Stahlcoins im Lager

Vor allem das Stahlgeschäft macht Thyssenkrupp sorgen.- Bild: Thyssenkrupp

| von Anja Ringel

Eigentlich ist der Black Friday ja erst nächste Woche. Für Thyssenkrupp scheint momentan jedoch jeder Tag ein schwarzer Freitag zu sein, denn eine Hiobsbotschaft reiht sich an die nächste. Ende 2019 kündigte der Konzern an, 6.000 Stellen streichen zu wollen, 2020 folgte dann der Verkauf der Aufzugsparte und das Unternehmen geriet durch die Coronakrise noch mehr in die Schieflage. Die Folge: Thyssenkrupp erhielt staatliche Kredite, 30.000 Mitarbeiter waren zeitweise in Kurzarbeit. Seit dieser Woche steht außerdem fest, dass das Duisburger Grobblechwerk wahrscheinlich geschlossen wird.

All das reicht jedoch nicht, um das Unternehmen zu retten. Deshalb kündigte der Konzern auf seiner heutigen Bilanzpressekonferenz weitere Maßnahmen an. Und die dürften den Mitarbeitern gar nicht gefallen: Statt den angekündigten 6.000 Stellen fallen nun insgesamt 11.000 Stellen weg – 7.000 davon in Deutschland. Am härtesten betroffen werden die Standorte in Nordrhein-Westfalen sein, wo die Hälfte der Stellen in Deutschland wegfallen werden, kündigte Personalvorstand und Arbeitsdirektor Oliver Burkhard an. Betriebsbedingte Kündigungen schließt Thyssenkrupp dabei nicht mehr aus. Burkhard betonte jedoch, man wolle sie möglichst vermeiden.

Von links Personalvorstand Oliver Burkhard, CEO Martina Merz und Finanzvorstand Klaus Keysberg
Die Bilanzpressekonferenz wurde dieses Jahr virtuell und mit Abstand abgehalten (von links): Personalvorstand Oliver Burkhard, CEO Martina Merz und Finanzvorstand Klaus Keysberg. - Bild: Thyssenkrupp

Abläufe sollen entschlackt werden

Und auch das ist noch nicht alles, wie CEO Martina Merz ankündigte: „Wir haben im Frühjahr jeden Stein umgedreht. Aber im Zweifel heben wir die jetzt noch mal an und schauen noch mal drunter“, sagte sie. Das Unternehmen werde alles hinterfragen – auch bei den Kosten dürfe es keine Denkverbote mehr geben. Mehr noch: Es müsse jetzt auch mal über bisherige Tabus gesprochen werden.

Konkret meint Merz damit, dass Abläufe entschlackt und erheblich schneller werden müssen. Dazu gehören auch, konkrete Verfahrens- und Richtlinienänderungen, was es so bisher noch nicht gab – vor allem nicht mit der Geschwindigkeit. Auch die Maßnahmen und wie interne Abläufe entwickelt werden, habe es bisher noch nicht gegeben.

Eine weitere Neuerung: Im Zukunftskonzept ist die Firmenzentrale nur noch als Holding vorgesehen. Die Geschäftsverantwortung soll komplett bei den einzelnen Geschäften liegen. Thyssenkrupp setze auf ein dezentrales Konzept, weil es nun um die Spezialisierung gehe. Das sei früher auch ein Tabu gewesen, so die Vorstandsvorsitzende. Personalvorstand Burkhard sagte, man wolle ein schlankes Führungsmodell, eigenverantwortliche Einheiten und große unternehmerische Freiheiten – alles unter der Marke Thyssenkrupp.

Das Headquarter wurde laut Burkhard im vergangenen Jahr bereits halbiert – von 800 auf rund 400 Beschäftigte. Dadurch und durch den Auszug von Thyssenkrupp Elevator werde man Platz dazugewinnen, weshalb das Unternehmen im nächsten Jahr nach und nach alle angemieteten Büroflächen im Großraum Essen verlassen will.

So sehen die Geschäftszahlen aus

Dass Maßnahmen notwendig sind, zeigen die Geschäftszahlen für 2019/20. Sowohl der Auftragseingang, als auch der Umsatz sind zurückgegangen, wie die Übersicht zeigt:

Auftragseingang und Umsatz sind im Vergleich zum Vorjahr zurückgegangen.
Auftragseingang und Umsatz sind im Vergleich zum Vorjahr zurückgegangen. - Tabelle: Anja Ringel; Quelle: Thyssenkrupp

Mit der Elevator-Transaktion sei es gelungen, die Bilanz erheblich zu stärken, sagte Finanzvorstand Dr. Klaus Keysberg. Die Auswirkungen der Coronakrise haben jedoch erhebliche Spuren in den Zahlen hinterlassen. Eine leichte Stabilisierung im Sommer habe den Einbruch im Frühjahr nicht wettmachen können.

Das oberste Ziel sei nun, verlorengegangenes Vertrauen zurückzugewinnen, sagte Merz. „Für den Kapitalmarkt ist deshalb unsere wichtigste Botschaft: ‚Stop the Bleeding‘, wir werden den Mittelabfluss stoppen“, erklärte sie.

Profitiert das Unternehmen vom Wasserstoff-Boom?

Wie es mit dem Stahl bei Thyssenkrupp weitergeht, soll voraussichtlich im Frühjahr 2021 entschieden werden. Derzeit werden verschiedene Optionen geprüft – zum Beispiel Partnerschaften oder ein Teil- oder Komplettverkauf. Mit der Politik werde außerdem über eine Staatsunterstützung gesprochen, so Keysberg. Wie bei jedem anderen Stahlhersteller auch, sei natürlich der Wunsch da, Unterstützung zu bekommen.

Bei all den Hiobsbotschaften gibt es auch positive Nachrichten. „Im Chemieanlagenbau haben wir in den letzten Monaten eine starke Dynamik im Markt für Wasserstofftechnologien beobachtet, die im Frühjahr so noch nicht ausgeprägt war“, berichtete Merz. Dort ist das Unternehmen im Bereich Wasserelektrolyse aktiv. Man gehe davon aus, dass Wasserstoff der Treibstoff der Zukunft ist. Jedoch beginnen jetzt erst langsam die Investitionen. Das Problem sei, dass Unternehmen in hohe Vorleistungen gehen müssen, bis der Markt sich richtig entwickelt habe. Es sei geplant, den Bereich Chemieanlagenbau nicht zu verkaufen und weiter zu prüfen, wie sich das Unternehmen im Markt positionieren kann.

Für 2021 strebt Thyssenkrupp außerdem eine „erhebliche Verbesserung“ des bereinigten Ebit an. Dennoch wird der Konzern weiter rote Zahlen schreiben – das Management geht von einem Verlust im mittleren dreistelligen Millionen-Euro-Bereich aus. Der Umsatz könnte aber wieder etwas wachsen. Vielleicht gibt es dann 2021 weniger schwarze Tage bei Thyssenkrupp.