Beispiele etwa aus der Stahl- oder Glasproduktion zeigen die Fortschritte beim Einsatz von Wasserstoff. Für diverse Branchen ist dies eine wirtschaftliche Option. Doch noch sind die Preise für Wasserstoff nicht wettbewerbsfähig. Gefordert wird deshalb politische Unterstützung während des Hochlaufs.
Michael NallingerMichaelNallinger
VeröffentlichtGeändert
Die Gascade Gastransport GmbH (Gascade) hat im Frühjahr 2025 mit der Umstellung bestehender Erdgas-Leitungen auf den Transport von Wasserstoff begonnen.Gascade)
Anzeige
„Nur mit Wasserstoff und der Deckung des Energiebedarfs
durch Moleküle wird es eine Energiewende und damit auch Klimaneutralität geben“,
macht Prof. Dr. Gerald Linke, Vorstandsvorsitzender des DVGW Deutscher Verein
des Gas- und Wasserfaches deutlich. Der Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft ist laut
Linke dabei kein Selbstzweck. „Wasserstoff ist als klimaneutraler Energieträger
in einigen Anwendungsbereichen, etwa der Primärstahlerzeugung, unverzichtbar.
Wenn die Energiewende gelingen soll, dann muss Wasserstoff zur Anwendung
kommen. Es gibt technologisch in absehbarer Zeit keine Alternative“, betonte
Linke auf dem DVGW- Kongress in Bonn. Dies bestätige auch der aktuelle
Monitoringbericht des Bundeswirtschaftsministeriums zur Energiewende:
Molekülbasierte Lösungen sind danach in zentralen industriellen Anwendungen
nicht nur notwendig, sondern würden auch dazu beitragen, die
volkswirtschaftlichen Gesamtkosten der Energiewende zu begrenzen.
Die Kostenvorteile sieht auch Dr. Carsten Rolle: „Wir zahlen
für den Stromtransport ein Vielfaches gegenüber dem Gastransport“, sagte der Geschäftsführer
beim Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) auf der Veranstaltung in Bonn.
Und auch die Akzeptanz für Infrastrukturen unter der Erde sei weitaus höher als
bei den oberirdischen, wie sie für die Stromübertragung benötigt werden.
Anzeige
„Die Energiewende braucht Moleküle für die Versorgungs- und
Energiesicherheit, schon heute in Form von Erdgas und in Zukunft umso mehr in
Form von mehr Wasserstoff“, sagt auch Hans-Joachim Polk vom Gasversorger VNG.
Polk erläuterte in Bonn, dass heute rund 80 % des Endenergieverbrauchs
hierzulande aus fossilen Quellen stammt. Nach seiner Einschätzung stehe
zunächst die Umstellung der energie-und emissionsintensiven Industrie sowie des
Verkehrssektors im Vordergrund künftiger H2-Senken. „Es kann nicht alles elektrifiziert
werden“, machte der Gasexperte deutlich.
Ehrgeizige Projekte im Saarland
Anzeige
Rund 400 km bestehender Erdgas-Leitungen hat Gascade erfolgreich auf den Transport von Wasserstoff umgestellt.Gascade)
Erste Schritte in Richtung Wasserstoff gehen diverse
Stahlunternehmen. Die Stahl-Holding-Saar Gruppe setzt dabei eines der
ehrgeizigsten Dekarbonisierungsprojekte der europäischen Stahlindustrie um. Nach
der Inbetriebnahme des Wasserstoffnetzes und der neuen Stahlproduktionsanlagen
für das „Power4Steel“ genannte Vorhaben sollen die ersten Wasserstofflieferung
im Jahr 2029 erfolgen. Kürzlich hat die SHS-Gruppe dazu mit dem
Energieunternehmen Verso Energy einen langfristigen Vertrag über die jährliche
Lieferung und Abnahme von mindestens 6000 t grünem Wasserstoff über die Dauer
von zehn Jahren abgeschlossen. Verso Energy wird für die saarländische
Stahlindustrie so genannten RFNBO (Renewable Fuels of Non-Biological Origin)-Wasserstoff
liefern. Die Zertifizierung garantiert, dass der Wasserstoff per Grünstrom
produziert wurde. Unter Verwendung dieser ersten Wasserstoffmengen,
Stahlschrott und einer neuen Anlagentechnologie bestehend aus einer
Direktreduktionsanlage und einem Elektrolichtbogenofen am Standort Dillingen
sowie einem Elektrolichtbogenofen am Standort Völklingen, strebt die SHS-Gruppe
die Reduktion ihrer CO2-Emissionen um bis zu 55 % bis Anfang der 2030er
Jahre an.
