Mitarbeiter, der einen Chip in der Hand hält

Der Chipmangel wird die Industrie auch in diesem Jahr beschäftigen. (Bild: Maha Heang 245789 - stock.adobe.com)

Die Elektroindustrie blickt auf ein gutes Jahr zurück und optimistisch auf das neue Jahr. Das erklärte ZVEI-Präsident Gunther Kegel auf der heutigen Pressekonferenz. Grund für seinen Optimismus sind die Zahlen, die der Verband vorlegen konnte: Die Produktion stieg zwischen Januar und November 2021 um rund neun Prozent. Der Umsatz legte im gleichen Zeitraum knapp zehn Prozent zu. Auf das gesamte Jahr hochgerechnet hat der Umsatz erstmals fast die 200-Milliarden-Euro-Marke erreicht. „Als eine von wenigen Branchen ist es gelungen, die Verluste aus dem Vorjahr mehr als nur wettzumachen“, sagt Kegel.

So konnten sich auch fast alle Teilbranchen positiv entwickeln. Ein starkes Wachstum mit rund 40 Prozent gab es zum Beispiel im Batteriesektor. Natürlich aufgrund der steigenden Elektromobilität. Auch der Haushaltsgerätesektor boomte.

Die Branche profierte stark von den gestiegenen Exporten nach China (plus acht Prozent), in die USA (plus neun Prozent) – und nach Europa. Denn die deutsche Elektroindustrie liefert weiterhin zwei Drittel ihrer Exporte ins europäische Ausland, die zweistellige Zuwächse erzielten.  

Positiv ist außerdem, dass die Kurzarbeit auf 15.000 Beschäftigte zurückging. Zum Vergleich: Anfang 2021 waren noch mehr als 100.000 Menschen in der Elektroindustrie in Kurzarbeit (mehr dazu lesen Sie hier). Kegel erklärte, die derzeitige Kurzarbeit sei auf Versorgungslücken bei den Vorprodukten zurückzuführen.

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Chipmangel wird das ganze Jahr eine Herausforderung sein

Denn natürlich belasten die Branche – wie viele anderen Branchen auch – Lieferschwierigkeiten. Ohne die Lieferengpässe hätte der Umsatz im vergangenen Jahr nach Einschätzung des Verbandes deutlich höher ausfallen können. Es wäre wohl auch die 200-Milliarden-Euro-Marke geknackt worden.

Die Lieferengpässe werden die Industrie dieses Jahr weiter beschäftigen. Der ZVEI rechnet nicht damit, dass es im ersten Halbjahr eine Entspannung  geben wird. „Wir werden das ganze Jahr über einen Chipmangel haben“, prognostizierte Kegel. Der Mangel werde aber schwächer werden. Alles, was die Unternehmen jetzt gegen Lieferschwierigkeiten unternehmen, sei Vorplanung und habe keine Auswirkungen auf die aktuelle Situation, so der Präsident weiter.

Auch Infineon rechnet damit, dass sich die Lage bei den Halbleitern erst 2023 entspannen wird. Mehr dazu lesen Sie hier.

Trotz Lieferschwierigkeiten geht der Verband von einem Produktionsplus von vier Prozent aus. Wie hoch das Wachstum letztendlich sein wird, hänge aber von der Verfügbarkeit der Vorprodukte ab. Sollte es gelingen, die hohen Auftragsbestände rasch abzuarbeiten, könnte das Wachstum noch höher ausfallen. Kegel hofft deshalb, die Prognose Mitte des Jahres anheben zu können.

Halbleiterproduktion in Europa soll wachsen

Auch im Hinblick auf die immer wichtiger werdenden Halbleiter forderte der ZVEI, die technologische Souveränität und die Resilienz Europas zu stärken. „Europa kann nur aus einer starken Position heraus seine Wirtschaftsinteressen gegenüber China und den USA selbstbewusst vertreten“, sagte Kegel. Deshalb dürfe es keine einseitigen Abhängigkeiten bei Spitzentechnologien geben. Wenn anderswo Milliarden-Förderungen erfolgen, dürfe Europa nicht zurückstehen.

In Europa werden derzeit rund neun Prozent der weltweiten Halbleiter hergestellt. Ziel der EU ist es, auf 20 Prozent zu kommen. Der Ausbau sei eine richtige und wichtige Zielsetzung, sagte Kegel. Wolfgang Weber, Vorsitzender der ZVEI-Geschäftsführung ergänzte, künftig werden bei Technologien wie dem Autonomen Fahren verschiedene Spezialisierungen von Halbleitern gebraucht. Es sei deshalb richtig, die Stärken in der EU zu fördern und da zu investieren, wo Europa noch Aufholbedarf habe.

Wichtig sei aber nicht nur die Halbleiter in Europa herzustellen, sondern dort auch die Produktionsstätten zu haben, die die Halbleiter dann verbauen, sagte Kegel.

Wie die Industrie auf Fachkräftemangel reagieren wird

Ein weiteres Anliegen des ZVEI: Die europäische Normungsarbeit muss strategisch besser aufgestellt werden. Die Europäische Union verliere in der internationalen Normung an Bedeutung. „Wir sind zu langsam“, sagte Kegel. Der Grund: Es müssen zu viele verschiedene Interessen beachtet werden. Es sei deshalb besser, wenn Stakeholder von Anfang an die Normungsgremien begleiten.

Ebenfalls ein Problem, das die ganze Industrie beschäftigt, ist der Fachkräftemangel. Laut einer Berechnung stehen in ein paar Jahren sechs Hochschulabsolventen zehn Menschen, die in Ruhestand gehen, gegenüber, so Kegel. Diese Lücke lasse die Industrie nicht einfach stehen. Sie werde die fehlenden Ingenieurskapazitäten gegebenenfalls an anderen Standorten aufbauen, erklärt der ZVEI-Präsident.

Die Industrie treffe der Fachkräftemangel deshalb nicht in Gänze, aber er wird den Industriestandort Deutschland treffen, wenn keine Lösung gefunden wird. Der Fachkräftemangel sei deshalb vielmehr eine volkwirtschaftliche Herausforderung.

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