Auf einem Tisch stehen zwei Spielzeugautos in gelb und weiß. Daneben ein Taschenrechner und davor Münzen.

Autobauer und einige Bundesländer fordern eine Kaufprämie für Autos. Bild: Adobe Stock/thanksforbuying

| von Anja Ringel

Wer in den vergangenen Wochen an einem Autohaus vorbeigefahren ist, musste schnell an verlassene Geisterstädte denken: Stille, keine Menschen, dafür aber zig herrenlose Fahrzeuge. Auf dem ein oder anderen hatte sich schon Staub angesetzt. Der Coronavirus hat auch die Autobranche lahmgelegt: Lieferketten waren unterbrochen, Werke standen still und Autohändler konnten plötzlich nur noch online verkaufen.

Um die Autoindustrie wieder in Schwung zu bringen, fordern Autohersteller und einige Bundesländer jetzt eine Kaufprämie für Neuwagen. Die Ministerpräsidenten von Bayern, Baden-Württemberg und Niedersachsen haben am Montag (4.5.) konkrete Prämien vorgeschlagen: So sollen Käufer von modernen Benzinern und Dieselautos ab Schadstoffklasse 6d-Temp 3.000 Euro Prämie erhalten. Für Plug-in-Hybride, Elektro- und Wasserstoffautos soll es 4.000 Euro zusätzlich geben – zusätzlich zur bereits bestehenden Prämie von bis zu 4.000 Euro. Zusätzlich 1.000 Euro soll es geben, wenn Kunden ein älteres Auto mit Euro-3- oder Euro-4-Norm abgeben.

Neu ist die Idee nicht, man denke nur an die Abwrackprämie in der Finanz- und Wirtschaftskrise vor mehr als zehn Jahren. Doch diesmal ist die Situation eine andere.

Die Autoindustrie braucht Hilfe – aber welche?

Vorneweg: Ja, die Autoindustrie ist eine wichtige Branche in Deutschland. Rund 800.000 Arbeitsplätze sind davon abhängig. Nichts zu tun wäre deshalb auch fahrlässig. Dafür stehen zu viele Jobs auf dem Spiel. Auch logisch: Wenn keine Autos verkauft werden, müssen keine neuen produziert werden.

Aber: Die Autobranche profitiert derzeit schon von den bereits bestehenden staatlichen Hilfen. Sowohl Autobauer als auch Zulieferer haben ihre Mitarbeiter reihenweise in Kurzarbeit geschickt. Dazu kommt, dass die Hersteller durchaus liquide sind.  Autoanalyst Jürgen Pieper sagte zum Beispiel dem ‚Deutschlandfunk‘, bei Volkswagen seien gut 20 Milliarden Euro Liquidität vorhanden.

Er geht zwar von Verlusten im ersten Halbjahr aus, meinte aber auch: zwei, drei Monate Produktionsstillstand könne VW durchhalten. Und: Die Autobauer wollen ihren Aktionären weiter Dividenden auszahlen. Wären statt einer allgemeinen Kaufprämie, deshalb nicht konkrete und noch mehr Hilfen für in Not geratene Unternehmen der Autobranche – oder jeder anderen Branche – besser?

Ein Problem ist natürlich das Thema Nachfrage. Der Coronavirus hat dazu geführt, dass viele Interessenten ihren Autokauf verschoben haben – jedoch nicht verworfen. Eine Umfrage des Marktforschungsinstituts Puls zeigt, dass jeder dritte seinen Autokauf nachholen möchte. Eine Kaufprämie wurde dabei nicht als Voraussetzung angegeben.

Autokauf: Interessenten sind weiter liquide  

Gabriel Felbermayr, Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW Kiel) schreibt außerdem in einer Stellungnahme: „Anders als 2009 gibt es kein Problem bei der Finanzierung von Autokäufen. Die Verbraucher haben hinreichend Liquidität. Wer einen Neuwagen kaufen oder leasen möchte, kann dies zu guten Konditionen tun und muss nicht noch durch eine Prämie unterstützt werden.“ Er erklärt außerdem, dass die Nachfrage bei deutschen Herstellern inzwischen zu fast zwei Dritteln aus dem Export besteht – den eine deutsche Kaufprämie nicht belebt.

