Carl Martin Welcker wird auf dem Maschinenbau-Gipfel Salon zum Thema "Generation Z und der Maschinenbau - zwischen Mythos und Realität".

Carl Martin Welcker wird auf dem Maschinenbau-Gipfel Salon zum Thema "Generation Z und der Maschinenbau - zwischen Mythos und Realität". Der Unternehmer war bis 2020 VDMA-Präsident und ist nach wie vor in verschiedenen Funktionen im VDW aktiv. (Bild: VDW)

Wie sind Sie persönlich in den Maschinenbau-Gipfel Salon involviert, und was erwarten Sie sich davon?

Carl Martin Welcker: Wir sind traditionell als interessierter Werkzeugmaschinenhersteller, das Familienunternehmen Schütte, bei den Maschinenbau-Gipfeln präsent. Angefragt wurde ich vom VDMA, an dieser Veranstal­tung teilzunehmen und unsere Erfah­run­gen mit der sogenannten Generation Z einzu­bringen.  

Eine klare Erwartungshaltung haben sicher eher die Besucherinnen und Besucher. Die Veranstalter jedenfalls haben dieses Format  aufgesetzt, weil es in der Branche offen­bar noch ein Bedürfnis nach Hilfestellung und Klärung in dieser Frage gibt. Der Arbeitsmarkt ist derzeit angespannt. Den Industriefirmen fällt es schwer, geeignetes Personal, insbesondere auch geeignete junge Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, zu finden und für die Industrie zu begeistern.

Fachkräftemangel ist ein gutes Stichwort Die Belegschaften in den Betrieben werden immer älter, und die Babyboo­mer gehen in Rente. Gleichzei­tig hatten in den zurückliegenden Jahren immer weniger Schüle­rinnen und Schüler Interesse daran, einen technischen Ausbildungsberuf oder Stu­diengang zu ergrei­fen. Wie kann diesem Dilemma be­gegnet werden?

Welcker: Das ist aus meiner Sicht aber nur ein Teil der aktuellen Herausforderung, vor der die Industrie steht. Die Deutschen sind nicht mehr so zahlreich wie früher. Dafür ist der Zugang der jungen Generation zum Arbeitsmarkt ein ganz anderer. Wir haben heute zum Beispiel viel mehr Frauen, die ehemals kaum in den Arbeitsmarkt drängten.

Entgegen aller Unkenrufe wächst laut aktu­ellen Statistiken die in Deutschland lebende Bevölkerung sogar. Schwarzmalereien wie die Befürchtung, dass niemand mehr auf die Babyboo­mer folgen könne, sind so nicht eingetreten. In Wirklichkeit leben 83 Millionen Menschen im Land. Wir müssen nun schauen, dass wir aus diesem Re­ser­voir genügend junge Leute gewinnen können, die auch in Industrieunternehmen arbeiten wollen.

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Soziologen haben die Kategorie „Generation Z“ kreiert. Darüber geistern nun alle möglichen Urteile und Vorurteile in der Branche herum. Warum ha­ben die Jungen und der Maschinenbau noch nicht wirklich zusammengefun­den?

Welcker: Ich denke nicht, dass wir mit der Arbeitshaltung der jungen Menschen ein Problem haben, weder in puncto Motivation noch mit der Einstellung zur Arbeit. Ja, die Dis­ziplin wird heute anders gelebt als früher, aber auch das ist nicht das dring­lichste Thema. An erster Stelle steht aus meiner Sicht die Ausbildungs- und Bildungs­frage. Wir führen zu we­nige junge Menschen an die Mint-Berufe heran. Das geht schon in den Grund­schulen los und setzt sich dann in den weiterführenden Schulen fort. Naturwissen­schaftliche Fächer wie Mathe, Physik, Che­mie usw. stehen bei der jüngeren Genera­tion nicht mehr sonderlich hoch im Kurs.

