Cassis- & Vodafone-Studie zum Digital Dependance Index
Europas digitale Abhängigkeit wächst: USA und China hängen EU bei Schlüsseltechnologien ab
Europa gerät bei Schlüsseltechnologien immer stärker ins Hintertreffen. Während die USA und China ihre digitale Autonomie ausbauen, steigt Europas Abhängigkeit laut einer neuen Cassis-Studie weiter an. Deutschland landet im Digital Dependance Index (DDI) nur auf Rang 25.
Digitale Machtverhältnisse: Während globale Tech-Metropolen ihre Netzwerke und Plattformen autark ausbauen, droht Europa bei Schlüsseltechnologien den Anschluss zu verlieren und in eine digitale Abhängigkeit zu geraten.Symbolbild - KI-generiert
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Key Takeaways
Steigende Abhängigkeit: Europas Wert im Digital Dependence Index (DDI) stieg von 2010 bis 2023 um 0,5 Prozentpunkte auf 0,69, während China (-10,8 Punkte auf 0,43) und die USA (-6,0 Punkte auf 0,38) ihre Autonomie spürbar ausbauten.
Deutschland im Mittelfeld: Die Bundesrepublik belegt mit einem DDI-Wert von 0,73 Rang 25 (gleichauf mit Österreich und Thailand); ihre digitale Verwundbarkeit verschlechterte sich um 2,4 Prozentpunkte.
Kritische Plattform-Lücke: Europa ist bei Betriebssystemen, Suchmaschinen und Cloud-Diensten nahezu vollständig ausgeliefert (DDI-Wert von 0,98 bei Plattformen, 0,99 bei Patenten).
Relative Stärke bei Patenten reicht nicht: Deutschland weist in Europa die geringste Abhängigkeit bei IKT-Patenten auf, liegt global aber deutlich hinter den USA (-26 %), China (-20 %) und Südkorea (-12 %).
Der „Irland-Effekt“: Rechnet man steuerbedingte US-Konzerndezernats-Sitze in Irland heraus, kippt die europäische Handelsbilanz bei digitalen Dienstleistungen für 2022–2024 in ein Defizit von ca. 350 Milliarden US-Dollar.
Was misst der Digital Dependence Index (DDI)?
Der von den Forschern entwickelte Digital Dependence Index (DDI) bewertet die digitale Abhängigkeit von Staaten auf einer Skala von 0 (vollkommene Unabhängigkeit) bis 1 (vollständige Abhängigkeit).
Die Analyse stützt sich auf vier Kernbereiche:
Hardware-Handel: Import- und Exportströme physischer IT-Komponenten.
Software-Plattformen: Abhängigkeiten bei Betriebssystemen, Cloud-Diensten und Suchmaschinen.
Technologiepatente: Stärke und Eigentum bei IKT-Schutzrechten.
Globale Kluft bei der digitalen Souveränität
Während die weltweiten Technologie-Großmächte USA und China ihre digitalen Abhängigkeiten in den vergangenen Jahren konsequent abbauen konnten, gerät Europa bei Schlüsseltechnologien immer weiter ins Hintertreffen. Die europäische Wirtschaft ist heute abhängiger von ausländischen Digitaltechnologien als noch vor einem Jahrzehnt.
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Dies geht aus einer umfassenden Vergleichsstudie des Center for Advanced Security, Strategic and Integration Studies (CASSIS) der Universität Bonn hervor, die in Kooperation mit dem Vodafone Institut für Gesellschaft und Kommunikation veröffentlicht wurde. Die Forscher analysierten für den Erhebungszeitraum von 2010 bis 2023 insgesamt 51 Industrie- und Schwellenländer.
Die Ergebnisse der Langzeitstudie zeichnen ein klares Bild der globalen Dynamik. Die durchschnittliche digitale Abhängigkeit europäischer Staaten stieg zwischen 2010 und 2023 leicht um 0,5 Prozentpunkte auf 0,69 an. Im exakt selben Zeitraum gelang es China, seinen Abhängigkeitswert drastisch um 10,8 Prozentpunkte auf 0,43 zu senken.
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Die USA konnten ihre digitale Verwundbarkeit ebenfalls verringern: Mit einer Verbesserung um 6,0 Prozentpunkte auf einen DDI-Wert von 0,38 behauptet die Supermacht klar die weltweite Spitzenposition als autonomste Digitalnation.
