Automatisierung und Sozialstaat: Wer zahlt künftig ein?
Humanoide Roboter sichern zunehmend die industrielle Wertschöpfung. Doch wenn menschliche Arbeit als Beitragsbasis schrumpft, gerät das Finanzierungsmodell des Sozialstaats unter Druck, schreibt unser Kolumnist Prof. Andreas Syska.
Prof. Dr. Andreas SyskaProf. Dr. AndreasSyska
Humanoide Roboter übernehmen Aufgaben in Montage und Materialhandling und sichern angesichts des demografischen Wandels zunehmend den Fabrikbetrieb.IM Imagery - stock.adobe.com
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Humanoide Roboter sind längst Realität. Von Montage bis Materialhandling – in den Fabriken übernehmen sie menschliche Arbeit. Präzise, ermüdungsfrei und rund um die Uhr. Dabei geht es aber nur vordergründig um Arbeitskosten, tatsächlich um viel mehr - den demographischen Wandel. In Ostasien ist dieser Wandel nicht zu übersehen. Und dort hat man verstanden, wie wichtig Automatisierung wird, wenn menschliche Arbeitskräfte fehlen - gerade in den Fabriken.
Das wird auch sehr bald bei uns so sein. Automatisierung durch Robotereinsatz wird nicht länger den Zweck haben, Arbeitskosten in Fabriken zu senken, sondern den Fabrikbetrieb überhaupt noch zu ermöglichen. Die technischen Herausforderungen sind groß, aber lösbar. An ihnen wird ja auch intensiv gearbeitet. Bei den ungleich größeren sozialen Herausforderungen ist dies aber nicht zu erkennen.
Unser Sozialsystem lebt von Beiträgen aus menschlicher Arbeit. Wird diese Arbeit weniger, sinken auch die Einnahmen für Gesundheit und Rente. Die Finanzierung dieses Systems ist bereits jetzt nicht mehr gegeben und muss auf den Kopf gestellt werden. Das Drehen an Beitragssätzen und die Forderungen nach längeren Arbeitszeiten sind hilflose Versuche und greifen zu kurz. Denn angesichts der enormen Fortschritte in der Robotik geht es um die grundsätzliche Frage, wie zukünftig der erwirtschaftete Wohlstand in unserer Gesellschaft fair zu verteilen ist.
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Sollten künftig vielleicht nicht mehr die Menschen, sondern die Roboter die Sozialbeiträge entrichten? Sollten vielleicht nicht länger Steuern und Abgaben auf die Erträge von Arbeit und Kapital erhoben werden, sondern auf den Verbrauch von Ressourcen? Sollte wirklich der wirtschaftlich Erfolgreiche besteuert werden oder nicht besser derjenige, der diesen Erfolg ökologisch rücksichtslos erwirtschaftet und feiert? Und sollten nicht besser die Fabrikmitarbeiter die Eigentümer der Roboter sein?
Ein neues Prinzip muss her. Die Umstellung darauf wird Jahrzehnte dauern. Deshalb muss spätestens jetzt damit begonnen werden, die richtigen Fragen zu stellen. Technik und Sozialpolitik sind gemeinsam zu gestalten.
Gut, dass humanoide Roboter hier Druck machen.
Das ist Prof. Dr. Andreas Syska
Die Faszination für Produktion begleitet ihn sein gesamtes Berufsleben lang. Nach Maschinenbaustudium und Promotion an der RWTH Aachen war er bei der Robert Bosch GmbH tätig, zuletzt als Produktionsleiter.
Als Professor für Produktionsmanagement an der Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach gab er seinen Studenten und Industriepartnern ein größtmögliches Stück dieser Faszination weiter und entwirft radikale, wie optimistische Szenarien für die Industrie der Zukunft.