Autozulieferer macht ernst
Valeo schließt Standort in Bad Neustadt
Ein weiteres Kapitel industriellen Rückzugs: Valeo macht Schluss mit dem Entwicklungsstandort Bad Neustadt. Während Arbeitsplätze fallen, wächst die Kritik.
Der Autozulieferer Valeo schließt seinen Standort in Bad Neustadt an der Saale.
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Valeo vollzieht den nächsten Rückzug
Der französische Autozulieferer Valeo zieht sich weiter aus Deutschland zurück. Nach der bereits vor Jahren erfolgten Stilllegung der Produktion steht nun auch die Entwicklungsabteilung im fränkischen Bad Neustadt vor dem Aus. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wurden zu Wochenbeginn über das Ende des Standorts informiert. Ein Konzernsprecher bestätigte die Entscheidung und nannte wirtschaftliche Gründe: Die Lage der Industrie sei schwierig, der internationale Wettbewerb hoch. Dies zwinge das Unternehmen, seinen Forschungs- und Entwicklungsansatz grundlegend zu überdenken. Die Folge: Aktivitäten sollen in größeren Zentren konzentriert werden – ein zentraler Bestandteil der neuen Strategie.
Die Zahlen hinter der Entscheidung sprechen eine deutliche Sprache. Während der Standort früher über 500 Mitarbeitende beschäftigte, waren es zum Jahreswechsel nur noch 183. Nach aktuellem Stand verlieren davon mindestens 143 ihre Arbeitsplätze. Lediglich 40 Mitarbeitenden wird ein Wechsel zum größeren Valeo-Standort im rund 140 Kilometer entfernten Erlangen angeboten. Dort soll die Entwicklungsabteilung gestärkt werden. Wie viele der Betroffenen das Angebot tatsächlich annehmen, ist noch unklar – ebenso wie mögliche Änderungen der Zahlen im weiteren Verlauf.
Ein Skandal aus Sicht der IG Metall
Deutliche Worte kommen von der IG Metall. Für Reiner Gehring ist die Entscheidung „ein Skandal und ein Schlag ins Gesicht der verbliebenen Beschäftigten, die mit Herzblut am Erhalt des Standortes gearbeitet haben“. Die Kritik richtet sich nicht nur gegen die Maßnahme selbst, sondern auch gegen den Umgang des Unternehmens mit den Mitarbeitenden.
„Statt gemeinsam nach Lösungen zu suchen, will sich das Unternehmen aus der Verantwortung ziehen“, sagt Gehring weiter. Schon Ende 2023 habe man vor genau diesem Szenario gewarnt: Ein Entwicklungsstandort ohne Produktion werde bei Valeo keine Zukunft haben. Die Konzernführung habe dies jedoch vehement bestritten.
Mit dem aktuellen Schritt sieht sich die Gewerkschaft bestätigt – und die Mitarbeitenden fühlen sich überrumpelt.
Valeo auf einen Blick
Der französische Automobilzulieferer Valeo gehört zu den weltweit führenden Technologiepartnern der Automobilindustrie. Das Unternehmen mit Hauptsitz in Paris beschäftigt über 100.000 Mitarbeitende in mehr als 30 Ländern. Valeo entwickelt und produziert Systeme und Komponenten in den Bereichen Elektrifizierung, Fahrerassistenz, Thermomanagement und Lichttechnik. Ein besonderer Fokus liegt auf Lösungen für die Mobilität der Zukunft – etwa für Elektrofahrzeuge und autonomes Fahren. In Deutschland ist Valeo mit mehreren Standorten vertreten, unter anderem in Erlangen, Bietigheim-Bissingen und Wolfsburg
Emotionale Reaktionen aus der Belegschaft
In der Belegschaft herrscht Fassungslosigkeit. Jessica Reichert, stellvertretende Betriebsratsvorsitzende, bringt es auf den Punkt: „Diese Nachricht ist ein Schock für uns. Es geht um Existenzen.“
Der Verlust des Arbeitsplatzes trifft die Menschen hart – und das in einer Region, in der industrielle Arbeitgeber wie Valeo tragende Säulen der wirtschaftlichen Struktur darstellen.
Regionale Konsequenzen
Auch das Landratsamt Rhön-Grabfeld reagierte betroffen. Die Entscheidung wird dort als schwerer Schlag für den Industriestandort Bad Neustadt und den ländlichen Raum in Bayern gewertet. In einer ersten Stellungnahme heißt es, der „schleichende Abbau von Industriearbeitsplätzen im Bereich Automotive und Maschinenbau“ sei nicht nur ein regionales, sondern ein bundesweites Problem.
Landrat Thomas Habermann kündigte an, „mit aller Kraft nach zeitnahen Zukunftsperspektiven für die betroffenen Beschäftigten“ zu suchen. Die Verantwortung sehen die lokalen Behörden dabei nicht nur bei sich selbst, sondern auch bei der Bayerischen Staatsregierung.
Zeitlicher Rahmen bleibt unklar
Wann genau die Schließung vollzogen werden soll, ist derzeit noch offen. Laut Valeo gibt es noch keinen konkreten Zeitplan. Der Konzernsprecher geht allerdings davon aus, dass viele Schritte bereits im laufenden Jahr umgesetzt werden. Die Ungewissheit bleibt – für die Beschäftigten, aber auch für die gesamte Region.
Mit Material der dpa
FAQ zur Schließung des Valeo-Standorts Bad Neustadt
Warum schließt Valeo den Standort Bad Neustadt? - Der Konzern nennt die schwierige Lage der Industrie und internationalen Wettbewerb als Gründe. Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten sollen künftig in größeren Zentren gebündelt werden.
Wie viele Arbeitsplätze sind betroffen? - Von 183 Mitarbeitenden sollen nach aktuellem Stand mindestens 143 ihren Arbeitsplatz verlieren. 40 erhalten ein Angebot für einen Wechsel nach Erlangen.
Was sagt die IG Metall zur Entscheidung? - Die Gewerkschaft spricht von einem „Skandal“ und wirft dem Unternehmen vor, sich der Verantwortung zu entziehen.
Wie reagiert die Region auf die Entscheidung? - Das Landratsamt Rhön-Grabfeld spricht von einem schweren Schlag für den Industriestandort. Landrat Thomas Habermann kündigt Unterstützung für die Beschäftigten an.
Wann erfolgt die Schließung konkret? - Ein genauer Zeitplan liegt noch nicht vor. Laut Valeo sollen viele Maßnahmen aber im laufenden Jahr umgesetzt werden.