Bereits 2024 hatte die SHS-Gruppe die Netzbetreiber Creos
Deutschland und NaTran Deutschland damit beauftragt, ein Wasserstoffnetz
aufzubauen. Im Projekt „mosaHYc“ werden rund 70 km bestehende und zum Teil
außer Betrieb befindliche Erdgasleitungen für den Betrieb mit Wasserstoff
umgestellt und durch den Neubau von rund 20 km Neubau auf saarländischer Seite
zu einem ersten Inselnetz zwischen Deutschland und Frankreich ergänzt. Die
Leitung soll jährlich bis zu 50000 t Wasserstoff transportieren. In der
Endausbaustufe plant die SHS-Gruppe, jährlich bis zu 120000 t Wasserstoff
einzusetzen.
„Aufgrund der steigenden CO2-Kosten im Rahmen des
EU-Emissionshandels ist die heutige kohlebasierte Stahlproduktion langfristig
nicht mehr wettbewerbsfähig“, machte Konrad Wohlfahrt von der SHS-Gruppe auf
dem DVGW Kongress deutlich. Die Umstellung auf Erdgas bringe zwar CO2-Einspareffekte
im Umfang von rund 60 %, eine weitere Reduktion ermögliche jedoch nur der
Einsatz von Wasserstoff. Deshalb unterstreicht Wohlfahrt: „Power4Steel ist
ökologisch und ökonomisch alternativlos.“ Insgesamt investiert das Stahlunternehmen
4,6 Mrd. Euro in das Projekt, Förderbescheide liegen im Umfang von 2,6 Mrd.
Euro vor.
Anzeige
Wasserstoff wird laut Stahl-Manager Wohlfahrt zum zentralen
Energieträger der Stahlproduktion, die Herausforderung liege jetzt darin,
größere Volumina wettbewerbsfähig zu beschaffen. In der Anfangsphase
funktioniere das noch über die bereits in der Umsetzung befindliche regionale
Wasserstoffwirtschaft, langfristig ist ein weltweiter Einkauf vonnöten. Dazu
müssen die Standorte an das Wasserstoffkernnetz angeschlossen werden.
Ein weiteres großes Problem ist die noch zu hohe
Preisdifferenz zwischen Erdgas und Wasserstoff sowie die wenig ausgeprägte
Bereitschaft auf der Abnehmerseite dies zu bezahlen. Stahlmanager Wohlfahrt
sieht hier insbesondere die Politik am Zuge: „Der Hochlauf kann nur
funktionieren, wenn der politische Rahmen stimmt“, konstatierte er in Bonn. Er
rät hier zu mehr Pragmatismus und einen Abbau von Überregulierung, etwa was die
Farbenlehre von Wasserstoff oder die einschränkenden Kriterien der
Strombeschaffung für die H2-Produktion betrifft. Zudem fordert er Anreize zur
Ankurbelung der Nachfrage, etwa über die Schaffung von Abnehmermärkten für
kohlenstoffarme Stahlprodukte durch Leitmärkte, Stichwort: Labeling von
Grünstahl. Und natürlich müsse die Stahlindustrie vor Carbon-Leakage geschützt
werden. Dies sei durch sogenannte Carbon Border Adjustment Mechanism (CBAM) an
den EU-Außengrenzen möglich.
Technologiewandel in der Glasproduktion
Anzeige
DVGW-Chef Prof. Dr. Gerald Linke: „Wasserstoff ist als klimaneutraler Energieträger in einigen Anwendungsbereichen, etwa der Primärstahlerzeugung, unverzichtbar.“JO_HEMPEL)
Auch der Glashersteller Schott hat sich auf den
Wasserstoffweg begeben. „Wir wollen aktiv einen Beitrag zum Klimaschutz leisten
und unsere energieintensiven Prozesse transformieren. Das erfordert einen
massiven Technologiewandel in der Glasproduktion“, sagte Dr. Matthias
Kaffenberger von der Schott AG auf dem DVGW Kongress. Bei der energieintensiven
Spezialglasproduktion entsteht der größte Anteil der CO2-Emissionen
beim Schmelzprozess bei Temperaturen von bis zu 1700 °C. Die Glaswannen werden derzeit vor
allem mit Erdgas betrieben. Schott will auf die Nutzung fossiler Energieträger
langfristig verzichten und hat sich das Ziel gesetzt, bis 2030 klimaneutral zu
produzieren. Hier setzt man vor allem auf zwei Transformationspfade: die
Elektrifizierung der Schmelzwannen auf Basis von Grünstrom und den Einsatz von
grünem Wasserstoff.
