Ingenieurarbeitsmarkt im Süden unter Druck
Ingenieurarbeitsmarkt im Süden: Delle oder Dauerkrise?
Steigende Arbeitslosigkeit und gleichzeitig offene Stellen im Überfluss: Der Ingenieurarbeitsmarkt im Süden liefert widersprüchliche Signale. Der neue VDI-/IW-Ingenieurmonitor erklärt, warum diese Entwicklung mehr ist als eine konjunkturelle Momentaufnahme.
Der Blick auf die aktuellen Zahlen des VDI-/IW-Ingenieurmonitors für das dritte Quartal 2025 offenbart eine Gemengelage, die Industrie und Politik gleichermaßen fordert.
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Der Blick auf die aktuellen Zahlen des VDI-/IW-Ingenieurmonitors für das dritte Quartal 2025 offenbart eine Gemengelage, die Industrie und Politik gleichermaßen fordert. Konjunkturelle Schwächephasen hinterlassen Spuren auf dem Arbeitsmarkt, auch bei hochqualifizierten Ingenieur- und IT-Fachkräften. Gleichzeitig bleibt der strukturelle Fachkräftemangel bestehen – besonders sichtbar in den industriellen Kernregionen Süddeutschlands.
Konjunktur bremst – Strukturprobleme bleiben
Bundesweit waren im dritten Quartal 2025 durchschnittlich 57.519 Ingenieurinnen, Ingenieure und IT-Fachkräfte pro Monat arbeitslos gemeldet. Ein Wert, der zunächst nach Entspannung klingt, sich bei genauerem Hinsehen jedoch relativiert. In Bayern stieg die Arbeitslosigkeit in diesen Berufsgruppen gegenüber dem Vorjahr um 30,1 Prozent, in Baden-Württemberg um 25,0 Prozent. Damit trifft die konjunkturelle Abkühlung ausgerechnet jene Regionen, die traditionell als industrielle Zugpferde gelten.
Gleichzeitig konzentriert sich im Süden weiterhin ein erheblicher Teil der offenen Stellen. Baden-Württemberg und Bayern vereinen 31,9 Prozent aller gemeldeten Vakanzen auf sich, stellen jedoch nur 29,4 Prozent der arbeitslos gemeldeten Fachkräfte. Diese Diskrepanz verweist auf ein altbekanntes Problem: Qualifikationen, regionale Passung und spezifische Anforderungsprofile lassen sich nicht beliebig austauschen.
Engpasskennziffer: Ein trügerischer Ruhewert
Die sogenannte Engpasskennziffer macht die strukturelle Schieflage greifbar. Bundesweit kamen im dritten Quartal 2025 rechnerisch 173 offene Stellen auf 100 arbeitslose Ingenieur- und IT-Fachkräfte. Besonders angespannt ist die Lage in Sachsen-Anhalt und Thüringen mit einer Kennziffer von 259, gefolgt von Sachsen (211) und Bayern (208). Werte jenseits der 200 markieren keinen Normalzustand, sondern einen Markt, in dem Unternehmen selbst bei steigender Arbeitslosigkeit kaum passende Bewerber finden.
Zuwanderung als Stabilitätsanker
Eine zentrale Stellschraube zur Abfederung dieser Engpässe bleibt die Zuwanderung qualifizierter Fachkräfte. Zwischen Ende 2012 und Ende März 2025 stieg die Zahl der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Ingenieurinnen und Ingenieure von 778.638 auf 1.055.315. Im selben Zeitraum wuchs die Zahl der ausländischen Beschäftigten in Ingenieurberufen von 46.489 auf 120.702. Ihr Anteil erhöhte sich damit von 6,0 auf 11,4 Prozent.
Bemerkenswert ist der Beitrag dieser Gruppe zum Beschäftigungsaufbau: Rund 26,8 Prozent des gesamten Zuwachses entfallen auf ausländische Expertinnen und Experten. In Bayern liegt ihr Anteil bei 13,9 Prozent, in Baden-Württemberg bei 12,1 Prozent – beide deutlich über dem Bundesdurchschnitt. Der Süden profitiert damit überproportional von internationaler Mobilität.
Großraum München: Magnet für internationale Ingenieure
Besonders ausgeprägt zeigt sich dieser Effekt im Großraum München. Der Landkreis Starnberg erreicht mit 30,4 Prozent den bundesweit höchsten Ausländeranteil in Ingenieurberufen. Es folgen der Landkreis München mit 25,3 Prozent und die Stadt München mit 19,4 Prozent. Acht der 15 Kreise mit den höchsten absoluten Zahlen ausländischer Ingenieurinnen und Ingenieure liegen in Bayern – ein deutlicher Hinweis auf die Attraktivität des Standorts.
