Fünf Thesen zur Industrie: Wo Deutschland derzeit steht
Während Europas Wirtschaft wächst, tritt Deutschland auf der Stelle. Fünf Thesen zur Industrie zeigen, warum der Gegenwind zunimmt – und warum jetzt der richtige Zeitpunkt ist, strategisch zu investieren und neue Dynamik zu entfachen.
Wie verändert sich die deutsche Industrie? Fünf Thesen zeigen, warum Wachstum stockt – und wo sich jetzt neue Chancen eröffnen.natanaelginting - stock.adobe.com)
Anzeige
Während andere Länder wachsen, stagniert Deutschland – und
die Industrie spürt es besonders stark. Dr. Jens-Oliver Niklasch, Senior
Economist bei der LBBW, hat auf dem Kongress „Fabrikplanung” die
wirtschaftliche Lage anhand von fünf Thesen analysiert. Sein Fazit: Der
Gegenwind nimmt zu, doch mit Investitionen, Innovationen und einem klaren Blick
auf die eigenen Stärken kann die Industrie das Blatt noch wenden. Das sind seine Thesen:
These 1: Andere Länder wachsen – Deutschland nicht
Anzeige
Seit 2019 tritt die deutsche Wirtschaft faktisch auf der
Stelle. Während Länder wie Spanien ihr Bruttoinlandsprodukt seitdem um rund elf
Prozent steigern konnten und auch der Euroraum insgesamt wächst, bleibt das
deutsche Bruttoinlandsprodukt nahezu unverändert.
Das ist mehr als nur ein statistisches Problem. In einer
alternden Gesellschaft führt fehlendes Wachstum zwangsläufig zu
Verteilungskonflikten. „Der Kuchen wird nicht größer, aber die Ansprüche
schon“, sagt Niklasch. Die Folge sind zunehmende Spannungen zwischen den
Generationen, Branchen und gesellschaftlichen Gruppen.
Ein Alarmsignal für die Industrie: Seit 2018 befinden sich sowohl die Produktion als auch die Auftragseingänge im Abwärtstrend. „Wir sind jetzt seit sieben Jahren im Abwärtstrend – biblisch gesehen sind das sieben magere Jahre“, so Niklasch. Die monatlichen Indizes bestätigen, was vielen Entscheidern aus dem Alltag bekannt ist: Die industrielle Dynamik lässt nach.
Anzeige
These 2: Die Globalisierung findet ohne Deutschland statt
Jahrzehntelang gehörte die deutsche Industrie zu den
Hauptprofiteuren des globalen Warenhandels. Die Exporte wuchsen
überproportional und die Wettbewerbsfähigkeit war Teil des nationalen
Selbstverständnisses. Doch dieses Modell trägt nicht mehr.
Die sogenannte Exportelastizität Deutschlands ist inzwischen
unter eins gefallen. Das bedeutet, dass deutsche Exporte unterdurchschnittlich
von einem Wachstum des Welthandels profitieren. „Die Globalisierung findet ohne
Deutschland statt“, so Niklasch.
Anzeige
Hinzu kommen geopolitische Verwerfungen. Handelskonflikte,
protektionistische Tendenzen und vor allem die US-Zollpolitik sind permanente
Unsicherheitsfaktoren.
Eine Studie des Brüsseler Thinktanks Bruegel zeigt, dass
steigende Zölle in Europa zu erheblichen Arbeitsplatzverlusten führen könnten –
auch in deutschen Industrieregionen wie Südostniedersachsen oder
Nordwürttemberg. Besonders betroffen wären die Automobilindustrie, der
Maschinenbau sowie die Chemie- und Pharmaindustrie.
Dr. Jens-Oliver Niklasch, Senior Economist bei der LBBW, sprach auf dem Kongress Fabrikplanung über die Lage der Industrie.Daireen Sprenger)
These 3: Demografie bremst Produktivität und Innovation
Neben den externen Faktoren gibt es außerdem einen inneren
Strukturwandel: die Alterung der Gesellschaft. Dieser Wandel verändert nicht
nur den Arbeitsmarkt, sondern auch die Wachstumsdynamik insgesamt. So hat die
Beschäftigung in öffentlichen Dienstleistungen, Bildung und Gesundheit seit
2018 deutlich zugenommen, während sie in der Industrie leicht rückläufig ist.
Anzeige
Das Problem liegt dabei weniger im Beschäftigungsniveau als
in der Wertschöpfung. Ein Industriearbeitsplatz trägt im Durchschnitt rund
120.000 Euro Wertschöpfung pro Jahr bei. In staatlich geprägten Sektoren liegt
dieser Wert deutlich niedriger. Niklasch formuliert es zugespitzt: „In der
Industrie wird das Geld verdient – im öffentlichen Dienst und im
Gesundheitswesen wird es ausgegeben.“
Gleichzeitig lässt das Wachstum der Arbeitsproduktivität
nach. Nicht die Produktivität selbst sinkt, sondern ihr Zuwachs. „Innovation
kann man schlecht planen”, räumt Niklasch ein, doch die Daten zeigen in der
Summe: Die Innovationsdynamik in Deutschland lässt nach – ein typisches
Phänomen alternder Volkswirtschaften.
Kommen Sie zum Kongress Fabrikplanung!
Wie lassen sich Energieeffizienz, Digitalisierung und Wirtschaftlichkeit heute schon smart vereinen? Welche Rolle spielen KI, Nachhaltigkeit und moderne Planungsmethoden?
Antworten liefert der Fachkongress Fabrikplanung – mit Keynotes, Best Practices und Einblicken in aktuelle Forschung. Im Fokus: Kreislaufwirtschaft, KI, Greenfield & Brownfield sowie Europas industrielle Wettbewerbsfähigkeit.
