Arbeitsmarkt für Ingenieure unter Druck: Fachkräfte fehlen
Trotz sinkender Stellenangebote bleibt der Bedarf an Ingenieurinnen und Ingenieuren hoch. Der neue VDI/IW-Ingenieurmonitor liefert Zahlen mit Sprengkraft.
Der neue VDI/IW-Ingenieurmonitor für das dritte Quartal 2025 zeigt eine deutliche Abschwächung auf dem Ingenieurarbeitsmarkt. Die Gesamtzahl der offenen Stellen im Bereich IT und Ingenieurwesen sank im Vergleich zum Vorjahr um 23 Prozent auf nur noch 99.470. Besonders betroffen sind Informatikberufe mit einem Rückgang der offenen Stellen um 37,7 Prozent sowie Ingenieurberufe in der Kunststoffproduktion und der chemischen Industrie, wo der Rückgang 25,1 Prozent beträgt.
Anzeige
Trotz dieser Einbrüche gibt es auch stabile Bereiche. So verzeichneten die Ingenieurberufe der Metallverarbeitung ein leichtes Plus von 3,6 Prozent bei den offenen Stellen. Ein vollständiger Rückzug der Nachfrage nach Fachkräften ist damit nicht zu beobachten – im Gegenteil: Langfristig wird eine steigende Nachfrage erwartet.
„Dennoch ist in den kommenden Jahren durch Digitalisierung, Klimaschutz, demografischen Wandel sowie durch Investitionen in die Infrastruktur und weiterer Sondervermögen zu erwarten, dass der Bedarf an Beschäftigten in den Ingenieur- und Informatikberufen wieder zunehmen wird“, erklärt VDI-Arbeitsmarktexperte Maximilian Stindt.
Anzeige
Fachkräftemangel bleibt zentrales Thema
Ungeachtet des Rückgangs bei den offenen Stellen besteht in vielen Ingenieurberufen weiterhin ein erheblicher Fachkräftemangel. Besonders betroffen ist die Branche Bau, Vermessung, Gebäudetechnik und Architektur, in der auf 100 Arbeitslose 306 offene Stellen entfallen. Damit hat sie die Berufsgruppe Energie- und Elektrotechnik (271 offene Stellen je 100 Arbeitslose) als Spitzenreiter in Bezug auf den Fachkräftemangel abgelöst.
Die Entwicklung gibt Anlass zur Sorge: „Dies ist einerseits bedingt durch den laufenden Renteneintritt der Babyboomer-Generation sowie andererseits durch sinkende Studienzahlen und nachlassende Technik- und Mathematikkompetenzen bei Schülerinnen und Schülern“, so Stindt.
Tatsächlich zeigt sich bei den Studierendenzahlen eine klare Tendenz nach unten: Zwischen 2016 und 2023 sank die Zahl der Studierenden in den Ingenieurwissenschaften um über 11 Prozent.
Anzeige
Ein Rückgang mit weitreichenden Folgen. VDI-Direktor Adrian Willig warnt: „Infrastrukturprogramme und insbesondere die High-Tech-Agenda der Bundesregierung brauchen Ingenieur- und IT-Expertise. Der drohende Fachkräftemangel in diesen Berufen gefährdet die Umsetzung und damit die Zukunft des Technologiestandorts Deutschland.“
Ein wesentlicher Schlüssel zur Bewältigung des Fachkräftemangels liegt in der gezielten Anwerbung und Integration ausländischer Fachkräfte. „Entscheidend sind dabei zwei Faktoren: wie attraktiv Deutschland im internationalen Vergleich ist, und wie gut Integration im Alltag gelingt. Mentoring-Programme für ausländische Fachkräfte, wie VDI-Xpand, helfen dabei. Gleichzeitig müssen bürokratische Hürden abgebaut werden“, erläutert Willig.
Die Zahlen bestätigen die Relevanz dieses Hebels: Der Anteil ausländischer Beschäftigter in Ingenieurberufen stieg von 6 Prozent im Jahr 2012 auf 11,4 Prozent im März 2025. Besonders deutlich zeigt sich dieser Zuwachs bei Fachkräften aus Indien. Ihre Zahl wuchs von 2.120 im Jahr 2012 auf 13.997.
Anzeige
Auch Beschäftigte aus der Türkei und Italien sind stark vertreten. Ein gelungenes Beispiel für erfolgreiche Integration liefert der Großraum München. Hier arbeiten aktuell 11.877 ausländische Fachkräfte in Ingenieurberufen – die höchste absolute Zahl bundesweit. Die Region profitiert dabei besonders von ihrer Innovationskraft und der hohen Patentaktivität.
Nachwuchssicherung wird zur Pflicht
Neben der Integration internationaler Fachkräfte sieht der VDI den Bildungsbereich in der Verantwortung. Um den langfristigen Bedarf zu decken, braucht es eine praxisnahe Ausbildung und gezielte Nachwuchsförderung – von der Kita bis zur Weiterbildung.
Anzeige
Dabei sollen besonders Mädchen und junge Frauen verstärkt in den Fokus rücken. Im Rahmen der Initiative „Zukunft Deutschland 2050“ veröffentlichte der VDI im vergangenen Herbst ein Impulspapier zur Bildung und Qualifikation. Es stellt 28 nationale und internationale Best-Practice-Beispiele vor, die aufzeigen, wie Bildungsstrategien zukunftsfähig gestaltet werden können.
Mit Material des VDI
Ingenieursmonitor: Zahlen im Überblick
Kennzahl
Wert
Zeitraum/Stand
Rückgang offene Stellen insgesamt
-23 %
Q3 2025 vs. Vorjahr
Arbeitslosigkeit Ingenieur- und IT-Berufe
+17,6 %
Q3 2025 vs. Vorjahr
Rückgang offene Stellen Informatikberufe
-37,7 %
Q3 2025 vs. Vorjahr
Rückgang Kunststoff- und Chemieingenieurberufe
-25,1 %
Q3 2025 vs. Vorjahr
Zuwachs Metallverarbeitung
+3,6 %
Q3 2025 vs. Vorjahr
Engpass Bauingenieure
306 offene Stellen/100
Q3 2025
Engpass Elektro-/Energieingenieure
271 offene Stellen/100
Q3 2025
Rückgang Studierende Ingenieurwissenschaften
-11 %
2016–2023
Anteil ausländischer Ingenieure
11,4 %
März 2025
Zahl indischer Ingenieure
13.997
März 2025
Zahl ausländischer Ingenieure in München
11.877
März 2025
FAQ zum VDI/IW-Ingenieursmonitor
Was zeigt der aktuelle VDI/IW-Ingenieurmonitor? - Der Monitor zeigt eine steigende Arbeitslosigkeit in Ingenieur- und IT-Berufen bei gleichzeitig anhaltendem Fachkräftemangel in einzelnen Branchen.
Welche Branchen sind besonders betroffen? - Rückgänge bei offenen Stellen verzeichnen die IT, Kunststoffproduktion und chemische Industrie. Die Metallverarbeitung zeigt ein leichtes Plus.
Wo ist der Fachkräftemangel am größten? - Im Bau-, