KI-Projekte im Maschinenbau scheitern häufig nicht an der Technologie, sondern an fehlenden Datenstrukturen, mangelndem Kontext und unklaren Verantwortlichkeiten.
Daniela HoffmannDanielaHoffmann
Bisher scheitern viele KI-Projekte daran, dass nötige Datenvorarbeiten den ROI „auffressen“. Diese Rechnung preist allerdings die Zukunft nicht mit ein: Perspektivisch müssen alle Daten in hoher Qualität maschinenlesbar, für Menschen einfach konsumierbar und vor allem semantisch verstanden sein.Symbolbild - KI-generiert
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Summary: Maschinenbauer müssen Datenstrategie, semantische Modelle, Qualifizierung und Governance gemeinsam entwickeln. Vorreiter schaffen eine einheitliche Datenbasis, auf der weitere KI-Projekte mit geringerem Aufwand aufsetzen können. Ohne Kontext, klare Verantwortlichkeiten und skalierbare Architekturen bleiben Anwendungen häufig isolierte Einzellösungen.
Vorreiterunternehmen sind derzeit dabei, zuerst einen
einheitlichen Rahmen zu schaffen, zu dem Datenstrategie und -ontologie, Datenmodell
und -management gehören. Jedes einzelne KI-Projekt zahlt Daten in diese
Struktur ein – solange, bis alle Daten in einheitlicher Struktur konsumierbar
vorliegen. Weitere KI-Projekte erfordern dann nur einen Bruchteil des Aufwands
und KI-Agenten greifen auf die notwendigen, kontextualisierten Daten zu. Soweit
die Idee. Doch die Praxis sieht gerade bei den KMU derzeit ganz anders aus.
„Die
meisten Unternehmen scheitern bereits an grundlegenden
Digitalisierungs-Hausaufgaben. Leider lässt sich sozusagen kein
Flugzeug-Cockpit auf einen Zweitaktmotor setzen“, stellt Doris Aschenbrenner
fest, Professorin für Digitale Methoden in der Produktion an der Hochschule
Aalen und Leiterin der Arbeitsgruppe „Human in Command“. „80 Prozent eines
KI-Projekts sind Daten. Aber man braucht auch noch mehr Expertise. Orientierung
bietet etwa die Plattform Industrie 4.0 mit einem vierstufigen Stack für Industrial
AI ab, an dem sich Unternehmen ausrichten können“, so die Expertin.
„Vielen Unternehmen fehlen die Grundlagen: Sie haben häufig
keine Strategie oder tun sich schwer bei der Strategieentwickelung. Daraus
resultierend ist es für sie dann sehr schwierig, Use Cases zu finden, die ihnen
einen Mehrwert bringen“, bestätigt auch Rosalind Salecker, Change-Beraterin für
KI-Transformation. Die Auswahl der richtigen Use Cases sei jedoch essentiell,
weil sonst schnell Frustration entstehe, wenn der in KI investierte Aufwand
nicht das erhoffte finanzielle Potenzial bringt.
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KI-Praxis auf dem Maschinenbau-Gipfel
Welche KI-Projekte liefern heute Produktivität, Qualität, Geschwindigkeit oder neue Geschäftsmodelle? Und woran scheitern sie? Was ist Hype, was ist belastbarer Business Case? Wo lohnt sich der Einstieg sofort? Welche Daten, Prozesse und Kompetenzen braucht es?
Das sind die Leitfragen der Session " Digitalisierung & KI-Praxis: Was bringt es wirklich?" auf dem Maschinenbau-Gipfel am 10. und 11. November 2026 in Berlin. Eine der Sprecherinnen wird Doris Aschenbrenner sein.
Themen wie Industrie 4.0 und IoT hätten zwar den Grundstein
gerade im Produktions- und Logistikumfeld gelegt, um sehr viele Daten zu
sammeln. „Einige Unternehmen haben diesen Schritt jedoch nicht konsistent
mitgemacht. Jetzt fehlen entsprechend die qualitativ hochwertigen Daten für
KI-Projekte“, so Salecker. „Häufig scheitern Projekte daran, dass Daten zwar
lokal gesammelt und optimiert, aber nicht systemübergreifend orchestriert
werden“, sagt Dr. Daniel Seiler-Thull, CTO Bosch Manufacturing Co-Intelligence.
Manufacturing Co-Intelligence meint bei Bosch die koordinierte Zusammenarbeit
von Mensch, Maschine und KI-Agenten auf einer einheitlichen, verstandenen
Datenbasis.