Der nächste Kongress Fabrikplanung findet am 2. und 3. Dezember 2026 statt.
These 4: Mehr Schulden allein lösen das Problem nicht
Anzeige
Angesichts dieser Lage richten sich die Blicke schnell auf
staatliche Investitionen. Das beschlossene Sondervermögen für Infrastruktur und
Klimaneutralität ist grundsätzlich nachvollziehbar, so Niklasch. Der
Investitionsrückstand ist erheblich, denn Deutschland investiert seit
Jahrzehnten deutlich weniger in die Infrastruktur als der EU-Durchschnitt.
„Wir haben über lange Jahre von der Substanz gelebt“, sagt
der LBBW-Ökonom. Der geschätzte Rückstand liegt bei rund 500 Milliarden Euro.
Doch Schulden allein seien keine Garantie für mehr Wachstum. In den Haushalten
drohe ein Verschiebebahnhof: Während konsumtive Ausgaben steigen, würden
Investitionen im Kernhaushalt zurückgefahren.
Selbst Verteidigungsausgaben sind aus volkswirtschaftlicher
Sicht kein Wachstumstreiber. „Verteidigung ist eigentlich reiner Konsum“, so
Niklasch, da sie keine künftigen Einkommensströme generiere.
Anzeige
These 5: Die Industrie kann das Blatt wenden
Trotz der nüchternen Analyse endet der Blick nicht
pessimistisch. „Wir können das Blatt wenden“, lautet Niklaschs fünfte These.
Voraussetzung dafür ist, die bekannten Schwächen konsequent anzugehen.
Der sinkende Modernitätsgrad des Anlagevermögens zeigt klar,
wo investiert werden muss. Gleichzeitig verfügt Deutschland weiterhin über
starke Innovationscluster, beispielsweise im Raum Stuttgart mit seiner
Kompetenz im Automobilbereich oder in Tübingen mit Schwerpunkten in Bio- und
Nanotechnologie. „Das ist jetzt immer noch kein totes Pferd“, sagt Niklasch mit
Blick auf die Automobilindustrie.
Entscheidend sei der Schritt in Richtung Hightech. Während
Deutschland im Bereich Medium-Hightech gut positioniert ist, liegt es im
Hightech-Segment hinter den USA zurück. Hier spielen Regulierung,
Geschwindigkeit, Talente und Innovationsfreiheit eine zentrale Rolle. Wachstum
entsteht aus „Wissen, Dynamik und Innovation“.
Es zeigt sich also: Die Rahmenbedingungen für die deutsche
Industrie werden durch Globalisierung, Demografie und strukturellen Wandel
anspruchsvoller. Doch die Probleme sind erkannt und die Stärken sind vorhanden.
Für industrielle Entscheider bedeutet das: Investitionen,
Standortentscheidungen und Innovationsstrategien müssen stärker denn je im
gesamtwirtschaftlichen Kontext betrachtet werden. Wer diesen Kontext versteht,
kann auch unter schwierigen Bedingungen erfolgreich agieren.
Oder, um es mit den Worten von Niklasch zu sagen: „Wenn wir
das beherzigen, dann kommen wir auch wieder voran.“
1. Warum stagniert die deutsche Wirtschaft seit 2019, während andere Länder wachsen?
Deutschland verzeichnet seit 2019 faktisch kein BIP-Wachstum – im Gegensatz zu Ländern wie Spanien, das in dieser Zeit rund elf Prozent zulegen konnte. Die Gründe liegen in strukturellen Problemen wie einer alternden Gesellschaft, rückläufiger industrieller Produktion und einem Mangel an zukunftsgerichteten Investitionen.
2. Welche Rolle spielt die Globalisierung in der aktuellen Industrieschwäche?
Deutschland profitiert immer weniger vom globalen Handel. Die sogenannte Exportelastizität ist unter eins gefallen – ein Zeichen dafür, dass deutsche Exporte unterproportional auf weltwirtschaftliches Wachstum reagieren. Handelskonflikte, US-Zölle und protektionistische Tendenzen verschärfen die Situation zusätzlich.
3. Inwiefern beeinflusst die Demografie die Produktivität der Industrie?
Der demografische Wandel verschiebt die Beschäftigung weg von der Industrie hin zu staatlich geprägten Sektoren wie Gesundheit und Bildung. Da Industriearbeitsplätze eine deutlich höhere jährliche Wertschöpfung generieren, sinkt die gesamtwirtschaftliche Produktivität. Gleichzeitig verlangsamt sich das Wachstum der Innovationskraft – ein typisches Muster alternder Volkswirtschaften.
4. Reichen staatliche Schuldenprogramme aus, um die Wirtschaft zu beleben?
Nein. Zwar ist das Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaschutz grundsätzlich sinnvoll, doch der Rückstand bei Investitionen beträgt rund 500 Milliarden Euro. Zudem fließt ein Großteil der Mittel in konsumtive Ausgaben statt in wachstumswirksame Projekte – mit der Folge, dass die erhofften Impulse ausbleiben.
5. Welche Chancen hat die deutsche Industrie, den Abwärtstrend zu stoppen?
Die Industrie kann das Blatt wenden, wenn gezielt in Modernisierung und Hightech investiert wird. Trotz des Rückstands bestehen in Deutschland weiterhin starke Innovationscluster – etwa in Stuttgart oder Tübingen. Entscheidend ist, den Übergang vom Medium-Hightech zur Hightech-Spitze zu schaffen und dabei Geschwindigkeit, Innovationsfreiheit und Talentförderung in den Fokus zu rücken.