Für jede Anwendung die richtige Materialprüfung
Tipps zur Auswahl und korrekten Durchführung von Materialprüfungen in industrieller R&D sowie in der Qualitätssicherung
Sowohl in der Forschung und Entwicklung als auch in der Qualitätssicherung spielt die Schlagprüfung häufig eine zentrale Rolle.
Instron)
In den letzten Jahren stehen Werkstoffingenieure vor einer
bekannten, jedoch zunehmend komplexen Herausforderung: Materialien müssen immer
mehr leisten – in anspruchsvolleren Anwendungen und bei gleichzeitig geringerem
Fehlertoleranzspielraum. Die Wahl eines ungeeigneten Prüfverfahrens oder die
falsche Anwendung einer grundsätzlich geeigneten Prüfung kann zu irreführenden
Ergebnissen, kostspieligen Neuentwicklungen und im Extremfall zu Ausfällen im
realen Einsatz führen.
Die Werkstoffprüfung befindet sich an der Schnittstelle zwischen
Entwicklung, Produktion und Qualitätssicherung (QS). In der Forschung und
Entwicklung stützen sich Ingenieure auf Prüfungen, um das Verhalten eines
Materials zu verstehen, seine Reaktion auf Belastungen zu analysieren und zu
bewerten, wie sich Änderungen in Rezeptur oder Verarbeitungsprozess auf die
Leistungsfähigkeit auswirken. Später, in den QS-Laboren, übernimmt die Prüfung
eine Gatekeeper-Funktion: Sie bestätigt, dass jede Charge die im technischen
Datenblatt zugesicherten Eigenschaften erfüllt und über die Zeit hinweg ein
konsistentes Verhalten zeigt.
Herausforderungen bei der Werkstoffprüfung
Sowohl
in der Forschung und Entwicklung als auch in der Qualitätssicherung spielt die
Schlagprüfung häufig eine zentrale Rolle – insbesondere bei polymerbasierten
Werkstoffen, die im Einsatz Stürzen oder schlagartigen Belastungen standhalten
müssen. Dabei ist es jedoch entscheidend zu erkennen, dass die Schlagzähigkeit
keine einzelne, universell gültige Materialkennzahl ist. Unterschiedliche
Prüfverfahren erfassen unterschiedliche Aspekte des Werkstoffverhaltens, unter
verschiedenen Randbedingungen und mit sehr unterschiedlichem
Detaillierungsgrad.
Einfachere
Methoden, wie Pendelschlagversuche, liefern einen einzelnen Kennwert, der sich
leicht vergleichen lässt und sich ideal für die
Hochdurchsatz-Qualitätskontrolle eignet. Anspruchsvollere Ansätze, etwa
instrumentierte Fallturmprüfungen, erzeugen hingegen umfangreiche Datensätze,
die aufzeigen, wie sich Kraft, Weg und Energie während des gesamten
Schlagereignisses entwickeln.
Probleme
entstehen, wenn Prüfverfahren aus Gewohnheit statt aus fachlicher Zielsetzung
ausgewählt werden. Ingenieure wenden häufig einen vertrauten Standard an, ohne
ausreichend zu hinterfragen, ob dieser das reale Anwendungsszenario, das
simuliert werden soll, tatsächlich widerspiegelt. Bereits
kleine Abweichungen können dabei große Auswirkungen haben. Änderungen der
Probengeometrie, die Verwendung einer falschen Schlagenergie oder die Anwendung
einer Norm, die für eine andere Werkstoffklasse entwickelt wurde, können die
Ergebnisse erheblich verfälschen. Insbesondere bei Polymeren spielen Faktoren
wie Kerbempfindlichkeit, Temperatur und Probenpräparation eine entscheidende
Rolle dafür, ob sich ein Werkstoff unter Schlagbeanspruchung duktil oder spröde
verhält.
Ein
falsches Verständnis des Schlagverhaltens hat Konsequenzen entlang der gesamten
Wertschöpfungskette. So kann ein Rohstoffhersteller beispielsweise einen
Schlagzähigkeitswert angeben, der sich später in der Praxis als nicht
erreichbar erweist und zu Auseinandersetzungen führt. Ebenso kann ein
Hersteller erst spät in der Entwicklung feststellen, dass ein Material nicht
wie erwartet performt – mit der Folge kostspieliger Neuentwicklungen oder
Produktionsverzögerungen. Selbst in der Qualitätssicherung können unerwartete
Prüfergebnisse die Produktion vollständig zum Stillstand bringen, bis die
Ursachen geklärt sind.
Fundierte Auswahl von Werkstoffprüfungen
Bei
der Auswahl von Werkstoffprüfungen sollte es stets darum gehen, das für die
jeweilige Aufgabe geeignete Prüfverfahren zu wählen – und nicht einfach
dasjenige, mit dem man am besten vertraut ist. Prüfmethoden müssen auf
Werkstofftyp, Anwendung und Entwicklungsphase abgestimmt sein. Für
die routinemäßige Qualitätssicherung bleibt die Pendelschlagprüfung eine
schnelle, robuste und normierte Lösung, insbesondere wenn Ergebnisse direkt mit
Werten aus technischen Datenblättern verglichen werden sollen. In der Forschung
und Entwicklung sowie bei anspruchsvollen Anwendungen bieten instrumentierte
Prüfverfahren deutlich tiefere Einblicke, da sie es Ingenieuren ermöglichen zu
verstehen, wie und warum eine Probe unter der Prüfbelastung versagt hat.
Ebenso
wichtig ist alles, was vor der eigentlichen Prüfung geschieht. Die
Probenpräparation – insbesondere das Anbringen von Kerben – muss mit hoher
Präzision und Wiederholgenauigkeit erfolgen. Selbst die Art der Kerberzeugung,
ob durch Schneiden oder Fräsen, kann die lokalen Materialeigenschaften
beeinflussen und damit letztlich das Prüfergebnis verändern.
Ein
weiterer kritischer Faktor ist die Wahl der Schlagenergie. Ein zu
energiereicher Hammer kann Unterschiede zwischen Materialien überdecken,
während eine zu geringe Energie zu nicht aussagekräftigen oder uneindeutigen
Ergebnissen führt. Da
kontinuierlich neue Werkstoffe entwickelt werden, werden Ingenieure zunehmend
außerhalb etablierter Normen prüfen müssen. In solchen Fällen ist es
entscheidend, eine belastbare Korrelation zwischen Prüfergebnissen und dem
Verhalten im realen Einsatz herzustellen. Dies erfordert eine sorgfältige
Parameterauswahl, ein klares Verständnis der Grenzen des Prüfverfahrens sowie
eine enge Zusammenarbeit zwischen Prüfspezialisten – wie Instron – und
Materialentwicklern.
Letztlich
ist die richtige Prüfung jene, die die richtige Fragestellung beantwortet.
Indem Ingenieure zunächst die Endanwendung, die zu erwartenden
Belastungsbedingungen und die Entscheidungen, die auf Basis der Daten getroffen
werden, in den Fokus stellen, stellen sie sicher, dass die Werkstoffprüfung ein
leistungsfähiges Werkzeug bleibt und nicht zu einer potenziellen Quelle von
Unsicherheit wird.