Branche erwartet erstmals wieder Wachstum

Elektroindustrie 2026: KI und Reformbedarf im Fokus

Nach Jahren der Stagnation erholt sich die deutsche Elektro- und Digitalindustrie leicht. Politische Rahmenbedingungen bleiben jedoch eine zentrale Herausforderung.

Veröffentlicht
Nach Jahren mit Stagnation und Rückgängen blickt die Elektroindustrie optimistisch nach vorn.
Nach Jahren mit Stagnation und Rückgängen blickt die Elektroindustrie optimistisch nach vorn.

Nach einer Phase der wirtschaftlichen Stagnation und einem massiven Einbruch im Jahr 2024 blickt die deutsche Elektro- und Digitalindustrie wieder etwas optimistischer in die Zukunft. Für das Jahr 2026 wird erstmals wieder ein reales Produktionsplus von zwei Prozent prognostiziert. 

Das preisbereinigte Minus für das vergangene Jahr dürfte zudem deutlich niedriger ausgefallen sein als befürchtet: Prognostiziert hatte der ZVEI einen Rückgang um zwei Prozent bei der Produktion elektrotechnischer und elektronischer Güter. Tatsächlich stand von Januar bis einschließlich November ein Minus von 0,5 Prozent in den Büchern.

Damit die Branche jedoch auch zukünftig erfolgreich ist und wächst, sind einige – vor allem politische – Weichenstellungen nötig. Zwar hat Bundeskanzler Friedrich Merz der wirtschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit und der industriellen KI „höchste Priorität“ eingeräumt, doch die Bilanz der schwarz-roten Koalition fällt aus Sicht des ZVEI bisher ernüchternd aus. In einem Brief an die Regierungsfraktionen mahnte der Kanzler kürzlich an, die Standortbedingungen zu verbessern und Sozialreformen voranzutreiben. In der Branche sei von echten Reformen jedoch bisher wenig zu spüren, so der Verband.

ZVEI-Präsident Dr. Gunther Kegel stellte deshalb auf der Jahresauftakt-Pressekonferenz klar, dass die schwarz-rote Bundesregierung ein Jahr nach ihrem Antritt noch nicht geliefert habe. Die geforderte Effizienzwende sei bisher ausgeblieben und die Regierung sei über einige vielversprechende Ansätze nicht hinausgekommen.

Laut Kegel braucht es jetzt „mutige Reformen, nicht nur Ankündigungen“, um endlich eine neue wirtschaftliche Dynamik zu entfachen. Ein „Weiter so“ könne man sich angesichts der schwindenden internationalen Wettbewerbsfähigkeit schlichtweg nicht mehr leisten.

Kommen Sie zur Industrial Metaverse Conference!

Die Industrial Metaverse Conference erkundet die neuesten Entwicklungen und Innovationen an der Schnittstelle von Industrie und virtuellen Welten. 

Die Konferenz bringt führende Experten, Technologen und Geschäftsstrategen zusammen, um Einblicke in die Verwendung von Metaverse-Technologien in der Fertigung, Automatisierung und digitalen Transformation zu teilen.

Die nächste Konferenz ist am 10. und 11. Februar 2026 in München.

Weitere Informationen und Tickets gibt es hier: Zur Industrial Metaverse Conference.

Industrielle KI: Das fordert der ZVEI

Eng verknüpft mit der Wettbewerbsfähigkeit ist die industrielle Künstliche Intelligenz. Dabei geht es um die Optimierung von Fertigungsprozessen, vorausschauende Wartung und die Steigerung der Qualität durch präzise Industriedaten. Das Potenzial ist gewaltig: Bis 2035 könnte KI in Deutschland eine zusätzliche Wertschöpfung von 144 Milliarden Euro generieren.

Der ZVEI warnt jedoch davor, diese Dynamik durch bürokratische Hürden wie den EU AI Act zu ersticken. Wolfgang Weber, Vorsitzender der ZVEI-Geschäftsführung, sagt dazu: „Industrielle KI im AI Act zu regulieren, ist wie die Einführung von Tempo 30 auf der Autobahn. Wir bremsen uns selbst aus. Das darf nicht sein.“ Der Verband fordert deshalb, dass industrielle Anwendungen aus dem AI Act herausgenommen werden.

Globale Resilienz: Europa wird immer wichtiger

Während über die technologische Regulierung noch debattiert wird, haben sich die globalen Handelsströme bereits massiv verschoben. Angesichts geopolitischer Spannungen schwächeln die Exporte in die USA (-3,2 %) und nach China (-7,9 %).

Dass die Branche 2025 dennoch ein Exportplus von 4,6 Prozent verzeichnen konnte, verdankt sie dem starken EU-Binnenmarkt und dem Vereinigten Königreich.

