Das Familienunternehmen Zimmer Group expandiert weltweit, treibt Digitalisierung und Nachhaltigkeit voran und übergibt nun an die nächste Generation – eine Mittelstandssaga.
Family Affair: Die Väter formten das Familienunternehmen zum internationalen Player mit rund 1.400 Mitarbeitenden. Die Kinder gestalten die Zukunft.Zimmer Group
Diese Industriegeschichte beginnt wie viele im deutschen Mittelstand: nicht im hochmodernen Innovationspark, sondern in einer schlichten Scheune. 1980 richten Günther und Martin Zimmer in Rheinau-Freistett eine Werkstatt ein – mit Werkzeugen, Ideen und dem Willen, es besser zu machen als andere. Heute, 46 Jahre später, ist aus der einstigen Tüftlerstube eine internationale Technologiegruppe mit rund 1.400 Mitarbeitenden und 19 Niederlassungen weltweit geworden. 2026 geht es nun nicht mehr nur um Wachstum. Es geht um Verantwortung. Um Übergabe. Um die nächste Generation.
Der Generationswechsel: ein langfristig orchestrierter Prozess
Das Gründerteam 1980.Zimmer Group
In dieser badischen Werkstatt startete die Erfolgsstory.Zimmer Group
„Mein Vater und mein Onkel haben das Unternehmen vor über 45 Jahren gegründet und wir sind jetzt gerade mitten im Generationswechsel“, sagt Jonas Zimmer. Er gehört heute zur Geschäftsführung in Rheinau, verantwortet IT, große Teile der Produktion, das strategische HR und Standortfragen. Sein Bruder Vincent Zimmer führt das Nordamerika-Geschäft. Was nach klassischer Familiennachfolge klingt, ist in Wahrheit ein langfristig geplanter Prozess. „Das ist schon zehn Jahre her, da haben wir uns gemeinsam auf den Weg gemacht“, beschreibt Jonas Zimmer die Vorbereitung. Man habe bewusst externe Begleitung eingebunden – und sich Zeit genommen. Zeit, die in vielen mittelständischen Unternehmen fehlt. Zeit, die hier strategischer Faktor ist. Heute arbeiten sechs der zehn Kinder der Gründer im Unternehmen. Kein Bruch also, sondern ein schrittweiser Übergang. Kein abruptes Machtvakuum, sondern ein lernender Prozess.
Vom Komponentenbauer zur Systemkompetenz
Jonas Zimmer ist Mitglied der Geschäftsführung am Standort in Rheinau.Zimmer Group
Die Zimmer Group hat sich in den vergangenen Jahrzehnten vom Spezialisten für Linear-, Dämpfungs- und Handhabungstechnik zur breit aufgestellten Automatisierungsplattform entwickelt. Unter dem Dach der Know-how-Factory vereinen sich sechs Technologiefelder – von Handling über Linear- und Dämpfungstechnik bis hin zur Systemtechnik. Vincent Zimmer bringt es aus amerikanischer Perspektive auf den Punkt: „Zimmer baut sich Stück für Stück zum Vollsortimenter der Automatisierungstechnik aus“. Für Systemintegratoren, Maschinen- und Anlagenbauer bedeute das ein Portfolio, „was sich meiner Meinung nach wirklich sehr sehen lässt und von unseren Marktbegleitern stark abhebt,“ zeigt sich Vincent Zimmer selbstbewusst. In Rheinau entstehen rund 14.000 Standardprodukte, fast vollständig am Stammsitz gefertigt. Diese Fertigungstiefe ist in Zeiten geopolitischer Unsicherheiten und fragiler Lieferketten kein romantisches Bekenntnis zum Standort, sondern strategischer Hebel.
Moderne Produktion heißt: Daten und Dialog
Wer heute durch die Hallen in Rheinau geht, sieht mobile Robotik, autonome Transportsysteme, digital vernetzte Fertigung. „Wenn man bei uns durch die Produktionshalle geht, sieht man viel Automatisierung“, sagt Jonas Zimmer. Doch der technologische Fortschritt endet nicht an der Maschine. Entscheidender ist, was im Hintergrund geschieht: Daten werden systematisch ausgewertet, Software und KI unterstützen Planungs- und Produktionsprozesse. „Mit diesen Daten und mit unseren vernetzten Systemen sind wir heute in der Lage, Entscheidungen zu treffen, die einfach effizienter und besser sind.“ Und dennoch: „Wir werden auch noch in einigen Jahren – zum Glück – Menschen in der Produktion sehen.“ Moderne Produktion ist hier kein Entweder-oder, sondern ein Sowohl-als-auch. Shopfloor-Management, ritualisierte Kommunikation, tägliche Abstimmungen – „seit wir viel in Kommunikation setzen, erlebe ich, dass wir uns dadurch wesentlich verbessern,“ resümiert Jonas Zimmer. Für mittelständische Unternehmen liegt darin eine klare Botschaft: Digitalisierung ohne Kultur ist ein halber Schritt. Erst das Zusammenspiel schafft Resilienz.
