Female Leadership: So gelingt mehr Vielfalt in der Instandhaltung
Weibliche Führungskräfte sind in der Instandhaltung weiter die Ausnahme. Erfahrungsberichte aus Werkhallen und Führungsetagen zeigen, welche Hürden bestehen und was Unternehmen machen können, um Vielfalt im technischen Management voranzubringen.
Im Maschinenbau liegt der Frauenanteil in Managementpositionen bei 10,2%, im Energiesektor bei 11,2%. Praktische Beispiele zeigen, welche Hebel für mehr Vielfalt entscheidend sind.Andrey Popov - stock.adiobe.com
Anzeige
Hand aufs Herz: Wie viele männliche Führungskräfte in der
Instandhaltung kennen Sie? Und wie viele weibliche? Vermutlich ist die zweite
Zahl deutlich geringer als die erste. Das ist auch statistisch belegt. Im
Maschinenbau beträgt der Frauenanteil in Managementpositionen lediglich 10,2%,
im Energiesektor sind es 11,2%.
„Wir müssen das Thema ‚Frauen‘ aktiv in den Fokus rücken,
sonst sprechen wir nicht darüber“, sagt Dr. Anja Ebert-Steinhübel, Leiterin des
Learning Leadership Instituts bei IFC Ebert, auf der Tagung „Instandhaltung und
Management“. „Es gibt so wenige Frauen in technischen Berufen, weil es oft
nicht vorgelebt wird. Wir müssen PR für unser Thema
machen und laut trommeln.“
Anzeige
Wie das gelingen kann, zeigt das Beispiel von vier
Instandhalterinnen. Auffällig dabei ist, dass Fürsprecher und Mentoren eine
wichtige Rolle spielen.
Mentoren als Karrierebeschleuniger
Anzeige
Für Susanne Jung, Werkleiterin der DB Fahrzeuginstandhaltung
in Meiningen, war für ihren Aufstieg nicht nur ihr eigenes Können entscheidend,
sondern auch das Vertrauen anderer: „Ich selbst hätte mir anfangs nicht so viel
zugetraut. Da es in der Gesellschaft immer noch Vorurteile gegenüber Frauen und
Technik gibt, sind solche Fürsprecher immens wichtig“, erklärt sie.
Ähnlich verlief es bei Stefanie Markmann, Meisterin der
Instandhaltung bei Hamburg Wasser. „Irgendwann merkte ich, dass ich nicht ewig
in der Werkstatt bleiben wollte. Ich machte meinen Meister in der Abendschule,
stieß aber zunächst wegen mangelnder Führungserfahrung auf Hürden“, berichtet
sie. Ihr damaliger Chef förderte sie jedoch gezielt, ließ eine alte Stelle für
sie wieder aufleben und gab ihr die Chance, sich zu verwirklichen.
„Ich kam in meine erste Produktion, weil jemand mein Talent
entdeckte und an mich glaubte. Damals war ich erst 18 Jahre alt“, erinnert sich
Maike Runge, Head of Maintenance and Spare Parts bei Continental in Hannover.
„Seit ich gemerkt habe, dass ich Dinge anders mache als andere, gestalte ich
meinen Weg selbst.“
Jung erklärt außerdem, dass sich Frauen häufig erst
bewerben, wenn sie fast 100% der Anforderungen erfüllen. Männern reichen oft
30%. „Außerdem suchen aktuelle – oft männliche – Führungskräfte Nachfolger
häufig nach ihrem eigenen Vorbild. „Wir brauchen Führungskräfte, die andere
Fragen stellen und Potenziale erkennen“, fordert sie.
Anzeige
Beim Thema „Frauen in der Industrie“ sowie „Female
Leadership“ gibt es außerdem nach wie vor Vorurteile. Wie sieht das in der Praxis aus? „Frauen bringen eine andere Balance und Stärken in ein Team
ein, was für eine menschenorientierte Führung wichtig ist“, sagt Ruge dazu.
Früher waren technische Berufe stark von körperlicher
Leistungsfähigkeit geprägt, erklärt Jung. Frauen seien physisch oft nicht so
leistungsfähig wie Männer, wenn es um das Heben schwerer Lasten gehe. „Das war
der Ursprung der männlichen Dominanz in der Produktion seit der
Industrialisierung“, sagt sie.
Diskutierten über das Thema "Frauen in der Instandhaltung" (von links): Dr. Anja Ebert-Steinhübel, Susanne Jung, Anna-Theresa Kundmüller, Stephanie Markmann und Maike Runge.Anja Ringel
Was zeichnet moderne Führung aus?
Führungspositionen wurden oft mit den „besten Facharbeitern“
besetzt, was meist Männer waren. „Aber ein guter Facharbeiter ist nicht
automatisch eine gute Führungskraft“, so die Werkleiterin.
Anzeige
Moderne Werkzeuge und Geräte erleichtern die Arbeit
körperlich, wodurch Frauen den Zugang erleichtert wird, ergänzt Markmann. In
der Instandhaltung seien IT-Kompetenz, analytische Fähigkeiten und soziale
Kompetenz gefragt. „Gemischte Teams sind oft harmonischer“, berichtet die
Meisterin der Instandhaltung.
