Exklusives Interview

Wie Schneider Electric KI in der Industrie vorantreibt

Gwenaelle Avice Huet, Executive Vice President of Industrial Automation bei Schneider Electric, sieht KI in der Industrie als Schlüssel für Effizienz, Energie und Nachhaltigkeit. Doch ob Europa davon profitiert, entscheidet sich nicht in der Theorie, sondern in der Werkshalle.

Gwenaelle Avice Huet von Schneider Electric sieht KI in der Industrie als Schlüssel, um Energiekosten, Wettbewerbsfähigkeit und Nachhaltigkeit zusammenzuführen.

Wie kann die europäische Industrie unter den neuen Rahmenbedingungen in diesem Jahr wettbewerbsfähig bleiben?

Gwenaelle Avice Huet: Die Industrie in Europa steht vor einer Reihe unterschiedlicher Herausforderungen. Einerseits sind da die Energiekosten, weil wir bei der Energie von externen Lieferanten abhängig sind. Das zweite Element ist die internationale Positionierung, denn der Wettbewerb ist sehr abrupt und hart.

Gleichzeitig sehen wir heute immer noch ein starkes Bekenntnis zur Nachhaltigkeit, aber auch die Frage, wie sich Nachhaltigkeit und Wettbewerbsfähigkeit miteinander in Einklang bringen lassen.

Warum genau ist KI dieses Verbindungsstück?

Huet: Um die Dekarbonisierung im Sinne der Nachhaltigkeit voranzutreiben, benötigt man Software, die eine Vielzahl von Datenpunkten erfasst und daraus einen angemessenen Fahrplan erstellen kann. KI ist hier ein Wegbereiter.

KI ist auch ein Enabler für Wettbewerbsfähigkeit, da sie enorme Rechenleistung in die Daten bringt. Mit diesen Daten lassen sich zahlreiche Anwendungsfälle optimieren und das über den gesamten Lebenszyklus industrieller Anlagen nhinweg: Von der Planung über den Bau und Betrieb bis hin zur Wartung.

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Die dritte Säule ist KI als Weg, um die Senkung des Energieverbrauchs zu beschleunigen. In der Industrie verbinden wir Energieversorgung und Prozesse miteinander. Dank dieser Verbindung können wir sämtliche Daten zum Energieverbrauch an einem Standort erfassen und den Verbrauch mithilfe von KI optimieren.

Künstliche Intelligenz ist also ein wirkungsvolles Mittel, um all diese Herausforderungen der Kunden – von Energiekosten über betriebliche Wettbewerbsfähigkeit bis hin zur Nachhaltigkeit – miteinander in Einklang zu bringen.

Verlangen Ihre Kunden aktiv nach KI, oder fordern sie einfach nur mehr Effizienz, und Sie schlagen dann KI als Lösung vor?

Huet: KI ist heute ein Trendbegriff. Das Problem ist, dass nicht unbedingt verstanden wird, wie man KI wirksam einsetzt. Sie ist zwar attraktiv, aber man muss anhand sehr komplexer Anwendungsfälle demonstrieren, wie sie eingesetzt werden kann, was sie als Wertversprechen für den Kunden bedeutet und wie sich daraus konkrete Ergebnisse ableiten lassen.

Geht es um die Reduzierung von Ausfallzeiten in einer Fertigungsanlage? Geht es um die Senkung von Energiekosten? Diese Übersetzung bringen wir zum Kunden.

Anfang des Jahres wurde eines unserer Werke in Wuhan, China, beim Weltwirtschaftsforum als „Lighthouse“ für den Einsatz von KI im Talentmanagement ausgezeichnet. Dabei ging es darum, die Verbindung zwischen Technologie und positivem Nutzen für den Menschen herzustellen – auch in der Werkshalle und auf jeder Ebene der Organisation.

KI wird von manchen Menschen mit Sorge betrachtet. Gleichzeitig ist sie aber auch ein Weg, Talente anzuziehen, Menschen zu schulen und sie auf das zu konzentrieren, was wirklich den Unterschied macht. Wir sagen oft, dass KI in der Realität ein Multiplikator für die Belegschaft ist.

