EU und Indien besiegeln Freihandelsabkommen: Rückenwind für den Maschinenbau
Die EU und Indien haben sich auf ein Freihandelsabkommen geeinigt. Für den Maschinenbau bedeutet das: weniger Zölle, weniger Hürden, mehr Marktzugang. Der VDMA spricht von einem „Feiertag“ für den exportorientierten Maschinen- und Anlagenbau.
Ziel des Abkommens ist es, Handelsbarrieren und Zölle schrittweise abzubauen, den Austausch von Waren und Dienstleistungen zu erleichtern und die wirtschaftliche Zusammenarbeit deutlich auszubauen.studio v-zwoelf - stock.adobe.com)
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Die Europäische Union und Indien haben am Rande des EU-Indien-Gipfels in Neu-Delhi den politischen Abschluss der Verhandlungen über ein umfassendes Freihandelsabkommen bekanntgegeben. Das teilten EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Indiens Premierminister Narendra Modi mit. Für den deutschen und europäischen Maschinen- und Anlagenbau sowie die Elektro- und Digitalindustrie gilt die Einigung als strategisch wichtiger Schritt – wirtschaftlich wie geopolitisch.
Ziel des Abkommens ist es, Handelsbarrieren und Zölle schrittweise abzubauen, den Austausch von Waren und Dienstleistungen zu erleichtern und die wirtschaftliche Zusammenarbeit deutlich auszubauen. Gleichzeitig soll die Abhängigkeit von einzelnen Handelspartnern reduziert werden. Vor dem Hintergrund der aggressiven Zollpolitik der USA und des zunehmenden Machtstrebens Chinas erhält der Deal zusätzliche geopolitische Bedeutung.
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„Die EU und Indien schreiben heute Geschichte und vertiefen die Partnerschaft zwischen den größten Demokratien der Welt“, sagte von der Leyen. Mit der geplanten Freihandelszone entstehe ein Wirtschaftsraum mit rund zwei Milliarden Menschen. Zugleich sende Europa ein Signal, dass regelbasierte Zusammenarbeit weiterhin funktioniere.
Bundesregierung sieht Stärkung der wirtschaftlichen Resilienz
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Auch die Bundesregierung bewertet das Abkommen als wichtigen industriepolitischen Schritt. Bundesministerin für Wirtschaft und Energie Katherina Reiche sprach von einem Meilenstein für Europas wirtschaftliche Resilienz: „Das Freihandelsabkommen zwischen der EU und Indien markiert einen nächsten großen Schritt für Europas wirtschaftliche Resilienz. Mit fast zwei Milliarden Menschen entsteht eine der größten Freihandelszonen der Welt. Das Abkommen macht deutlich: Europa handelt entschlossen und stellt seine Partnerschaften breiter auf.“
Davon profitiere insbesondere die exportorientierte Wirtschaft. „Das Abkommen stärkt unsere Exportwirtschaft – und Europas Position in der globalen Wirtschaft“, so Reiche.
Nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums verbessert das Abkommen den Marktzugang zum indischen Markt vor allem für zentrale Industriezweige der deutschen Wirtschaft. Dazu zählen neben dem Maschinenbau auch Chemie und Pharmazie, Elektrotechnik, Luft- und Raumfahrt sowie die Fahrzeug- und Zulieferindustrie. Nach vollständiger Umsetzung sollen Zölle auf rund 96,6 Prozent der EU-Ausfuhren nach Indien abgeschafft oder gesenkt werden.
Wachstumsmarkt Indien rückt stärker in den Fokus
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Auch Wirtschaftsforscher bewerten das Abkommen als überfällig. Sonali Chowdhry, Handelsexpertin beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin), spricht von einem wichtigen Impuls nach jahrelangen, teils stockenden Verhandlungen: „Die bilaterale Partnerschaft gewinnt nun dringend benötigte Dynamik. Indien wird bis 2026 voraussichtlich um 7,3 Prozent wachsen und in den kommenden Jahren zu einer der drei größten Volkswirtschaften der Welt aufsteigen. Die EU kann es sich kaum leisten, ihre Präsenz auf diesem Markt nicht auszubauen.“
Bereits heute bestehen laut DIW mehr als 170.000 Käufer-Lieferanten-Beziehungen zwischen indischen und europäischen Unternehmen. Der Abbau von Zöllen und anderen Handelshemmnissen eröffne EU-Exporteuren neue Chancen – insbesondere in Schlüsselindustrien wie Automobil, Maschinenbau und Elektrotechnik.
Rückenwind für Maschinen- und Anlagenbau
Für den Maschinen- und Anlagenbau ist das Abkommen von zentraler Bedeutung. Nach Angaben der EU sollen Zölle von bis zu 44 Prozent auf Maschinen weitgehend abgeschafft werden. Auch technische Handelshemmnisse sollen reduziert werden. Ziel sei es, Verfahren im bilateralen Handel zu vereinfachen und den Marktzugang für Unternehmen praktikabler zu gestalten – ein Punkt, der insbesondere für mittelständische Betriebe relevant ist.