Internationalisierung als Stabilitätsstrategie
Vincent Zimmer leitet das Nordamerika-Geschäft in North-Carolina.Zimmer Group
Während in Rheinau gefertigt wird, wächst die Präsenz weltweit. Produktionsstandorte in China und Indien, neue Niederlassungen in Europa – und vor allem: Nordamerika. Vincent Zimmer lebt seit fünf Jahren in Hickory, North Carolina und verantwortet die Märkte USA, Mexiko und Kanada. Seine Beschreibung der Dynamik ist ungewöhnlich offen: „Im Englischen würde ich sagen: Excitement. Nordamerika ist aktuell der Wachstumsmarkt für Zimmer.“ Gerade in einem global eher stagnierenden Umfeld wird Internationalisierung zur Absicherung des Gesamtsystems. „Wir können durch eine sehr gute Performance unseren Kollegen in Deutschland unter die Arme greifen.“ Internationalisierung sei kein Prestigeprojekt, sondern Stabilitätsarchitektur.
Unternehmenskultur als strategischer Faktor
Jonas Zimmer spricht bemerkenswert differenziert über Werte. „Eigentlich müssten wir unsere Mitarbeitenden fragen, welche Werte wirklich erlebbar und spürbar sind.“ Wertschätzung, Nachhaltigkeit, Innovation, Qualität und Zukunftsorientierung nennt er als Leitplanken. Sein Wunschbild: „Eine Unternehmenskultur, die Leistung und das Miteinander verbindet, offen, ehrlich, lernorientiert und fehlerfreundlich.“ Für global wachsende Organisationen reicht es dabei längst nicht, Richtlinien zu formulieren. „Viel wichtiger ist, dass man sich kennenlernt, dass man sich gegenseitig besucht und dass dann so wirklich eine Zimmerfamilie auch über den Globus entsteht.“ Das klingt nach Familienromantik – ist aber gelebte Organisationsentwicklung.
Nachhaltigkeit als Langfristlogik
„Nachhaltigkeit heißt für uns, Entscheidungen so zu treffen, dass sie auch für die nächste Generation funktionieren“ - in einem börsennotierten Konzern klingt dieser Satz nach Strategiepapier; Familienunternehmer Jonas Zimmer sieht es als Verpflichtung und liefert erste Fakten: Die Produktion in Rheinau wird mit Strom aus erneuerbaren Quellen versorgt und durch weitere Energieeffizienzmaßnahmen ergänzt. Photovoltaikanlagen liefern bis zu 2,5 Megawatt Peakleistung – zum Vergleich, genug für 700 bis 800 Haushalte. Der Zukaufstrom stammt aus erneuerbaren Energiequellen, Gebäude werden konsequent auf Wärmepumpentechnik umgestellt. Ab 2026 sollen keine neuen Verbrenner mehr in den Fuhrpark kommen, bis 2030 soll der Fuhrpark vollständig elektrifiziert sein.
2026: mehr als ein Wechsel an der Spitze
„Es wird sich viel verändern und es wird sich viel verändern müssen“, erläutert Jonas Zimmer mit Blick auf die kommenden Jahre. Die Welt habe sich verändert. Rahmenbedingungen seien andere geworden. Veränderung sei kein Luxus, sondern Notwendigkeit. Und dennoch: „Wir wollen ganz besonders die Wertschätzung füreinander und nachhaltiges Handeln bewahren.“ Für Mittelstand und OEMs liegt hier die eigentliche Perspektive: Die Zukunft der Industrie entscheidet sich nicht allein in der Frage nach mehr Automation, sondern in der Fähigkeit, Technologie, Kultur und Verantwortung zu verbinden. In der Zimmer Group nennen sie es Know-how-Factory. Aktuell bekommt dieser Begriff eine neue Dimension. Nicht, weil eine Generation geht, sondern weil eine neue bereit ist, Industrie weiterzudenken.
Die Know-How-Factory
Die Zimmer Group hat sich in über 45 Jahren vom Handwerksbetrieb zum globalen Technologieunternehmen entwickelt. Als industrieller Lösungsanbieter bündelt sie in ihrer Know-How-Factory Kompetenz in Automatisierungs- und Systemtechnik und begleitet Kunden weltweit in der digitalen Transformation.