Zwei Mitarbeitende schauen auf einen Bildschirm, auf dem eine Brennstoffzelle zu sehen ist.

Viele Unternehmen forschen derzeit im Bereich Wasserstoff.- Bild: Adobe Stock/Gorodenkoff

| von Anja Ringel

Wie heißt das Zauberwort? Kinder sollen natürlich mit „bitte“ antworten, in der Industrie heißt das Zauberwort dagegen schon seit einiger Zeit „Wasserstoff“. Oder wie es Schaeffler-CEO Klaus Rosenfeld ausdrückt: „Die Welt scheint in einer Wasserstoff-Euphorie vereint zu sein.“ Die Zahl der Unternehmen, die sich intensiver mit dem Thema beschäftigen, wächst immer weiter – zum Beispiel Thyssenkrupp und die Deutsche Bahn.

Die hat heute (23.11.) zusammen mit Siemens Mobility angekündigt, dass 2024 in Tübingen ein Probebetrieb mit Wasserstoffzügen beginnen soll. Dazu soll das Instandhaltungswerk Ulm umgerüstet und eine mobile Wasserstofftankstelle entwickelt werden.

Auch Schaeffler, Siemens Energy und MAN haben Wasserstoff schon länger auf der Agenda. Die Verantwortlichen der drei Unternehmen haben nun auf dem Hydrogen Dialogue Einblicke in ihre Strategien gegeben:

Diese Bedeutung hat Wasserstoff für die Unternehmen

Für Schaeffler-CEO Klaus Rosenfeld ist Wasserstoff eine „Schlüsseltechnologie. Grüner Wasserstoff sei das Bindeglied unter andere, zwischen Fortschritt und Klimaschutz. Er setze dort an, wo batterieelektrische Systeme an ihre Grenzen stoßen.

Die Wasserstoffwirtschaft ist laut Armin Schnettler, CEO New Energy Business bei Siemens Energy der nächste Schritt in der Energiewende auf dem Weg der Decarbonisierung. Für Lukas Walter, Senior Vice President für den Bereich „Engineering Powertrain“ bei MAN Truck & Bus ist klar: Die CO2-Ziele können mit konventionellen Antrieben nicht erreicht werden.

Das wollen die Firmen mit Wasserstoff umsetzen

„Wir alle verfolgen ein großes Ziel“, sagte Rosenfeld. Das Unternehmen wolle das Potenzial von Wasserstoff entlang der kompletten Wertschöpfungskette nutzen. Schaeffler hat Schlüsselkomponenten für Brennstoffzellen und Brennstoffzellen-Stacks entwickelt, sogenannte metallische Bipolarplatten. Diese werden durch präzises Umformen und Beschichten im Dünnschicht-Bereich hergestellt. Die Brennstoffzellen-Stacks sind Energiewandler, die H2 und O2 zu Wasser reagieren lassen. Dabei entsteht Strom, der für den Antrieb des E-Motors im Fahrzeug genutzt werden kann.

Eine Bremse bei der weiteren Entwicklung der Brennstoffzelle sei immer der Kostenfaktor gewesen, erklärte Rosenfeld weiter. Fahrzeuge mit Brennstoffzellen kosten teilweise mehr als doppelt so viel als Plug-in-Hybride. Der CEO ist überzeugt: Schaeffler könne genau die Schlüsselbauteile produzieren und das in der kostenseitig dringend notwendigen Stückzahl.

Dabei seien die Metallkomponenten nur der erste Schritt. Mittelfristig wolle der Zulieferer komplette Systeme im Bereich Wasserstoff anbieten. Dafür werde am Hauptstandort in Herzogenaurach ein Wasserstoffkompetenzzentrum aufgebaut. Bei all der Euphorie stellte Rosenfeld aber auch klar, dass auch Schaeffler noch am Anfang des Industrialisierungsprozesses von Wasserstoff stehe. Dieser beginnende Prozess werde eine gemeinsame Entwicklung zwischen Anwendern, Herstellern und Zulieferern.

Zu Stacks geschichtete Bipolarplatten bilden den Kern eines Brennstoffzellensystems.
Zu Stacks geschichtete Bipolarplatten bilden den Kern eines Brennstoffzellensystems.- Bild: Schaeffler

Auch Siemens Energy will – gemeinsam mit Partnern und Kunden – daran arbeiten, die gesamte Wertschöpfungskette abzudecken, erklärte Schnettler. Der Beginn sei die Windkraft. Er rechnet damit, dass die Wasserstofftankstellen für Trucks und Züge bei zehn bis 20 Megawatt liegen werden, bei Industrieanwendungen zwischen 150 und 350 Megawatt. Es müsse gelingen, die Wasserstofftechnologie in industrielle Anwendungen zu bringen. Dafür teste Siemens Energy derzeit einzelne Module in Testanlagen, so der CEO.

Besonderer Augenmerk liegt bei Siemens Energy bei Power-to-X, also dem Verfahren zur Umwandlung elektrischer Energie in flüssige oder gasförmige chemische Energiequellen durch Elektrolyse und weitere Syntheseverfahren.

Die Kosten für Wasserstoff hängen laut Schnettler davon ab, wie hoch der Preis für grünen Strom sein wird. Ebenso wichtig seien aber auch Investitionen und Betriebskosten. Siemens Energy achte deshalb auf Standardisierung im Markt, da nur so Kosten und Verfügbarkeiten der Anlagen gegeben sein werden, ist der CEO überzeugt. Ganz wesentlich sei auch ein digitaler Zwilling.