„Ein wesentlicher Erfolgsfaktor ist es, keine neuen System-Silos zu
schaffen, sondern bestehende Systeme über eine semantische Klammer flexibel zu
verbinden“, ist sich Seiler-Thull sicher. Die aufwendigste, aber essentielle
Vorarbeit sei dabei die Definition standardisierter Datenmodelle, um physische
Datenobjekte einmalig eindeutig zu beschreiben, statt bei jedem neuen
Softwareprojekt individuelle Schnittstellen und Mappings zu bauen. „Im
Maschinenbau müssen hochgradig unterschiedliche Datenklassen – von CAD- und
PLM-Strukturdaten aus der Entwicklung über ERP-Stücklisten bis hin zu
zeitkritischen Maschinensignalen und unstrukturierten Serviceberichten –
zusammengeführt werden“, erläutert der CTO.
Klassisches Machine Learning sei zwar schon lange etabliert,
stoße jedoch bei der Interpretation unstrukturierter Daten und der flexiblen,
systemübergreifenden Prozesssteuerung an Grenzen, sagt Daniel Seiler-Thull:
„ GenAI und Large Language Models bringen hier eine neue Qualität ein, da sie
als Übersetzer zwischen menschlicher Sprache und komplexen Maschinendaten
agieren können“, stellt Seiler-Thull klar. Nicht eine isolierte KI, sondern das
koordinierte Zusammenspiel aus qualifizierten Mitarbeitenden, bestehenden
physischen Maschinen und agentischen Systemen löse reale Probleme im gesamten
Produktlebenszyklus.
Ohne Kontext läuft KI
ins Leere
„Generative KI und KI-Agenten benötigen nicht nur ein hohes
Volumen aus individuellen, aktuellen Unternehmensdaten, sondern auch Kontext“,
sagt Gernot Schäfer, Partner bei Efeso Management Consultants.
Kontextverständnis für die KI erfordere ein unternehmensweit geltendes
semantisches Modell: Je mehr Kontext, desto besser die Ergebnisse. KI brauche
auch bei Produktionsthemen viele teilweise unstrukturierte Daten aus Mails,
Chat und Voice. „Es werden sämtliche am Produktionsprozess beteiligten Daten
benötigt“, stellt Schäfer klar. Dazu gehören auch Stücklisten,
Wartungsanleitungen, Serviceberichte, Qualitätsprotokolle, Angebotsdaten,
Reklamationen und Kundenfeedback. Mangelndes Kontextverständnis sei
entsprechend neben fehlenden Daten ein wesentlicher Aspekt, warum KI-Projekte
häufig nicht die erhofften Erfolge erzielen.
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Doris Aschenbrenner ist Professorin für Digitale Methoden in der Produktion an der Hochschule Aalen und Leiterin der Arbeitsgruppe „Human in Command“.GUUS SCHOONEWILLE
„Viele Produktionsdaten können wertvoll sein – sofern sie
sauber kontextualisiert und nutzbar gemacht werden. Sie sollten zunächst einmal
in ein sogenanntes semantisches Framework eingebaut werden – erst dann lassen
sie sich übergreifend nutzen“, erklärt Aschenbrenner. Dazu gehöre etwa OPC-UA
Modellierung. Themen wie Connectivity und Zeitreihenharmonisierung seien
ebenfalls wichtige Schritte, die sich vor allem für den Mittelstand noch
herausfordernd gestalten.
Ein Beispiel: Bei einer Spritzgussmaschine müssen
nicht nur Sensordaten, sondern auch die jeweiligen Maschineneinstellungen nach
jedem Rüstvorgang dokumentiert werden. Fehlt dieser Kontext, lassen sich
Auffälligkeiten in den Daten kaum noch korrekt interpretieren. Der offene
Standard MCP (Model Context Protocol) hilft mittlerweile dabei, KI-Anwendungen konsistent
mit Maschinen, Software und Datenquellen zu verbinden, ohne jeweils einzelne
Schnittstellen zu bauen.
Qualifizierung: Menschen
müssen KI kritisch bewerten können
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Vor allem müsse auch die Organisation mitgenommen werden,
nennt Transformationsexpertin Salecker einen der wichtigsten Erfolgsaspekte für
KI. Wenn die Belegschaft nicht weiß, wohin die Reise mit KI hingeht, ob
Arbeitsplätze in Gefahr sind oder sich Aufgaben verschieben, entsteht Angst.