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Die Frage ist auch, ob eine Kaufprämie das derzeitige Nachfrageproblem in Deutschland nicht nur kurzfristig lösen würde. Vielleicht wird der ein oder andere, der sich sein Auto erst in ein, zwei Jahren kaufen wollte, jetzt einen neuen Wagen zulegen. Dann wird er aber in naher Zukunft nicht noch einmal zuschlagen. Das Problem verschiebt sich also nur.

Es gibt aber noch einen weiteren Beigeschmack: Kritiker befürchten, dass die geforderte Kaufprämie gar nicht bei den Kunden ankommt. Der Verdacht: Hersteller nutzen den Bonus, um weniger Rabatte als sonst üblich auszusprechen. Daten dazu hat nun das Center Automotive Research (CAR) geliefert. Demnach sind im vergangenen Monat die Nachlässe auf den tiefsten April-Wert seit acht Jahren gefallen.

Trotz Corona: Autohändler halten sich mit Rabatten zurück

Obwohl die Autohändler derzeit ihre Kunden eigentlich mit Rabatten anlocken müssten, halten sie sich zurück. In dem sogenannten Rabattindex des CAR fließen unterschiedliche Daten mit ein. Unter anderem, wie hoch der Nachlass bei deutschlandweiten Rabattaktionen der Autobauer ist. Im April sank dieser Wert nun auf durchschnittlich nur noch 12,9 Prozent. 2019 waren es noch 16,4 Prozent. Zudem gab es weniger Sonderaktionen als noch im Jahr zuvor.

Der Gesamtindex im April lag bei 117, der niedrigste Wert seit September 2014 (116). Laut dem CAR-Experten ist das Verhalten der Verkäufer „äußerst ungewöhnlich“. Die Branchenkenner vermuten, dass die Autobauer die Coronakrise entweder in aller Ruhe aussitzen, oder sie warten auf die Kaufprämie.

Macht eine Kaufprämie beim Umweltschutz Sinn?

Bleibt noch die Frage des Umweltschutzes: Es macht durchaus Sinn, Kaufanreize für Elektro- und Hybridautos zu schaffen. Dafür gibt es ja bereits eine Prämie. Dennoch warnt zum Beispiel Branchenexpertin Ellen Enkel von der Universität Duisburg-Essen: Die Abwrackprämie habe 2009 nicht dazu beigetragen, dass die Kunden klimafreundliche Autos gekauft hätten, sagte sie der Deutschen Presseagentur.

Eine neue staatliche Unterstützung braucht ihrer Ansicht nach deshalb eine „Klima-Komponente“. Sie plädiert für eine Kaufprämie in Form von Steuererleichterungen, die den durchschnittlichen Aufpreis für umweltfreundlichere Autos kompensiere. Die Prämie sollte auch auf andere Mobilitätsformen ausgeweitet werden, sagte sie.

Ein weiterer Punkt: „Ökologisch ist die Prämie widersinnig, wenn sie zur vorzeitigen Verschrottung funktionsfähiger Autos führt“, sagt IfW-Präsident Felbermayr.

 

Kaufprämie: Wie soll es weitergehen?

Wie soll es also weitergehen? Wie so oft im Leben, legt die Wahrheit – oder Lösung – wahrscheinlich in der Mitte. Vieles zeigt, dass die Autobranche zunächst einmal selbst versuchen sollte, aus der Krise zu kommen, bevor über eine Kaufprämie nachgedacht wird. Denn ob diese den gewünschten Effekt bringt, muss zumindest angezweifelt werden.

Dabei darf die Politik aber nicht kleinere und mittelständische Unternehmen vergessen, deren Existenz durch Corona bedroht wird. Einzelfalllösungen scheinen hier jedoch sinnvoller als eine Kaufprämie für eine ganze Branche.

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