Im Podcast Industry Insights spricht Prof. Lennart Brumby unter anderem über das Thema Nachwuchsgewinnung in der Instandhaltung.
„In Bereichen wie dem Rohrleitungsbau wurde ich anfangs
skeptisch beäugt, aber nach einigen Wochen merkten die Kollegen, dass ich
fachlich kompetent bin.“ Heute schätzen sie es, dass Jung „vielleicht ein ‚anderes
Ohr‘ für ihre Belange hat.“
Und wie schaut ideale Führung dann aus? Eine Person, die „Vertrauen
schenkt, Freiräume für eigene Ideen lässt und Unterstützung bietet“, sagt Anna-Theresa
Kundmüler, B. Eng. Specialist Maintenance bei Schaeffler. „Führung sollte heute
bedeuten, Verantwortung in die Bereiche zu geben, wo die Wissensträger sitzen.“
Anzeige
„Eine Person, die einen fördert und fordert“, sagt Markmann.
Für Runge ist die ideale Führung eine beziehungsorientierte, auf Vertrauen und
Offenheit basierende Führung. Es gehe nicht um einen „weiblichen Stil“, sondern
um einen offenen Stil, der Talente erkenne.
Strukturelle Rahmenbedingungen als Schlüssel
Damit es jedoch ein besseres Gleichgewicht von Frauen und
Männern in Führungspositionen gibt, sind auch andere Strukturen notwendig.
Susanne Jung spricht Klartext: „Frauen werden immer
diejenigen sein, die Kinder zur Welt bringen. Das bleibt eine Doppelbelastung,
auch wenn der Vater viel hilft. Die Mutter bleibt die Mutter.“ Was es brauche,
sei ein unterstützendes Umfeld. Modelle wie Shared Leadership, also geteilte
Führungsverantwortung, könnten helfen, auch wenn sie organisatorisch
aufwendiger sind.
Maike Runge erzählt, ihr Mann sei vier Jahre mit den Kindern
zu Hause gewesen. Das habe funktioniert – aber nur, wenn auch das Umfeld des
Mannes mitspielte. Wer als Mann Elternzeit nehmen will, sieht sich oft mit
Unverständnis oder sogar offenem Widerstand konfrontiert. Es mangele oft an
Akzeptanz, wenn Männer kürzertreten wollen, berichtet auch Kundmüler.
„Mütter sind oft sehr effiziente und lösungsorientierte
Arbeitskräfte, weil sie weniger Zeit haben und Prioritäten setzen müssen. Das
ist kein Nachteil, sondern eine Stärke“, erklärt Runge.
Gleichzeitig diagnostiziert sie ein strukturelles Paradoxon:
Unternehmen fordern von Mitarbeitenden Mobilität und Flexibilität. Das
unterstützende „Dorf“ werde jedoch beispielsweise durch fehlende
Kinderbetreuung abgeschafft.
"Women in Maintenance": Ein Netzwerk als Signal
Am Rande der Tagung wurde das Netzwerk „Women in
Maintenance“ (WiMT) offiziell gegründet. Das von Dr. Anja Ebert-Steinhübel und
Mag. Lydia Höller gegründete branchenübergreifende Netzwerk richtet sich an
Frauen aus den Bereichen Instandhaltung, Produktion, Technik und Qualität. Es
soll Positionen sichtbarer machen, Frauen über Unternehmens- und
Branchengrenzen hinweg zusammenbringen und starke Impulse für den Einstieg und
die Karriere in Mint-Berufen setzen.
Zudem sollen Frauen, die bereits in technischen und
führenden Positionen arbeiten, eine Bühne bekommen – „als Inspiration für jene,
die nach ihnen kommen“. Ebenfalls auf der Agenda stehen Coaching und Mentoring.
„Der Wandel in der Industrie braucht weibliche Vorbilder –
WiMT gibt Frauen aus Technik und Instandhaltung eine starke gemeinsame Stimme”,
so Ebert-Steinhübel. „Nur zusammen können wir den Weg für mehr Frauen in
Führungspositionen ebnen und neue Perspektiven für Unternehmen schaffen“,
ergänzt Höller.
Warum ist Female Leadership in der Instandhaltung unterrepräsentiert?
Der Frauenanteil in Managementpositionen liegt im Maschinenbau bei 10,2% und im Energiesektor bei 11,2%. Historische Rollenbilder, fehlende Vorbilder und strukturelle Hürden gelten als zentrale Faktoren.
Welche Rolle spielen Mentoren für Female Leadership?
Fürsprecher und Mentoren fördern gezielt, erkennen Potenziale und eröffnen Chancen – häufig ein entscheidender Faktor für den Aufstieg in Führungspositionen.
Wie verändert sich das Kompetenzprofil in der Instandhaltung?
Neben technischer Expertise gewinnen IT-Kompetenz, analytische Fähigkeiten und soziale Kompetenzen an Bedeutung. Körperliche Leistungsfähigkeit ist weniger ausschlaggebend als früher.
Welche strukturellen Maßnahmen unterstützen Female Leadership?
Unterstützende Rahmenbedingungen wie Shared Leadership und eine höhere Akzeptanz von Elternzeit – auch für Männer – gelten als wichtige Hebel für mehr Chancengleichheit.