Bereits im Jahr 2020 begannen orientierende Vorversuche mit
10, 35 und 100 Vol.% Wasserstoff. Zwei Jahre später gelang der Einsatz direkt
in der Glasproduktion mit 35 Vol.% H2 über vier Wochen. Nachdem im Jahr 2023
Versuche im Labor über eine längere Haltezeit mit 100 Vol.% H2 erfolgreich
verlaufen sind, schafften es die Spezialglas-Experten aus Mainz drei Tage, in
einer Schmelzwanne erstmalig optisches Glas mit 100 Vol.% H2 zu schmelzen. Bisher
werden die Versuche mit grauem Wasserstoff durchgeführt, da aus erneuerbaren
Energien produzierter grüner Wasserstoff noch nicht in ausreichendem Maße zur
Verfügung steht. „Der Prozess lief mit Wasserstoff konstant und stabil“,
konstatiert Kaffenberger. Laut dem Schott-Mitarbeiter traten dabei die
theoretisch erwarteten Änderungen in der Glaszusammensetzung wie ein Anstieg
des Wassergehalts im Glas auf. Die nächsten notwendigen Schritte sind
Langzeitversuche mit 100 Vol.% H2. Dabei stehen unter anderem Aspekte wie die
Feuerbeständigkeit, die Entwicklung der Glasqualität über die Zeit oder das
Verhalten von Filteranlagen im Mittelpunkt.
Anzeige
Wasserstoff-Kernnetz als Basis der Infrastruktur
Damit der Wasserstoff zu den Industriekunden gelangt, gilt
es jedoch zunächst eine entsprechende Infrastruktur aufzubauen. Hier ist das im
Jahr 2024 genehmigte Wasserstoff-Kernnetz ein wichtiger Schritt. Dieses hat
eine Länge von 9040 km und verbindet die derzeit bekannten großen Verbrauchs-
und Erzeugungsregionen für Wasserstoff in Deutschland. Dabei entfallen 44 % auf
den Neubau von Leitungen und 56 % auf die Umrüstung bestehender
Erdgasleitungen. Die Investitionskosten belaufen sich nach Angaben der Bundesnetzagentur
auf rund 18,9 Mrd. Euro.
„Für den Aufbau des Kernnetzes werden wir europaweit
beneidet“, stellte Christoph von dem Bussche auf dem DVGW Kongress fest. Mit
Blick auch auf die geplanten Importkorridore sei es wichtig, das Kernnetz
weiter fortzusetzen, so der Geschäftsführer der Gascade Gastransport. Hier
mache es Sinn europäisch zu denken. Erst kürzlich hat das Unternehmen rund 400 km
bestehender Erdgas-Leitungen auf den Transport von Wasserstoff umgestellt. Mit
der initialen Befüllung der ersten Pipeline-Abschnitte im Rahmen des Programms
„Flow – making hydrogen happen“ ist eine Nord-Süd-Achse vom Ostseeraum bis nach
Sachsen-Anhalt entstanden, die einen zentralen Teil des deutschen
Wasserstoff-Kernnetzes bildet. Die Infrastruktur ist für den Markt ab sofort
verfügbar und damit Grundlage für den erfolgreichen Wasserstoff-Hochlauf, teilt
Gascade Gastransport dazu mit.
Anzeige
Auch nach der Einschätzung des Geschäftsführers Betrieb und
Sicherheit bei Ontras Gastransport, Gunnar Schmid, ist das Kernnetz ausreichend
dimensioniert, „nicht zu viel und nicht zu wenig“. Schmidt geht von einer
weitestgehend unproblematischen Netzumstellung aus, verweist aber darauf, die
Verteilnetzbetreiber bei der Umsetzung des Kernnetzes zu beteiligen.
Schließlich werden nicht nur Autobahnen benötigt, sondern auch die Auf- und
Abfahrten in Form von Verteilnetzen.
