Industriearbeitsplätze: Was die Zahlen wirklich zeigen
Industriearbeitsplätze verschwinden seltener, als Branchenstatistiken vermuten lassen. Laut DIW Berlin wurden zwei Drittel der Verluste durch produktionsnahe Stellen im Dienstleistungssektor ausgeglichen.
Die DIW-Auswertung zeigt: Rund zwei Drittel der zwischen 1975 und 2019 verlorenen Industriearbeitsplätze wurden durch produktionsnahe Tätigkeiten im Dienstleistungssektor ausgeglichen. Besonders hohe Einkommensverluste entstehen, wenn Beschäftigte zugleich die Branche und den Beruf wechseln.DIW Berlin
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Summary:Das DIW Berlin hat die Entwicklung produktionsnaher Tätigkeiten in Deutschland von 1975 bis 2019 untersucht. Von 1,53 Millionen weggefallenen Industriearbeitsplätzen wurden 1,03 Millionen durch vergleichbare Stellen im Dienstleistungssektor kompensiert. Hohe Einkommensverluste entstehen vor allem dann, wenn Beschäftigte nicht nur die Branche, sondern auch ihren Beruf wechseln.
Warum weniger Industriearbeitsplätze verloren gingen
Der Rückgang der Industriebeschäftigung in Deutschland fällt deutlich geringer aus, als eine reine Betrachtung der Branchenstatistik vermuten lässt. Zwischen 1975 und 2019 gingen im Verarbeitenden Gewerbe zwar rund 1,5 Millionen Industriearbeitsplätze verloren. Gleichzeitig entstanden im Dienstleistungssektor jedoch gut eine Million vergleichbare produktionsnahe Stellen.
Damit wurden rund zwei Drittel der weggefallenen Industriearbeitsplätze durch ähnliche Tätigkeiten außerhalb klassischer Industriebetriebe ersetzt. Zu diesem Ergebnis kommt ein Wochenbericht des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, kurz DIW Berlin.
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Die Untersuchung zeigt damit, dass wirtschaftlicher Strukturwandel nicht zwangsläufig mit einem vollständigen Verlust produktionsnaher Tätigkeiten gleichzusetzen ist. Ein Teil dieser Arbeit wird weiterhin ausgeübt, findet statistisch jedoch in einem anderen Wirtschaftssektor statt.
Aussagen über den Strukturwandel basieren häufig auf der Entwicklung einzelner Wirtschaftszweige. Dieser Ansatz unterstellt indirekt, dass alle Beschäftigten eines Industriebetriebs in der Produktion arbeiten und sämtliche Beschäftigten eines Dienstleistungsunternehmens klassische Dienstleistungen erbringen.
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Die konkreten Aufgaben und Qualifikationen werden bei dieser Betrachtung jedoch nicht ausreichend berücksichtigt. Produktionsnahe Berufe können auch in Unternehmen ausgeübt werden, die statistisch dem Dienstleistungssektor zugerechnet werden.
Für ihre Studie nutzten Thilo Kroeger aus der Abteilung Unternehmen und Märkte des DIW Berlin und Dominik Boddin von der Deutschen Bundesbank zwei repräsentative Datensätze des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Die auf Sozialversicherungsdaten basierenden Informationen ermöglichen eine differenzierte Betrachtung konkreter Berufe und Tätigkeiten.
Die Wissenschaftler untersuchten insbesondere Arbeitsplatzverluste infolge von Massenentlassungen. Diese Form des Beschäftigungsabbaus eignet sich für die Analyse, da sie nicht auf individuellen Entscheidungen oder der persönlichen Leistung einzelner Beschäftigter beruht.
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Wie stark sank die produktionsnahe Beschäftigung?
Bei einer Abgrenzung nach Branchen gingen zwischen 1975 und 2019 rund 1,53 Millionen Industriearbeitsplätze verloren. Werden stattdessen die tatsächlich ausgeübten Berufe betrachtet, ergibt sich ein anderes Bild.
Im Dienstleistungssektor entstanden im gleichen Zeitraum rund 1,03 Millionen produktionsnahe Arbeitsplätze. Netto gingen damit etwa 500.000 Stellen in produktionsnahen Tätigkeiten verloren. Dieser Rückgang bleibt erheblich, liegt aber deutlich unter dem Beschäftigungsverlust, den die reine Branchenstatistik ausweist.
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„Ein erheblicher Teil produktionsnaher Jobs verschwindet entgegen der Wahrnehmung also gar nicht“, resümiert Studien-Co-Autor Boddin.
Die zum Wochenbericht veröffentlichte Infografik stellt diese Verschiebung anhand von Fabrik-, Gebäude- und Schraubenschlüsselsymbolen dar. Dem Rückgang von 1,53 Millionen produktionsnahen Arbeitsplätzen im Industriesektor steht ein Zuwachs von 1,03 Millionen entsprechenden Stellen im Dienstleistungssektor gegenüber.
Warum der Berufswechsel den Lohn beeinflusst
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Für die Einkommensentwicklung ist nach den Ergebnissen der Studie nicht in erster Linie entscheidend, in welchem Wirtschaftssektor eine neue Stelle angesiedelt ist. Wesentlich stärker wirkt sich aus, ob Beschäftigte ihre bisherigen beruflichen Fähigkeiten und Kompetenzen weiterhin einsetzen können.
