KI-Agenten in der Industrie: Vom Assistenten zum Mitentscheider
KI-Agenten entwickeln sich im Maschinenbau vom digitalen Assistenten zum aktiven Mitentscheider. Sie automatisieren Prozesse, bereiten Entscheidungen vor und arbeiten zunehmend im Team zusammen.
Anja RingelAnjaRingelManaging editor and podcast host for 'Produktion'
KI-Agenten können Industrieunternehmen bei verschiedenen Aufgaben unterstützen.Symbolbild - KI-generiert
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Summary: Microsoft sieht KI-Agenten als nächsten Entwicklungsschritt für industrielle Anwendungen. Laut Jana Kirchheim eignen sie sich besonders für datenintensive Prozesse in Entwicklung, Produktion, Service und Supply Chain. Erste Multiagentensysteme sind bereits bei Industrieunternehmen im Einsatz und lassen sich auch schrittweise im Mittelstand einführen.
KI-Agenten beantworten nicht nur Fragen. Sie können Aufgaben
übernehmen, Entscheidungen vorbereiten und mit weiteren Agenten
zusammenarbeiten. Aber wie können Sie der Industrie konkret helfen? Diese Frage
beantwortet Jana Kirchheim, Senior Director für die Industrie bei Microsoft, im
Podcast Industry Insights.
Dabei ist es wichtig, den Unterschied zwischen Chatbots und
KI-Agenten zu kennen. Ein Chatbot verhält sich wie ein Navigationsgerät,
erklärt Kirchheim. Der Nutzer gebe ein Ziel ein, erhalte eine Antwort und müsse
anschließend die nächste Anfrage stellen. Ein KI-Agent gleiche dagegen einem
selbstfahrenden Auto. „Ein Agent entscheidet an jeder Kreuzung selber, fährt er
links oder fährt er rechts“, so die Expertin.
Der Mensch greife erst ein, wenn sich eine Fehlentscheidung
abzeichne. Der Agent dagegen könne Entscheidungen vorbereiten und, sofern er
vollständig autonom arbeitet, Aktionen selbst ausführen. Auch die
Zusammenarbeit mit anderen Agenten sei möglich. „Er handelt, er führt ein
Ergebnis herbei“, sagt die Microsoft-Managerin.
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Potenzial bei Datenmengen und Routinetätigkeiten
Geeignet sind KI-Anwendungen im Maschinenbau nach Kirchheims
Einschätzung vor allem dort, wo viele Informationen zusammenlaufen oder
wiederkehrende Aufgaben anfallen. Also zum Beispiel in der Produktentwicklung, der
Produktion, dem Service und der Supply Chain.
In all diesen Bereichen müssen Beschäftigte häufig Daten aus
verschiedenen Quellen manuell zusammenführen, unter anderem in Excel-Dateien. Solche
Prozesse können sich über Monate ziehen. „Da ist die KI perfekt“, sagt Kirchheim
über langwierige, datenintensive Abläufe.
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Mehrere Agenten bilden einen Gesamtprozess ab
Doch Unternehmen können nicht nur einen KI-Agenten einsetzen,
sondern mehrere gleichzeitig: Das Multiagentensystem. Darin übernimmt dann ein einzelner
Agent die Rolle eines Spezialisten. In der Getriebeentwicklung könnte er etwa
ausschließlich Anforderungen bearbeiten. Gesteuert werden die verschiedenen
Fachagenten durch einen Orchestrator, der selbst ebenfalls ein Agent sein kann.
„Du hast ein ganzes Team von Experten, die zusammenarbeiten
können“, erklärt Kirchheim. Der Vorteil: Dadurch lassen sich einzelne
Arbeitsschritte zu einem Gesamtprozess verknüpfen.
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Zwei Beispiele: In der Produktentwicklung oder der Supply
Chain könnten verschiedene Agenten beispielsweise prüfen, welche Anforderungen
vorliegen, ob Produktionskapazitäten verfügbar sind oder ob die nötigen Teile
im Lager liegen. Bei der Entwicklung eines neuen Antriebs könnten Agenten für
Material, technische Anforderungen, Compliance oder einzelne Komponenten
jeweils ihr Fachwissen einbringen.
Jana Kirchheim, Senior Director für die Industrie bei Microsoft.Microsoft
Erste Systeme laufen bereits in Unternehmen
Im Podcast erklärt Kirchheim, dass einige Industrieunternehmen
schon heute Multiagentensysteme einsetzen. Als Beispiel nennt sie Toyota. Der
Autobauer nutzt in der Entwicklung mehrere KI-Agenten. Andere OEMs nutzen die
Technik in der Produktion, um systematische Fehler zu erkennen.
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Auch Microsoft selbst habe die eigene Supply Chain
schrittweise mit Agenten ausgestattet, so die Managerin. Ausgangspunkt sei ein
Excel-basiertes Reporting mit vielen Fehlerquellen gewesen. Inzwischen arbeiten
dort weltweit 25 Agenten, unter anderem für Planung, Transport und
Teileverfügbarkeit. Bis zum Jahresende soll ihre Zahl auf mehr als 100 steigen.
