Ein Jahr Trump: Wie US-Zölle die deutsche Wirtschaft treffen
Ein Jahr nach Beginn von Trumps zweiter Amtszeit zeigen sich deutliche wirtschaftliche Auswirkungen seiner Zollpolitik – insbesondere für die exportorientierte deutsche Industrie.
Alexander SturmAlexanderSturmAlexander Sturmdpa
Khang MischkeKhangMischkeKhang Mischkedpa
Frank JohannsenFrankJohannsenFrank Johannsendpa
Veröffentlicht
"America first" verspricht Donald Trump - und lässt kaum einen Stein auf dem anderen. Seine Zollpolitik hat schwere Folgen für Deutschland. Dem obersten US-Gericht kommt nun eine zentrale Rolle zu.bluedesign - stock.adobe.com)
Anzeige
Ob aus Gründen der "nationalen Sicherheit" oder als Strafmaßnahme: Kaum ein Druckmittel war und ist für US-Präsident Donald Trump so wichtig wie Zölle, die er wiederholt als sein "Lieblingswort" bezeichnete. Gegen die EU, China oder Kanada: Im ersten Jahr seiner zweiten Amtszeit spielten Zölle eine wesentliche Rolle.
Ein Jahr nach Trumps Amtsantritt wird klar, dass die Negativfolgen für die deutsche Wirtschaft von Dauer sind. Zwar haben sich die EU und die USA im Sommer 2025 auf ein Abkommen geeinigt, das für die meisten EU-Importe ein Zollsatz von 15 Prozent vorsieht. Doch Brüssel musste große Zugeständnisse machen - etwa den zollfreien Import von amerikanischen Autos nach Europa.
Anzeige
Das Ifo-Institut rechnet mit jahrelangen Belastungen für die deutsche Wirtschaft. Eine Bilanz, wie sich Trumps Zölle bereits heute auswirken.
"Die US-Zölle sind ein negativer Schock für die deutsche Wirtschaft und treffen sie gleich dreifach", sagte Lisandra Flach, Leiterin des Ifo-Zentrums für Außenwirtschaft. "Erstens, weil Deutschland weniger in die USA exportiert und zweitens, weil die Zölle Chinas Wirtschaft treffen und damit die Nachfrage nach deutschen Waren sinkt. Drittens, weil China wegen Trumps Zöllen nach neuen Märkten sucht und Waren verstärkt nach Europa umgelenkt werden, was Deutschland Konkurrenz macht."
Die hohen US-Zölle treffen die deutschen Exporteure auf ihrem wichtigsten Exportmarkt. Das Geschäft mit den Vereinigten Staaten, in die 2024 deutsche Waren im Wert von 161 Milliarden Euro gingen, ist im vergangenen Jahr eingebrochen, im November lag es laut Statistischem Bundesamt sogar um fast ein Viertel unter Vorjahresniveau. Der Rückgang im US-Geschäft lastet schwer auf dem gesamten deutschen Export, der 2025 das dritte Jahr in Folge schrumpfte. Von ihm hängt fast jeder vierte Arbeitsplatz in Deutschland ab.
Die Zölle unter Trump dämpften dem Ifo zufolge das Wachstum der deutschen Wirtschaft 2025 um 0,3 Prozentpunkte, dieses Jahr sollen es 0,6 Prozentpunkte sein. Das klingt wenig, entspricht aber etwa dem Effekt, den das Ifo aus den riesigen Staatsausgaben für Infrastruktur und Verteidigung sowie weiterer Entlastung für die Wirtschaft erwartet.
Als wäre das nicht genug, hat der Dollar seit Trumps Amtsantritt kräftig an Wert verloren, was deutsche Waren auf den Weltmärkten verteuert.
Anzeige
Autobranche leidet
Gerade die deutsche Autobranche wird von Trumps Zöllen belastet. Die USA zählen traditionell zu den wichtigsten Auslandsmärkten, vor allem für Porsche, BMW und Mercedes. Und die Zölle trafen die Branche härter und früher als andere: Zunächst mit 27,5 Prozent, die im August nach dem Deal mit der EU auf 15 Prozent sanken. Das ist aber immer noch sechsmal so viel wie die 2,5 Prozent, die vorher galten.
In der Folge brach der Auto-Export aus Deutschland in die USA ein. Noch 2024 gingen laut dem Branchenverband VDA fast 450.000 Autos in die Vereinigten Staaten, knapp ein Neuntel der Gesamtproduktion. In den ersten elf Monaten 2025 waren es laut VDA acht Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum, in den Monaten ab der Zoll-Einführung im April lag das Minus mit 16 Prozent doppelt so hoch.