Deutschland nur im Mittelfeld der Digitalnationen
Deutschland belegt im weltweiten Ranking mit einem DDI-Wert von 0,73 lediglich Rang 25 und rangiert damit im mittleren Feld – gleichauf mit Österreich und Thailand. Zwischen 2010 und 2023 hat sich die digitale Verwundbarkeit der Bundesrepublik um 2,4 Prozentpunkte verschärft. Hauptursache hierfür ist laut den Autoren eine wachsende Abhängigkeit im Bereich von Software und IT-Dienstleistungen.
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Bei der genauen Betrachtung der Teilbereiche zeigt sich für Deutschland ein zwiespältiges Bild: Einerseits weist die deutsche Wirtschaft unter allen untersuchten europäischen Staaten die geringste Abhängigkeit bei Patenten im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) auf. Andererseits reicht dieser europäische Spitzenplatz im globalen Vergleich bei Weitem nicht aus: Der Rückstand Deutschlands beträgt bei den Patenten 26 Prozent zu den USA, 20 Prozent zu China und 12 Prozent zu Südkorea.
Region / Land
DDI-Wert (2023)
Entwicklung 2010–2023
Globaler Status
USA
0,38
-6,0 Prozentpunkte
Spitzenreiter (Höchste Autonomie)
China
0,43
-10,8 Prozentpunkte
Stärkster Autonomie-Gewinn
Europa (Schnitt)
0,69
+0,5 Prozentpunkte
Leicht steigende Abhängigkeit
Deutschland
0,73
+2,4 Prozentpunkte
Rang 25 (Globales Mittelfeld)
Gravierende Plattform-Schwäche und der „Irland-Effekt“
Wie fast alle europäischen Partner ist Deutschland bei essenziellen Plattformen wie Betriebssystemen, Suchmaschinen und Cloud-Infrastrukturen praktisch vollständig von ausländischen Anbietern abhängig.
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Zusätzlich warnen die Wissenschaftler vor einer Verzerrung der Daten durch den sogenannten „Irland-Effekt“:
Der „Irland-Effekt“ in der Handelsbilanz
Irlands scheinbar hervorragender Unabhängigkeitswert von 0,40 beruht im Wesentlichen darauf, dass zahlreiche US-amerikanische Großkonzerne dort aus Steuergründen ihren europäischen Hauptsitz betreiben.
Die wirtschaftliche Konsequenz: Rechnet man die statistischen Effekte Irlands heraus, kippt die europäische Handelsbilanz bei digitalen Dienstleistungen für die Jahre 2022 bis 2024 von einem scheinbaren Überschuss in ein sattes Defizit von rund 350 Milliarden US-Dollar.
Mit Material der dpa
Häufig gestellte Fragen
Was ist der Digital Dependence Index (DDI)? Der Digital Dependence Index (DDI) ist ein von den Universitätsforschern des CASSIS und dem Vodafone Institut entwickelter Messwert. Er erfasst die digitale Abhängigkeit von 51 Staaten auf einer Skala von 0 (vollständig unabhängig) bis 1 (vollständig abhängig) anhand von Hardware, IT-Dienstleistungen, Software-Plattformen und Patenten.
Wie schneidet Deutschland bei der digitalen Abhängigkeit ab? Deutschland belegt im weltweiten Ranking mit einem DDI-Wert von 0,73 den 25. Platz und liegt damit im globalen Mittelfeld gleichauf mit Österreich und Thailand. Deutschlands Verwundbarkeit hat sich zwischen 2010 und 2023 um 2,4 Prozentpunkte verschlechtert.
In welchen digitalen Bereichen ist Europa besonders abhängig? Europa weist bei Software-Plattformen (DDI-Wert 0,98) wie Cloud-Diensten, Betriebssystemen und Suchmaschinen sowie bei Technologiepatenten (DDI-Wert 0,99) eine nahezu vollständige Abhängigkeit von Drittstaaten wie den USA und China auf.
Was versteht man unter dem „Irland-Effekt“ in der Digitalstudie? Der „Irland-Effekt“ bezeichnet die statistische Verzerrung der europäischen Digital-Handelsbilanz durch US-Tech-Konzerne, die aus Steuergründen ihren Sitz in Irland haben. Ohne Irland weist Europa bei digitalen Dienstleistungen von 2022 bis 2024 ein Defizit von rund 350 Milliarden US-Dollar auf.