China, Rohstoffe und Europas Technologie-Schub
Seltene Erden: EU trotzt China mit Hightech-Innovation
Exportkontrollen aus China sorgten für Preisschocks bei Seltenen Erden. In Europa führte das nicht zur Krise – sondern zu einem Innovationsboom mit überraschenden Folgen.
Chinesische Exportbeschränkungen bei Seltenen Erden haben Hersteller in der Europäischen Union dazu veranlasst, Produkte neu zu entwickeln, die weniger oder keine dieser Elemente benötigen.
photostockatinat - stock.adobe.com - KI-generiert)
Chinas Exportkontrollen als Auslöser technologischer Entwicklungen
Chinesische Exportbeschränkungen für Seltene Erden in den Jahren 2010 bis 2015 wirkten als Katalysator für tiefgreifende Veränderungen in der europäischen Industrie. Besonders betroffen waren Unternehmen, die zuvor stark auf diese kritischen Rohstoffe angewiesen waren. Eine neue Studie des EPoS Economic Research Centers der Universitäten Bonn und Mannheim zeigt: Die scheinbare Schwächung entpuppte sich als Innovationschance.
Im Mittelpunkt der Analyse steht die Frage, wie sich Handelskonflikte auf technologische Entwicklungen und Exportdynamiken auswirken. Die Untersuchung basiert auf der Auswertung von über 30.000 Patenten und der Analyse von Input-Output-Tabellen zur Verwendung Seltener Erden in verschiedenen Industriezweigen.
Innovation statt Abhängigkeit
„In unserem Untersuchungszeitraum beschränkte China die Ausfuhr von Seltenen Erden, die für viele Hightech-Produkte wichtig sind“, erklärt Jan Schymik vom EPoS Economic Research Center. „Die Preise für diese chemischen Elemente stiegen darauf in der Spitze um das 45-fache – von dieser Kostenexplosion waren die EU-Hersteller zunächst unmittelbar betroffen.“
Statt in Abhängigkeit und Produktionsrückgänge zu verfallen, reagierte die europäische Industrie mit technologischen Anpassungen. Besonders die Automobilbranche zeichnete sich durch kreative Lösungen aus: „Den Unternehmen gelang es, sich an die erschwerten Bedingungen anzupassen und mit der Entwicklung neuer Technologien zu reagieren. Die Autobauer reduzierten beispielsweise den Anteil Seltener Erden in Permanentmagneten oder Katalysatoren“, so Schymik.
Diese strategischen Reaktionen führten nicht nur zur Stabilisierung, sondern sogar zur Stärkung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit. Die Innovationsimpulse ließen sich auch quantitativ messen: „Diese Innovationen halfen dabei, die Nachteile durch gestiegene Rohstoffpreise auszugleichen und teilweise sogar das Branchenwachstum anzukurbeln.“
Exporte steigen trotz Rohstoffkrise
Die innovationsgetriebenen Anpassungen machten sich auch in den Exportzahlen bemerkbar. Besonders Unternehmen, die vor der Einführung der chinesischen Kontrollen stark auf Seltene Erden angewiesen waren, verzeichneten ein überdurchschnittliches Exportwachstum.
Laut Studie lagen ihre jährlichen Ausfuhren um 0,3 Prozentpunkte höher als bei Produzenten, die nicht direkt von den Engpässen betroffen waren. Die Exportzuwächse zeugen von einer erfolgreichen Anpassung an die neuen Rahmenbedingungen. Im Gegensatz dazu stagnierte das Exportwachstum chinesischer Unternehmen, die weiterhin uneingeschränkten Zugang zu Seltenen Erden hatten.
Neue Patente als Beleg für Innovationskraft
Ein zentraler Baustein der Studie war die Analyse des Innovationsverhaltens anhand von Patentanmeldungen. Die Forscher ermittelten in einem ersten Schritt die Sektoren mit hoher Abhängigkeit von Seltenen Erden und erstellten daraufhin eine umfassende Input-Output-Analyse. Anschließend wurden Patente untersucht, die sich mit einer effizienteren Nutzung oder dem Ersatz der knappen Materialien beschäftigten.
