Summary: Große Rüstungsunternehmen bauen Kapazitäten aus, während der Mittelstand vor allem indirekt vom Rüstungsboom profitiert. Wie aus der Vorlage hervorgeht, bremsen geschlossene Lieferketten, hohe technische Anforderungen und Investitionen ohne gesicherte Aufträge den Einstieg. Greifbarer sind die Effekte bislang vor allem im Bau militärischer Infrastruktur.
Erreicht
der Rüstungsboom aber auch die industrielle Fläche? Für 2026 sind rund 82,7
Mrd. Euro im Verteidigungshaushalt vorgesehen, ergänzt durch das Sondervermögen
Bundeswehr. Man erwarte, dass davon „ein spürbarer Teil in der ganzen Breite
des Maschinen- und Anlagenbaus ankommt“, so VDMA-Hauptgeschäftsführer Thilo
Brodtmann. Vieles davon aber eher indirekt: indem von Rüstungskonzernen zum
Beispiel vermehrt Teile oder Vorprodukte gekauft würden. Schließlich liefere
die Branche in die ganze Breite der Wirtschaft. Somit partizipieren Unternehmen
bis in die Tiefe der Supply Chain am steigenden Gesamtvolumen.
Bis zu 80
Prozent, je nach Produkt, dürfte der Anteil mittelständischer Unternehmen an
den Lieferketten betragen, sagt Peter Scheben, Leiter Politik &
Kommunikation des Bundesverbands der Deutschen Sicherheits- und
Verteidigungsindustrie (BDSV). Die Datenlage dazu ist allerdings dünn. Analysen
konzentrieren sich überwiegend auf Kapazitätsaufbau und Lieferketten – nicht
auf die Verteilung der Wertschöpfung. Belastbare Zahlen dürften frühestens 2027
vorliegen.
Der Rüstungsboom 2026: Marktlage & Akteure
Der Verteidigungssektor erlebt einen massiven Aufschwung, der primär die großen Systemhäuser („Primes“) erreicht. Während die Auftragsbücher voll sind, bleibt die Partizipation des Mittelstands komplex.
Zentrale Akteure (Systemhäuser): Rheinmetall, Hensoldt, Diehl Defence.
Finanzvolumen 2026: ca. 82,7 Mrd. Euro (Verteidigungshaushalt + Sondervermögen).
Investitionsstau: Interne Wunschliste der Bundeswehr umfasst Vorhaben im Wert von 377 Mrd. Euro (ca. 320 Pakete).
Reifegrad: Ein erheblicher Teil der Projekte befindet sich noch in der Planungsphase („auf dem Reißbrett“).
Rüstung - ein
Mitnahmegeschäft
Eine Studie von EY Parthenon und
DekaBank aus dem Jahr 2025 zeigt zwar, welche Branchen europaweit zusätzlich
profitieren könnten. Sie ordnet die potenzielle Verteilung gesteigerter
Rüstungsinvestitionen je nach Sektor in Bandbreiten von 5 bis 10 Prozent bis 25
bis 30 Prozent ein: im verarbeitenden Gewerbe, in der Metallverarbeitung, in
professionellen, wissenschaftlichen und technischen Dienstleistungen, in
Technologie und IT, in der Bauwirtschaft, bei Rohstoffen und Komponenten, im
Bildungssektor und in der Energieinfrastruktur.
Daraus folgt aber nicht
automatisch, dass der Mittelstand strategisch in der Rüstungswirtschaft
ankommt. Es gibt eine klare Trennlinie: zwischen Unternehmen, die wegen des
höheren Gesamtvolumens einzelne Aufträge mitnehmen, und solchen, die sich als
qualifizierte Teile-, Baugruppen- oder
Entwicklungspartner dauerhaft in den Lieferketten der großen
Systemhäuser verankern.
Einen
solchen Status erreicht ein Unternehmen aber erst dann, wenn es mit einer
technisch oder organisatorisch relevanten Funktion dauerhaft in Entwicklungs-,
Fertigungs- und Beschaffungsprozesse eingebunden ist. Dann geht es nicht mehr
nur um Zusatzumsatz, sondern um eine belastbare Rolle in der Wertschöpfungskette.