MAN hat seine Ziele in der „Powertrain Strategie MAN 2025+“ festgelegt. Diese sieht unter anderem die Bereitstellung wasserstoffbasierter CO2-freier Antriebe vor. Dabei gebe es noch erhebliches zu tun, erklärte Walter. Dazu zählen unter anderem die Infrastruktur und der Tank. Dennoch plant der Konzern, 2021 mit ersten Prototypen auf die Straße zu gehen. Dabei testet MAN zwei verschiedene Methoden: Sowohl die Brennstoffzelle als auch den Wasserstoff-Verbrenner.

2023 soll dann eine Demonstrationsflotte auf den Markt kommen und in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts ist die Serienproduktion mit Wasserstoffantrieben geplant, sagte Walter. Angst vor den Preisen muss man dabei nicht haben. Laut Walter ist der Total Cost of Ownership preislich fast gleich zu Diesel- und batterieelektrischen Antrieben. „Wasserstoff ist wettbewerbsfähig“, erklärte der Senior Vice President.

Zusammen sind wir stark: Partnerschaften im Bereich Wasserstoff

„Wir dürfen folgendes nicht vergessen: Die dringend nötige Industrialisierung bietet nicht nur Chancen, sondern auch Risiken und sie braucht ein großes Engagement“, sagte Rosenfeld. Die Risiken könne man beherrschbarer machen, wenn man ihnen gemeinsam entgegentrete. Schaeffler ist deshalb seit Januar Lenkungsmitglied (Steering Member) in der weltweiten Wasserstoff-Interessengemeinschaft Hydrogen Council. Mehr als 80 Unternehmen sind Teil davon und wollen die Wasserstofftechnologie gemeinsam in Richtung Industrialisierung vorantreiben. Daneben engagiert sich das mittelfränkische Unternehmen auch in der Bayerischen Wasserstoffstrategie. 

Siemens Energy arbeitet unter anderem mit einer weiteren Siemens-Tochter zusammen: Siemens Mobility. Die beiden Unternehmen wollen gemeinsam Wasserstoffsysteme für Schienenfahrzeuge anbieten. Auch mit Schaeffler arbeite man zusammen, erklärte Schnettler.

Weißer Wasserstoff-Zug von Siemens
Siemens Energy und Siemens Mobility arbeiten zusammen, um Wasserstoffsysteme für den Zugverkehr zu entwickeln. - Bild: Siemens

Nürnberg spielt in den Planungen bei MAN eine wichtige Rolle. Die Stadt sei das Wasserstoffzentrum für das Unternehmen, erklärte Walter. Dort hat MAN nun Mitte Oktober zusammen mit der Technischen Hochschule Nürnberg und der Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg einen H2-Campus gegründet. Ziel ist unter anderem eine gemeinsame Forschung und Entwicklung im MAN-Werk Nürnberg. Das Projekt soll 2021 starten.

Der gegenseitige Wissensaustausch soll die Forschung an Wasserstoffantrieben spürbar beschleunigen, erklärt das Unternehmen. Die Arbeit auf dem Wasserstoff-Campus soll die gesamte Wertschöpfungskette der Antriebsform abdecken: von der umweltfreundlichen Erzeugung des Wasserstoffs über die Distribution und Infrastruktur, der Energiewandlung zurück zu Strom bis hin zur Anwendung der Technik im Fahrzeug.

Andreas Tostmann (CEO MAN Truck & Bus), Prof. Dr. Joachim Hornegger, Präsident der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Prof. Dr. Niels Oberbeck, Präsident der TH Nürnberg, Dr. Markus Söder, Bayerischer Ministerpräsident, und Saki Stimoniaris, Vorsitzender des MAN-Konzernbetriebsrats stehen vor einem gelben MAN-Lkw.
Zur Unterzeichnung der Kooperationsvereinbarung kamen (von links) Andreas Tostmann (CEO MAN Truck & Bus), Prof. Dr. Joachim Hornegger, Präsident der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Prof. Dr. Niels Oberbeck, Präsident der TH Nürnberg, Dr. Markus Söder, Bayerischer Ministerpräsident, und Saki Stimoniaris, Vorsitzender des MAN-Konzernbetriebsrats am MAN-Standort Nürnberg zusammen.- Bild: MAN

MAN ist außerdem Teil des Projekts „Bayernflotte“. Zusammen mit weiteren Partnern soll hier eine Long-Haul Demoflotte mit H2- und BEV-Antrieben entwickelt und erprobt werden. Dazu gehöre neben der Technologiebereitstellung auch der Aufbau einer Wasserstofftankstellen-Infrastruktur, sagte Walter. Das Projekt läuft von 2021 bis 2024.

Diese Forderungen haben die Konzerne an die Politik

Die in diesem Jahr beschlossene Wasserstoffpolitik der Bundesregierung ist laut Rosenfeld „ein wichtiges Startsignal“. Die Technologie könne sich zum Jobmotor entwickeln. Es gehe nun darum, in den kommenden Jahren kontinuierlich weiterzumachen. Der Staat müsse dabei die richtigen Rahmenbedingungen und Impulse setzen.

Das Engagement sollte auf keinen Fall zurückgedreht werden, sagte Rosenfeld. Es gehe auch darum, wie sich Europa und Deutschland mit dieser Technologie positionieren. Denn man könne dabei weltweit eine sehr gute Rolle spielen, ist der Schaeffler-CEO überzeugt.

Auch für Schnettler und Walter sind Rahmenbedingungen extrem wichtig für die Zukunft der Wasserstofftechnologie. „Wir brauchen eine Infrastruktur, die Wasserstoff kostengünstig zu Verfügung stellt“, erklärte Walter. Für ihn sind auch rechtliche Rahmenbedingungen wie Emissionsgrenzwerte entscheidend, damit die ganze Industrie in die gleiche Richtung gehen kann.

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