Eine KI-Studie von Coface zeigt, dass agentenbasierte Systeme zunehmend hochqualifizierte und kognitive Tätigkeiten erfassen.
Claus WilkClausWilkClaus WilkChefredakteur
Da agentenbasierte KI vor allem gut bezahlte und hochqualifizierte Tätigkeiten betrifft, könnte sich auch die Verteilung wirtschaftlicher Wertschöpfung spürbar verändern. Ein größerer Anteil an Leistung könnte künftig nicht mehr unmittelbar auf menschlicher Arbeit beruhen, sondern auf KI-basierten Prozessen und den dafür notwendigen Investitionen.Gorodenkoff - stock.adobe.com
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Summary: Coface hat gemeinsam mit dem OEM die Automatisierbarkeit von 923 Berufen in fast 30 Ländern untersucht. Die Auswertung sieht Deutschland wegen seiner industriellen und technischen Struktur über dem europäischen Durchschnitt bei der KI-Exposition. Besonders betroffen sind informationsintensive Tätigkeiten, während physisch geprägte Berufe robuster bleiben und zugleich neue Folgen für Wertschöpfung, Bildung und Abhängigkeiten entstehen.
Drei Jahre nach dem Durchbruch generativer KI rückt die nächste Entwicklungsstufe der Technologie in den Mittelpunkt der Debatte über den Arbeitsmarkt. Wie aus der Mitteilung von Coface hervorgeht, geht es dabei nicht mehr nur um unterstützende Software, sondern um Systeme, die ganze Arbeitsabläufe eigenständig übernehmen können. Damit verschiebt sich auch der Fokus der Automatisierung.
Die gemeinsam mit dem Observatoire des Emplois Menacés et Émergents (OEM) erarbeitete KI-Studie untersucht 923 Berufe in fast 30 Ländern. Im Zentrum steht eine Methodik, die Berufe nicht pauschal bewertet, sondern bis auf ihre elementaren Einzelaufgaben herunterbricht. Jede Aufgabe wird in einzelne Schritte zerlegt und nach klar definierten, reproduzierbaren Kriterien beurteilt. Dadurch soll die technologische Automatisierbarkeit einzelner Tätigkeiten präziser erfasst werden.
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„Dabei geht es um die technische Machbarkeit von Automatisierung und nicht darum, wie viele Arbeitsplätze am Ende tatsächlich wegfallen oder neu entstehen“, sagt Aurélien Duthoit, Volkswirt bei Coface und Co-Autor der Studie.
Wie verändert die KI-Studie den Blick auf Automatisierung?
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Die Ergebnisse markieren einen klaren Wandel gegenüber früheren Technologiewellen. Während zunächst vor allem körperliche Tätigkeiten und später standardisierte Routinen im Büro von Automatisierung betroffen waren, richtet sich der Fokus nun auf datenbasierte, analytische und informationsintensive Arbeitsinhalte. Agentenbasierte KI kann demnach nicht mehr nur einzelne Prozessschritte begleiten, sondern komplette Abläufe eigenständig ausführen.
Gerade dadurch geraten Berufsfelder in den Fokus, die lange als vergleichsweise geschützt galten. Genannt werden in der KI-Studie unter anderem Ingenieurwesen, IT, Recht, Finanzen, Verwaltung sowie kreative und analytische Tätigkeiten. Es sind also vor allem komplexe kognitive Arbeiten, die zunehmend in den Bereich technologischer Machbarkeit rücken.
„In dieser zweiten Phase der KI-Entwicklung weist rund jeder achte Beruf einen Automatisierbarkeitsanteil von über 30 Prozent auf. Das ist ein Hinweis darauf, dass diese Bereiche vor einer tiefgreifenden Transformation stehen“, sagt Aurélien Duthoit.
Welche Berufe gelten laut KI-Studie als robuster?
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Trotz der wachsenden Reichweite von KI sieht die Untersuchung weiterhin Tätigkeiten, die als vergleichsweise widerstandsfähig gelten. Dazu zählen Berufe, die stark an physische Präsenz, manuelle Fähigkeiten oder echte zwischenmenschliche Interaktion gebunden sind. In der Mitteilung werden ausdrücklich Handwerk, Pflege, Gastronomie und persönliche Dienstleistungen genannt.
Der Befund verweist darauf, dass sich die Verwundbarkeit von Berufen nicht allein an ihrem Qualifikationsniveau ablesen lässt. Entscheidend ist vielmehr, welche Aufgaben im Berufsalltag tatsächlich anfallen und wie stark diese in strukturierte, informationsbasierte oder koordinierende Einzelschritte zerlegt werden können. Genau an diesem Punkt setzt die gewählte Methodik der KI-Studie an.
Deutschland hebt sich in der Auswertung durch seine Wirtschaftsstruktur vom europäischen Durchschnitt ab. Mit einem Anteil von 17 % potenziell automatisierbarer Arbeitsinhalte liegt der deutsche Arbeitsmarkt über dem europäischen Mittel. Gleichzeitig gehört Deutschland nicht zur Gruppe der am stärksten betroffenen Arbeitsmärkte Europas.
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Wie aus der Coface-Mitteilung hervorgeht, bildet Deutschland gemeinsam mit Österreich, Tschechien, der Slowakei und Slowenien ein industriell geprägtes Cluster. Maßgeblich dafür ist der hohe Anteil an Tätigkeiten im Ingenieurwesen, in der industriellen Fertigung, bei technischen Dienstleistungen, in Forschung, öffentlicher Verwaltung und im Bildungssektor. In diesen Bereichen fallen besonders viele informationsintensive und koordinierende Aufgaben an, die sich für KI-Unterstützung oder KI-Automatisierung eignen.
