Industrie im Wandel: Chancen statt Krise

Fünf Thesen zur Industrie: Wo Deutschland derzeit steht

Während Europas Wirtschaft wächst, tritt Deutschland auf der Stelle. Fünf Thesen zur Industrie zeigen, warum der Gegenwind zunimmt – und warum jetzt der richtige Zeitpunkt ist, strategisch zu investieren und neue Dynamik zu entfachen.

Veröffentlicht
Wie verändert sich die deutsche Industrie? Fünf Thesen zeigen, warum Wachstum stockt – und wo sich jetzt neue Chancen eröffnen.

Während andere Länder wachsen, stagniert Deutschland – und die Industrie spürt es besonders stark. Dr. Jens-Oliver Niklasch, Senior Economist bei der LBBW, hat auf dem Kongress „Fabrikplanung” die wirtschaftliche Lage anhand von fünf Thesen analysiert. Sein Fazit: Der Gegenwind nimmt zu, doch mit Investitionen, Innovationen und einem klaren Blick auf die eigenen Stärken kann die Industrie das Blatt noch wenden. Das sind seine Thesen:

These 1: Andere Länder wachsen – Deutschland nicht

Seit 2019 tritt die deutsche Wirtschaft faktisch auf der Stelle. Während Länder wie Spanien ihr Bruttoinlandsprodukt seitdem um rund elf Prozent steigern konnten und auch der Euroraum insgesamt wächst, bleibt das deutsche Bruttoinlandsprodukt nahezu unverändert.

Das ist mehr als nur ein statistisches Problem. In einer alternden Gesellschaft führt fehlendes Wachstum zwangsläufig zu Verteilungskonflikten. „Der Kuchen wird nicht größer, aber die Ansprüche schon“, sagt Niklasch. Die Folge sind zunehmende Spannungen zwischen den Generationen, Branchen und gesellschaftlichen Gruppen.

Ein Alarmsignal für die Industrie: Seit 2018 befinden sich sowohl die Produktion als auch die Auftragseingänge im Abwärtstrend. „Wir sind jetzt seit sieben Jahren im Abwärtstrend – biblisch gesehen sind das sieben magere Jahre“, so Niklasch. Die monatlichen Indizes bestätigen, was vielen Entscheidern aus dem Alltag bekannt ist: Die industrielle Dynamik lässt nach.

These 2: Die Globalisierung findet ohne Deutschland statt

Jahrzehntelang gehörte die deutsche Industrie zu den Hauptprofiteuren des globalen Warenhandels. Die Exporte wuchsen überproportional und die Wettbewerbsfähigkeit war Teil des nationalen Selbstverständnisses. Doch dieses Modell trägt nicht mehr.

Die sogenannte Exportelastizität Deutschlands ist inzwischen unter eins gefallen. Das bedeutet, dass deutsche Exporte unterdurchschnittlich von einem Wachstum des Welthandels profitieren. „Die Globalisierung findet ohne Deutschland statt“, so Niklasch.

Hinzu kommen geopolitische Verwerfungen. Handelskonflikte, protektionistische Tendenzen und vor allem die US-Zollpolitik sind permanente Unsicherheitsfaktoren.

Eine Studie des Brüsseler Thinktanks Bruegel zeigt, dass steigende Zölle in Europa zu erheblichen Arbeitsplatzverlusten führen könnten – auch in deutschen Industrieregionen wie Südostniedersachsen oder Nordwürttemberg. Besonders betroffen wären die Automobilindustrie, der Maschinenbau sowie die Chemie- und Pharmaindustrie.

Dr. Jens-Oliver Niklasch, Senior Economist bei der LBBW, sprach auf dem Kongress Fabrikplanung über die Lage der Industrie.

These 3: Demografie bremst Produktivität und Innovation

Neben den externen Faktoren gibt es außerdem einen inneren Strukturwandel: die Alterung der Gesellschaft. Dieser Wandel verändert nicht nur den Arbeitsmarkt, sondern auch die Wachstumsdynamik insgesamt. So hat die Beschäftigung in öffentlichen Dienstleistungen, Bildung und Gesundheit seit 2018 deutlich zugenommen, während sie in der Industrie leicht rückläufig ist.

Das Problem liegt dabei weniger im Beschäftigungsniveau als in der Wertschöpfung. Ein Industriearbeitsplatz trägt im Durchschnitt rund 120.000 Euro Wertschöpfung pro Jahr bei. In staatlich geprägten Sektoren liegt dieser Wert deutlich niedriger. Niklasch formuliert es zugespitzt: „In der Industrie wird das Geld verdient – im öffentlichen Dienst und im Gesundheitswesen wird es ausgegeben.“

Gleichzeitig lässt das Wachstum der Arbeitsproduktivität nach. Nicht die Produktivität selbst sinkt, sondern ihr Zuwachs. „Innovation kann man schlecht planen”, räumt Niklasch ein, doch die Daten zeigen in der Summe: Die Innovationsdynamik in Deutschland lässt nach – ein typisches Phänomen alternder Volkswirtschaften.

Kommen Sie zum Kongress Fabrikplanung!

Wie lassen sich Energieeffizienz, Digitalisierung und Wirtschaftlichkeit heute schon smart vereinen? Welche Rolle spielen KI, Nachhaltigkeit und moderne Planungsmethoden?

Antworten liefert der Fachkongress Fabrikplanung – mit Keynotes, Best Practices und Einblicken in aktuelle Forschung. Im Fokus: Kreislaufwirtschaft, KI, Greenfield & Brownfield sowie Europas industrielle Wettbewerbsfähigkeit. 