„Dann kann sich eine Abwehrhaltung entwickeln, die einer erfolgreichen
Implementierung von neuen KI-Tools oder KI-Automatisierungen absolut im Weg
steht“, sagt Salecker.
Rosalind Salecker, Change-Beraterin für KI-Transformation.KARIN SCHMIT
Noch bieten der aktuellen KI-Studie von Bitkom zufolge 43
Prozent der Unternehmen keine Schulung für KI an – eine Zahl, die Salecker auch
für den Maschinenbau für realistisch hält. Zudem hätten allgemeine Schulungen
zum Beispiel zum Prompting nur begrenzte Wirkung. Stattdessen sollten Trainings
möglichst individuell an Situation, Strategie und Use Cases im Unternehmen
angepasst sein, um die Belegschaft wirklich mitzunehmen.
Das ist heute sogar obligatorisch: „Der EU AI Act
verpflichtet seit Februar 2025 Unternehmen, die KI einsetzen, bei ihren
Mitarbeitenden ausreichende KI-Kompetenzen aufZUbauen“, konstatiert Rosalind Salecker.
„Häufig wird der Faktor Mensch unterschätzt: Es muss geklärt sein, wer
verantwortlich ist für Ergebnisvalidierung, Ergebnisanpassung und Korrekturen,
damit das LLM aus der Interaktion mit dem Mensch lernen kann“, ergänzt Schäfer.
„Die große Herausforderung bleibt immer, die Ergebnisse und Interpretationen
von KI-Modellen zu bewerten und kritisch zu überprüfen, denn sie sind nicht
absolut zuverlässig“, erklärt die Transformationsexpertin.
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Umso wichtiger seien
interdisziplinäre Teams aus IT, Datenspezialisten und Fachleuten aus den
Bereichen. Problematisch ist aus Aschenbrenners Sicht auch, dass sonst schnell
Fehler gemacht werden, wie beispielsweise der Versuch ein LLM auf numerischen
Daten aus der Produktion zu anzuwenden und hilfreiche Ergebnisse zu erwarten.
Kompetenzaufbau sehen alle Expertinnen – wenig überraschend – als einen der
entscheidenden Erfolgsfaktoren.
„Maschinen- und Anlagenbauer müssen verstehen, dass die
Zeiten von deterministischen, statischen Systemen wie ERP oder MES, bei denen
klar ist, was sie können und wie man sie schult, endgültig vorbei sind“, ist
sich Gernot Schäfer sicher. „KI-Agenten agieren dynamisch und haben kein
vorhersehbares, technisch steuerbares Eigenverhalten. Das heißt, ich habe jetzt
ein aktives, digitales Gebilde in der Produktion“, so der Experte. Ein
Beispiel: Der Agent für eine Werkerassistenz lernt dazu und passt sein Verhalten
entsprechend an, liefert also etwa andere Hinweise als am Anfang.
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Für die
Einführung von KI-Systemen brauche es daher einen iterativen
„Learn-and-Adapt-Ansatz“, bei dem das Governance-Modell, Compliance,
Verantwortlichkeiten, Security und die Einbindung des Menschen klar definiert
sein müssen. Eine transparente Enterprise Architecture sieht er als Dreh- und
Angelpunkt für alle KI-Projekte. „Wer all diese Fragen nicht sauber für sich
beantwortet, kann KI nicht in der Produktion skalieren und geht nur von einem
einzelnen Use Case zum nächsten weiter“, glaubt Schäfer.
Gernot Schäfer, Partner bei Efeso Management Consultants.Efeso
„Das Spannende ist, dass Maschinenbauer eine
KI-Systemarchitektur bauen müssen, die übersetzt zwischen einem
hochdeterministischen und zuverlässigen System, nämlich der Produktion, und
einem non-deterministischen Außensystem: der Umwelt einschließlich des
Menschen“, beschreibt es Aschenbrenner. Bisher habe man versucht, die
Arbeitenden an die deterministischen Maschinenprozesse anzupassen. Jetzt
könnten beispielsweise im Bereich High-Mix-Low-Volume-Produktion mit vielen
Tätigkeiten, in denen der Mensch „besser“ ist, solche
„Übersetzungsschnittstellen“ für mehr Produktivität sorgen.
Gerade dort, wo
nicht immer klar ist, was kommt, wie bei Recycling, Re-Manufacturing oder in
Bereichen von Prozessanomalien und Unsicherheit, können KI-Architekturen
besonders gut helfen, meint die KI-Expertin. „Die richtige Stärke kommt
sicherlich aus einer Hybriden Intelligenz heraus, wie sie auf der Plattform
Industrie 4.0 in der Arbeitsgruppe Arbeit diskutiert wird“, glaubt Doris
Aschenbrenner.