Mir ist aufgefallen, dass Unternehmen inzwischen deutlich weniger theoretisch über KI sprechen, sondern nun vermehrt zeigen, was sie tatsächlich damit machen. Ist das auch Ihre Wahrnehmung?

Huet: Bei KI gibt es mittlerweile deutlich höhere Erwartungen an greifbaren Ergebnissen. Viele Branchen sprechen nicht mehr nur über KI, sondern über die gesamte Architektur und darüber, wie man die Architektur von Fertigungsanlagen neu denkt.

Hier differenziert sich Schneider Electric mit unserer Vision eines offenen Ökosystems, der sogenannten „Open Software-Defined Automation“. Dort kann man KI als einen der Beschleuniger für Anwendungsfälle integrieren. Wir sehen immer stärker, dass die Trennung zwischen Hardware und Software keine reine Vision mehr ist, sondern tatsächlich stattfindet.

Im vergangenen Jahr ging es viel um Pilotprojekte mit generativer KI. Was hat sich seitdem verändert?

In diesem Jahr rückt „Augmented Physical AI“ stärker in den Fokus und geht in die Skalierung. Wir haben gerade zwei Ankündigungen gemacht: Die erste betrifft eine Partnerschaft mit Microsoft im Bereich „Agentic AI“. Dabei nutzen wir offene Ökosysteme wie den EcoStruxure Automation Expert und integrieren einen industriellen Copiloten direkt im Edge-Bereich.

Ziel ist es, Agenten zu haben, die Code über den gesamten Lebenszyklus hinweg erstellen – von der Planung über den Betrieb bis zur Wartung – und so Entscheidungen für den Menschen vorbereiten.

Die zweite Ankündigung betrifft Deloitte im Bereich der digitalen Transformation. Immer mehr Kunden wollen digitalisieren, benötigen aber Unterstützung bei der Ausbildung, bei der Bewertung verschiedener Optionen, bei der Datensicherheit und bei der Kontextualisierung von Daten.

Schneider Electric kooperiert mit Microsoft

Schneider Electric hat seine Zusammenarbeit mit Microsoft ausgebaut. Ziel der Partnerschaft ist es, Industrieunternehmen die Modernisierung ihrer Betriebsabläufe zu erleichtern, sie aus proprietären Altsystemen zu lösen und KI-gestützte Automatisierung im großen Maßstab einzuführen. 

Zu sehen ist das zum Beispiel am Projekt mit h2e POWER in Indien, bei dem ein autonomes Festoxid-Elektrolyseur-System für grünen Wasserstoff mehr als 6.000 Stunden stabil lief und einer Pressemitteilung zufolge Effizienzvorteile sowie geringere Wasserstoffkosten erzielte. Die Grundlage waren dabei der EcoStruxure Automation Expert, Microsoft Azure und ein Industrial Copilot, der Engineering-Aufgaben beschleunigen und den Weg aus starren Legacy-Systemen erleichtern soll.

Sind Sie es schon leid, über KI zu sprechen oder ist es jedes Jahr aufs Neue spannend?

Nein, ich denke, wir stehen erst am Anfang. Wir sehen so viele Entwicklungen bei der Technologie, bei den Geschäftsmodellen, bei der Akzeptanz sowie bei den Erwartungen der Kunden. Es liegt noch viel vor uns. Wichtig ist: Es ist keine bloße Vision in der Luft, sondern etwas sehr Konkretes in der Werkshalle, das bereits skalierbar ist.

Sie haben einen globalen Blick. Führt Europa im Bereich KI wirklich den Weg an, oder sind wir nur ein Teil davon?

Huet: Das ist interessant, denn es knüpft an einen Bericht an, den wir vor einem Monat über „Autonome Operationen“ veröffentlicht haben. Wir haben uns Kunden in der Energie- und Chemiebranche angesehen und deren Grad an Autonomie im weltweiten Betrieb untersucht.

