Physische KI und Robotik

Physische KI: Vier Trends, die 2026 die Robotik prägen

2026 markiert den Beginn einer neuen Ära in der Robotik: KI-Systeme werden vorausdenken, miteinander lernen, aufgabenoptimiert arbeiten – und Daten als Schlüsselressource nutzen.

Veröffentlicht
Welche Trends wird es 2026 beim Thema physische KI geben?
Welche Trends wird es 2026 beim Thema physische KI geben?

Die Robotikbranche entwickelt sich schneller denn je. Wohin die Reise geht, ist bereits gut erkennbar. Aus meiner Perspektive zeichnen sich vier zentrale Trends ab, die ab 2026 grundlegend verändern werden, wie Roboter Wert schaffen: prädiktive mathematische Verfahren, kooperative Roboterteams, aufgabenspezifische KI-Lösungen und eine neue, datengetriebene Wertschöpfung.

1. Prädiktive Mathematik – eine stille Revolution

Der nächste große Fortschritt in der Robotik wird nicht aus der Hardware kommen, sondern aus der Mathematik. Heute reagieren Roboter auf Eingaben und passen sich in Echtzeit an. Morgen werden sie vorausdenken. Neue mathematische Methoden wie Dualzahlen und sogenannte Jets – Modelle zur gleichzeitigen Beschreibung von Bewegungen und deren Ableitungen – verändern derzeit leise, aber grundlegend unser Verständnis davon, wie Veränderung mathematisch erfasst wird. Sie ermöglichen es Systemen, nicht nur zu berechnen, was bei einer Roboterbewegung geschieht, sondern auch, wie sich diese Bewegung auf Dynamik, Kräfte und Folgezustände im Gesamtsystem auswirkt. Das führt zu schnellerer Optimierung, umfangreicherer Szenarienplanung und zu einer adaptiven Steuerung, die nahezu intuitiv wirkt.

Denkbar sind Roboter, die die Auswirkungen einer Bahnkorrektur berechnen, bevor sie diese ausführen – oder innerhalb von Millisekunden mehrere „Was-wäre-wenn“-Szenarien simulieren. Das ist keine Science-Fiction, sondern eine konsequente Weiterentwicklung moderner Ableitungs- und Prognoseverfahren. Prädiktive Intelligenz wird aus meiner Sicht die nächste Generation der Automatisierung definieren. Die Frage ist nicht, ob dieser Wandel kommt – sondern wann und wer ihn anführt.

2. Vom Standalone zur Linie: „Vernetzte Cobots"

Imitationslernen – also das Lernen durch Beobachtung menschlicher oder robotischer Vorbilder – wird zu einer Schlüsselkompetenz der nächsten Automatisierungswelle. Heute arbeiten die meisten Roboter als Einzelinstanzen, gesteuert durch zentrale Flottensysteme oder starre Programme. Künftig werden sie voneinander und vom Menschen lernen, teils geführt, teils autonom, und sich zu adaptiven Teams zusammenschließen, die Erfahrungen, Bewegungsmuster und Strategien in Echtzeit teilen.

Diese Entwicklung baut auf Forschungsansätzen auf, bei denen Roboter nicht nur einer vorgegebenen Trajektorie folgen, sondern Aktionen beobachten, imitieren und gemeinsam verfeinern. So entsteht dynamische Koordination ohne starre Skripte. Zwar haben industrielle Robotikanbieter mit Flottenmanagement und synchronisierten Mehrarm-Systemen bereits wichtige Grundlagen geschaffen, doch echtes Peer-to-Peer-Lernen und Selbstorganisation stehen noch am Anfang. 

Kommen Sie zur Industrial Metaverse Conference!

Die Industrial Metaverse Conference erkundet die neuesten Entwicklungen und Innovationen an der Schnittstelle von Industrie und virtuellen Welten. 

Die Konferenz bringt führende Experten, Technologen und Geschäftsstrategen zusammen, um Einblicke in die Verwendung von Metaverse-Technologien in der Fertigung, Automatisierung und digitalen Transformation zu teilen.

Weitere Informationen gibt es hier: Zur Industrial Metaverse Conference.

Dennoch bin ich überzeugt, dass wir 2026 erste reale Anwendungen sehen werden, die auf imitationsgelernten Modellen physischer KI basieren, bei denen Wahrnehmung, Bewegung und Entscheidungsfindung eng miteinander verzahnt sind.