KI muss in
übergreifende Governance eingebettet sein
Dr. Daniel Seiler-Thull, CTO Bosch Manufacturing Co-Intelligence.Bosch
Ein wichtiger Skalierungsfaktor liegt in der
Demokratisierung von Software-Entwicklung. Mit modernen Tools, die
LowCode/NoCode mit GenAI verknüpfen, können Fachleute sehr einfach eigene
Lösungen entwickeln. In Qualitätsmanagement oder Produktionsplanung könnten
damit kleine Automatisierungen etwa das händische Übertragen und Umformatieren
von Daten ablösen, nennt Salecker ein Beispiel. „Das Zusammenspiel mit
Enterprise Architecture Management und IT-Security ist zentral, sobald
KI-Systeme nicht nur analysieren, sondern Prozesse aktiv unterstützen,
koordinieren oder perspektivisch steuernd in die Fertigung eingreifen“, so
Seiler-Thull.
Einerseits sei die technische Einstiegshürde deutlich gesunken: Auch
Fachbereiche könnten dezentral etwa KI-Agenten aufbauen. „Genau darin liegt
jedoch eine der größten Governance-Herausforderungen. Was lokal an einer Linie
gut funktioniert, muss nicht automatisch von Linie zu Linie, von Werk zu Werk
oder weltweit skalierbar sein“, warnt der Experte. Werde Skalierbarkeit erst nachträglich
in Einzellösungen hinein implementiert, entstünden häufig hohe Integrations-,
Betriebs- und Sicherheitskosten, die den ursprünglichen Nutzen teilweise
übersteigen könnten.
Regularien als
Booster nutzen
„Im Sinne einer robusten KI-Governance geht es daher nicht
nur darum, technische Sicherheitsstandards wie rollenbasierte
Zugriffskontrollen, Tenant-Isolation, OAuth2, OpenID Connect oder
standardisierte Schnittstellen wie OPC UA und REST-APIs einzuhalten“,
konstatiert Seiler-Thull. Entscheidend sei auch, den Wildwuchs lokaler
Eigenbaulösungen zu vermeiden und KI-Agenten in eine kontrollierte,
wiederverwendbare und Enterprise-fähige Architektur einzubetten.
Zwar sei der Umgang mit regulatorischen Anforderungen wie
dem EU AI Act administrativ und technisch anspruchsvoll, da er eine lückenlose
Rückverfolgbarkeit und Validierung von Datenströmen verlange. Es lohne sich
jedoch, die Regulatorik nicht als reine Hürde, sondern als Katalysator für eine
saubere Datenarchitektur zu sehen. „Wer gezwungen ist, seine Materialströme und
Treibhausgasbilanzen manipulationssicher und maschinenlesbar zu dokumentieren,
schafft zwangsläufig die standardisierte Datenbasis, die auch für
fortschrittliche KI-Anwendungen benötigt wird“, so Seiler-Thull. Die technische
Komplexität lasse sich beherrschen, indem regulatorische Anforderungen direkt
in standardisierte Datenmodelle wie etwa der Asset Administration Shell der
IDTA übersetzt und als Out-of-the-box-Funktionen in der Software-Infrastruktur
bereitgestellt würden.
• Warum scheitern KI-Projekte im Maschinenbau? – Häufig fehlen eine konsistente Datenstrategie, qualitativ hochwertige Daten, semantischer Kontext und klar definierte Verantwortlichkeiten.
• Welche Daten benötigen KI-Projekte im Maschinenbau? – Benötigt werden unter anderem CAD-, PLM- und ERP-Daten, Maschinensignale, Stücklisten, Serviceberichte, Qualitätsdaten und Kundeninformationen.
• Welche Rolle spielt der Kontext für KI-Projekte im Maschinenbau? – Kontext ermöglicht es KI-Systemen, Daten korrekt einzuordnen und Informationen aus unterschiedlichen Quellen systemübergreifend zu nutzen.
• Wie lassen sich KI-Projekte im Maschinenbau skalieren? – Erforderlich sind standardisierte Datenmodelle, eine transparente Enterprise Architecture, verbindliche Governance und wiederverwendbare technische Strukturen.
• Warum ist Qualifizierung für KI-Projekte im Maschinenbau wichtig? – Mitarbeitende müssen Ergebnisse prüfen, Verantwortlichkeiten übernehmen und KI-Modelle kritisch bewerten können.