Auch Mittelständler können klein anfangen
Aber sind solche Systeme auch etwas für kleinere Firmen? Der
Einsatz von KI-Agenten hänge nicht von der Unternehmensgröße ab, sagt die
Expertin im Gespräch mit Anja Ringel. Software-Start-ups bauen ihre Prozesse zum
Beispiel teilweise von Beginn an KI-nativ auf und können dadurch mit kleinen
Teams hohe Umsätze erzielen.
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Dieses Modell lasse zwar sich nicht ohne Weiteres auf einen
mittelständischen Hersteller von Gewindebohrern übertragen. Unternehmen müssten
aber auch nicht alle Abläufe auf einmal umstellen. Als mögliche Einstiegsfelder
nennt Kirchheim die Angebotserstellung, die Produktionsplanung und die
Anforderungsanalyse in der kundenspezifischen Fertigung. „Einfach starten“,
empfiehlt sie.
Die gute Nachricht: Zum Start müssen die Daten nicht perfekt
vorliegen. Eine vollständig harmonisierte Datenlandschaft ohne Silos ist aus
Kirchheims Sicht natürlich der Idealfall. Die Informationen müssten im
richtigen Kontext vorliegen, sauber strukturiert sein und eine ausreichende
Qualität haben.Problematisch seien vor allem falsche Daten, weil ein KI-System
nicht selbst erkennen könne, welche Angaben stimmen.
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Für erste Projekte reiche jedoch ein klar abgegrenzter
Datenbestand. Als Beispiele nennt Kirchheim technische Dokumentationen,
Fehlerberichte und umfangreiche Unterlagen für die Angebotserstellung.
Mit solchen Datensätzen ließen sich bereits Ergebnisse
erzielen. Im Verlauf eines Projekts werde zudem deutlicher, welche
Informationen tatsächlich benötigt würden.
Als Praxisbeispiel nennt Kirchheim ein gemeinsames Projekt
mit Krones, Nvidia und Ansys. Dabei geht es um Abfüllanlagen, die bis zu
100.000 Flaschen pro Stunde verarbeiten können.
Ändern sich Flaschendesign oder Flüssigkeit, verändert sich
auch das Schwappverhalten. Laut Kirchheim dauerte es zuvor oft Wochen, die
passende Geschwindigkeit und geeignete Parameter neu zu bestimmen.
Das entwickelte KI-basierte Simulationstool soll zeigen, wie
sich eine Änderung auf das Verhalten der Flüssigkeit auswirkt und mit welcher
Geschwindigkeit die Anlage anschließend betrieben werden kann.
Serviceagent begleitet Techniker vor und nach dem Einsatz
Ein weiteres Beispiel stammt aus dem Service bei TK
Elevator. Servicetechniker erhalten bereits auf dem Weg zu einem Aufzug ein
Briefing.
Dieses enthält nach Kirchheims Angaben nicht nur technische
Informationen zur Anlage. Der Agent berücksichtigt auch den Kundenkontext und
mögliche Fragen, die während des Einsatzes auftreten könnten.
Vor Ort unterstützt das System den Techniker bei der
Fehlersuche. Nach Abschluss der Arbeiten folgt ein sprachbasiertes Debriefing.
Der Agent fragt so lange nach, bis Ursache und Lösung des Problems
nachvollziehbar dokumentiert sind.
Kirchheim grenzt diesen Ansatz dabei von knappen
Servicenotizen ab, die für spätere Einsätze wenig hilfreich sind. Statt einer
Angabe wie „die Lampe leuchtete rot“ erfasse das System auch, warum ein Fehler
entstanden sei und wie der Techniker ihn behoben habe.
Auch in der Produktion sieht Kirchheim konkrete
Einsatzmöglichkeiten. KI-Agenten könnten Informationen aus Schichtübergaben
strukturieren und für die nächste Schicht aufbereiten.
Beschäftigte erhielten damit einen Überblick über
aufgetretene Probleme und mögliche Lösungswege. Das könne besonders dann
helfen, wenn Spezialisten in der Nacht- oder Spätschicht nicht verfügbar seien.
Sie wollen mehr über KI-Agenten erfahren? Dann hören Sie sich
die Podcast-Folge mit Jana Kirchheim an. Weitere Themen der Folge: Leadership
im KI-Zeitalter und die Frage, wie Unternehmen Fachwissen sichern können, wenn
zum Beispiel erfahrene Mitarbeitende in den Ruhestand gehen.
• Welche Aufgaben übernehmen KI-Agenten in der Industrie? – KI-Agenten können Entscheidungen vorbereiten, Prozesse automatisieren und eigenständig Aktionen ausführen.
• Wo werden KI-Agenten besonders häufig eingesetzt? – Laut Jana Kirchheim vor allem in Produktentwicklung, Produktion, Service und Supply Chain.
• Was sind Multiagentensysteme mit KI-Agenten? – Mehrere spezialisierte KI-Agenten arbeiten gemeinsam an einem übergreifenden Prozess und werden durch einen Orchestrator koordiniert.
• Benötigen KI-Agenten perfekte Daten? – Nein. Für erste Projekte reichen laut Kirchheim klar abgegrenzte und qualitativ ausreichende Datensätze aus.
• Können auch mittelständische Unternehmen KI-Agenten einsetzen? – Ja. Als Einstieg eignen sich beispielsweise Angebotserstellung, Produktionsplanung oder Anforderungsanalyse.