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Der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) begrüßt die Einigung ausdrücklich. VDMA-Hauptgeschäftsführer Thilo Brodtmann spricht von einem Meilenstein: „Der exportorientierte Maschinen- und Anlagenbau braucht regelbasierten Handel wie die Luft zum Atmen. Das Freihandelsabkommen zwischen Indien und der EU bringt dringend benötigten Sauerstoff in eine Welt, die zunehmend von Handelskonflikten dominiert wird.“
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Indien zählt zu den wachstumsstärksten und strategisch wichtigsten Absatzmärkte der Branche. Allein 2024 exportierte Deutschland Maschinen im Wert von über 4,3 Milliarden Euro nach Indien.
ZVEI sieht Chancen für Elektro- und Digitalindustrie
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Auch die Elektro- und Digitalindustrie blickt positiv auf das Abkommen. Wolfgang Weber, Vorsitzender der ZVEI-Geschäftsführung, bezeichnet den Abschluss der Verhandlungen als „sehr gutes Zeichen“ – nicht zuletzt vor dem Hintergrund der jüngsten handelspolitischen Spannungen mit den USA.
Besonders relevant für die Branche: Zölle auf elektrische Ausrüstungen von bislang bis zu 44 Prozent sollen in vielen Fällen vollständig entfallen. Seit dem Jahr 2000 haben sich die Ausfuhren der deutschen Elektro- und Digitalindustrie nach Indien verachtfacht. 2024 beliefen sich die Exporte auf rund 3,1 Milliarden Euro – mit Schwerpunkten in der Automation, Energietechnik und Elektromedizin.
Die Vorteile des Abkommens auf einen Blick.
Teil der europäischen Freihandelsagenda
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Aus Sicht des Bundeswirtschaftsministeriums fügt sich die Einigung mit Indien in die übergeordnete Freihandelsagenda Deutschlands und der EU ein. Sie schließt an frühere Verhandlungsabschlüsse mit Partnern wie Indonesien und den Mercosur-Staaten an und unterstreicht den politischen Willen, neue verlässliche Handelspartnerschaften zu schaffen.
Bis das Abkommen in Kraft treten kann, sind noch formale Schritte nötig. Der Vertragstext muss rechtlich geprüft, in alle Amtssprachen der EU übersetzt und anschließend vom Europäischen Parlament sowie den Mitgliedstaaten ratifiziert werden. Für die Industrie gilt der politische Durchbruch jedoch bereits jetzt als starkes Signal – insbesondere für Maschinenbau, Elektro- und Digitalindustrie sowie andere exportorientierte Branchen.
mit Material von dpa, VDMA, ZVEI, DIW und BMWe
Freihandelsabkommen EU–Indien – die wichtigsten Fragen
Warum ist das Abkommen für den Maschinenbau so wichtig?
Indien zählt zu den wachstumsstärksten Industriemärkten weltweit. Der Abbau durchschnittlich 7,5 Prozent hoher Zölle auf Maschinen und der Abbau technischer Handelshemmnisse verbessern die Wettbewerbsposition europäischer Hersteller deutlich. Der VDMA spricht von „dringend benötigtem Sauerstoff“ für die Branche.
Welche konkreten Vorteile bringt das Abkommen für deutsche Unternehmen?
Zölle von bis zu 44 Prozent auf Maschinen sollen weitgehend entfallen. Das senkt Kosten, erleichtert Investitionen und stärkt den Marktzugang. Allein 2024 exportierte Deutschland Maschinen im Wert von über 4,3 Milliarden Euro nach Indien – mit deutlich weiterem Potenzial.
Welche Rolle spielt Indien für die europäische Industrie strategisch?
Indien ist mit über 1,45 Milliarden Einwohnern ein Schlüsselmarkt und eine Alternative zu einseitigen Abhängigkeiten von China oder den USA. Der VDMA bezeichnet Indien als „strategisch einen der wichtigsten Wachstumsmärkte“ für den europäischen Maschinen- und Anlagenbau.
Welche geopolitische Bedeutung hat das Abkommen?
In Zeiten zunehmender Handelskonflikte setzt die EU ein Signal für regelbasierten Handel. VDMA-Hauptgeschäftsführer Thilo Brodtmann betont: Das Abkommen stehe „gegen das Recht des Stärkeren“ und für verlässliche Rahmenbedingungen im Welthandel.
Wann tritt das Freihandelsabkommen in Kraft?
Noch nicht sofort. Der Vertragstext muss juristisch geprüft, übersetzt und von EU-Parlament sowie Mitgliedstaaten ratifiziert werden. Der politische Durchbruch gilt jedoch bereits jetzt als starkes Signal an Industrie und Investoren.