Industrial Metaverse: „Wir brauchen ein neues Lean – jetzt!“
Produktivität verdoppeln, Geschwindigkeit erhöhen, Flexibilität steigern: Auf dem IMC 2026 machte Prof. Thomas Bauernhansl deutlich, warum das Industrial Metaverse zur strategischen Pflicht wird – und weshalb „New Lean“ die vielleicht letzte Chance für den Standort ist.
Industrial Metaverse: Anders als im Consumer-Umfeld, wo VR- und Metaverse-Anwendungen zyklischen Hype-Wellen unterliegen, gehe es in der Industrie um harte betriebswirtschaftliche Effekte.Martin - stock.adobe.com
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Ist das Metaverse 2026 eine Revolution, eine Evolution – oder steckt es bereits im „Tal der Enttäuschung“? Mit dieser bewusst zugespitzten Frage eröffnete Prof. Dr.-Ing. Thomas Bauernhansl seinen Vortrag beim Metaverse-Fachkongress von Ultima Media und Produktion in München. Schnell wurde klar: Für ihn ist das Thema weit mehr als ein Digitaltrend. Es ist eine industriepolitische Schlüsselfrage.
„Deutschland braucht einen neuen Produktivitätssprung, um global wettbewerbsfähig zu bleiben“, sagte der Institutsleiter des Fraunhofer IPA. Steigende Lohnstückkosten, stagnierende Produktivitätskennzahlen und ein zunehmend aggressiver globaler Wettbewerb – insbesondere aus den USA und Asien – setzten die industrielle Wertschöpfung massiv unter Druck. Die klassische Antwort der vergangenen Jahrzehnte lautete Lean Production. Und tatsächlich: Lean habe signifikante Verbesserungen gebracht – Effizienzsteigerungen von 30 bis 60 Prozent, deutliche Reduktionen von Takt- und Umrüstzeiten, messbare Qualitätsgewinne.
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Doch Bauernhansl stellte die unbequeme Diagnose: „Die großen Hebel aus dem klassischen Lean sind weitgehend gezogen.“ Die Produktivitätskurve flache ab. Ein „Weiter so“ werde nicht reichen. Seine Schlussfolgerung: „Wir stehen vor der Frage: Ein neues Lean? Ein neues Paradigma?“
Industrial Metaverse als Integrationsplattform
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Dieses neue Paradigma verortet Bauernhansl im Industrial Metaverse. Anders als im Consumer-Umfeld, wo VR- und Metaverse-Anwendungen zyklischen Hype-Wellen unterliegen, gehe es in der Industrie um harte betriebswirtschaftliche Effekte. „Das Industrial Metaverse ist die Integrationsplattform für konvergierende Technologien“, betonte er.
Gemeint ist eine kollaborative, immersive und bidirektionale Integrations- und Entwicklungsplattform, die reale Produktionssysteme als digitale Zwillinge in Echtzeit abbildet. Planung, Simulation und Betrieb verschmelzen. Die virtuelle Welt wird nicht zum Spielraum, sondern zum produktiven Experimentierraum – fotorealistisch, datengetrieben und mit direkter Rückkopplung in die physische Fabrik.
„Deutschland braucht einen neuen Produktivitätssprung, um global wettbewerbsfähig zu bleiben“, betonte der Institutsleiter des Fraunhofer IPA, Prof. Dr. Thomas Bauernhansl.Torben Theobald
Damit verändert sich der Charakter industrieller Wertschöpfung. Prozesse können End-to-End digital modelliert, analysiert und zunehmend autonom gesteuert werden. Entwicklungs- und Produktionsprozesse lassen sich virtualisieren, Varianten durchspielen, Risiken simulieren. Flexibilität entsteht nicht mehr primär durch organisatorische Anpassung, sondern durch softwaredefinierte Produktionsarchitekturen.
Vier Hebel für den Produktivitätssprung
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Bauernhansl strukturierte seine Argumentation entlang von vier zentralen Handlungsfeldern, die zusammengenommen einen erheblichen Anteil der möglichen Produktivitätssteigerung adressieren:
Erstens: Prozesseffizienz durch durchgängige Digitalisierung komplexer End-to-End-Abläufe.
Zweitens: Automatisierung und Ressourcenauslastung durch direkte Integration von KI in Anlagen und Produktionssysteme.
Drittens: Geschwindigkeit durch die konsequente Virtualisierung von Entwicklungs- und Produktionsprozessen.
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Viertens: Flexibilität und Resilienz durch rekonfigurierbare Produkt- und Produktionsarchitekturen.
Die Vision dahinter formulierte er plastisch: „Per Knopfdruck passen sich Prozesse, Betriebsmittel und Software an neue Produktvarianten an.“ Gerade in High-Mix/Low-Volume-Umgebungen mit steigender Variantenvielfalt sei das ein entscheidender Wettbewerbsfaktor.
Agentic AI: Vom Sprachmodell zum handelnden System
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Ein zentrales Element dieses „New Lean“ ist die nächste Evolutionsstufe der Künstlichen Intelligenz: Agentic AI. Während in den vergangenen Jahren große Sprachmodelle im Fokus standen, rücken nun Systeme in den Mittelpunkt, die eigenständig handeln. „Agentic AI-Lösungen handeln selbstständig, führen Prozesse durch und stoßen neue Prozesse an“, erläuterte Bauernhansl.