"Trump hat die Autoindustrie in Deutschland und in Europa massiv getroffen", sagt Autoexperte Stefan Bratzel. Mit seinen Zöllen verstärke er den Trend, dass Autos immer mehr da gebaut werden, wo sie verkauft werden. "Für unsere exportorientierte Autoindustrie ist das ein völliges Errodieren ihres klassischen Geschäftsmodells. Für die Arbeitsplätze in Europa, in Deutschland, ist das natürlich Gift."
Anzeige
Maschinenbau und Stahl unter Druck
Besonders hoch sind die US-Zölle auf Stahl mit 50 Prozent. "Ein Jahr US-Präsident Donald Trump bedeutet für die Stahlindustrie vor allem anhaltende handelspolitische Unsicherheit – und das in einer Phase, in der die Branche in Deutschland ohnehin stark unter Druck steht", sagt die Hauptgeschäftsführerin der Wirtschaftsvereinigung Stahl, Kerstin Maria Rippel.
In den ersten zehn Monaten 2025 seien die Stahlexporte in die USA um elf Prozent zum Vorjahreszeitraum geschrumpft. "Da kurzfristig nicht mit geringeren Zöllen zu rechnen ist, dürften sich die negativen Auswirkungen in den kommenden Monaten weiter verstärken." Es dränge zunehmend Stahl aus anderen Weltregionen, der früher in die USA ging, in den EU-Markt.
Anzeige
Die Stahlzölle berechnen die Amerikaner zudem auf den Stahlanteil in Maschinen, was den deutschen Maschinenbau belastet. Dort ist die Produktion laut Branchenverband VDMA das dritte Jahr nacheinander geschrumpft, die Folge sind Jobabbau und Kurzarbeit in vielen Betrieben.
Nur wenige Bereichen bleiben von Trumps Zöllen verschont, sagt Ifo-Ökonomin Flach. Ausnahmen seien etwa Dienstleister, da sie nicht betroffen seien und der deutsche Agrarsektor. Er profitiere von Vorteilen im Handel mit China, da US-Produkte mit dem Zollstreit zwischen den beiden Großmächten teurer geworden seien. "Diese beiden Effekte auf die deutsche Wirtschaft sind aber minimal."
Anzeige
Da Trump die Arzneipreise in den USA senken will, hat er auch den Gesundheitsmarkt ins Visier genommen. Als Zugeständnis haben eine Reihe von Pharmakonzernen angekündigt, Milliarden in den USA zu investieren und Arzneien mit Rabatt über den von Trump initiierten Direktvertrieb "TrumpRX" zu verkaufen.
Doch müssen Arzneihersteller die Preise im lukrativen US-Markt senken, dürften sie versuchen, höhere Preise woanders durchzusetzen. Kurzfristige Preissprünge in Deutschland sind aber nicht zu erwarten, denn der Markt für verschreibungspflichtige Medikamente ist streng reguliert und viele Lieferverträge sind langfristig angelegt.
Konzerne knicken vor Trump ein
Einige Unternehmen haben auf Trumps Druck reagiert. So sagte der Pharmakonzern Merck zu, Behandlungen für künstliche Befruchtungen in den USA deutlich günstiger anzubieten. Im Gegenzug soll der Dax-Konzern von Pharmazöllen befreit bleiben. Bedingung ist, dass er in die Produktion und Forschung in Amerika investiert. Einem ähnlichen Abkommen mit der Trump-Regierung schloss sich kürzlich Boehringer Ingelheim an.
Auch VW-Chef Oliver Blume mühte sich um einen Deal mit den USA - und lockte mit Investitionen. Für jeden in den USA investierten Dollar, so die Idee, könnte ein Dollar Zoll erlassen werden. In die Waagschale warf VW den Aufbau der neuen US-Marke Scout - und ein mögliches erstes Audi-Werk in den USA, das der Konzern prüft. Zu Ergebnissen führten die Gespräche bisher aber nicht.
Kommen Sie zum Maschinenbau-Gipfel!
Lernen Sie von den Besten der Branche, wie Geschäftsmodelle an neue Rahmenbedingungen angepasst werden können. Seien Sie dabei, wenn die führenden Köpfe des europäischen Maschinenbaus Projekte und Best Practices für den Maschinenbau diskutieren!
Die Branche trifft sich im November 2026 in Berlin.
Nach Angaben des Vermögensverwalters Lazard Asset Management hat die Trump-Regierung die durchschnittlichen Zölle auf Importe auf das höchste Niveau seit 1935 erhöht. Lazard-Stratege Ron Temple erwartet keine Kehrtwende in der Zollpolitik, auch mit Blick auf die steigenden Schulden in den USA. "Angesichts der Haushaltslage dürfte der Spielraum für umfassende Zollsenkungen begrenzt bleiben." Zusätzliche Zölle auf einzelne Produktgruppen seien wahrscheinlich.
