KI in der Instandhaltung ist bei EVN Wärmekraftwerke kein reines Technologiethema. Klaudia Ebner, Leiterin der Abteilung Technische Services, zeigt, wie Daten, Prozesse und Betriebsnähe zusammenwirken.
KI in der Instandhaltung: Digitale Datenmodelle und vernetzte Systeme unterstützen technische Services bei der Zustandsüberwachung industrieller Anlagen.Symbolbild - KI-generiert
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Summary: Die EVN Wärmekraftwerke treibt Digitalisierung, Daten und KI im Technischen Service voran. Klaudia Ebner erläutert im Vorfeld der Instandhaltungstage 2026 in Salzburg, wie Reifegradmodell, Technologieradar und Ideenmanagement zusammenspielen. Entscheidend sind laut Ebner klare Prozesse, gute Daten, betriebsnahe Teams und eine Kultur, die neue Technologien praxisnah erprobt.
Was
für ein motivierendes Gespräch! Ich hatte die Freude, mit unserer
Keynote-Speakerin, Klaudia Ebner im Vorfeld der Instandhaltungstage 2026 ein
kurzes Gespräch zu ihrem geplanten Vortrag zu führen. Wir haben darüber
gesprochen, welche strategischen Weichen und operativen Maßnahmen bei EVN
Wärmekraftwerke im Bereich der Digitalisierung im Technischen Service gesetzt
werden und warum es unbedingt Bastler im Team braucht.
Frau
Ebner, Sie eröffnen den Kongresstag der Instandhaltungstage 2026 in Salzburg
inhaltlich mit dem Thema „Vom Reifegradmodell zur gelebten Umsetzung: Wie
Versorgungsunternehmen Digitalisierung, Daten & KI praxisnah in der
Instandhaltung verankern.“ Was erwartet die Teilnehmenden in Ihrem Vortrag?
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Dr. Klaudia Ebner
Dr.
Klaudia Ebner ist Leiterin der Abteilung Technische Services der EVN
Wärmekraftwerke GmbH sowie Prokuristin der EVN Biogas GmbH. Sie verantwortet
die Bereiche Business Development, Digitalisierung, Data & AI sowie Umwelt-
und Behördenmanagement. Sie verfügt über langjährige Erfahrung in industrieller
Digitalisierung, Industrial Data & AI, Produktionsoptimierung und
Instandhaltungsmanagement.
Soviel
sei verraten, es wird kein reiner technischer Vortrag. Es wird eher beleuchtet,
wie unsere Reise aktuell verläuft, vom Reifegradmodell hin zu den konkreten Use
Cases. Auch eine Art Lessons Learned: Was haben wir wie konkret gemacht? Aber
auch welche Fehler haben wir dabei gemacht und was haben wir daraus gelernt?
Was würden wir heute anders machen? Es spiegelt in Summe unsere Reise wider,
mit konkreten Use Cases, aber auch mit vielen menschlichen und
organisatorischen Aspekten, die man auf so einer Reise beachten sollte –
abgesehen von den strategischen Überlegungen natürlich.
Die
Entwicklung im Bereich Digitalisierung und KI schreitet rasant voran. Wie
gelingt es Ihnen, einerseits dem gewählten Weg entsprechend dem Reifegradmodell
strukturiert zu folgen und gleichzeitig die vielen neuen Möglichkeiten, Tools
und Entwicklungen nicht aus den Augen zu verlieren? Wie werden kurzfristige
Neuentdeckungen, z. B. für Pilotanwendungen, qualifiziert?
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Ich
glaube grundsätzlich, dass im jetzigen Zeitalter der Digitalisierung und auch
der Künstlichen Intelligenz, Zeit dein größter Feind ist. Gerade als großer
Konzern, wie wir es sind, bist du einfach nicht so schnell wie ein Start-up –
und das ist auch irgendwo die größte Herausforderung. Wir versuchen zumindest
strategisch gesehen, so entgegenzuwirken:
Auf
der einen Seite haben wir das Reifegradmodell, das die großen strategischen
Projekte vorgibt, die einfach notwendig sind, damit eine Skalierung möglich ist
und man nicht ewig in der POC-Phase bleibt. Aber auch gekoppelt mit kleinen
Leuchtturmprojekten, die erste Erkenntnisse zeigen, damit man schon mal sehen
kann, welchen Mehrwert Digitalisierung und KI bringt.
Auf
der anderen Seite haben wir ein Technologieradar, mit dessen Hilfe wir ständig
Innovationen screenen. Die werden dann auch noch mitbetrachtet. Weiters wird
geschaut: Passt das strategisch in unsere Stoßrichtungen in der Roadmap?
Und
gleichzeitig betreiben wir eine Ideenmanagement-App für Digitalisierung und KI.
Das hat jeder Mitarbeitende auf seinem Handy, und wenn er eine Idee hat, kann
er das sehr, sehr einfach eingeben. Auch hier werden dann Informationen
eingekippt.