In absoluten Zahlen führt München das Ranking an: 11.877 ausländische Ingenieurinnen und Ingenieure arbeiten dort, vor Berlin (10.255) und Hamburg (5.641). Für den VDI ist das mehr als eine statistische Randnotiz. „Gerade im Großraum München sehen wir, dass ausländische Fachkräfte maßgeblich dazu beitragen, Engpässe zu verringern und Wertschöpfung zu sichern“, betont VDI-Arbeitsmarktexperte Maximilian Stindt.
Hochschulen als Talentpipeline
Ein wesentlicher Treiber dieser Entwicklung sind die Hochschulen. Insbesondere die international renommierte Technische Universität München fungiert als Magnet für Studierende aus aller Welt. Viele von ihnen bleiben nach dem Abschluss in der Region und treten direkt in den industriellen Arbeitsmarkt ein. Damit wird die Hochschule zur strategischen Schnittstelle zwischen Bildungssystem und industrieller Wertschöpfung.
Doch dieser Mechanismus gerät unter Druck. Sinkende Studierendenzahlen in den Ingenieurwissenschaften und die demografische Entwicklung zeichnen ein klares Bild für die kommenden Jahre. „Durch insgesamt sinkende Studierendenzahlen in Ingenieurwissenschaften sowie durch die demografische Entwicklung wird die Engpasskennziffer am Ingenieurarbeitsmarkt künftig wieder steigen, wenn keine zusätzlichen Maßnahmen zur Fachkräftesicherung ergriffen werden“, warnt Stindt.
Politik unter Zugzwang
Aus Sicht des VDI reicht es nicht, auf kurzfristige Konjunkturerholung zu hoffen. Gefordert sind parallel wirkende Strategien: die Stärkung des inländischen Nachwuchses ebenso wie attraktivere Rahmenbedingungen für internationale Fachkräfte. Positiv bewertet werden daher die Pläne der Bundesregierung zur Einrichtung einer zentralen Work-and-Stay-Agentur. Entscheidend wird jedoch die Umsetzung. „Damit die Work-and-Stay-Agentur erfolgreich wird ist entscheidend, dass bestehendes, dezentrales Wissen über Einwanderung, Anerkennung von Qualifikation und Integration genutzt wird,“ erläutert Stindt.
Was das für die Industrie bedeutet
Für Unternehmen im Süden bleibt die Lage paradox: kurzfristig mehr Bewerbungen, langfristig kein Ende des Fachkräftemangels. Wer strategisch plant, kommt an internationaler Rekrutierung, enger Hochschulanbindung und aktiver Personalentwicklung nicht vorbei. Die konjunkturelle Delle mag vorübergehen – die strukturelle Herausforderung bleibt. Ironie der Lage: Entspannung fühlt sich anders an.
Mit Material der dpa
FAQ: Häufige Fragen zum Thema Ingenieursarbeitsmarkt
- Warum steigt die Arbeitslosigkeit trotz Fachkräftemangels? - Konjunkturelle Abschwünge führen zu Einstellungsstopps oder Freisetzungen, während strukturelle Engpässe aufgrund spezieller Qualifikationsanforderungen bestehen bleiben.
- Was sagt die Engpasskennziffer konkret aus? - Sie setzt offene Stellen ins Verhältnis zu arbeitslos gemeldeten Fachkräften. Werte über 100 signalisieren einen Mangel, Werte über 200 einen stark angespannten Markt.
- Welche Rolle spielen ausländische Ingenieurinnen und Ingenieure? - Sie tragen maßgeblich zum Beschäftigungswachstum bei und dämpfen Engpässe, insbesondere in industriestarken Regionen wie Bayern und Baden-Württemberg.
- Warum ist der Großraum München besonders attraktiv? - Eine hohe Dichte an Industrieunternehmen, internationale Hochschulen und vergleichsweise gute Integrationsstrukturen ziehen qualifizierte Fachkräfte an.
- Welche politischen Maßnahmen gelten als sinnvoll? - Neben der Nachwuchsförderung im Inland gelten vereinfachte Zuwanderungs- und Anerkennungsverfahren sowie Initiativen wie eine Work-and-Stay-Agentur als zentrale Hebel.