Wirtschaft in der Kriegsfrage ungeschützt

IW-Studie: Unternehmen kaum auf Kriegsfall vorbereitet

Eine neue Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft offenbart gravierende Lücken in der Krisenvorsorge deutscher Unternehmen. Kaum eine Firma rechnet ernsthaft mit einem Krieg – und noch weniger sind vorbereitet.

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Deutschlands Wirtschaft ist einer Umfrage zufolge nur unzureichend auf den Kriegsfall vorbereitet.
Deutschlands Wirtschaft ist einer Umfrage zufolge nur unzureichend auf den Kriegsfall vorbereitet.

Wirtschaft ohne Verteidigungsplan

Ein militärischer Konflikt in Europa galt lange Zeit als weit entferntes Szenario. Der Angriff Russlands auf die Ukraine vor fast vier Jahren hat diese Sichtweise erschüttert. Doch trotz der aktuellen geopolitischen Entwicklungen zeigt sich ein klares Bild: Die deutsche Wirtschaft ist auf den Ernstfall unzureichend vorbereitet.

Dies geht aus einer repräsentativen Umfrage des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) hervor, die unter mehr als 1000 Unternehmen durchgeführt wurde. Die Erkenntnisse sind ernüchternd. Lediglich gut jede fünfte Firma hat Vorkehrungen getroffen, um mögliche Ausfälle bei kritischer Infrastruktur zu kompensieren. Noch geringer fällt die Zahl bei der Vorbereitung auf kriegsbedingte Personalausfälle aus – nur rund fünf Prozent der befragten Unternehmen wären darauf eingestellt, wenn etwa Reservisten aus ihren Belegschaften eingezogen würden.

Fokus auf Cyberabwehr

Einziger Lichtblick der Umfrage: Der Bereich der Cybersicherheit. Hier zeigen sich deutsche Firmen offenbar deutlich wachsamer. Rund 86 Prozent der Unternehmen haben Schutzmaßnahmen gegen Cyberangriffe installiert. Angesichts der zunehmenden Bedrohung durch staatlich gelenkte Hackerangriffe – wie sie im Kontext internationaler Konflikte bereits vielfach dokumentiert wurden – ist dies ein entscheidender, wenn auch nicht ausreichender Aspekt der Gesamtverteidigung.

Strategisches Defizit mit weitreichenden Folgen

Die Autoren der Studie unterstreichen die strategische Bedeutung einer krisenfesten Privatwirtschaft. IW-Geschäftsführer Hubertus Bardt betont: „Ohne eine Gesamtverteidigung, die auch den Schutz und das Engagement der Wirtschaft berücksichtigt, bleibt die Abschreckungs- und Verteidigungsfähigkeit unvollständig.“

In der Analyse mit dem Titel „Die Rolle der Privatwirtschaft in der Gesamtverteidigung Deutschlands“ wird deutlich gemacht, dass eine im Konfliktfall resiliente, flexible und dynamische Wirtschaft nicht nur für den militärischen Erfolg, sondern auch für den gesellschaftlichen Rückhalt unverzichtbar sei.

Notfall- und Krisenpläne gelten dabei als zentrale Stellschrauben. Ebenso wird eine verbesserte Kommunikation zwischen Militär, Unternehmen und Hilfsorganisationen gefordert. Ohne klare Koordination könne die Rolle der Privatwirtschaft im Verteidigungsfall nicht effektiv genutzt werden.

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Realitätsferne nach dem Kalten Krieg

Ein strukturelles Problem liegt in der jahrzehntelangen Annahme, dass ein Krieg in Europa praktisch ausgeschlossen sei. Nach dem Ende des Kalten Krieges schrumpfte die wahrgenommene Kriegsgefahr für Deutschland nahezu auf null. Die militärische Auseinandersetzung auf europäischem Boden erschien über Jahrzehnte hinweg als Szenario ohne Relevanz für die Unternehmensrealität.

Diese Wahrnehmung hat sich jedoch mit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine fundamental verändert. Gleichzeitig wirft die veränderte US-Außenpolitik neue Fragen über die sicherheitspolitische Abhängigkeit Europas auf – und über die Eigenverantwortung der deutschen Wirtschaft im Verteidigungsfall.

Fehlende Kommunikation als Risiko

Die Studie verweist nicht nur auf mangelnde Vorbereitung innerhalb der Unternehmen selbst, sondern auch auf strukturelle Defizite im Zusammenspiel mit staatlichen Institutionen. Es fehle an klaren Kommunikationskanälen und Abstimmungsprozessen, die im Krisenfall eine reibungslose Koordination ermöglichen würden.

In einem komplexen Bedrohungsszenario könne keine der beteiligten Parteien – weder Wirtschaft, Militär noch Zivilschutz – isoliert agieren. Nur eine integrative Strategie, bei der auch privatwirtschaftliche Ressourcen und Kompetenzen systematisch eingebunden sind, könne eine nachhaltige Verteidigungsfähigkeit garantieren.

Mit Material der dpa

FAQ zur IW-Studie zur Kriegsfall-Vorsorge in Unternehmen

Wer hat die Studie zur Vorbereitung der Firmen auf den Kriegsfall veröffentlicht? - Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) hat die repräsentative Studie erstellt.

Wie viele Firmen haben an der IW-Befragung teilgenommen? - Über 1000 Unternehmen in Deutschland wurden befragt.

Wie viele Unternehmen haben Vorsorgemaßnahmen für Infrastrukturausfälle getroffen? - Nur gut jede fünfte Firma gab an, entsprechende Maßnahmen vorbereitet zu haben.

Wie viele Firmen sind auf Personalausfälle durch Einziehung von Reservisten vorbereitet? - Lediglich etwa jede zwanzigste Firma hat hierfür Vorkehrungen getroffen.

Wie steht es um die Cybersicherheit in deutschen Unternehmen? - Rund 86 Prozent der Firmen haben Schutzmaßnahmen gegen Cyberangriffe implementiert.

Welche Rolle spielt die Wirtschaft laut IW im Verteidigungsfall? - Eine resiliente Wirtschaft gilt als wesentlich für militärischen Erfolg und gesellschaftlichen Rückhalt.

Was fordern die Autoren der Studie zusätzlich? - Bessere Notfallpläne sowie eine engere Kommunikation zwischen Militär, Wirtschaft und Hilfsorganisationen.