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Dieser
strategische Part von drei Seiten kommt in die Roadmap, und mein Team
entscheidet dann: Passt das in unsere Strategie? Verfolgen wir es weiter oder
haben wir es derweil mal on hold?
Wichtig
ist halt auch, wenn man in diesem Bereich arbeitet, ist das kein klassischer
Nine-to-Five-Job. Du musst dich auch privat mit diesen Themen beschäftigen
wollen. Du musst irgendwo auch diese Bastler-Mentalität haben, dass du das
selber zu Hause mal ausprobierst. Und da schauen wir auch beim Recruiting, dass
sich das Team aus solchen Leuten zusammensetzt. Das bringt dann schon ganz
automatisch neue Technologien mit ins Boot. Meine Kolleginnen und Kollegen zeigen
mir auch, was sie privat alles gemacht haben und wie cool die Dinge nicht
funktionieren. Das ist, glaube ich, fast der größte Mehrwert.
Man
muss dazu aber auch sagen: Dinge, die als Privatperson zu Hause auf deinem
Laptop funktionieren, sind nochmal etwas anderes als in einer kritischen
Infrastruktur. Aber, wenn jemand schon diese Bastler-Mentalität hat und das zu
Hause probiert, dann können wir überlegen: OK, wie schaffen wir dafür diese
sichere Umgebung auch im Konzern? Damit man einfach mit der Zeit geht und nicht
nur diesen Tunnelblick hat und von der realen Welt versperrt bleibt.
Instandhaltungstage 2026
Der Branchentreffpunkt für
Management & Technik.
16.-18.06.2026. Radisson Blu Hotel & Conference Centre (vormals
Wyndham Grand Salzburg).
Was
war aus Ihrer Sicht der entscheidende Schritt vom theoretisch konzipierten
Reifegradmodell hin zur Umsetzung in der Praxis mit den technischen
Abteilungen?
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Bei
uns gibt es keine Change Manager und keine
Change-Management-Präsentationsfolie. Wir sind den Ansatz gefahren, auch schon,
als wir die Abteilung gegründet haben, dass die Teams sehr, sehr betriebsnah
sind. Das Data- und Analytics-Team zum Beispiel setzt sich u.a. aus zwei
ehemaligen Betriebsmitarbeitern zusammen. Die hatten nichts mit KI oder
Digitalisierung zu tun, aber was sie schon hatten, ist die Betriebsnähe. Sie
kennen die Anlagen. Zusätzlich haben wir noch einen Verfahrenstechniker, der
seit über 25 Jahren diese Anlage mit aufgebaut hat. Und die haben wir natürlich
gekoppelt mit AI Natives, mit Digitalisierungsspezialistinnen und
-spezialisten. So versuchen wir eigentlich, aktives Change Management zu leben.
So
musst du eigentlich Change Management gar nicht vorantreiben, weil es ja eh
schon gelebt wird. Das waren auch Personen mit einem entsprechenden Ansehen
innerhalb der Organisation. Das bringt den Mehrwert, wenn die Personen sagen,
dass etwas gut ist, dann macht auch der restliche Betrieb mit. Die Abteilung
selbst gibt es übrigens erst seit eineinhalb Jahren, faktisch arbeiten wir aber
schon zweieinhalb bis drei Jahre an dem Thema.
Dazu
kommt: Wir fahren in der EVN einen Citizen-Development-Ansatz. Wir haben das
Thema Digitalisierung und KI nicht nur zentral in der Konzern-IT aufgehängt,
sondern wir als Fachbereich – in dem Fall die Wärmekraftwerke – dürfen
eigenständig Digitalisierung und KI vorantreiben, auch mit eigenen Teams.
Deshalb gibt es u.a. ein eigenes Data- und Analytics-Team und ein eigenes
Digitalisierungsstrategieteam. Natürlich immer in enger Abstimmung mit der IT:
Sie gibt grundsätzlich Technologien vor und die Governance, damit kein
Wildwuchs entsteht. Aber gleichzeitig sind wir so viel, viel schneller, als
würden wir es immer zentral von der Konzern-IT bedienen lassen. Du bist in der
Umsetzung schneller und hast auch diese Nähe zum Betrieb. Wenn jetzt jemand vom
Headquarter käme und sagen würde „so machen wir es“, kommt das gerade in einem
konservativen Umfeld wie Instandhaltung, Betriebsführung, thermische Kraftwerke
nicht zwingend immer gut an. Da brauchst du wirklich 90 % Change Management und
10 % Umsetzung. Die Energie kann man anders nutzen.
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Das
Thema Digitalisierung zieht sich wie ein roter Faden durch den Kongresstag.
Instandhaltung sammelt in den unterschiedlichsten Systemen viele Daten. Wie
schätzen Sie die Situation ein – was braucht es, um in klassischen
Instandhaltungsorganisationen ein Optimum aus den gesammelten Daten zu holen?
Werden KI-Tools hier eine entscheidende Weiterentwicklung liefern oder das
Problem noch vergrößern?
