Zwischen Krise und Zuversicht

VDMA-Präsident: Maschinenbau ist stärker als gedacht

Standortprobleme, geopolitische Spannungen und der Einsatz Künstlicher Intelligenz stellen den deutschen Maschinenbau vor große Herausforderungen. VDMA-Präsident Bertram Kawlath sieht die Branche dennoch gut aufgestellt.

VDMA-Präsident Bertram Kawlath
VDMA-Präsident Bertram Kawlath freut sich schon auf den kommenden Maschinenbau-Gipfel.

  • VDMA-Präsident Bertram Kawlath sieht Standortkosten, geopolitische Spannungen und Künstliche Intelligenz als zentrale Herausforderungen für den deutschen Maschinenbau.

  • Im Vorfeld des Maschinenbau-Gipfels fordert er schnellere Genehmigungen, weniger Bürokratie und wettbewerbsfähige Unternehmenssteuern.

  • Chinas hohe Innovationsgeschwindigkeit erhöht den Wettbewerbsdruck. Diversifizierte Absatzmärkte und lokale Produktion können Abhängigkeiten reduzieren.

  • Mehr als 40 % der Maschinenbauunternehmen setzen bereits KI in Produkten ein oder entwickeln entsprechende Anwendungen. Kawlath sieht darin eine wichtige Zukunftschance.

Der deutsche Maschinenbau steht unter erheblichem Wettbewerbsdruck: Hohe Standortkosten, Bürokratie, geopolitische Unsicherheiten und die hohe Innovationsgeschwindigkeit chinesischer Wettbewerber erschweren die Planung. Hinzu kommt die Frage, wie Künstliche Intelligenz die Branche verändern wird. Für VDMA-Präsident Bertram Kawlath sind genau das die zentralen Herausforderungen des Maschinenbaus.

Trotz der angespannten Situation sieht Kawlath aber keinen Grund für grundsätzlichen Pessimismus. Entscheidend sei, dass die Unternehmen ihre Wettbewerbsfähigkeit weiterentwickeln können und die Politik dafür geeignete Rahmenbedingungen schafft, erklärt er in unserem Podcast Industry Insights.

Bei der Standortpolitik sieht der VDMA-Präsident vor allem Handlungsbedarf bei der Geschwindigkeit und Verlässlichkeit staatlicher Entscheidungen. Unternehmen müssten darauf vertrauen können, dass Genehmigungen zügig erteilt werden und Investitionen langfristig planbar bleiben.

Zu einem wettbewerbsfähigen Industriestandort gehören aus Kawlaths Sicht weniger Bürokratie und Regulierung, schnellere Verwaltungsverfahren sowie eine Unternehmensbesteuerung, die sich stärker am OECD-Durchschnitt orientiert. Dadurch müsse den Unternehmen ausreichend finanzieller Spielraum bleiben, um in Forschung und Entwicklung zu investieren.

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Ein weiterer Ansatzpunkt ist die Arbeitswelt. Kawlath plädiert für mehr Flexibilität und verweist darauf, dass die Arbeitskosten in Deutschland mit zahlreichen zusätzlichen Belastungen verbunden seien. Dabei gehe es ihm nicht grundsätzlich um niedrigere Löhne oder Gehälter, sondern um die Zusammensetzung der Arbeitskosten.

Entscheidend sei eine verlässliche wirtschaftspolitische Grundlage für Investitionsentscheidungen. Wettbewerbsfähigkeit müsse dabei nicht nur national, sondern im europäischen Rahmen gedacht werden.

Entsprechende Erwartungen richtet Kawlath auch an Bundeswirtschaftsministerin Katharina Reiche, die auf dem Maschinenbau-Gipfel erwartet wird. Er erhofft sich eine stärkere industriepolitische Ausrichtung des Ministeriums sowie konkrete Vorschläge für schnellere Genehmigungen, wettbewerbsfähige Steuern und flexiblere, bezahlbare Arbeit.

USA und China: Wie Maschinenbauer Abhängigkeiten reduzieren können

Neben der Standortpolitik beschäftigt die Branche vor allem die Entwicklung ihrer internationalen Absatzmärkte. Die USA und China sind die beiden größten Exportmärkte des deutschen Maschinenbaus außerhalb der Europäischen Union. Allerdings erfordern beide Märkte nach Einschätzung Kawlaths unterschiedliche Strategien.

