Studie „German Economic Pulse 2026“ von FTI-Andersch

Chinesische Konkurrenz holt auf: Jedes vierte deutsche Industrieunternehmen sieht sich unterlegen

Jedes vierte deutsche Industrieunternehmen sieht sich chinesischen Wettbewerbern unterlegen. Trotz steigender Auftragsverluste zeigt die Forsa-Studie „German Economic Pulse 2026“: Ein Rückzug aus dem China-Geschäft findet nicht statt.

Symbolbild zum industriellen Wettbewerb zwischen Europa und China: Schachbrett mit Metall-Zahnrädern und Roboterarmen auf der europäischen Seite gegenüber roten, modernen Spielfiguren.
Strategisches Kräftemessen auf dem europäischen Markt: Der traditionelle deutsche Maschinen- und Industriesektor steht vor der Herausforderung, seine Position gegen die zunehmende Dynamik chinesischer Wettbewerber zu behaupten.

Key Takeaways

  • 25 Prozent der Industrieunternehmen in Deutschland schätzen ihre Wettbewerbsposition gegenüber chinesischen Anbietern auf dem europäischen Markt als unterlegen ein; 28 Prozent verloren seit Anfang 2025 Aufträge.

  • Der Maschinen- und Anlagenbau ist am stärksten betroffen: 38 Prozent der Unternehmen verloren Aufträge und 22 Prozent Bestandskunden an chinesische Rivalen – obwohl sich 77 Prozent für überlegen halten.

  • Kein De-Risking feststellbar: Für 36 Prozent der in China aktiven Betriebe hat der dortige Absatzmarkt an Bedeutung gewonnen; nur jeweils 4 Prozent koppelten Lieferketten ab oder reduzierten ihre Aktivitäten.

  • Asymmetrische Abwehrstrategie: 60 Prozent der Firmen setzen auf das Gütesiegel „Produktion in Europa“ und 47 Prozent auf Qualität, während nur 21 Prozent ihre eigenen Produkt- und Prozesskosten senken.

  • Großunternehmen (ab 100 Mio. Euro Umsatz) verzeichnen mit 34 Prozent die höchsten Auftragsverluste, bauen aber mit 58 Prozent Präsenz und Strategien wie „Local for Local“ ihre Position in China am stärksten aus.

Marktposition unter Druck: Wo deutsche Unternehmen Aufträge an China verlieren

Die Wettbewerbssituation zwischen der deutschen Industrie und chinesischen Anbietern auf dem europäischen Markt spitzt sich zu. Nach der Untersuchung „German Economic Pulse 2026“, für die das Meinungsforschungsinstitut Forsa im Auftrag der Unternehmensberatung FTI-Andersch 151 Führungskräfte befragte, schätzt sich jedes vierte produzierende Unternehmen (25 Prozent) als unterlegen ein – 17 Prozent leicht, acht Prozent deutlich. Demgegenüber sieht sich zwar eine Mehrheit von 52 Prozent als überlegen, doch die Marktrealität zeigt spürbare Folgen: Seit Anfang 2025 haben 28 Prozent der Befragten Aufträge oder Ausschreibungen an Wettbewerber aus China verloren. 13 Prozent büßten sogar Bestandskunden ein.

Branchenvergleich: Wahrnehmung vs. Reale Marktverluste

BrancheWahrnehmung „Überlegen“Wahrnehmung „Unterlegen“Auftragsverluste seit 2025Bestandskundenverluste
Maschinen- & Anlagenbau77%4%38%22%
Energieintensive Industrie34%39%k. A.9%
Automobilindustrie72%13%16%5%
Gesamtindustrie (Schnitt)52%25%28%13%

Das Paradoxon im Maschinenbau und der Druck auf die Industrie

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Besonders ausgeprägt zeigt sich die Dynamik im Maschinen- und Anlagenbau: Hier schätzen sich beeindruckende 77 Prozent der Firmen als überlegen ein und nur vier Prozent als unterlegen. Dennoch meldet genau diese Branche mit 38 Prozent den höchsten Verlust an Aufträgen und mit 22 Prozent den höchsten Verlust an Bestandskunden an chinesische Konkurrenten. Ralf Winzer, Senior Managing Director bei FTI-Andersch, betont, dass eine als überlegen wahrgenommene Position keineswegs vor konkreten Verlusten schütze.

