Ein Mähdrescher mäht auf einem Feld Weizen ab.

Die Umsätze der Landmaschinen-Hersteller brachen 2019 ein. - Bild: Adobe Stock/karepa

| von Gerd Mischler

Haben sich deutsche Landmaschinenhersteller zu früh gefreut? Noch vor einem Jahr glaubten sie, nichts könne das Wachstum der beiden vorangegangenen Jahre bremsen. Doch dann gingen bis Juni 2019 zehn Prozent weniger Bestellungen bei den Betrieben ein als in der ersten Hälfte des Vorjahres. Die Orders aus Deutschland gingen sogar um 14 Prozent zurück. Der Umsatz der Landmaschinenbauer sank daher 2019 vorläufigen Zahlen zufolge um drei Prozent auf 8,4 Milliarden Euro. Das meldet der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA).

Noch 2018 legten die Erlöse der Landmaschinenbauer um 13 Prozent zu. Große Abschlüsse machten die gut 200 deutschen Hersteller von Traktoren und Mähdreschern, Grubbern und Melkanlagen damals allerdings nicht mit Landwirten, sondern mit ihren Vertragshändlern. Deren Lager sind noch immer voll. Nachbestellungen bleiben daher aus.

Handelsstreit trifft US-Landwirte hart

Aus dem Ausland kommen so schnell auch keine neuen Aufträge. Dort erwirtschaftet die Branche zwei Drittel ihres Umsatzes. Größter Kunde sind französische Betriebe. Sie nehmen fast 16 Prozent der Exporte ab. In die Vereinigten Staaten gehen zwölf Prozent der Ausfuhren, nach Großbritannien 6,7 Prozent.

„Doch Farmer in den USA kämpfen seit fünf Jahren mit Mais- und Sojapreisen, mit denen sie nicht kostendeckend arbeiten können. Da ist die Bereitschaft begrenzt, neue Maschinen anzuschaffen“, erklärt Stephan Werner, Manager des Investmentfonds DWS Invest Global Agribusiness. Solange Präsident Donald Trump sich mit China über Handelsfragen streitet, wird sich an der Einkommenssituation der US-Farmer wenig ändern. Die Volksrepublik nahm lange den größten Teil ihrer Sojabohnen ab.

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In Großbritannien ist das Geschäft ebenfalls eingeschlafen. Dort zogen Landwirte bis Mitte 2019 Investitionen vor, weil sie für ihren neuen Schlepper oder Mähdrescher im Falle eines harten Brexits und hoher Zölle nicht mehr zahlen wollten.

Deutsche Betriebe müssen veraltete Maschinen ersetzen

Immerhin wollen in Deutschland sieben von zehn Landwirten in neue Technik investieren. Jeder zweite von ihnen will vorhandene Maschinen und Geräte durch neuere ersetzen. Das ergab eine Umfrage unter den Besuchern der letztjährigen Branchenleitmesse Agritechnica.

Der Ersatzbedarf der Betriebe ist in der Tat groß. So sind die rund 1,2 Millionen in Deutschland zugelassenen Traktoren im Schnitt über dreißig Jahre alt. Landmaschinenbauer freut das. Sie machen vierzig Prozent ihres Umsatzes mit dem Verkauf von Zugmaschinen.

Moderne Schlepper senken die Betriebskosten erheblich. „Leichtbau und exaktes Motorenmanagement sorgen für Kraftstoffeinsparungen zwischen 35 und 40 Prozent“, erklärt VDMA-Geschäftsführer Dr. Bernd Scherer. „Wer automatisiert lenken lässt, statt selbst das Steuer zu übernehmen, spart im Schnitt zehn Prozent Diesel.“ Da Äcker Privatgrund sind, fahren Traktoren dort schon lange autonom.

Hochautomatisierte und vernetzbare Zugmaschinen, Düngersteuer, Pestizidspritzen und Erntewagen brauchen Landwirte auch, um das Einsparpotenzial zu erschließen, das ihnen die Digitalisierung bietet. Künstliche Intelligenz (KI) wertet für Bauern eine Vielzahl von Daten zum Nährstoffgehalt ihrer Äcker und dem Wachstum der angebauten Pflanzen aus. Sensoren messen die Feuchte des Ackerbodens, seinen pH-Wert, Phosphor- und Stickstoffgehalt. Drohnen und Satelliten nehmen Infrarotbilder von Feldern auf.

„Darauf lässt sich quadratmetergenau erkennen, wo Pflanzen üppiger wachsen und wo sie verkümmern“, so Stephan Werner von DWS. Hinzu kommen Informationen von Wetterdiensten sowie Daten darüber, welchen Ertrag Felder bei welcher Düngung und Bewässerung in früheren Jahren erbracht haben. KI strukturiert und kombiniert diese Informationen und leitet daraus Vorschläge ab, wie Betriebe mit möglichst wenig Dünger und Pestiziden die größtmögliche Ernte einfahren.

Präzisionslandbau verhindert die Verschwendung von Dünger und Pestiziden

Ihre Empfehlungen melden die Systeme an die Maschinen auf dem Feld. Über GPS lassen sich Traktoren auf bis zu zwei Zentimeter genau dort hinlenken, wo der Düngerstreuer oder die Pestizidspritze die berechneten Mengen ausbringen sollen. Dabei treffen sie eine Fläche, die nicht größer ist als eine Briefmarke.