Eine Möglichkeit besteht darin, stärker direkt vor Ort aktiv zu werden. Unternehmen können mit eigenen Produktionsstandorten nach dem Prinzip „Local for Local“ arbeiten. Allerdings ist eine lokale Fertigung nicht für jeden Maschinenbauer die passende Lösung.

Ein zentraler Ansatz ist deshalb die Diversifizierung der Absatzmärkte, unterstützt durch Freihandelsabkommen. Zugleich bleibt eine direkte Präsenz in wichtigen Märkten relevant – etwa über Vertriebsniederlassungen oder Produktionsstandorte. Ziel ist eine höhere Widerstandsfähigkeit gegenüber geopolitischen Veränderungen, ohne auf bedeutende Absatzmärkte zu verzichten.

Der Maschinenbau trifft sich in Berlin zum Austausch, Wissenstransfer und Networking.
Der Maschinenbau trifft sich in Berlin zum Austausch, Wissenstransfer und Networking.

China erhöht mit seiner Innovationsgeschwindigkeit den Druck

Besonders deutlich zeigen sich die Veränderungen im Verhältnis zu China. Über Jahrzehnte haben europäische und chinesische Unternehmen von ihren wirtschaftlichen Beziehungen profitiert. Diese Zusammenarbeit hat nach Einschätzung Kawlaths Vertrauen geschaffen, auf dessen Grundlage beide Seiten weiterarbeiten können.

Seit der Corona-Pandemie beobachtet der VDMA-Präsident allerdings eine deutliche Veränderung. Chinesische Wettbewerber entwickeln neue Produkte wesentlich schneller und bringen diese in kürzeren Abständen auf den Markt. Die hohe Innovationsgeschwindigkeit, häufig als „China Speed“ bezeichnet, setzt europäische Maschinenbauer unter Druck.

Ein Erfolgsfaktor chinesischer Unternehmen ist die konsequente Orientierung an tatsächlichen Kundenanforderungen: Nicht immer muss ein Produkt technisch die beste Lösung sein. Häufig genügt es, die Anforderungen des Kunden zuverlässig zu erfüllen.

Kawlath sieht darin eine Herausforderung, der sich auch europäische Maschinenbauer stellen müssen. Sie verfügen aus seiner Sicht weiterhin über leistungsfähige Produkte, die auch auf dem chinesischen Markt gefragt sind. Allerdings müssen sie schneller und innovativer werden, um im Wettbewerb bestehen zu können.

Wo der VDMA Wettbewerbsverzerrungen sieht

Die zunehmende Konkurrenz aus China lässt sich aus Sicht des VDMA jedoch nicht ausschließlich mit der Leistungsfähigkeit chinesischer Unternehmen erklären.

Ein Problem sind staatliche Subventionen, die nach Einschätzung Kawlaths den Wettbewerb verzerren können. Hinzu kommen Überkapazitäten, die verstärkt auf internationale Märkte drängen. Weil der US-Markt durch die amerikanische Zollpolitik teilweise abgeschottet wird, gelangen Kapazitäten, die ursprünglich für die USA vorgesehen waren, zunehmend auf andere Absatzmärkte. Dazu zählt auch Europa.

Weitere Schwierigkeiten bestehen beim Zugang zu öffentlichen Aufträgen in China. Insbesondere kleinere Unternehmen, die nicht vor Ort produzieren können und den chinesischen Markt aus Europa beliefern wollen, sehen sich mit entsprechenden Hürden konfrontiert. Auch Exportbeschränkungen bei wichtigen Rohstoffen beschäftigen die Branche. Kawlath nennt dabei Seltene Erden und Hartmetalle, die für industrielle Produkte benötigt werden.

Der VDMA unterscheidet deshalb zwischen fairem Wettbewerb und strukturellen Benachteiligungen. „Den fairen Wettbewerb nehmen wir gerne an, da müssen wir schneller werden, da können wir innovativer werden“, so Kawlath. Bei Subventionen, Marktzugangsbeschränkungen und der Verfügbarkeit wichtiger Materialien sieht der Verband dagegen politischen und wirtschaftlichen Gesprächsbedarf. Diese Themen werden nach Kawlaths Angaben auch direkt mit chinesischen Partnern diskutiert.

Wie weit ist der Maschinenbau bei Künstlicher Intelligenz?

Während Standortbedingungen und internationale Handelsbeziehungen den wirtschaftlichen Rahmen bestimmen, wird Künstliche Intelligenz aus Sicht Kawlaths die technologische Entwicklung der Branche in den kommenden fünf bis zehn Jahren maßgeblich prägen.