„Wenn Beschäftigte ihren Arbeitsplatz in der Industrie verlieren, ist für sie nicht in erster Linie entscheidend, ob sie weiter in der Industrie oder stattdessen im Dienstleistungssektor arbeiten, sondern ob sie ihren Beruf und ihre beruflichen Kompetenzen auf einer neuen Stelle weiter einbringen können“, sagt Thilo Kroeger aus der Abteilung Unternehmen und Märkte des DIW Berlin, der die Studie gemeinsam mit Dominik Boddin von der Deutschen Bundesbank erstellt hat.
Bleiben ehemalige Industriebeschäftigte nach dem Arbeitsplatzwechsel in einem produktionsnahen Beruf, fallen die langfristigen Einkommensverluste vergleichsweise gering aus. Wechseln sie innerhalb des Industriesektors in eine ähnliche Tätigkeit, beträgt der durchschnittliche jährliche Verlust 0,9 %. Bei einem Wechsel in den Dienstleistungssektor und der Fortführung eines produktionsnahen Berufs liegt er bei lediglich 0,5 %.
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Deutlich stärker sinkt das Einkommen, wenn zusätzlich ein Berufswechsel erfolgt. Innerhalb des Industriesektors beträgt der Verlust beim Wechsel in einen Dienstleistungsberuf durchschnittlich 2,3 %. Erfolgt sowohl der Wechsel in den Dienstleistungssektor als auch in einen Dienstleistungsberuf, geht das Lohneinkommen langfristig um rund 17 % zurück.
Die Werte sind laut Infografik um betriebliche Lohnaufschläge bereinigt. Als Datengrundlage dienen das Betriebshistorik-Panel und die Stichprobe der Integrierten Arbeitsmarktbiografien.
Kompetenzen als Grundlage für berufliche Mobilität
Aus Sicht der Studienautoren sollte der Strukturwandel stärker aus der Perspektive von Berufen und Kompetenzen betrachtet werden. Eine ausschließliche Orientierung an Wirtschaftszweigen greife zu kurz, weil sie die tatsächlichen Tätigkeiten der Beschäftigten nicht hinreichend abbilde.
Für die Arbeitsmarktpolitik bedeutet dies, Beschäftigte frühzeitig dabei zu unterstützen, vorhandene Qualifikationen auch bei anderen Arbeitgebern und in anderen Branchen einzusetzen. Weiterbildung sollte an bestehenden Kenntnissen anknüpfen und den Übergang in nachgefragte, vergleichbare Tätigkeiten erleichtern.
Neben der Politik sehen die Autoren auch Arbeitsagenturen, Sozialpartner und Unternehmen in der Verantwortung. Besonders Beschäftigte in derzeit gefährdeten Bereichen wie der Automobilwirtschaft, dem Maschinenbau und der Metallverarbeitung sollten frühzeitig beim Wechsel in neue Beschäftigungsverhältnisse begleitet werden.
Entscheidend ist dabei nicht allein die Vermittlung einer neuen Stelle. Im Mittelpunkt sollte die Frage stehen, wie vorhandene berufliche Fähigkeiten erhalten, ergänzt und in einem anderen betrieblichen Umfeld weiter genutzt werden können.
Welche Rolle spielt der Beschäftigungsschutz?
Einen pauschalen Abbau des Beschäftigungsschutzes halten die Studienautoren nicht für den richtigen Ansatz. Verlässliche Arbeitsverhältnisse können Beschäftigten und Unternehmen Planungssicherheit geben und damit Entscheidungen über Qualifizierung und Weiterbildung erleichtern.
„Stabile Beschäftigungsverhältnisse bedeuten Verlässlichkeit und erleichtern damit Qualifikationsentscheidungen“, sagt DIW-Ökonom Kroeger.
Eine Ausweitung sachgrundloser Befristungen könnte nach Einschätzung der Autoren dort sinnvoll sein, wo Investitionen andernfalls nicht vorgenommen würden. Sie sollte jedoch auf neu geschaffene Arbeitsplätze in Transformationsprojekten begrenzt bleiben.
Bei einem erfolgreichen Verlauf solcher Projekte sollten die befristeten Stellen in unbefristete Beschäftigungsverhältnisse überführt werden. Damit verbinden die Autoren berufliche Flexibilität mit einer langfristigen Perspektive für die betroffenen Beschäftigten.
mit Material vom DIW Berlin
Zu den Industriearbeitsplätzen
• Wie viele Industriearbeitsplätze gingen von 1975 bis 2019 verloren? – Nach Branchenabgrenzung gingen rund 1,53 Millionen Arbeitsplätze im Verarbeitenden Gewerbe verloren.
• Wie viele Industriearbeitsplätze wurden im Dienstleistungssektor ausgeglichen? – Im Dienstleistungssektor entstanden rund 1,03 Millionen vergleichbare produktionsnahe Stellen.
• Warum fallen die Einkommensverluste bei Industriearbeitsplätzen unterschiedlich hoch aus? – Entscheidend ist, ob Beschäftigte ihre bisherigen Berufe und Kompetenzen nach dem Arbeitsplatzwechsel weiter nutzen können.
• Welche Einkommensverluste entstehen beim Wechsel aus Industriearbeitsplätzen? – Bei einer produktionsnahen Tätigkeit im Dienstleistungssektor beträgt der langfristige Verlust durchschnittlich 0,5 %, bei einem zusätzlichen Berufswechsel rund 17 %.
• Was folgt aus der Studie zu Industriearbeitsplätzen für die Arbeitsmarktpolitik? – Qualifizierung, Weiterbildung und berufliche Mobilität sollten stärker an vorhandenen Kompetenzen und konkreten Tätigkeiten ausgerichtet werden.