Das Industrial Metaverse fungiert dabei als kognitive Ebene. Es wird zum Simulations- und Entscheidungsraum für KI-Agenten. Sie können dort Szenarien analysieren, Alternativen bewerten, „What-if“-Simulationen durchführen und Optimierungen testen – bevor reale Ressourcen gebunden werden.
„In Kombination kann die Lücke zwischen digitaler Planung und physischer Realität geschlossen werden“, so Bauernhansl. Planung, Optimierung und Betrieb verschmelzen zu einem kontinuierlichen Lernsystem.
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Gerade in indirekten Bereichen – etwa bei Layoutplanung, Risikobewertung oder Intralogistik – erwartet er hohe Produktivitätssprünge. Viele bislang manuelle, expertengetriebene Prozesse könnten automatisiert oder zumindest stark unterstützt werden.
Embodied AI: Training im Virtuellen
Noch tiefgreifender sind die Perspektiven im Bereich der Embodied AI – also kognitiv befähigter Robotik mit sensorischen und haptischen Fähigkeiten. Hier verändert das Industrial Metaverse nicht nur die Planung, sondern das Lernen selbst. „90 bis 99 Prozent des Trainings“ könnten virtuell erfolgen, erklärte Bauernhansl.
Das bedeutet: Roboter und autonome Systeme lernen zunächst in der Simulation – mit synthetischen, aber physikalisch realistischen Daten. Nur ein kleiner Teil des Trainings findet in der realen Umgebung statt, um die sogenannte Sim-to-Real-Lücke zu schließen. Das reduziert Kosten, beschleunigt Entwicklungszyklen und erhöht die Skalierbarkeit.
Für den deutschen Maschinen- und Anlagenbau sieht Bauernhansl hier eine besondere Ausgangsposition. „Die deutsche produzierende Industrie verfügt über einzigartige Daten.“ In Kombination mit leistungsfähiger Recheninfrastruktur und Netzwerken ließen sich daraus leistungsfähige Foundation- und World-Models trainieren – mit globaler Wettbewerbswirkung.
Allerdings warnte der Fraunhofer-Experte vor nationaler oder unternehmensinterner Insellogik. „Kooperation ist Voraussetzung für wettbewerbsfähiges ‚Made in Germany‘.“ Gemeinsame Datennutzung, geteilte Trainingsinfrastrukturen, kollektive Investitionen in kapitalintensive Schlüsseltechnologien und abgestimmte Standards seien zwingend notwendig.
Dabei gehe es nicht um die Aufgabe des Wettbewerbs, sondern um eine kluge Arbeitsteilung: Kooperation bei Basismodellen und Infrastruktur, Wettbewerb bei konkreten Anwendungen und Geschäftsmodellen. Gleichzeitig müssten Fragen der Datenhoheit, Safety, Security und IP klar geregelt werden.
Vorstandssache statt IT-Projekt
Deutlich wurde auch: Das Industrial Metaverse ist kein reines Technologiethema. Es ist ein strategisches Transformationsprojekt. „Die Technologien des Industrial Metaverse als explizites Vorstandsthema verankern“, forderte Bauernhansl.
Gefragt seien klare Visionen für die Fabrik der Zukunft, priorisierte Investitionen, eine belastbare Datenstrategie sowie bewusste Entscheidungen über Plattformabhängigkeiten und Technologiesouveränität. „Walk the talk“ – also sichtbare Investitionen und reale Use Cases – seien entscheidend für Glaubwürdigkeit.
Sein Schlusswort hatte bewusst programmatischen Charakter: „‚New Lean‘ ist die größte – und vielleicht letzte – Chance für die Wiederherstellung unserer Wettbewerbsfähigkeit in den industriellen Kernbranchen.“
Die Botschaft an die Industrie ist klar: Das Industrial Metaverse ist kein Zukunftsszenario für 2035. Es ist ein Handlungsauftrag für 2026.
Die wichtigsten Fragen zum Metaverse
Was unterscheidet das Industrial Metaverse vom klassischen Digital Twin?
Der digitale Zwilling bildet einzelne Objekte oder Systeme ab. Das Industrial Metaverse integriert zahlreiche Zwillinge, Prozesse, Datenströme und KI-Funktionen in einer bidirektionalen, immersiven Gesamtplattform.
Warum spricht Bauernhansl von „New Lean“?
Weil die klassischen Lean-Hebel weitgehend ausgeschöpft sind. Das Industrial Metaverse soll einen neuen, technologisch getriebenen Produktivitätssprung ermöglichen – vergleichbar mit der Einführung von Lean in den 1990er-Jahren.
Welche Rolle spielt Agentic AI konkret?
KI-Agenten planen, analysieren und führen Prozesse eigenständig aus. Das Metaverse dient als Simulationsraum, um Entscheidungen datenbasiert und risikoarm vorzubereiten.
Was ist der Vorteil virtuellen Trainings bei Embodied AI?
Bis zu 99 Prozent des Trainings können in der Simulation stattfinden. Das reduziert reale Versuche, Kosten und Entwicklungszeit erheblich und verbessert die Skalierbarkeit.
Was ist jetzt die wichtigste Managementaufgabe?
Das Thema strategisch auf Vorstandsebene verankern, Daten- und Plattformstrategie definieren, Partnerschaften aufbauen und konkrete Pilotprojekte starten – bevor internationale Wettbewerber Fakten schaffen.