Zugleich unterscheidet sich das deutsche Profil von stärker dienstleistungsorientierten Volkswirtschaften. Der Anteil managementlastiger oder stark IT-intensiver Tätigkeiten ist laut Studie geringer als etwa in den Niederlanden oder im Vereinigten Königreich. Genau diese Struktur erklärt, warum Deutschland zwar überdurchschnittlich exponiert ist, aber nicht an der Spitze der besonders stark betroffenen Arbeitsmärkte steht.
Was zeigt der internationale Vergleich der KI-Studie?
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Auch im Ländervergleich fallen die Unterschiede deutlich aus. Der Anteil potenziell automatisierbarer Arbeitsinhalte reicht laut Untersuchung von rund 12 % in der Türkei bis fast 20 % im Vereinigten Königreich. Entscheidend ist dabei die jeweilige Wirtschaftsstruktur. Sie bestimmt, welche Tätigkeiten häufig vorkommen und wie hoch damit auch der Anteil der grundsätzlich automatisierbaren Aufgaben ausfällt.
Die KI-Studie macht damit deutlich, dass die Wirkung von KI nicht überall gleich verläuft. Sie folgt nicht nur dem technologischen Fortschritt, sondern ebenso der sektoralen Zusammensetzung eines Arbeitsmarkts. Länder mit einem hohen Anteil informationsintensiver, koordinierender und analytischer Tätigkeiten geraten stärker in den Fokus als Arbeitsmärkte, in denen physische oder personenbezogene Arbeit stärker dominiert.
Welche Folgen hat die KI-Studie für Wertschöpfung und Bildung?
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Die Autoren der Untersuchung sehen die Folgen nicht auf den Arbeitsmarkt begrenzt. Da agentenbasierte KI vor allem gut bezahlte und hochqualifizierte Tätigkeiten betrifft, könnte sich auch die Verteilung wirtschaftlicher Wertschöpfung spürbar verändern. Ein größerer Anteil an Leistung könnte künftig nicht mehr unmittelbar auf menschlicher Arbeit beruhen, sondern auf KI-basierten Prozessen und den dafür notwendigen Investitionen.
Für Staaten mit stark arbeitsbezogenen Steuersystemen ergibt sich daraus laut Mitteilung eine doppelte Herausforderung. Auf der einen Seite könnten Einnahmen sinken, auf der anderen Seite Ausgaben für soziale Sicherung, Qualifizierung und berufliche Anschlussperspektiven steigen. Die Debatte über KI reicht damit weit über betriebliche Effizienzfragen hinaus.
Auch das Bildungssystem gerät unter Druck. Klassische akademische Laufbahnen stehen laut Studie nicht mehr automatisch für berufliche Sicherheit. Stattdessen gewinnen Fähigkeiten an Gewicht, die KI ergänzen, einordnen und sinnvoll nutzen können.
„Wenn klassische akademische Laufbahnen nicht mehr automatisch berufliche Sicherheit bieten, gewinnen Kompetenzen wie kritisches Urteilsvermögen, Anpassungsfähigkeit und der Umgang mit komplexen KISystemen an Bedeutung. Hochschulen und berufliche Bildungseinrichtungen werden ihre Programme stärker auf Fähigkeiten ausrichten müssen, die KI sinnvoll ergänzen, statt mit ihr zu konkurrieren“, erklärt Aurélien Duthoit.
Neben ökonomischen und bildungspolitischen Folgen verweist die KI-Studie auch auf geopolitische und operative Risiken. Schlüsselressourcen wie Halbleiter, Rechenzentren oder die Modelle selbst sind global stark konzentriert. Damit wächst die Abhängigkeit von wenigen technologischen Knotenpunkten und Anbietern.
Diese Konzentration erhöht nach Einschätzung der Autoren die Anfälligkeit gegenüber externen Schocks. Genannt werden Exportbeschränkungen, regulatorische Veränderungen und globale Lieferkettenrisiken. Die Technologie verspricht somit erhebliche Produktivitätsgewinne, schafft zugleich aber neue strukturelle Verwundbarkeiten.
Die Coface-Studie zeichnet damit ein Bild, in dem KI nicht nur Prozesse effizienter macht, sondern wirtschaftliche Strukturen, Qualifikationsprofile und internationale Abhängigkeiten neu ordnet. Gerade für Industriestandorte wie Deutschland wird die Frage zentral, wie mit dieser Verschiebung umgegangen wird, wenn vor allem informationsintensive und hochqualifizierte Tätigkeiten ins Visier der Automatisierung geraten.
mit Material von Coface
Fakten zur KI-Studie
• Was untersucht die KI-Studie von Coface? – Die KI-Studie analysiert die Automatisierbarkeit von 923 Berufen in fast 30 Ländern auf Basis einzelner Aufgaben und Arbeitsschritte.
• Warum ist Deutschland in der KI-Studie überdurchschnittlich betroffen? – Die KI-Studie sieht die Ursache in der stark industriellen und technisch geprägten Wirtschaftsstruktur mit vielen informationsintensiven und koordinierenden Tätigkeiten.
• Welche Berufe stehen laut KI-Studie besonders im Fokus? – Die KI-Studie nennt vor allem Ingenieurwesen, IT, Recht, Finanzen, Verwaltung sowie kreative und analytische Tätigkeiten.
• Welche Bereiche gelten in der KI-Studie als robuster? – Die KI-Studie bewertet Handwerk, Pflege, Gastronomie und persönliche Dienstleistungen als vergleichsweise widerstandsfähig.
• Welche Folgen beschreibt die KI-Studie über den Arbeitsmarkt hinaus? – Die KI-Studie verweist auf Veränderungen bei Wertschöpfung, Bildung, Steuersystemen sowie auf neue geopolitische und operative Abhängigkeiten.