Präzisionslandbau, auf Englisch Precision Farming, setzt Ressourcen so zielgerichtet ein, dass kein Gramm Dünger oder Unkrautvernichtungsmittel verschwendet wird. Landwirte sparen so bis zu 80 Prozent Pestizide ein. Auch brauchen sie nur noch halb so viel Wasser für ihre Felder. Weil sie so düngen, wie es den Bedürfnissen der Pflanzen entspricht, fällt zugleich die Ernte um bis zu 18 Prozent größer aus, ergab eine Studie der US-Bank Goldman Sachs.

Auch ihre Maschinen können Landwirte durch Precision Farming besser auslasten. Ihre Arbeitszeit setzen sie nur noch dort ein, wo sie wirklich Erträge bringt. So lässt sich ihr Einkommen ohne Mehrarbeit um 20 Prozent steigern, hat die Europäische Kommission ermittelt.

Datenmanagement dokumentiert wie nachhaltig Betriebe arbeiten 

„Precision-Farming-Systeme dokumentieren außerdem, wenn Bauern ihr Getreide und Gemüse nachhaltig anbauen, düngen und pflegen. So können Landwirte die Qualität ihrer Produkte lückenlos nachweisen“, ergänzt Andreas Schweikert, Referent für die Digitalisierung der Landwirtschaft beim IT-Branchenverband Bitkom.

Da viele Verbraucher bereit seien, für bessere Nahrungsmittel mehr zu zahlen, ließen sich durch den Präzisionslandbau höhere Preise für Agrarprodukte erzielen. Ein gewaltiger Vorteil für Landwirte. Immerhin sehen neun von zehn Hofbesitzern ihren wirtschaftlichen Erfolg durch nichts so sehr bedroht wie durch den Preisdruck des Einzelhandels, ergab eine gemeinsame Umfrage des Bitkom und des Deutschen Bauernverbandes (DBV).

Außerdem bekommen Landwirte mit den Daten aus dem Precision Farming Argumente für die aktuellen Diskussionen über ihre Rolle beim Insektensterben, ihre angeblich mangelhaften Leistungen bei der Landschaftspflege oder das nitratverseuchte Grundwasser an die Hand. „Sie können nun belegen, dass sie im Gegenzug für Subventionen, die sie erhalten, das Wasser und die Umwelt schonen“, so Schweikert.

Jeder dritte Landwirt will bis zu zehn Prozent seines Umsatzes investieren

Neun von zehn Landwirten haben erkannt, dass sie ihre Ressourcen mit Hilfe der Digitalisierung produktiver einsetzen können, ergab die DBV-Bitkom-Studie. Jeder zweite Befragte hat daher bereits in intelligente Landmaschinen sowie Software investiert, mit der er seine Abläufe optimieren kann.

Anders als Farmer in den USA können sich Bauern in Europa Investitionen in die Digitalisierung ihrer Betriebe leisten. Sie produzieren überwiegend Milch und Weizen. Dessen Preis stieg seit Juli 2019 um fast 29 Prozent. Für einen Liter Milch bekommen Landwirte derzeit 22 Prozent mehr als vor einem Jahr.

Digitalisierung trägt mehr zur Wertschöpfung bei als in der Autoindustrie

Anbieter von Soft- und Hardware für den Präzisionslandbau werden daher 2023 mit 9,5 Milliarden US-Dollar fast doppelt so viel umsetzen wie heute, erwartet das US-Marktforschungsunternehmen MarketsandMarkets.

Insgesamt verdienen Landmaschinenhersteller mit smarter Landtechnik im Jahr 2050 rund 240 Milliarden Dollar, schätzt Goldman Sachs. Einen gewaltigen Teil dieses Umsatz ermöglicht die Digitalisierung der Maschinen. Schon 2015 trugen Sensoren, Elektronik und Software ein Drittel zur Wertschöpfung einer Landmaschine bei – drei mal so viel wie bei einem Mittelklassewagen.

Langfristige Wachstumstreiber für die Landmaschinenbranche sind intakt

Anlass für Trübsinn haben deutsche Landmaschinenhersteller also trotz der verhaltenen Konjunktur im vergangenen Jahr nicht. Zumal viele Entwicklungen dafür sorgen, dass Landwirte künftig immer mehr und immer smartere Maschinen brauchen. So leben Berechnungen der Vereinten Nationen zufolge 2030 gut 8,6 Milliarden Menschen auf der Erde.

Landwirte müssen dann eine Milliarde Menschen mehr ernähren als 2017. Bis 2050 wächst die Weltbevölkerung um weitere 1,2 Milliarden auf fast zehn Milliarden Menschen an. Sollen diese keinen Hunger leiden, müssen Bauern in den kommenden drei Jahrzehnten jedes Jahr 1,75 Prozent mehr Nahrungsmittel produzieren.

Doch werfen ihre Felder im Zuge des Klimawandels immer weniger ab. Steigt die Temperatur um ein Grad, fällt die Maisernte um 7,4 Prozent kleiner aus. Weizenfelder bringen sechs Prozent weniger Ertrag, haben Wissenschaftler der National Academy of Sciences in Washington errechnet. Diese Verluste müssen Landwirte mit intelligenten Traktoren, Erntewagen oder Drohnen sowie produktiveren Arbeitsweisen ausgleichen. Dazu müssen sie investieren. Ein wirklicher Grund zur Freude ist dies für Landmaschinenhersteller allerdings nicht.

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