Der nächste Kongress Fabrikplanung findet am 2. und 3. Dezember 2026 statt.

Weitere Informationen gibt es hier!

These 4: Mehr Schulden allein lösen das Problem nicht

Angesichts dieser Lage richten sich die Blicke schnell auf staatliche Investitionen. Das beschlossene Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität ist grundsätzlich nachvollziehbar, so Niklasch. Der Investitionsrückstand ist erheblich, denn Deutschland investiert seit Jahrzehnten deutlich weniger in die Infrastruktur als der EU-Durchschnitt.

„Wir haben über lange Jahre von der Substanz gelebt“, sagt der LBBW-Ökonom. Der geschätzte Rückstand liegt bei rund 500 Milliarden Euro. Doch Schulden allein seien keine Garantie für mehr Wachstum. In den Haushalten drohe ein Verschiebebahnhof: Während konsumtive Ausgaben steigen, würden Investitionen im Kernhaushalt zurückgefahren.

Selbst Verteidigungsausgaben sind aus volkswirtschaftlicher Sicht kein Wachstumstreiber. „Verteidigung ist eigentlich reiner Konsum“, so Niklasch, da sie keine künftigen Einkommensströme generiere.

These 5: Die Industrie kann das Blatt wenden

Trotz der nüchternen Analyse endet der Blick nicht pessimistisch. „Wir können das Blatt wenden“, lautet Niklaschs fünfte These. Voraussetzung dafür ist, die bekannten Schwächen konsequent anzugehen.

Der sinkende Modernitätsgrad des Anlagevermögens zeigt klar, wo investiert werden muss. Gleichzeitig verfügt Deutschland weiterhin über starke Innovationscluster, beispielsweise im Raum Stuttgart mit seiner Kompetenz im Automobilbereich oder in Tübingen mit Schwerpunkten in Bio- und Nanotechnologie. „Das ist jetzt immer noch kein totes Pferd“, sagt Niklasch mit Blick auf die Automobilindustrie.

Entscheidend sei der Schritt in Richtung Hightech. Während Deutschland im Bereich Medium-Hightech gut positioniert ist, liegt es im Hightech-Segment hinter den USA zurück. Hier spielen Regulierung, Geschwindigkeit, Talente und Innovationsfreiheit eine zentrale Rolle. Wachstum entsteht aus „Wissen, Dynamik und Innovation“.

Es zeigt sich also: Die Rahmenbedingungen für die deutsche Industrie werden durch Globalisierung, Demografie und strukturellen Wandel anspruchsvoller. Doch die Probleme sind erkannt und die Stärken sind vorhanden.

Für industrielle Entscheider bedeutet das: Investitionen, Standortentscheidungen und Innovationsstrategien müssen stärker denn je im gesamtwirtschaftlichen Kontext betrachtet werden. Wer diesen Kontext versteht, kann auch unter schwierigen Bedingungen erfolgreich agieren.

Oder, um es mit den Worten von Niklasch zu sagen: „Wenn wir das beherzigen, dann kommen wir auch wieder voran.“

FAQ: Fünf Thesen zur deutschen Industrie

1. Warum stagniert die deutsche Wirtschaft seit 2019, während andere Länder wachsen?

Deutschland verzeichnet seit 2019 faktisch kein BIP-Wachstum – im Gegensatz zu Ländern wie Spanien, das in dieser Zeit rund elf Prozent zulegen konnte. Die Gründe liegen in strukturellen Problemen wie einer alternden Gesellschaft, rückläufiger industrieller Produktion und einem Mangel an zukunftsgerichteten Investitionen.

2. Welche Rolle spielt die Globalisierung in der aktuellen Industrieschwäche?

Deutschland profitiert immer weniger vom globalen Handel. Die sogenannte Exportelastizität ist unter eins gefallen – ein Zeichen dafür, dass deutsche Exporte unterproportional auf weltwirtschaftliches Wachstum reagieren. Handelskonflikte, US-Zölle und protektionistische Tendenzen verschärfen die Situation zusätzlich.

3. Inwiefern beeinflusst die Demografie die Produktivität der Industrie?

Der demografische Wandel verschiebt die Beschäftigung weg von der Industrie hin zu staatlich geprägten Sektoren wie Gesundheit und Bildung. Da Industriearbeitsplätze eine deutlich höhere jährliche Wertschöpfung generieren, sinkt die gesamtwirtschaftliche Produktivität. Gleichzeitig verlangsamt sich das Wachstum der Innovationskraft – ein typisches Muster alternder Volkswirtschaften.

4. Reichen staatliche Schuldenprogramme aus, um die Wirtschaft zu beleben?

Nein. Zwar ist das Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaschutz grundsätzlich sinnvoll, doch der Rückstand bei Investitionen beträgt rund 500 Milliarden Euro. Zudem fließt ein Großteil der Mittel in konsumtive Ausgaben statt in wachstumswirksame Projekte – mit der Folge, dass die erhofften Impulse ausbleiben.

5. Welche Chancen hat die deutsche Industrie, den Abwärtstrend zu stoppen?

Die Industrie kann das Blatt wenden, wenn gezielt in Modernisierung und Hightech investiert wird. Trotz des Rückstands bestehen in Deutschland weiterhin starke Innovationscluster – etwa in Stuttgart oder Tübingen. Entscheidend ist, den Übergang vom Medium-Hightech zur Hightech-Spitze zu schaffen und dabei Geschwindigkeit, Innovationsfreiheit und Talentförderung in den Fokus zu rücken.