Niedrigwasser

Historisches Niedrigwasser setzt Industrie unter Druck

Das Niedrigwasser in deutschen Flüssen erreicht historische Ausmaße. Besonders Rhein, Donau und Elbe leiden unter der anhaltenden Trockenheit – mit spürbaren Folgen für Industrie, Logistik und Lieferketten.

Die Belastungen für die Industrie wachsen: Niedrigwasser am Rhein beim Ölhafen Karlsruhe

Summary: Historische Niedrigwasserstände an Rhein, Donau und Elbe beeinträchtigen den Güterverkehr in Deutschland. Unternehmen, Verbände und Politik reagieren mit Warnungen und Forderungen nach kurzfristigen Maßnahmen. Die wirtschaftlichen Folgen reichen von höheren Transportkosten bis zu Risiken für Lieferketten und Produktion.


Den großen deutschen Flüssen Rhein, Elbe und Donau fehlt Wasser, ebenso wie vielen anderen Wasserläufen. Am Wochenende wurden vielerorts neue Tiefststände erreicht. Besserung ist wegen der andauernden Trockenheit und Hitze vorerst nicht in Sicht. Die Folgen belasten die Wirtschaft. Ein Überblick:

Wie ist die aktuelle Lage?

Nach Angaben der Bundesanstalt für Gewässerkunde (BfG) führen deutsche Flüsse derzeit an vielen Stellen Niedrigwasser. Regenschauer lassen die Wasserstände nur kurz steigen. «Insgesamt überwiegt die weiterhin sinkende Tendenz», heißt es in einem Bericht. Laut dem Informationssystem Niwis wiesen am Freitag rund 44 Prozent der Messstellen im Rhein extrem niedriges Wasser aus, 16 Prozent in der Elbe und circa 78 Prozent der Donau-Messstellen. 

In Köln wurde am Samstag der niedrigste Pegelstand seit Beginn der Aufzeichnungen gemessen: 67 Zentimeter - zwei Zentimeter weniger als im Oktober 2018. In Duisburg-Ruhrort (150 Zentimeter) und in Düsseldorf (22 Zentimeter) wurden am Sonntag historische Tiefststände verzeichnet.

Niedrigwasserphasen sind Experten zufolge nicht ungewöhnlich, treten aber normalerweise erst im Spätsommer und Herbst auf. Wenig Regen und hohe Temperaturen lassen unter anderem Wasserstände sinken. Laut BfG führt der Klimawandel langfristig dazu, dass Niedrigwasserereignisse intensiver werden, weil mehr Wasser verdunstet.

Welche Auswirkungen gibt es auf die Güterschifffahrt?

Ein Fahrverbot gebe es bei Niedrigwasser nicht, erläutert der stellvertretende Geschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Binnenschifffahrt (BDB), Fabian Spieß. Anders als bei Hochwasser entscheide jeder Schiffsführer selbst, wann es sich nicht mehr lohne, zu fahren. «Die Schifffahrt fährt, solange es physikalisch und sicher möglich ist.» Allerdings sinke die Lademenge, weshalb mehr Schiffe eingesetzt werden müssten. Moritz Axt vom Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt (WSA) Rhein sagt, Fahrten würden bei sinkenden Pegelständen weniger wirtschaftlich. 

Die Binnenschifffahrtsgesellschaft HGK Shipping unterhält eine Flotte von mehr als 300 Schiffen, die vor allem auf dem Rhein und seinen Nebenflüssen unterwegs sind. Sollte der August ähnlich warm und trocken sein, sei es möglich, dass die Güterschifffahrt auf Rheinabschnitten zeitweise eingeschränkt werde, sagt der Chef der HGK-Gruppe, Steffen Bauer.

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Welche Folgen hat das Niedrigwasser für die Wirtschaft?

«Die Lage ist ernst. Der Rhein ist eine zentrale Schlagader für den Güterverkehr in Deutschland», sagt Thilo Schaefer vom Institut der Deutschen Wirtschaft (IW). Höhere Transportkosten seien die Folge. Der Druck auf Straße und Schiene nehme zu, wobei nur begrenzt ausgewichen werden könne. Deshalb drohten Engpässe in Lieferketten. 

Betroffen sind Experten zufolge vor allem Branchen, die auf große Mengen an Rohstoffen und Vorprodukten angewiesen sind - etwa Chemie, Stahl und Mineralöl. «Dort lässt sich der Ausfall des Rheintransports kurzfristig nur sehr begrenzt kompensieren», sagt Schaefer.

Drei Verbände der Recycling- und Rohstoffwirtschaft warnen gemeinsam, die Versorgung der Stahlindustrie sei gefährdet. Binnenschiffe könnten nur noch ein Drittel bis die Hälfte der üblichen Ladung transportieren. Frachtkosten auf einzelnen Verbindungen hätten sich verdrei- bis vervierfacht. Hinzu kämen Kosten wegen Verzögerungen und Umplanungen.

