Wirtschaftsbeziehungen und Tech-Kooperation

Steinmeier in China: Appell zu Selbstbewusstsein und Warnung vor Handelsungleichgewicht

Bundespräsident Steinmeier fordert beim China-Staatsbesuch mehr deutsches Selbstbewusstsein auf den Märkten. Trotz Sorgen über das steigende Handelsdefizit setzt die Wirtschaft auf Kooperation – wie der Besuch im VW-Entwicklungszentrum Hefei zeigt.

Zwischen Hochtechnologie und starkem Handelsvolumen – Bundespräsident Steinmeier mahnt beim Staatsbesuch ein ausgewogenes Wirtschaftsverhältnis sowie ein gestärktes Selbstbewusstsein der deutschen Industrie an.
Zwischen Hochtechnologie und starkem Handelsvolumen – Bundespräsident Steinmeier mahnt beim Staatsbesuch ein ausgewogenes Wirtschaftsverhältnis sowie ein gestärktes Selbstbewusstsein der deutschen Industrie an.

Key Takeaways

  • Aufruf zu wirtschaftlichem Selbstbewusstsein: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier betont die weiterhin hohe Wertschätzung deutscher Technologie in China und rät der Wirtschaft zu einem selbstbewussten Marktauftritt.

  • Hohes Handelsbilanzdefizit als Belastung: Deutschland verzeichnete im vergangenen Jahr ein Handelsdefizit von knapp 90 Milliarden Euro mit China (Importe: 170,6 Mrd. Euro, Exporte: 81,3 Mrd. Euro); EU-weit lag das Defizit im ersten Halbjahr 2026 bei fast 197 Milliarden Euro.

  • Forderung nach Neuaufstellung: Steinmeier fordert eine Neuausrichtung der europäischen Wirtschaftsinstrumente, um das Entstehen einer Inbalance zu verhindern und Zusammenarbeit zum beiderseitigen Nutzen zu sichern.

  • VW-Elektro-Offensive in Hefei: Im Zuge seiner sechstägigen Reise besuchte Steinmeier das größte VW-Entwicklungszentrum außerhalb Deutschlands mit über 3.000 Ingenieuren, die exklusiv smarte Elektrofahrzeuge entwickeln.

  • Effizienzsteigerung im Wettbewerb: Durch die „In China für China-Strategie“ entwickelt Volkswagen am Standort Hefei neue Fahrzeuge 30 Prozent schneller und bis zu 40 Prozent günstiger als bisher.

Starke Marke Deutschland: Bundespräsident fordert selbstbewussten Auftritt

Während seines sechstägigen Staatsbesuchs in der Volksrepublik China hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier die deutsche Wirtschaft eindringlich dazu aufgerufen, im bilateralen Verhältnis mit neuem Selbstvertrauen aufzutreten. Bei Terminen in der ostchinesischen Millionenmetropole Hefei verwies das deutsche Staatsoberhaupt auf die unverändert hohe Wertschätzung, die deutsche Unternehmen, Ingenieurskunst und Spitzentechnologien vor Ort nach wie vor genießen. Es gebe für die heimische Industrie absolut keinen Anlass, das eigene Licht unter den Scheffel zu stellen.

Steinmeier hob hervor, dass gerade in Zeiten globaler Veränderungen ein klares Bewusstsein für die eigenen Stärken essenziell sei. Dies gelte nicht nur für etablierte Industriebereiche, sondern ausdrücklich auch für die wissenschaftliche und technologische Zusammenarbeit. Erste Gespräche der den Bundespräsidenten begleitenden Wissenschaftsdelegation hätten verdeutlicht, dass grenzüberschreitende Kooperationen von beiden Seiten nach wie vor als unverzichtbares Element angesehen werden.

Das wirtschaftliche Ungleichgewicht zwischen China, Deutschland und der gesamten Europäischen Union hat historisches Ausmaß erreicht.

Indikator / KennzahlWert / Einordnung
Deutsches Handelsdefizit mit China (Vorjahr)knapp 90 Mrd. Euro
Warenimporte aus China nach Deutschland170,6 Mrd. Euro (Quelle: Destatis)
Warenexporte aus Deutschland nach China81,3 Mrd. Euro (Quelle: Destatis)
EU-Handelsdefizit mit China (1. Halbjahr 2026)fast 197 Mrd. Euro (Quelle: Maros Sefcovic)

Sorge um Handelsbilanz: Europa muss Instrumente neu sortieren

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Neben dem Plädoyer für Partnerschaft und Selbstbewusstsein adressierte Steinmeier jedoch auch die bestehenden ökonomischen Spannungsfelder in aller Deutlichkeit. Insbesondere der massiv anwachsende chinesische Handelsüberschuss erfahre auf deutscher und europäischer Seite mit großer Sorge Betrachtung. Das über Jahrzehnte hinweg erfolgreiche Modell der ökonomischen Zusammenarbeit drohe durch ein historisches Ungleichgewicht aus den Fugen zu geraten.