Digitale Transformation soll einfacher werden

Schneider Electric und Deloitte wollen Kunden zusammen bei der KI-gestützten digitalen Transformation industrieller Abläufe unterstützen. Im Fokus stehen dabei die Modernisierung industrieller Prozesse durch IT/OT-Integration, der Ausstieg aus isolierten Legacy-Systemen, offene softwaredefinierte Automatisierungsplattformen sowie der Einsatz von KI und Advanced Analytics.

Die fortschrittlichsten Regionen waren Südostasien und der Mittlere Osten. Europa lag ein Stück dahinter, aber immer noch auf einem soliden Automatisierungsniveau. Das sollte ein Ansporn zur Beschleunigung sein, denn der Bericht zeigt, dass die Technologie vorhanden ist. Es ist keine Frage der Verfügbarkeit, sondern der Einführung.

Glauben Sie, dass KI auch der Nachhaltigkeit einen neuen Schub gibt? In den vergangenen Jahren schien das Thema in der Industrie manchmal etwas weniger präsent zu sein.

Huet: Ja, und das stellt auch die Verbindung zum Menschen her. Selbst wenn man nicht über Nachhaltigkeit sprechen möchte, sind die Energiekosten ein drängendes Problem. Um diese zu bewältigen, ist KI eine Lösung, weil man den Verbrauch einer Anlage durch Datenerfassung und entsprechende Anwendungsfälle optimieren kann. Je weniger Energie man verbraucht, desto besser ist es für die Nachhaltigkeit.

In Europa besteht unsere größte Herausforderung darin, dass wir die Elektrifizierung beschleunigen müssen. Die Abhängigkeit von Energie, die anderswo erzeugt wird, ist derzeit zu hoch. Wir müssen die Elektrifizierung, erneuerbare Energien und die Digitalisierung des Netzes in Europa weiter vorantreiben, um die Souveränität des Energiesystems zu gewährleisten.

Ein Punkt, der all das verbindet, ist die Cybersicherheit. Hier kann KI auch helfen, oder?

Huet: Unser Ansatz besteht darin, die Punkte zwischen OT und IT zu verbinden. Wir müssen diese beiden Welten zusammenführen, da wir uns auf immer komplexere Ökosysteme zubewegen. Es gibt überall mehr Daten und mehr Anwendungsfälle, die den Betrieb steuern. Wir müssen in diese Richtung gehen, damit die Menschen Vertrauen haben und sehen, wie sicher der Betrieb ist.

Kann KI mittlerweile überall in der Industrie eingesetzt werden?

Huet: Die Einführung von KI erfolgt flächendeckend. Es gibt jedoch geografische Besonderheiten, da sich die IT-Infrastrukturen unterscheiden können. Manche entscheiden sich für Cloud-Lösungen, andere für On-Premise-Lösungen oder hybride Modelle. Wir bieten alle Arten von Lösungen an, um sicherzustellen, dass die Technologie kein Hindernis darstellt. Es geht wirklich darum, die Akzeptanz und Einführung zu beschleunigen.

FAQ: KI in der Industrie

Warum ist KI in der Industrie für Europa wichtig? – KI in der Industrie kann helfen, Energiekosten, Effizienz und Nachhaltigkeit stärker miteinander zu verbinden.

Wie unterstützt KI in der Industrie die Dekarbonisierung? – KI erfasst viele Datenpunkte, analysiert Energieverbrauch und kann daraus Optimierungen für Anlagen und Prozesse ableiten.

Welche Rolle spielt KI in der Industrie bei Schneider Electric? – Schneider Electric setzt auf offene Automatisierung, Edge-Anwendungen, Agentic AI und industrielle Copiloten.

Ist KI in der Industrie bereits skalierbar? – Nach Einschätzung von Schneider Electric ist KI nicht mehr nur Vision, sondern bereits konkret in der Werkshalle skalierbar.

Welche Hürden gibt es für KI in der Industrie? – Entscheidend sind Einführung, Akzeptanz, Datensicherheit, passende IT-Infrastrukturen und die Verbindung von OT und IT.