Ich
glaube, die Möglichkeiten heute sind ganz anders als noch vor fünf oder zehn
Jahren – oder vielleicht sogar als vor zwei Jahren,. Gerade im Bereich
Instandhaltung und Betriebsführung gibt es ja sehr, sehr viele Daten. Die Frage
ist: Wie gut sind die? Die KI ist immer nur so gut, wie die Daten dahinter.
Aber auch die KI entwickelt sich rasant weiter. Was heute undenkbar erscheint,
ist morgen vielleicht schon möglich. Ich habe gesehen, was agentische Systeme
mittlerweile können – das ist richtig beeindruckend.
Es
braucht trotzdem die notwendige technische Infrastruktur. Du brauchst saubere,
klare Prozesse, und du brauchst ganz klar gegovernte, gute Daten – weil sonst
funktioniert das nicht. Agentensystem hin oder her, Gen AI hin oder her: Wenn du
die Hausübungen vorher nicht erledigt hast, dann werden auch diese Systeme
niemals skalieren können. Du wirst schon einen POC schaffen, aber du wirst dich
dann wundern: Warum schaffe ich es denn nicht in die vollumfängliche
Skalierung? Warum ist dieser ROI, den wir uns erhofft haben, nicht da?
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Ganz
oft fehlen die technischen Basics. Die Systeme sind nicht miteinander vernetzt.
Du hast lauter Silo-Systeme, die Prozesse sind nicht klar. Wenn Daten
rauskommen, dann passt die Qualität nicht, und niemand weiß warum. Die
Hausübungen musst du schon trotzdem manuell machen – die wird dir keine KI
lösen.
Abschließend
noch ein kleiner Vorgriff für unsere Teilnehmenden: Mit Blick auf andere
Industrieunternehmen – welche Fehler oder typische Stolpersteine sollten
Unternehmen vermeiden, wenn sie Digitalisierung und KI in der Instandhaltung
einführen wollen?
Ich
könnte ewig darüber reden, aber das Wichtigste ist, nämlich das Ganze nicht als
reines Technologiethema zu betrachten. Man sagt ja, nur ungefähr 30 % ist
Technologie – und das kann ich bestätigen. Die Herangehensweise sollte nicht
rein technologisch sein. Das Unternehmen muss sich irgendwo die Frage stellen:
Wie ready bin ich denn für dieses Thema? Und was brauche ich an zusätzlichen technischen
und organisatorischen Voraussetzungen, damit ich diese Reise meistern kann? Das
ist das Wichtigste.
Am
Ende des Tages muss man sagen: Die Technologie ist auch nur so gut, wie der
Mensch sie gestaltet. Und diese Menschen wirst du brauchen. Ohne sie ist es
nicht möglich.
Grundsätzlich
ist die Instandhaltungsbranche nicht die offenste für Veränderungen. „Wir haben
es immer schon so gemacht, das hat 30 Jahre funktioniert, warum soll man es
anders machen?“ Aber gerade durch die kleinen Leuchtturmprojekte, die wir dann
zeigen, wird schnell klar: „OK, wir haben einfach gar keine andere Wahl, als
mit diesem neuen Zeitalter mitzugehen.“ Ich bin in diesem Bereich dann übrigens
zu 90 % Psychologin und zu 10 % Technikerin. Aber es macht Spaß und der Erfolg
gibt uns Recht.
Liebe
Frau Ebner, ich bedanke mich sehr für das offen Gespräch und die spannenden
ersten Einblicke. Ich freue mich sehr auf Ihre Ausführungen in Salzburg!
Das Interview wurde geführt von Mag. Lydia Höller, MSc., Manager Corporate Communications & Prokuristin bei Dankl+Partner Consulting / MCP Deutschland. Das Unternehmen kuratiert und veranstaltet gemeinsam mit der Messfeld GmbH die Instandhaltungstage.
FAQ: KI in der Instandhaltung
• Was bedeutet KI in der Instandhaltung bei EVN? – EVN verbindet Reifegradmodell, konkrete Use Cases, Technologieradar und Ideenmanagement, um Digitalisierung und KI praxisnah im Technischen Service zu verankern.
• Warum ist KI in der Instandhaltung kein reines Technologiethema? – Laut Klaudia Ebner sind nur etwa 30 % Technologie. Entscheidend sind Menschen, Organisation, Prozesse und Datenqualität.
• Welche Rolle spielt Datenqualität für KI in der Instandhaltung? – KI kann nur so gut arbeiten wie die zugrunde liegenden Daten. Saubere Prozesse, Governance und vernetzte Systeme bleiben Voraussetzung.
• Wie bringt EVN KI in der Instandhaltung in die Praxis? – EVN setzt auf betriebsnahe Teams, ehemalige Betriebsmitarbeitende, AI Natives und eigene Digitalisierungsteams im Fachbereich.
• Warum braucht KI in der Instandhaltung Bastler im Team? – Mitarbeitende mit Bastler-Mentalität testen neue Technologien früh, bringen Impulse ein und helfen, Innovationen in sichere Konzernumgebungen zu übertragen.