Und an den Universitäten sehen wir heute einerseits einen fast schon unheimlichen „Run“ auf Fächer wie So­zial­wissenschaften und Psychologie und auf der anderen Seite ein stetiges Ab­schmel­zen der Studierendenzahlen in den technischen Fächern. Das führt am Ende dazu, dass wir die Fach­kräfte, die wir dringend brauchen, nicht mehr in ausreichender Anzahl finden. Darin, und nicht in der Einstellung der jungen Menschen zur Arbeit, besteht in puncto Fachkräftenach­wuchs aus meiner Sicht eindeutig das größere Di­lemma für die Industrie.

maschinenbau-Gipfel Salon
(Bild: mi-connect)

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Der nächste Maschinenbau-Gipfel Salon findet am 23. April auf der Hannover Messe in Präsenz oder digital in unserer Community-App statt. Das Thema: "Generation Z und der Maschinenbau - zwischen Mythos und Realität"

 

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Sie können also die vielen Vorwürfe und Klagen gegenüber der jün­geren Generation aus Schütte-Sicht nicht bestätigen?

Welcker: Das Phänomen Generation Z besteht nicht darin, dass die Jungen alle nur möglichst Ferien und Homeoffice machen wollen. Mit Zeiterscheinungen wie dem Wunsch nach mobilem Arbeiten muss man umgehen. Wie bereits ausgeführt, ist das nicht das Grundproblem unseres aktuellen Facharbeitermangels.

Ich zum Beispiel komme aus der Flower-Power-Zeit; andere, heute ebenfalls gestan­dene Leute stammen aus der Hausbesetzer-Zeit usw. Aus  der damaligen Sicht einiger Soziolo­gen oder Personaler waren diese jungen Menschen völlig un­brauchbar. Ich halte von solchen Kategorien und Verallgemeinerungen relativ wenig.

Auf der anderen Seite ist es nicht falsch, auch zu schauen, in welcher Umgebung oder unter welchen Rahmenbedingungen jemand aufgewachsen ist. Da findet man immer wieder Spuren, an denen man gewisse Entwicklungen festmachen kann. Aber deswe­gen den Stab über eine ganze Generation zu brechen, halte ich für kompletten Unsinn. Ganz im Gegenteil: Der große Vorteil der Generation Z ist, dass sie Digital Natives sind, wie man heute sagt: Die jungen Menschen heute sind mit diesen Technologien ganz an­ders vertraut, als meine Generation das ist.

Wie schätzen Sie die weitere Entwicklung ein?

Welcker: Lassen Sie mich etwas ausholen: Wenn man von den 1990er Jahren aus­geht, blicken wir bis etwa 2015 auf eine langanhaltende Periode des ultimativen Wohlstandes und der Versorgungssicherheit zurück. Die Jüngeren sind letztendlich mit der Idee aufgewachsen: „Der Strom kommt aus der Steckdose.“ Das waren ganz andere Bedingungen, als sie die von Mangel geprägte Nachkriegsge­neration oder die „aufmüpfige“ Generation mit der Frauen- und Studierendenbewegung vorfanden, die ihre Grund­rechte einforderte.

Und genau diese selbstverständliche Vollversorgung wird in den kommenden 20 bis 30 Jahren so nicht fortführbar sein. Das wird zwangsläufig dazu führen, dass sich auch die Vertreter der Generation Z mehr anstrengen werden müssen, als sie sich das viel­leicht ursprünglich mal gedacht haben. Die Erkenntnis wird wachsen, dass wer sich einen gewissen Wohlstand erhalten will, eben doch mehr arbeiten muss.

Was bedeutet das für den Arbeitsmarkt der Zukunft?

Welcker: Dass wir in Deutschland Gefahr laufen, Wohlstandsverluste zu erleiden, wird so lang­sam den meisten klar. Wir werden keine günstige Energie mehr aus Russland be­kommen, keine kostenlose Verteidigung aus den USA, und auch unsere in der Nach­kriegszeit aufgebaute Infrastruktur bedarf dringend der Erneuerung. All‘ das wird Geld kos­ten. Und weil dieses Geld irgendwo herkommen muss, wird auch ir­gendwo gespart werden müssen.

Auf dem Arbeitsmarkt selbst wird ein weiteres Abschmelzen der Arbeitszeiten nur in wenigen Berufsfeldern sinnvoll und möglich sein. In manchen Feldern werden wir weiter automatisieren, in anderen mit KI enorme Fortschritte erzielen. Es wird aber auch große Bereiche geben, in denen wir mehr arbeiten müssen, wenn wir unseren Wohlstand erhalten wollen. Und ich bin sehr zuversichtlich, dass die Generation Z dazu in der Lage und willens ist, diese Herausforderungen auch anzunehmen.

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