Die Vorteile liegen auf der Hand:

  • Schnellere Konfiguration und Rekonfiguration von Prozessen durch Lernen aus Demonstrationen statt klassischer Programmierung
  • Höhere Robustheit bei unerwarteten Veränderungen, etwa bei variierenden Bauteilen, Toleranzen oder Prozessabläufen
  • Natürlichere Mensch-Roboter-Zusammenarbeit, bei der Roboter menschliche Absichten oder den Takt eines führenden Roboters interpretieren und adaptiv folgen

Mit der Weiterentwicklung von Sicherheitsstandards, Inter-Roboter-Kommunikation und Orchestrierungstools wird diese Form der Zusammenarbeit industriell skalierbar. Damit entwickeln sich Roboter von isolierten Einheiten zu kooperativen, kontinuierlich lernenden Teams.

3. Zweckgebundene KI statt Allzwecklösungen

Anstelle generischer KI-Plattformen werden Hersteller zunehmend auf aufgabenspezifische KI-Anwendungen setzen – also Lösungen, die gezielt für einzelne Prozesse wie Schweißen, Schleifen, Inspektion oder Montage entwickelt wurden. KI-Schweißen, KI-Finishing, KI-Montage und KI-Inspektion werden zu Standardbestandteilen neuer Roboterzellen. Damit hält Automatisierung Einzug in Prozesse, die bislang als zu variabel oder zu komplex galten.Diese vertikalen Anwendungen sind vortrainiert, vorintegriert und von Beginn an produktiv einsetzbar. 

Ein Vorzeigebeispiel ist das Schweißen, wo KI-gestützte Nahtverfolgung mittels Bildverarbeitung und maschinellem Lernen zur automatischen Parameteroptimierung bereits heute Qualität, Stabilität und Reproduzierbarkeit verbessert.Die nächste Grenze liegt bei komplexen, feinmotorischen Aufgaben wie Montage, Verschraubung und anspruchsvollem Handling – Bereiche, die traditionell schwer zu automatisieren waren. In industriellen Anwendungen wird KI es Robotern ermöglichen, besser mit Bauteil- und Prozessvariabilität umzugehen.

In Dienstleistungsbranchen kommen ähnliche Ansätze zunehmend bei Verpackung, Sortierung oder beim sensiblen Materialhandling zum Einsatz.Auch in der Logistik sind in den vergangenen Jahren erhebliche Fortschritte zu beobachten: KI-gestützte Robotersysteme übernehmen Pick-, Stau- und Touch-Prozesse inzwischen effizient und skalierbar.

Für 2026 ist zu erwarten, dass sich Investitionen zunehmend vom Logistiksektor in Richtung Einzelhandel verlagern – ein nächster Schritt, um robotische Automatisierung näher an den Alltag heranzuführen.

4. Datenaustauschplattformen werden wichtiger

Der nächste große Wandel betrifft nicht nur Bewegung oder Intelligenz von Robotern, sondern die Art und Weise, wie ihre Daten wirtschaftlichen und technologischen Wert schaffen. Heute verbleiben die meisten der umfangreichen Daten – Sensordaten, Bildinformationen oder Kraftprofile – direkt vor Ort beim Kunden. Das ist ideal für Datenschutz und Reaktionsgeschwindigkeit, schränkt jedoch den Zugang zu realen Trainingsdaten für KI-Entwickler deutlich ein.

Künftig werden Roboterhersteller zunehmend zu Betreibern sicherer, freiwilliger Datenaustauschplattformen auf Hersteller- oder Ökosystemebene. Mit Zustimmung der Kunden und unter strengen Datenschutzauflagen könnten anonymisierte Leistungsdaten aggregiert und als Trainingsdatensätze oder modellbasierte Dienste bereitgestellt werden. 

Denkbar sind etwa Schweißroboter, die anonymisierte Qualitätsdaten von Nähten teilen, oder Schleifroboter, die Oberflächenparameter beisteuern – als Grundlage für intelligentere KI zur automatisierten Fehlererkennung, vorausschauenden Wartung und adaptiven Prozessregelung.