Um das Entstehen einer dauerhaften und gefährlichen Inbalance zu verhindern, forderte der Bundespräsident eine politische und wirtschaftliche Neuausrichtung. Europa müsse sich jetzt strategisch neu aufstellen und seine handelspolitischen Instrumente gründlich neu sortieren. Ziel einer solchen Repositionierung sei es keineswegs, den wirtschaftlichen Austausch abzuwürgen oder Handelsbeziehungen abzubrechen. Vielmehr gelte es, Rahmenbedingungen zu schaffen, die das gemeinsame Handeln wieder auf ein solides Fundament zum tatsächlichen beiderseitigen Nutzen stellen.

Transformation vor Ort: Steinmeier besucht VW-Entwicklungszentrum in Hefei

Welche Herausforderungen und Chancen diese Neuausrichtung in der Praxis mit sich bringt, veranschaulichte der erste Reisetag beim Automobilhersteller Volkswagen. Steinmeier besichtigte das Forschungs- und Entwicklungszentrum der Volkswagen Gruppe in Hefei. Der Standort nimmt für den deutschen Tradionskonzern eine Schlüsselrolle ein, da VW auf dem wichtigen chinesischen Automarkt derzeit mit spürbaren Absatzproblemen und einem drastisch intensivierten Wettbewerbsdruck durch lokale Anbieter kämpft.

Ralf Brandstätter, Geschäftsführer der Volkswagen Gruppe China, erläuterte dem Bundespräsidenten vor Ort die strategische Ausrichtung. In Hefei schlage das Herz der firmeneigenen „In China für China-Strategie“. Mit dieser Neuausrichtung reagiert der Wolfsburger Konzern direkt auf die veränderten Marktbedingungen im Land.

Die „In China für China-Strategie“ von VW

  • Größter R&D-Standort: Hefei ist das größte Entwicklungszentrum des VW-Konzerns außerhalb Deutschlands.

  • Personelle Stärke: Über 3.000 spezialisierte Fahrzeug- und Software-Ingenieure arbeiten vor Ort.

  • Strikter Technologiewechsel: Fokus ausschließlich auf smarte Elektrofahrzeuge (E-Automobile) – Verbrennermodelle werden in Hefei nicht mehr entwickelt.

  • Drastische Effizienzgewinne: Fahrzeuge werden am Standort 30 Prozent schneller und bis zu 40 Prozent günstiger entwickelt als nach bisherigen Konzernstandards.

  • Strategisches Ziel: Erhöhung der lokalen Marktfähigkeit gegen die stark aufstrebende chinesische Konkurrenz.

Beschleunigte Entwicklung als Antwort auf den lokalen Wettbewerb

Das Entwicklungszentrum in Hefei steht symbolisch für den tiefgreifenden Wandel der deutschen Automobilindustrie in Asien. Mit der klaren Fokussierung auf reine E-Mobilität und vernetzte Fahrzeugsoftware passt sich Volkswagen den speziellen Bedürfnissen chinesischer Kundinnen und Kunden an.

Durch die Entkopplung von traditionellen Entwicklungszyklen gelingt es dem Konzern vor Ort, Neuentwicklungen in Rekordzeit auf die Straße zu bringen. Die Reduzierung der Entwicklungskosten um bis zu 40 Prozent sowie die Verkürzung der Entwicklungszeiten um knapp ein Drittel gelten als überlebenswichtige Faktoren, um im hochdynamischen chinesischen Markt für Elektrofahrzeuge wettbewerbsfähig zu bleiben.

Mit Material der dpa

Häufig gestellte Fragen

  • Warum rät Steinmeier der deutschen Wirtschaft zu mehr Selbstbewusstsein in China? - Bundespräsident Steinmeier betonte bei seinem Staatsbesuch, dass deutsche Technologie und die Marke Deutschland in China weiterhin eine sehr hohe Wertschätzung genießen. Vor diesem Hintergrund wies er darauf hin, dass die heimische Wirtschaft ihre Stärken nicht verstecken, sondern selbstbewusst auf den Märkten auftreten sollte.

  • Wie hoch ist das Handelsdefizit Deutschlands mit China? - Das deutsche Handelsbilanzdefizit mit China lag im vergangenen Jahr bei knapp 90 Milliarden Euro. Deutschland importierte Waren im Wert von 170,6 Milliarden Euro aus China, während die deutschen Exporte nach China 81,3 Milliarden Euro betrugen.

  • Wie groß ist das EU-Handelsdefizit mit China? - Laut EU-Handelskommissar Maros Sefcovic belief sich das EU-weite Handelsdefizit mit China allein im ersten Halbjahr 2026 auf fast 197 Milliarden Euro.

  • Was versteht VW unter der „In China für China-Strategie“ am Standort Hefei? - Es handelt sich um eine Strategie von Volkswagen, um auf den intensiveren Wettbewerb und Absatzprobleme in China zu reagieren. Im Entwicklungszentrum Hefei entwickeln über 3.000 Ingenieure ausschließlich smarte Elektrofahrzeuge speziell für den chinesischen Markt – und das 30 Prozent schneller sowie bis zu 40 Prozent günstiger als bisher.