jobverlust – nehmen dieses Risiko den Kunden ab“, erklärt er.

Für die Autobranche heißt das: „Die Autobauer müssen beweglicher werden, müssen schneller werden und mit preisgünstigen Car-Abos den Karren zum eigenen Teil wieder aus dem Dreck ziehen. Die Aussetzung der Mehrwertsteuer gibt dabei Schub“, sagt Dudenhöffer. Durch den Verzicht auf die Mehrwertsteuer müssten zudem keine Finanzkredite aufgenommen werden. Zwar werden Steuereinnahmen reduziert, jedoch nur dann, „wenn gleichzeitig konsumschaffend Ausgaben getätigt werden“, so der Experte.

So hoch sind die Corona-Staatshilfen für die Autoindustrie

Denn Dudenhöffer hat auch errechnet, dass allein die Autobranche gut sechs Milliarden Euro monatlich an Staatshilfen braucht. Dudenhöffer geht dabei davon aus, dass mehr als 700.000 Beschäftigte der Autoindustrie Kurzarbeitergeld beziehen werden. Das kostet dem Staat vier Milliarden Euro pro Monat.

Dazu kommen Liquiditätshilfen, um Fixkosten weiter bezahlen zu können. Pro Monat hat die deutsche Autoindustrie einen Inlandsumsatz von rund 12,5 Milliarden Euro. „Nach sehr konservativer Schätzung braucht man zehn Prozent, um Fixkosten abzudecken. Das wären dann Liquiditätshilfen von mehr als 1,25 Milliarden Euro pro Monat, nur um die Schäden beim Inlandsabsatz abzudecken“, sagt Dudenhöffer. Dazu würden dann monatlich 0,7 Milliarden Euro kommen, um den Auslandsumsatz abzudecken.

Das CAM rechnet im Übrigen damit, dass es in Europa auch im April einen hohen Nachfragerückgang geben wird. Denn: In China haben die Neuzulassungen im Februar um 80 Prozent und in der ersten Märzhälfte um 50 zurückgegangen. In der EU sei mit vier- bis sechswöchiger Verschiebung mit ähnlichen Auswirkungen zu rechnen, so das CAM.