Wende in der Industrie?

Industrieaufträge befeuern Konjunkturhoffnung

Erstmals seit Monaten ein kräftiges Lebenszeichen aus der Industrie: Neue Auftragszahlen für November 2025 setzen ein Signal, das für neue Dynamik im Industriesektor sorgen könnte.

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In der krisengeschüttelten deutschen Industrie schüren unerwartet starke Bestellungen die Hoffnung auf bessere Zeiten.
In der krisengeschüttelten deutschen Industrie schüren unerwartet starke Bestellungen die Hoffnung auf bessere Zeiten.

Trendwende in Sicht?

Nach Monaten der Stagnation und negativen Wirtschaftsmeldungen sendet die deutsche Industrie ein überraschend positives Signal: Der Auftragseingang stieg im November 2025 um beachtliche 5,6 Prozent gegenüber dem Vormonat. Das Statistische Bundesamt, das die Zahlen veröffentlichte, spricht vom stärksten Zuwachs seit Ende 2024. Ein Ergebnis, das Experten aufhorchen lässt – vor allem, da Analysten im Vorfeld mit einem Rückgang gerechnet hatten, nicht zuletzt wegen des bereits starken Oktobers.

Ökonomische Zuversicht, aber mit Vorbehalt

"Endlich mal eine Zahl von der deutschen Konjunktur, an der es nichts zu meckern gibt", kommentierte Jens-Oliver Niklasch von der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW). Für ihn ist der Anstieg ein echtes Zeichen für eine mögliche Trendwende. Auch Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der Liechtensteiner VP Bank, bezeichnete das Ergebnis als „freudige Konjunkturüberraschung“.

Trotz aller Euphorie mahnen Ökonomen jedoch zur Vorsicht. Die kräftigen Zuwächse basieren insbesondere auf Großaufträgen in einzelnen Industriesegmenten, deren Nachhaltigkeit fraglich bleibt. Vor allem die Rüstungsindustrie, befeuert durch geopolitische Spannungen wie den US-Angriff auf Venezuela, zeigt sich als wesentlicher Impulsgeber.

Rüstungssektor als Konjunkturmotor

Ein genauer Blick auf die Zahlen offenbart die Herkunft des Wachstums: Im Bereich Metallerzeugnisse wurde ein Zuwachs von rund 25 Prozent verzeichnet, im sonstigen Fahrzeugbau – zu dem Flugzeuge, Schiffe, Züge und Militärfahrzeuge zählen – lag das Plus bei 12,3 Prozent. Die Statistiker verweisen in beiden Fällen auf ein hohes Volumen an Großaufträgen.

Doch auch ohne Berücksichtigung dieser Sondereffekte legte der Auftragseingang leicht zu – konkret um 0,7 Prozent. Damit bleibt eine gewisse Grunddynamik im System erhalten. Weitere moderate Zuwächse gab es zudem bei elektrischen Ausrüstungen und im Maschinenbau.

Laut Gitzel dürfte der Trend anhalten: „Die Auftragseingänge dürften in den kommenden Monaten vor allem von Rüstungsaufträgen geprägt bleiben.“ Die derzeitige Weltlage mache militärische Stärke wieder zu einem wirtschaftlichen Faktor, der die Industrie antreibt.

Diese Einschätzung teilt auch Sebastian Dullien, wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung. „Rüstungsbestellungen dürften zu weiter steigenden Auftragseingängen führen.“ Zudem sieht er eine breitere Wirkung: „Das Auftragsplus sei ein weiteres Indiz, dass die steigenden Staatsausgaben im neuen Jahr die Wirtschaft ankurbeln werden.“ Die Unterstützung durch staatliche Investitionen werde von der Industrie dringend benötigt: „Diese Stütze ist für die Industrie hochwillkommen.“

Hoffnung auf nachhaltigen Aufschwung

Dullien sieht für das Jahr 2026 bessere Chancen für den Industriesektor. Neben den höheren Rüstungsausgaben könnten auch steigende Investitionen in die Infrastruktur die Auftragslage stabilisieren und ausbauen. Das weckt Erwartungen – aber auch Mahnungen.