An dieser Schwelle entscheidet sich, ob der aktuelle Boom für Mittelständler
nur ein vorübergehender Nachfrageschub bleibt – oder der Einstieg in ein neues
Geschäftsfeld.
Rüstung
als Closed Shop
Dass
dieser Schritt schwierig ist, hat strukturelle Gründe. Der Rüstungssektor
funktioniert in weiten Teilen als „Closed Shop“. Große Beschaffungsprogramme
werden über wenige Systemhäuser gesteuert. Diese definieren Spezifikationen,
integrieren Systeme und greifen auf bestehende, zertifizierte Lieferketten
zurück. Das folgt einer klaren industriellen Logik: Eingespielte Beziehungen
bedeuten geprüfte Qualität, verlässliche Dokumentation und geringere Risiken.
Für neue Anbieter heißt das aber auch: Der Einstieg gelingt selten durch einen
direkten Sprung, sondern eher über eine schrittweise Annäherung.
Mit den Programmen EDIRPA (European
Defence Industry Reinforcement through common Procurement Act) und ASAP (Act in
Support of Ammunition Production) will die EU gemeinsame Beschaffung erleichtern sowie den Ausbau industrieller
Kapazitäten und von Lieferketten fördern. Auch kleinere Unternehmen sollen
dabei eingebunden werden. Breitere Effekte entstünden vor allem dann, wenn mit
dem Geld auch Innovationen und zusätzliche Kapazitäten aufgebaut würden, betont
das Kiel Institut für Weltwirtschaft.
Chancen lägen dabei besonders bei
kleineren Anbietern mit Dual-Use-Technologien, die auch in zivilen Märkten
einsetzbar sind. Zuletzt waren nach Angaben der EU-Kommission zum Europäischen
Verteidigungsfonds vom 17. Juni 2025 43 Prozent der beteiligten Unternehmen und
Organisationen KMU. Sie erhielten allerdings nur rund 20 Prozent der
Fördermittel.
Die "Closed Shop" Problematik: Einstiegshürden für KMU
Trotz politischer Initiativen wie EDIRPA oder ASAP bleibt der Marktzugang für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) schwierig.
Kritische Schwelle: Der Mittelstand profitiert oft nur durch „Mitnahmegeschäfte“ (indirekte Zulieferung), statt sich als strategischer Entwicklungspartner dauerhaft zu verankern.
Hürden für den Markteintritt
Zertifizierung: Extrem hohe Anforderungen an Dokumentation und Qualität.
Sicherheit: Notwendigkeit von Sicherheitsüberprüfungen für Personal und Standorte.
Bürokratie: Komplexes öffentliches Vergaberecht und Preisrecht.
Kapital: Hohe Vorab-Investitionen ohne garantierte Abnahme.
Personal: Akuter Mangel an Fachkräften mit Defence-spezifischem Know-how.
Hohe Einstiegshürden in den Defence-Markt
Auch aus einer Veröffentlichung der
sicherheitspolitischen Plattform „pivotarea“ (2024) geht hervor, dass
Innovation in Deutschland überwiegend in den etablierten Strukturen der
Systemintegratoren und ihrer Zuliefernetze stattfindet. Es wird darin auf eine
weitgehend vertrauliche Studie des Bundesministeriums
für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) zur Sicherheits- und
Verteidigungsindustrie Bezug genommen. Auch Start-ups spielen demnach kaum eine
Rolle. Mit anderen Worten: Aus einer bloßen Verteilung von Fördermitteln für
Forschung folgen noch keine Aufträge.
Somit
befinden sich viele kleinere Firmen sozusagen in einer Zwischenzone. Sie profitieren zwar
mittelbar, indem Primes und große Zulieferer mehr Teile, Material, Engineering
oder Fertigungskapazität nachfragen. Dauerhaft eingebunden in die Wertschöpfung
der Defence-Industrie sind sie damit aber noch lange nicht.