Die Elektroindustrie in Deutschland: Zahlen und Fakten

  • Umsatz 2025 (vorläufig): 226 Mrd. Euro (+2,7 % nominal)
  • Exportvolumen (Jan.-Nov. 2025): 236,2 Mrd. Euro (+4,6 %)
  • Produktionsprognose 2026: +2 % (real)
  • Beschäftigte in Deutschland: 877.000 (-1,7 % zum Vorjahr)
  • Wichtigste Exportregion: Europa (inkl. UK): 57 % Anteil
  • KI-Wertschöpfungspotenzial: 144 Mrd. Euro bis zum Jahr 2035

Europa fungiert dem ZVEI zufolge heute als unverzichtbare Rückversicherung für die deutsche Elektroindustrie, wobei die Niederlande inzwischen das wichtigste Abnehmerland für Exporte sind.

Arbeitsmarkt: Wohlstand durch Leistung sichern

Daneben sieht die Branche die Verfügbarkeit und Flexibilität von Arbeitskräften als kritischen Standortfaktor. Der ZVEI drängt die Politik deshalb zu Sozialreformen, um dem Fachkräftemangel und den hohen Lohnnebenkosten entgegenzuwirken.

Gefordert werden unter anderem eine wöchentliche statt einer täglichen Höchstarbeitszeit sowie eine Anpassung der Regelaltersgrenze an die Lebenserwartung. ZVEI-Präsident Kegel betont die Notwendigkeit einer neuen Anstrengungskultur: „Gesellschaftlicher Wohlstand muss erst erarbeitet werden, bevor er verteilt werden kann. Ohne Anstrengungen wird dies nicht möglich sein.“

Sicherheit als industrieller Pfeiler

Dass die Branche längst mehr als ein reiner Wirtschaftsfaktor ist, beweist ihre wachsende Rolle in der Sicherheitspolitik. So ist der Anteil der Elektroindustrie an Verteidigungsausrüstung seit 2017 von zehn auf fast 20 Prozent gestiegen und steuert auf die 25-Prozent-Marke zu.

„Das liegt an der Technisierung der Verteidigungsindustrie, wenn wir an Drohnen oder zielgerichtete Munition denken“, so Weber. Inzwischen spiele Elektronik eine immer größere Rolle. „Insofern bekommt unsere Branche eine zunehmende Relevanz“, erklärt er weiter.

FAQ zur Lage der deutschen Elektro- und Digitalindustrie 2026

1. Wie entwickelt sich die deutsche Elektroindustrie im Jahr 2026?

Für 2026 wird erstmals seit längerer Zeit wieder ein reales Produktionsplus von zwei Prozent prognostiziert. Nach dem massiven Einbruch im Jahr 2024 markiert dies eine vorsichtige Erholung. Die Entwicklung ist vor allem auf technologische Fortschritte sowie die Stabilität des europäischen Binnenmarktes zurückzuführen. Gleichzeitig bestehen weiterhin strukturelle Herausforderungen, insbesondere in der Standortpolitik.

2. Welche Risiken sieht der ZVEI beim EU AI Act für industrielle KI-Anwendungen?

Der ZVEI warnt vor einer Überregulierung industrieller KI durch den EU AI Act. Industrielle Anwendungen wie Prozessoptimierung, Predictive Maintenance oder Qualitätskontrolle seien niedrig risikobehaftet, könnten jedoch durch zu strenge Regelungen in ihrer Entwicklung und Anwendung gebremst werden. Der Verband fordert daher, industrielle KI vom Geltungsbereich der Verordnung auszunehmen.

3. Welche Rolle spielt Europa im internationalen Exportgeschäft?

Trotz rückläufiger Exporte nach China und in die USA konnte die Branche 2025 ein Exportplus von 4,6 Prozent verzeichnen. Hauptursache ist die starke Nachfrage aus dem EU-Binnenmarkt und dem Vereinigten Königreich. Die Niederlande sind inzwischen der wichtigste Handelspartner. Europa fungiert damit als stabilisierender Faktor und Rückversicherung für die deutsche Elektroindustrie.

4. Welche Reformen fordert die Branche für den Arbeitsmarkt?

Der ZVEI sieht im Arbeitskräftemangel und den hohen Lohnnebenkosten zentrale Standortprobleme. Gefordert werden u. a. flexiblere Arbeitszeitmodelle mit wöchentlicher statt täglicher Höchstarbeitszeit sowie eine Anhebung des Renteneintrittsalters entsprechend der gestiegenen Lebenserwartung. Ziel ist es, die Verfügbarkeit qualifizierter Fachkräfte zu erhöhen und die Leistungsfähigkeit des Standorts langfristig zu sichern.