Denn klar ist: Die deutsche Industrie befindet sich weiterhin in einer tiefgreifenden Krise. Allein im Zeitraum bis zum dritten Quartal 2025 ist die Zahl der Beschäftigten um rund 120.300 Personen gesunken. Damit sind nur noch etwa 5,43 Millionen Menschen in der Industrie tätig – ein signifikanter Rückgang.

Deindustrialisierung bleibt ein Risiko

Die wirtschaftliche Schwächephase zeigt sich nicht nur in den Beschäftigungszahlen, sondern auch bei den Insolvenzen. Laut dem Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) lagen diese 2025 auf dem höchsten Stand seit zwei Jahrzehnten. Der anhaltende Schrumpfkurs der Industrieproduktion setzt sich damit fort. Dem Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) zufolge ist dies bereits das vierte Jahr in Folge mit rückläufiger Produktion.

Neben internen Herausforderungen wie hoher Bürokratiebelastung und steigenden Energiepreisen leidet der Standort Deutschland zusätzlich unter internationalen Faktoren: hohe US-Zölle sowie zunehmender Konkurrenzdruck aus China setzen den Unternehmen weiter zu. Unter diesen Bedingungen bleibt unklar, ob es sich bei den aktuellen Zahlen lediglich um ein Strohfeuer handelt – oder um den Beginn eines echten Aufschwungs.

Inland und Ausland ziehen an

Trotz aller strukturellen Herausforderungen liefern die Details der Auftragseingänge weiteren Anlass zur Hoffnung: Laut Angaben des Statistischen Bundesamts zogen die Aufträge im Inland um 6,5 Prozent an. Aus dem Ausland wurde ein Zuwachs von 4,9 Prozent verzeichnet. Diese Entwicklung könnte auf eine verbesserte Wettbewerbsfähigkeit einzelner Branchen hindeuten oder auch auf eine temporäre Verschiebung internationaler Nachfrage zugunsten deutscher Anbieter.

Zwischen Optimismus und Realität

Jupp Zenzen, Konjunkturexperte beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK), fällt ein gemischtes Urteil: „Der dritte Anstieg bei den Auftragseingängen in Folge ist ein gutes Zeichen. Ohne die Berücksichtigung der insbesondere rüstungsgetriebenen Großaufträge fallen die Zuwächse allerdings deutlich bescheidener aus.“

Seine Schlussfolgerung bleibt nüchtern: „Ein Aufschwung in der Industrie ist aber bei weitem kein Selbstläufer, die strukturellen Probleme am Standort Deutschland wie hohe Kosten, hohe Steuern und überbordende Bürokratie bleiben ungelöst.“

Mit Material der dpa

FAQ zur Auftragslage in der Industrie

Wer hat die aktuellen Auftragszahlen veröffentlicht? - Das Statistische Bundesamt hat die Zahlen zum Auftragseingang im November 2025 veröffentlicht.

Wie stark ist der Auftragseingang gestiegen? - Im Vergleich zum Vormonat stieg der Auftragseingang um 5,6 Prozent.

Welche Branchen profitierten besonders? - Besonders stark war der Zuwachs bei Metallerzeugnissen (plus 25 Prozent) und im Sonstigen Fahrzeugbau (plus 12,3 Prozent).

Welche Rolle spielt der Rüstungssektor? - Großaufträge aus dem Rüstungsbereich gelten als treibender Faktor des aktuellen Anstiegs.

Wie bewerten Experten die Entwicklung? - Experten sehen eine mögliche Trendwende, warnen aber vor strukturellen Problemen und einer übermäßigen Abhängigkeit von Sondereffekten.

Wie viele Jobs gingen in der Industrie verloren? - Innerhalb eines Jahres gingen rund 120.300 Industriearbeitsplätze verloren.

Wie hoch sind die Erwartungen für 2026? - Forschungsinstitute rechnen mit einem moderaten Wachstum von rund einem Prozent, vor allem getrieben durch staatliche Ausgaben.