Speicher als wichtige Flexibilitätsoption
Mit der Anlage in Emden entsteht in Deutschland einer der ersten Elektrolyseure in marktrelevantem Maßstab. Ab Ende des Jahres 2027 soll der erste grüne Wasserstoff produziert und an industrielle Abnehmer geliefert werden.EWE)
Einig waren sich die Experten auf dem DVGW Kongress aber auch,
dass der Wasserstoff-Hochlauf nicht nur Netze benötigt, sondern auch Speicher. Nach
der Einschätzung von DVGW-Chef Prof. Dr. Gerald Linke handelt es sich dabei um
entscheidende Flexibilitätsoptionen: „Untergrundspeicher sichern die Versorgung
jederzeit im Jahresverlauf ab, sowohl saisonal- als auch untertägig
leistungsbedingt.“ Deutschland verfügt hier mit einem Anteil von 25 % über die
größten Kapazitäten an Untergrundgasspeichern in der EU. Untersuchungen haben gezeigt,
dass sich die deutschen Erdgasspeicher zu weiten Teilen auf Wasserstoff
umstellen lassen. Dies sorgt für eine deutliche Zeitersparnis. Während der
Neubau eines Kavernenspeichers etwa elf Jahre in Anspruch nimmt, dauert ein
Umbau eines bestehenden Erdgas-Kavernenspeichers lediglich sechs Jahre. Handelt
es sich um Porenspeichern, dann veranschlagt man für den Neubau etwa zehn
Jahre, für die Umrüstung rund acht Jahre.
Auch für Dr. Geert Tjarks nehmen H2-Speicher eine
entscheidende Rolle in der Versorgungssicherheit und der Dekarbonisierung ein.
Der Leiter Geschäftsfeldentwicklung Wasserstoff bei EWE Gasspeicher und EWE
Hydrogen verweist darauf, dass aus technischer Sicht im Vergleich zu Erdgas bei
Wasserstoff „schnellere“ Speicher mit einer höheren Ein- und Ausspeiseleistung
benötigt werden.
Das Projekt „HyCAVmobil“ markierte den Einstieg von EWE in
die H2-Speicherung in Kavernen. Dort erfolgte nach der Solung einer Testkaverne
mit 500 m3 mehrere Dichtheits- und Betriebstests mit Wasserstoff.
Die wichtigste Erkenntnis war: die vollständige Dichtheit, und das, obwohl die
diesbezüglichen Anforderungen an eine wasserstoffbetriebene Anlage und
Kavernenbohrung laut Tjarks deutlich erhöht sind. Zudem ergaben die Tests, dass
die Gasqualität beim Speichern in neu gesolten Kavernen nur geringfügig
beeinflusst ist, jedoch die untertägige Temperaturentwicklung deutlich von der
des Erdgasbetriebs abweicht.
Am Gasspeicherstandort Huntorf in der Wesermarsch treibt das
Energieunternehmen EWE sein Wasserstoffspeicher-Projekt voran. Ziel ist es,
dort eine von sieben unterirdischen Erdgaskavernen für die Speicherung von
Wasserstoff umzurüsten. Das Projekt ist Teil des verbindenden Großvorhabens
„Clean Hydrogen Coastline“, das Erzeugung, Speicherung, Transport und Nutzung
von grünem Wasserstoff zusammenbringt. Ab 2028 soll die kommerzielle
Vermarktung von H2-Speicherkapazitäten insbesondere für die Baseload-Belieferung
der Industrie starten. Für Tjarks sind die Potenziale greifbar: „Wir machen
Wasserstoffspeicherung, weil wir überzeugt sind, dass es ein entscheidendes
Puzzleteil für das Energiesystem der Zukunft ist.“
Trotz der technischen Fortschritte benennt man auch bei EWE
die großen Herausforderungen. Eine davon sind die derzeitigen gesetzlichen
Rahmenbedingungen – insbesondere auf EU-Ebene. So erhöhten die Vorgaben an die
Stromherkunft den Preis von grünem Wasserstoff um bis zu 88 %. Die Folge: Etwa
50 % höhere Gestehungskosten pro Kilogramm Wasserstoff, teilte das Unternehmen
mit. Dennoch erfolgte kürzlich in Emden der offizielle Baustart für die 320-MW-Erzeugungsanlage
für grünen Wasserstoff und damit laut EWE ein entscheidender Schritt im Rahmen
des Wasserstoffprogramms Clean Hydrogen Coastline. Mit der Anlage entsteht in
Deutschland einer der ersten Elektrolyseure in marktrelevantem Maßstab. Ab Ende
des Jahres 2027 soll in Emden der erste grüne Wasserstoff produziert und an
industrielle Abnehmer geliefert werden.