Die eigentliche Chance liegt darin, rohe Telemetriedaten in strukturierte, datenschutzkonforme Erkenntnisse zu überführen, die Innovation im gesamten Ökosystem beschleunigen. Für Hersteller entstehen neue Erlösquellen sowie eine kontinuierliche Verbesserung der eigenen Systeme. Für Anwender bedeutet dies leistungsfähigere KI-Werkzeuge, trainiert unter realen Einsatzbedingungen – ohne Preisgabe sensibler Informationen.Das Ergebnis ist ein selbstverstärkender Innovationskreislauf: Jeder eingesetzte Roboter trägt dazu bei, die nächste Generation intelligenter zu machen.

Höherer Mission-ROI: Die Rendite prädiktiver Robotik im industriellen Einsatz

Die Zukunft der Robotik wird durch das Zusammenspiel fortschrittlicher Methoden, intelligenter Anwendungen und datengetriebener Strategien geprägt. Moderne mathematische Verfahren verleihen Robotern die Fähigkeit, vorauszudenken und sich dynamisch anzupassen.

Leader-Follower-Konzepte verwandeln bislang isolierte Maschinen in kooperative Teams, die Arbeitsabläufe flexibel neu konfigurieren. Vertikale KI-Anwendungen liefern sofort einsetzbare Intelligenz für spezifische Aufgaben und reduzieren Nacharbeit bei gleichzeitig höherer Qualität. Ergänzt wird dies durch eine neue Datenökonomie, in der anonymisierte Felddaten kontinuierlich bessere KI-Modelle ermöglichen.

Zusammen führen diese Entwicklungen zu einem deutlichen Sprung im Mission-ROI – also im wirtschaftlichen Nutzen pro Roboteranwendung: höhere Produktivität pro Roboterstunde, schnellere Inbetriebnahme und Umrüstung, geringere Stillstandszeiten sowie eine kontinuierliche Verbesserung auf Basis realer Einsatzdaten.

Quelle: Universal Robots; bearbeitet von Anja Ringel

FAQ: Vier Trends zur physischen KI im Jahr 2026

1. Was bedeutet prädiktive Mathematik in der Robotik und welchen Vorteil bringt sie?

Prädiktive Mathematik ermöglicht Robotern, Bewegungen nicht nur auszuführen, sondern deren Auswirkungen im Voraus zu berechnen. Methoden wie Dualzahlen und Jets erlauben die gleichzeitige Analyse von Bewegung und deren Ableitungen – etwa hinsichtlich Dynamik, Kraftverläufen und Folgezuständen. Das Ergebnis: schnellere Optimierung, vorausschauende Steuerung und adaptive Reaktionen, die nahezu intuitiv wirken.

2. Wie verändern vernetzte Cobots die industrielle Automatisierung?

Vernetzte Cobots bilden kooperative Teams, die durch Imitationslernen voneinander lernen und sich dynamisch anpassen. Anstatt starrer Programmierung ermöglichen sie die flexible Konfiguration von Prozessen durch Beobachtung und Nachahmung. Diese Form der Selbstorganisation verbessert die Zusammenarbeit mit Menschen, erhöht die Robustheit bei Abweichungen und verkürzt die Inbetriebnahmezeiten.

3. Warum setzen Unternehmen zunehmend auf aufgabenspezifische KI-Lösungen?

Statt allgemeiner KI-Plattformen dominieren 2026 vertikale Anwendungen, die speziell für Aufgaben wie Schweißen, Schleifen, Montage oder Inspektion entwickelt wurden. Diese Lösungen sind vortrainiert, sofort einsatzbereit und besonders effektiv bei komplexen, variablen Prozessen. Sie bringen Automatisierung dorthin, wo bisher manuelle Arbeit dominierte – etwa durch KI-basierte Nahtverfolgung oder intelligentes Materialhandling.

4. Wie entsteht durch Daten eine neue Form der Wertschöpfung in der Robotik?

Durch sichere, freiwillige Datenaustauschplattformen können anonymisierte Sensordaten industriell genutzt werden – etwa zur Verbesserung von KI-Modellen oder für vorausschauende Wartung. Roboter werden so Teil eines lernenden Ökosystems. Das steigert nicht nur die Systemleistung kontinuierlich, sondern erschließt neue Erlösquellen für Hersteller und erhöht den Mission-ROI für Anwender.