„Dabei stellten wir fest, dass die Unternehmen Seltene Erden entweder weniger intensiv nutzten oder Ersatzmaterialien fanden. Die entsprechenden Patentaktivitäten in der EU stiegen um mehr als 7,4 Prozent“, erklärt Schymik. Besonders hohe Innovationsraten wurden in jenen Branchen beobachtet, die vor der Krise eine besonders intensive Nutzung dieser Rohstoffe aufwiesen.
Keine messbaren BIP-Verluste für die EU
Autoren
- Laura Alfaro, Professorin für Ökonomie, Harvard Business School
- Harald Fadinger, Professor für Volkswirtschaftslehre, Universität Wien und Mitglied des EPoS Economic Research Centers
- Jan Schymik, Vertretungsprofessor für Volkswirtschaftslehre, Universität Mannheim und Mitglied des EPoS Economic Research Centers
- Gede Virananda, Doktorand, Stern School of Business, New York University
Eine weitere Erkenntnis der Untersuchung: Trotz der drastisch gestiegenen Preise für kritische Materialien erlitt die Gesamtwirtschaft der EU keine nennenswerten Verluste beim realen Bruttoinlandsprodukt (BIP). Die wirtschaftliche Belastung wurde durch technologische Fortschritte nahezu vollständig kompensiert.
„Technologischer Fortschritt glich die negativen Folgen weitgehend aus“, so Schymik. Die Innovationsfähigkeit der Unternehmen wirkte also wie ein Schutzschild gegen makroökonomische Schäden. Ohne diese Entwicklungen wäre der wirtschaftliche Schaden laut der Analyse deutlich größer ausgefallen.
In ihrer Größenordnung vergleicht Schymik die vermiedenen Verluste mit den potenziellen positiven Effekten eines großen Freihandelsabkommens: „In ihrer Größenordnung entsprechen die potenziellen Verluste aus seiner Sicht den Vorteilen für das BIP-Wachstum durch ein großes Freihandelsabkommen, wie das aktuell diskutierte Mercosur-Abkommen.“
Resilienz durch technologischen Fortschritt
Die Studienautoren kommen zu dem Schluss, dass Exportbeschränkungen nicht zwangsläufig zu Nachteilen führen müssen – vorausgesetzt, die betroffenen Unternehmen verfügen über die Fähigkeit und den Willen zur technologischen Weiterentwicklung.
„Technologischer Fortschritt spielt eine zentrale Rolle, um negative Auswirkungen von Ausfuhrrestriktionen für Seltene Erden abzufedern“, betont Schymik. Die Maßnahmen Chinas führten somit indirekt zu einer Stärkung europäischer Produzenten: „Wir stellen fest, dass die betroffenen EU-Unternehmen unterm Strich dadurch wettbewerbsfähiger wurden.“
Daraus leitet sich auch eine wichtige Botschaft an die Politik ab: „Die Politik kann Herstellern helfen, mit Lieferengpässen umzugehen, indem sie ein innovationsfreundliches Umfeld schafft, das sie auf Dauer widerstandsfähiger macht.“
Mit Material von Dr. Jan Schymik, EPoS Economic Research Center
FAQ – Häufige Fragen zum Thema Seltene Erden und Innovation
- Was sind Seltene Erden? – Dabei handelt es sich um eine Gruppe von 17 chemischen Elementen, die vor allem in Hightech-Produkten wie Smartphones, Elektromotoren oder Windturbinen verwendet werden.
- Warum hat China Exportkontrollen eingeführt? – Zwischen 2010 und 2015 schränkte China die Ausfuhr dieser Rohstoffe ein, um die eigene Industrie zu stärken und die Preise zu kontrollieren.
- Wie reagierten EU-Hersteller auf die Exportbeschränkungen? – Durch technologische Anpassungen, Substitution der Materialien und effizientere Nutzung gelang es, die Abhängigkeit zu verringern.
- Was war das Ergebnis dieser Reaktionen? – Die betroffenen Unternehmen konnten ihre Wettbewerbsfähigkeit steigern und höhere Exportzuwächse verzeichnen.
- Wie stark stieg die Innovationsaktivität in der EU? – Laut Studie des EPoS Economic Research Centers stiegen die Patentaktivitäten im Zusammenhang mit Seltenen Erden um mehr als 7,4 Prozent.
- Gab es wirtschaftliche Verluste für die EU? – Nein, trotz der Preissteigerungen gab es keine messbaren Rückgänge beim realen BIP – im Gegenteil, durch Innovationen wurden negative Effekte kompensiert.