Was die Zölle den USA bringen
Die Zölle auf Importe aus aller Welt bringen den USA riesige Einnahmen. Sie liegen nach Angaben des Weißen Hauses bei umgerechnet rund 200 Milliarden Euro. Zuvor hatte die US-Grenzschutzbehörde von gut 200 Milliarden Dollar zwischen Trumps Amtsantritt am 20. Januar und dem 15. Dezember gesprochen. Damit bleibt die Summe hinter Erwartungen zurück: Im Juli hatte US-Finanzminister Scott Bessent noch 300 Milliarden Dollar bis Jahresende in Aussicht gestellt.
Wo neue Zölle drohen
Auch wenn es einen Deal mit der EU gibt: Vor Trumps wankelmütiger Zollpolitik kann sich kaum eine Branche sicher fühlen. Bangen müssen etwa Hersteller von Polstermöbeln, Küchenschränken und Waschtischen. Trump hatte zunächst eine Zollerhöhung für den 1. Januar 2026 angepeilt, diese aber an Silvester um ein Jahr verschoben. Für Küchenschränke und Waschtische hatte er einen Zoll von 50 Prozent geplant, für Polstermöbel 30 Prozent.
Aber nicht alle in den USA sind von Trumps Zöllen angetan. Jene, die Trump unter Berufung auf ein Notstandsgesetz von 1977 gegen Dutzende Handelspartner verhängte, werden vor dem Obersten Gericht der USA verhandelt. Die Frage ist, ob Trump seine Kompetenz überschritten hat.
Dabei geht es auch um die Zölle auf EU-Produkte, die in die USA exportiert werden. Eine Entscheidung des Supreme Court steht noch aus. Unklar ist, welchen konkreten Einfluss der Prozessausgang auf den Zolldeal zwischen EU und USA hat - etwa, ob die US-Zölle dann gekippt werden könnten.
Selbst wenn der Supreme Court gegen Trump entscheide, bedeute das aber nicht zwingend das Ende seiner Zollpolitik, meint Adam Hersh, Ökonom am Economic Policy Institute in Washington. Denn Trump habe noch andere gesetzgeberische Wege, um Zölle durchzusetzen - auch weiter ohne Zustimmung des Kongresses. Das wäre nach einer juristischen Niederlage dann zwar komplizierter. "Aber die Instrumente wären da und die Trump-Regierung wäre sicher bereit, sie zu nutzen." Hersh ist überzeugt: "Trump hat nicht den Geschmack daran verloren, Zölle einzusetzen."
Quelle: dpa, bearbeitet von Anja Ringel
FAQ: Auswirkungen der Trump-Zölle auf die deutsche Industrie
1. Welche Branchen in Deutschland sind von Trumps Zöllen besonders betroffen?
Die Zölle der US-Regierung treffen vor allem drei Kernbranchen: die Automobilindustrie, den Maschinenbau und die Stahlindustrie. Diese Sektoren sind stark exportorientiert und damit direkt von Importzöllen in den USA betroffen. Auch indirekte Effekte über den chinesischen Markt verschärfen die Lage.
2. Warum wirken sich die Zölle auch auf deutsche Exporte nach China aus?
Chinas Wirtschaft ist durch die US-Zölle geschwächt, was zu einem Nachfragerückgang nach deutschen Produkten führt. Zudem leitet China seine Exporte vermehrt in Richtung Europa um, was in Deutschland zu vermehrter Konkurrenz und Preisdruck führt.
3. Wie stark sind die deutschen Autoexporte in die USA zurückgegangen?
Nach Einführung der US-Zölle im April 2025 sank der Export deutscher Autos in die USA deutlich. Laut VDA gingen in den ersten elf Monaten des Jahres 2025 acht Prozent weniger Fahrzeuge in die USA als im Vorjahreszeitraum. In den Monaten nach Einführung der Zölle lag das Minus sogar bei 16 Prozent.
4. Gibt es Branchen in Deutschland, die von den Zöllen profitieren?
Positive Effekte zeigen sich nur in sehr begrenztem Umfang. Der deutsche Agrarsektor profitiert leicht, da China im Zuge des Handelskonflikts vermehrt europäische statt US-Produkte kauft. Zudem ist der Dienstleistungssektor weitgehend unberührt, da er nicht von Warenzöllen betroffen ist.
5. Was wird aktuell rechtlich gegen Trumps Zölle unternommen?
Mehrere der von Trump verhängten Zölle werden derzeit vor dem Obersten Gericht der USA (Supreme Court) verhandelt. Es geht um die Frage, ob Trump mit Verweis auf ein Notstandsgesetz aus dem Jahr 1977 seine Kompetenzen überschritten hat. Die Entscheidung steht noch aus, könnte aber Auswirkungen auf einzelne Zölle haben – ein vollständiger Kurswechsel wird jedoch nicht erwartet.