Dabei sieht der VDMA-Präsident den Maschinenbau bereits weiter, als es die öffentliche Wahrnehmung teilweise vermuten lässt. „Die Branche ist deutlich besser, als viele denken. Über 40 Prozent unserer Unternehmen wenden KI in ihren Produkten schon an oder sind dabei, das zu tun“, berichtet er.

Wichtige Digitalisierungsgrundlagen seien bereits geschaffen: Umati und OPC UA ermöglichten die vernetzte Kommunikation zwischen Maschinen, mit Manufacturing-X stehe zudem ein Ansatz für unternehmensübergreifenden Datenaustausch bereit. Damit verfüge die Branche über eine Basis, um KI stärker in Maschinen und Produktionsprozesse zu integrieren.

Gleichzeitig sieht Kawlath weiteren Handlungsbedarf. Der Maschinenbau müsse neue Technologien noch schneller aufgreifen und bei ihrer Anwendung mutiger und kreativer werden. Auch die regulatorischen Rahmenbedingungen spielen eine Rolle. Eine weniger einschränkende KI-Regulierung für den Maschinenbau als technologischen Wegbereiter könnte nach seiner Einschätzung die weitere Entwicklung unterstützen.

Der VDMA-Präsident freut sich besonders auf die Verleihung des Großen Preises des Maschinenbaus und die Laudatio von Claus Wilk (Mitte). Ebenfalls im Bild: Der letztjährige Preisträger Hans Beckhoff und Moderatorin Ursula Heller.
Der VDMA-Präsident freut sich besonders auf die Verleihung des Großen Preises des Maschinenbaus und die Laudatio von Claus Wilk (Mitte). Ebenfalls im Bild: Der letztjährige Preisträger Hans Beckhoff und Moderatorin Ursula Heller.

Warum Europa bei KI noch aufholen muss

Eine Herausforderung besteht für Kawlath darin, dass Europa bislang nicht über ausreichend eigene offene Large Language Models verfügt. Um entsprechende Technologien in Europa entwickeln und etablieren zu können, müsse der europäische Binnenmarkt bessere Voraussetzungen für die Skalierung bieten.

Das bedeutet für den VDMA-Präsidenten allerdings nicht, dass Maschinenbauunternehmen ausschließlich europäische KI-Modelle einsetzen sollten. Auch bestehende Modelle aus anderen Weltregionen können für industrielle Anwendungen genutzt werden.

Entscheidend ist aus seiner Sicht, dass die Unternehmen vorhandene Möglichkeiten ausschöpfen und die Entwicklung eigener technologischer Kompetenzen vorantreiben. Die Branche habe bereits viel erreicht, müsse bei Geschwindigkeit und Kreativität aber noch zulegen.

Maschinenbau-Gipfel soll Zuversicht vermitteln

Auf dem Maschinenbau-Gipfel werden die wirtschaftlichen und technologischen Herausforderungen der Branche eine zentrale Rolle spielen. Neben der Diskussion über politische Rahmenbedingungen und die Zukunft des Maschinenbaus hat die Veranstaltung für Kawlath auch eine persönliche Bedeutung.

Besonders freut sich der VDMA-Präsident auf die Verleihung des Großen Preises des Maschinenbaus am Galaabend. Die Überraschung und Freude der Preisträger sowie ihrer Angehörigen gehören für ihn zu den Höhepunkten der Veranstaltung. Auch die Laudatio, die von Produktion-Chefredakteur Claus Wilk verfasst wird, ist für Kawlath ein besonderer Bestandteil der Preisverleihung.

Insgesamt soll der Gipfel nach seinen Vorstellungen jedoch vor allem ein Signal des Selbstbewusstseins aussenden. Trotz schwieriger Rahmenbedingungen verfügt der Maschinenbau über leistungsfähige Produkte, internationale Kundenbeziehungen und technologische Kompetenzen.

Kawlath möchte deshalb, dass die Teilnehmer die Veranstaltung mit Zuversicht verlassen. Diese solle nicht auf einer Verharmlosung der Herausforderungen beruhen, sondern auf den tatsächlichen Stärken der Branche.

„Wir sind viel besser als uns das manche glauben machen wollen“, appelliert Kawlath. Gute Produkte und gute Kunden seien für ihn das stärkste Argument gegenüber der Politik, die offenen Standortfragen endlich anzugehen.

Noch mehr Einblicke gibt VDMA-Präsident Bertram Kawlath in einer Folge unseres Podcasts Industry Insights. Hören Sie rein!