Beteiligungspotenzial nach Branchen
| Sektor | Relevanz für Defence-Investitionen |
| Verarbeitendes Gewerbe / Metall | Hoch (Komponenten & Vorprodukte) |
| Technologie & IT | Hoch (Software, Cyber-Security) |
| Wissenschaftliche Dienstleistungen | Mittel (Forschung & Entwicklung) |
| Bauwirtschaft | Hoch (Infrastruktur & Kasernen) |
| Energieinfrastruktur | Mittel (Resilienz & Versorgung) |
| Bildung & Rohstoffe | Basis (Qualifizierung & Material) |
Eine Studie von EY Parthenon und DekaBank (2025) beziffert die potenzielle Verteilung der Investitionen auf verschiedene Sektoren in Bandbreiten von 5 % bis 30 %
Die Hürden sind aber auch technischer
und ökonomischer Natur. Schon bei
technischer Spezifikation, Zertifizierung, Dokumentation, Lieferfähigkeit und
Sicherheitsüberprüfungen sind die Anforderungen erheblich und gerade für
kleinere Unternehmen kaum kurzfristig erfüllbar.
„Betriebe, die noch nie im
Defence-Bereich unterwegs waren, müssen erst einmal die Spielregeln des
Geschäfts kennen“, sagt Thilo Brodtmann vom VDMA. Dazu brauche es unter anderem
geschultes Fachpersonal, das jetzt natürlich knapp sei. Unternehmen, die schon
mit einem oder zwei Beinen im Markt stünden, kämen nicht umhin, zunächst einmal
ihre Produktionskapazitäten anzupassen.
Neuland wäre für viele auch das öffentliche Vergaberecht, die Dauer der
Vergabeprozesse, das Preisrecht „sowie die teilweise notwendigen
Sicherheitsüberprüfungen von Mitarbeitern durch die Amtsseite, die es aber auch
dann gibt, wenn auch nur ein Auftrag vorliegt“, so Peter Scheben vom BDSV. Vor
allem aber muss investiert werden, ohne dass bereits ein belastbares
Auftragsvolumen gesichert ist. Auch das erklärt, warum eine breite
Markteintrittswelle erst einmal ausbleibt.
"Rüstungs-Upscaling": Chancen
durch SVI-Connect
Unterstützungstools für den Mittelstand
Um die Sichtbarkeit neuer Anbieter zu erhöhen und das "Rüstungs-Upscaling" zu fördern, wurden spezifische Plattformen und Kennzahlen etabliert:
SVI-Connect: Eine vom BDSV initiierte Matchmaking-Plattform, die Angebote aus zivilen Branchen für die Defence-Industrie sichtbar macht.
Dual-Use-Fokus: Besondere Chancen für Firmen, deren Technologien sowohl zivil als auch militärisch nutzbar sind.
KMU-Quote im EDF: 43 % der beteiligten Organisationen im Europäischen Verteidigungsfonds sind KMU, sie erhalten jedoch nur 20 % der Gelder.
Vor
diesem Hintergrund bekommt auch die vom BDSV initiierte Plattform SVI-Connect
besonderes Gewicht. Sie soll Angebote aus anderen Branchen sichtbar machen und
das „Rüstungs-Upscaling“ unterstützen. Wer vom aktuellen Rüstungsboom
profitieren will, kann prüfen, an welcher Stelle er sich realistisch in
bestehende Defence-Lieferketten einbringen kann, betont der BDSV. Aber allein
die Existenz von SVI-Connect zeigt, wo das Problem liegt: nicht in der
Nachfrage, sondern in der Integration. Wäre der Übergang für neue Anbieter
einfach, bedürfte es keiner Matchmaking-Plattform.
Aber auch der Rüstungsdynamik selbst
sind Grenzen gesetzt, wie eine im Oktober 2025 bekannt gewordene interne
Wunschliste der Bundeswehr zeigt. Diese umfasst nach Medienberichten Beschaffungsvorhaben im Volumen von 377
Milliarden Euro und rund 320 neue Waffen- und Ausrüstungspakete.
Allerdings war erst für 178 Vorhaben ein Auftragnehmer benannt, für einen
großen Teil der übrigen Projekte jedoch noch nicht einmal ein klarer
Zeitrahmen.
Anders gesagt: Ein erheblicher Teil des Booms liegt noch auf dem
Reißbrett – und genau deshalb ist offen, wie viel davon und an welcher Stelle
tatsächlich neu in der Breite der Industrie ankommt.