Ein umgekehrtes Bild zeigt die energieintensive Industrie: 39 Prozent der Betriebe halten sich gegenüber der chinesischen Konkurrenz für unterlegen, während 34 Prozent eine Überlegenheit sehen. Neun Prozent verloren Bestandskunden. Um im Wettbewerb zu bestehen, hat hier jedes fünfte Unternehmen (21 Prozent) dauerhaft die Preise gesenkt – im Gesamtschnitt aller Branchen taten dies 15 Prozent. Die Automobilindustrie meldet sich vorerst robuster: 72 Prozent sehen sich überlegen, 79 Prozent berichten von keinen unmittelbaren Folgen durch chinesische Wettbewerber. Druck entsteht für Automobilzulieferer dennoch vor allem indirekt durch sinkende Volumina europäischer Hersteller, chinesische Komponentenimporte und geänderte Liefernetzwerke beim Markteintritt chinesischer OEMs.

Abgrenzung vs. Kostensenkung: Wie die Wirtschaft reagiert

Als primäre Reaktion setzen deutsche Unternehmen auf Qualitätsargumente und die Herkunft ihrer Produkte. 60 Prozent der Befragten nutzten seit Anfang 2025 „Produktion in Europa“ als Gütesiegel, 47 Prozent hoben Systemkompetenz oder Qualität stärker hervor. Nur 21 Prozent arbeiteten dagegen an der Senkung eigener Produkt- oder Prozesskosten. Ohne operative Kostensenkungen oder eine Beschleunigung der Prozesse belastet der steigende Preisdruck jedoch zwangsläufig die Gewinnmargen, worauf auch Finanzierer verstärkt achten.

Parallel dazu gewinnt die Kooperation an Bedeutung. Jedes fünfte Unternehmen (21 Prozent) ist Partnerschaften mit chinesischen Firmen eingegangen, und neun Prozent haben eigene Produktionskapazitäten für chinesische Partner geöffnet. Am aufgeschlossensten zeigt sich ausgerechnet der Maschinen- und Anlagenbau: Hier gaben 30 Prozent an, Partnerschaften aufgebaut zu haben – häufig als strategische Option, um Kostenstrukturen zu optimieren sowie Markt- oder Technologiezugänge zu verbessern.

Strategischer Fokus: „Local for Local“ statt Rückzug

  • Local for Local: 20 Prozent aller Unternehmen organisierten Entwicklung, Einkauf und Produktion stärker in China (Maschinenbau: 26 Prozent).

  • Investitionen vor Ort: 12 Prozent investierten in den letzten drei Jahren stärker in China.

  • Spezifische Produkte: Im Maschinenbau entwickelten 25 Prozent der Betriebe Produkte speziell für den chinesischen Markt.

  • Konsequenter Rückzug bleibt Ausnahme: Nur jeweils 4 Prozent der Unternehmen koppelten ihre Geschäfte von der globalen Lieferkette ab oder reduzierten ihre Aktivitäten in China.

Kein De-Risking: Der Markt China gewinnt an Bedeutung

Obwohl öffentlich intensiv über De-Risking diskutiert wird, zeichnet sich in der Unternehmenspraxis kein breiter Rückzug ab. 48 Prozent aller befragten Firmen machten in den vergangenen drei Jahren Geschäfte in oder mit China (im Maschinenbau 62 Prozent, in der Autoindustrie 25 Prozent). Für 36 Prozent dieser China-aktiven Unternehmen hat der dortige Absatzmarkt sogar an Bedeutung gewonnen – in der energieintensiven Industrie gilt dies für 43 Prozent, im Maschinenbau für 31 Prozent. Nur 22 Prozent berichten von einem Bedeutungsverlust.

Besonders stark setzen Großunternehmen ab 100 Millionen Euro Jahresumsatz auf den chinesischen Markt. Von ihnen sind 58 Prozent vor Ort aktiv. Zwar verzeichnen sie einerseits die höchsten Einbußen durch chinesische Rivalen (34 Prozent Auftragsverlust, 26 Prozent Kundenverlust), bauen andererseits aber ihr China-Engagement am intensivsten aus: 31 Prozent schlossen Partnerschaften, 28 Prozent organisierten Entwicklungs- und Produktionsstrukturen lokal vor Ort und 18 Prozent investierten verstärkt. Sie verfolgen damit einen zweigleisigen Ansatz: Die Erhöhung der Lieferketten-Resilienz erfolgt parallel zum Ausbau der Marktchancen in China.

Mit Material von FTI Andersch

Eckdaten zur Studie „German Economic Pulse 2026“

  • Herausgeber: Meinungsforschungsinstitut Forsa im Auftrag der Unternehmensberatung FTI-Andersch.

  • Stichprobe: Telefonische Befragung von 151 Führungskräften im Sommer 2026.

  • Branchen: Automotive (37 Unternehmen), Maschinen- und Anlagenbau (51) sowie energieintensive Industrie wie Chemie, Papier, Keramik und Metall (63).

  • Zielgruppe: Repräsentativ für deutsche Industrieunternehmen ab 10 Millionen Euro Jahresumsatz (Großunternehmen ab 100 Millionen Euro Umsatz gesondert ausgewertet).