KI wird im Siemens Gerätewerk Erlangen zum Treiber flexibler Automatisierung. Stephan Schlauß erklärt, wie Technologie, Digitale Zwillinge und Kulturwandel zusammenspielen.
Vor dem Maschinenbau-Gipfel-Salon am 17.6.2026 in seinem Erlanger Gerätewerk, spricht Stephan Schlauß, Leiter des Siemens Gerätewerks Erlangen und Global Head of Manufacturing Motion Control bei Siemens Digital Industries, darüber, wie KI, Digitale Zwillinge und Kulturwandel das Werk zur AAA+-Fabrik machen.FREDDY ZORN
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Produktion:
Was war beim Umbau des Gerätewerk Erlangen (GWE) im laufenden Betrieb
anspruchsvoller: Technik oder Kulturwandel?
Stephan Schlauß: Die Frage lässt sich im
Gerätewerk Erlangen bewusst nicht hierarchisieren: Technologische
Transformation und Kulturwandel waren gleichermaßen anspruchsvoll, vor allem
aber untrennbar miteinander verknüpft. Gerade weil im Werk vielfach
technologisches Neuland betreten wurde, etwa beim Einsatz von KI, Software‑definierter Automatisierung oder
Digitalen Zwillingen, brauchte es parallel eine Kultur, die
Experimentierfreude, Lernbereitschaft und Veränderungsmut aktiv fördert.
Umgekehrt gilt: Viele dieser technologischen Schritte wären ohne den
begleitenden Kulturwandel nicht umsetzbar gewesen. Gleichzeitig zwingt der
erfolgreiche Einsatz neuer Technologien dazu, Arbeitsweisen,
Entscheidungsprozesse und Qualifikationen kontinuierlich weiterzuentwickeln.
Digitalisierung ist daher weniger ein reines Technologieprojekt als vielmehr
ein sozio‑technisches
Transformationsprogramm, in dem ‚People, Processes und Technology‘
zusammenwirken.
Produktion:
Macht KI-gestützte, flexible Automatisierung nun auch mittlere Volumen
wirtschaftlich automatisierbar?
Stephan Schlauß: Ja, KI markiert hier
einen entscheidenden Wendepunkt. Erst durch KI‑basierte Verfahren gelingt es,
Automatisierung mit bislang ‚menschlichen‘ Fähigkeiten wie Wahrnehmung,
Adaptivität oder Kontextverständnis auszustatten. Dadurch werden flexible
Automationslösungen wirtschaftlich, die nicht mehr nur für hohe Stückzahlen,
sondern auch für mittlere und zunehmend sogar kleine Volumina geeignet sind. Im
GWE zeigt sich das exemplarisch in Anwendungen wie visionsgestützter Robotik
oder KI‑getriebener
Intralogistik, die ohne starre Vorprogrammierung mit Variantenvielfalt umgehen
können. Parallel reduziert eine durchgängige End‑to‑End‑Digitalisierung auf Basis des Digitalen
Zwillings den Engineering‑Aufwand
erheblich, etwa durch Simulation, virtuelle Inbetriebnahme und automatisierte
Datengenerierung. Damit verschiebt sich die Wirtschaftlichkeitsgrenze deutlich
nach unten: Automatisierung wird skalierbar für High‑Mix‑/Mid‑Volume‑Umgebungen, also ein typisches
Produktionsprofil wie in Erlangen mit über 1.000 Produktvarianten.
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Produktion:
An welcher Stelle setzten Sie den Startpunkt für den Werksumbau und wie trieben
Sie das Projekt weiter voran?
Stephan Schlauß: Der Umbau des
Gerätewerks Erlangen ist kein klassisches Projekt mit definiertem Anfang und
Ende, sondern eine kontinuierliche Transformation über mehrere
Entwicklungsstufen hinweg. Ausgangspunkt war die Lean Factory, die sich
schrittweise zur ‚Green Lean Digital Factory‘ weiterentwickelte und heute in
Richtung einer AAA+‑Fabrik
(adaptable, autonomous, ai-powered factory) fortgeschrieben wird. Leitprinzip
war dabei stets ein problem‑
und potenzialgetriebener Ansatz: Ausgehend von konkreten Herausforderungen
wurden gezielt nächste Transformationsschritte abgeleitet, und zwar
technologisch wie organisatorisch. Entscheidend ist die ganzheitliche
Perspektive: Von Produktentwicklung über Engineering bis hin zum Shopfloor
werden alle Elemente integriert betrachtet und aufeinander abgestimmt. Die
Transformation erfolgt evolutionär, aber konsequent, das heißt, jeder
Entwicklungsschritt baut auf dem vorherigen auf. So entsteht kein isolierter
Innovationssprung, sondern ein belastbares Gesamtsystem, das sich
kontinuierlich weiterentwickelt und gleichzeitig im laufenden Betrieb stabil
bleibt.
FAQ zu KI in der Fabriktransformation
• Welche Rolle spielt KI in der Fabriktransformation des Gerätewerks Erlangen? – KI unterstützt flexible Automatisierung, visionsgestützte Robotik und KI-getriebene Intralogistik und ist Teil der Entwicklung zur AAA+-Fabrik.
• Warum macht KI flexible Automatisierung wirtschaftlicher? – KI bringt Fähigkeiten wie Wahrnehmung, Adaptivität und Kontextverständnis in die Automatisierung und senkt damit die Wirtschaftlichkeitsgrenze.
• Wie hilft KI bei mittleren Produktionsvolumina? – KI ermöglicht skalierbare Automatisierung in High-Mix-/Mid-Volume-Umgebungen, wie sie im Gerätewerk Erlangen mit über 1.000 Produktvarianten typisch sind.
• Was hat KI mit dem Digitalen Zwilling zu tun? – Der Digitale Zwilling unterstützt Simulation, virtuelle Inbetriebnahme und automatisierte Datengenerierung und reduziert so den Engineering-Aufwand.
• Warum braucht KI in der Fabriktransformation Kulturwandel? – Neue Technologien verändern Arbeitsweisen, Entscheidungsprozesse und Qualifikationen und benötigen daher Experimentierfreude, Lernbereitschaft und Veränderungsmut.