Der nordrhein-westfälische Verkehrsminister Oliver Krischer (Grüne) sagte der dpa: «Es sieht alles danach aus, dass sich die Lage für die Rhein-Schifffahrt verschärft. Auch an der Donau ist die Situation schwierig. Wir brauchen kurzfristig eine nationale Taskforce für Maßnahmen, um die Transportlage zu verbessern.» Krischer will die Niedrigwasser-Situation an den großen Flüssen zum Thema auf der Sonder-Verkehrsministerkonferenz am Donnerstag machen.

Was bedeutet das für Verbraucher?

Schaefer hält es für möglich, dass sich Verbraucher auf höhere Preise einstellen müssen – etwa bei Baustoffen und Energieprodukten. Der Geschäftsführer des Tankstellenverbands ZTG, Jürgen Ziegner, warnte jüngst im «Handelsblatt» vor möglichen Engpässen in der Spritversorgung, sollten Wasserstände des Rheins an wichtigen Stellen weiter sinken. Sollte die Niedrigwassersituation länger anhalten, könnten Spritpreise vor allem im Süden steigen. 

Kreuzfahrtanbieter müssen zudem Touren umplanen oder absagen. Die Reederei Phoenix Reisen aus Bonn bietet Kunden bereits an, Reisen über Donau, Mosel und Rhein umzubuchen. Nicko Cruises aus Stuttgart und A-Rosa aus Rostock sagten bereits mehrere Donau-Reisen ab, wie sie mitteilten. Das hat Folgen für Gastronomie, Hotellerie und Einzelhandel entlang der Flüsse.

Wie groß ist der gesamtwirtschaftliche Schaden?

Das Niedrigwasser könne das Bruttoinlandsprodukt zwischen Juli und September um 0,1 bis 0,2 Prozent dämpfen, sagt Stefan Kooths, Direktor der Forschungsgruppe Konjunktur und Wachstum am Kiel Institut für Weltwirtschaft. «Man kann den Wertschöpfungsausfall grob auf 1 bis 2 Milliarden Euro im dritten Quartal beziffern.» IW-Ökonom Schaefer nennt keine Zahlen. «Eine Schadenssumme lässt sich erst dann seriös abschätzen, wenn klarer ist, wie lange die Einschränkungen andauern.»

Wie wird auf das Niedrigwasser reagiert?

Unternehmen wie HGK Shipping setzen spezielle Schiffe ein, die auch bei niedrigen Wasserständen fahren können. Angedacht sind mancherorts Fahrrinnenvertiefungen - etwa im Rhein zwischen St. Goar und Mainz. Der Bundesverband Spedition und Logistik fordert den Bund anlässlich der Entwicklung auf, in die Wasserstraßen zu investieren. Auch die anderen Verkehrsträger müssten wegen begrenzter Kapazitäten gestärkt werden.

Wie sind die Aussichten?

In den nächsten Tagen sei an den großen Flüssen überwiegend mit weiter fallenden Wasserständen zu rechnen, teilt die BfG mit. Die Niedrigwassersituation werde voraussichtlich weiter anhalten, sich räumlich ausweiten und bei ausbleibenden Niederschlägen weiter verschärfen. Moritz Axt vom WSA Rhein sagte: «Entspannung kann es erst geben, wenn großflächige, langanhaltende Niederschläge im Einzugsgebiet fallen.

Von Christian Rothenberg und Lukas Müller, dpa

Das Niedrigwasser

• Welche Auswirkungen hat das Niedrigwasser auf den Güterverkehr? – Schiffe können deutlich weniger Ladung transportieren, wodurch Transportkosten steigen und Lieferketten belastet werden.

• Warum ist das Niedrigwasser für die Industrie problematisch? – Vor allem rohstoffintensive Branchen wie Chemie, Stahl und Mineralöl sind auf die Binnenschifffahrt angewiesen und können Transporte nur begrenzt auf andere Verkehrsträger verlagern.

• Welche Flüsse sind besonders vom Niedrigwasser betroffen? – Vor allem Rhein, Donau und Elbe weisen derzeit vielerorts historisch niedrige Wasserstände auf.

• Wie reagiert die Wirtschaft auf das Niedrigwasser? – Unternehmen setzen unter anderem Spezialschiffe ein, während Verbände Investitionen in Wasserstraßen und alternative Verkehrswege fordern.

• Wie sind die Aussichten für das Niedrigwasser? – Nach Einschätzung der Bundesanstalt für Gewässerkunde ist kurzfristig keine Entspannung zu erwarten. Ohne anhaltende Niederschläge dürfte sich die Situation weiter verschärfen.