Bauwirtschaft
im Vorteil
Am ehesten greifbar ist die Wirkung
am Bau. Der Ausbau militärischer Infrastruktur wie Kasernen oder Logistikgebäude
führt zu konkreten Projekten im öffentlichen Hochbau. Der Marktzugang erfolgt
über standardisierte Ausschreibungen, nicht über gewachsene Lieferketten. Bis
2035 wird für die Verteidigungsinfrastruktur in Deutschland ein
Investitionsvolumen von rund 76 Milliarden Euro erwartet.
Die Wirtschaftsprüfer
und Berater von KPMG erwarten laut ihrem „Real Estate Bulletin“ von Dezember
2025, dass sich durch beschleunigte Verfahren und eine stärkere
Eigenständigkeit der Bundeswehr bei Bauprojekten eine neue Auftragslage vor
allem für Bau-, Planungs- und Logistikunternehmen mit Erfahrung im
sicherheitsrelevanten Umfeld eröffnen kann.
People Also Asked: Fokus Mittelstand & Defence
- Welche Branchen profitieren am stärksten vom Rüstungsboom 2026? - Vor allem das verarbeitende Gewerbe, die Metallverarbeitung, IT und Technologie sowie die Bauwirtschaft und technische Dienstleistungen sehen Zuwächse zwischen 5 % und 30 %.
- Warum ist der Defence-Markt für neue Anbieter ein „Closed Shop“? - Großprojekte werden über wenige Systemhäuser gesteuert, die auf bereits zertifizierte und eingespielte Lieferketten setzen, um Qualitäts- und Dokumentationsrisiken zu minimieren.
- Was ist der Unterschied zwischen Mitnahmegeschäft und strategischer Partnerschaft? - Ein Mitnahmegeschäft nutzt kurzfristige Zusatzumsätze durch erhöhte Nachfrage, während ein Partner dauerhaft mit technischer Relevanz in die Fertigungs- und Entwicklungsprozesse der Systemhäuser integriert ist.
- Welche Rolle spielen KMU im Europäischen Verteidigungsfonds (EDF)? - Obwohl 43 % der beteiligten Unternehmen KMU sind, erhalten sie lediglich rund 20 % der gesamten Fördermittel.
- Wie hoch ist der Anteil des Mittelstands an der Rüstungs-Lieferkette? - Schätzungen gehen davon aus, dass der Anteil mittelständischer Unternehmen an den Lieferketten je nach Produkt bis zu 80 % betragen kann, wobei die Datenlage zur tatsächlichen Wertschöpfung noch dünn ist.
- Was sind die größten Eintrittshürden für die Defence-Industrie? - Zu den Barrieren zählen komplexe Zertifizierungen, langwierige Sicherheitsüberprüfungen von Mitarbeitern, das öffentliche Preisrecht sowie die Notwendigkeit hoher Vorab-Investitionen.
- Wie hilft die Plattform SVI-Connect mittelständischen Unternehmen? - SVI-Connect fungiert als Matchmaking-Tool, das zivile Angebote für die Verteidigungsindustrie sichtbar macht und das „Rüstungs-Upscaling“ neuer Anbieter unterstützt.
- Welche Chancen bietet die Bauwirtschaft im Bereich Verteidigung? - Bis 2035 werden ca. 76 Mrd. Euro in militärische Infrastruktur investiert; der Zugang ist hier durch standardisierte Ausschreibungen für Hochbau und Logistik einfacher als im Waffenbau.
- Warum erreichen Rüstungsinvestitionen den Mittelstand oft nur indirekt? - Der Mittelstand partizipiert häufig als Unterlieferant für Vorprodukte oder Teile, wenn die großen Rüstungskonzerne („Primes“) aufgrund ihrer eigenen vollen Auftragsbücher Kapazitäten zukaufen.
- Wann liegen verlässliche Daten zur Wertschöpfung des Rüstungsbooms vor? - Aufgrund der Zeitverzögerung bei Kapazitätsaufbau und Lieferkettenanalysen werden belastbare Zahlen zur Verteilung der Wertschöpfung frühestens für das Jahr 2027 erwartet.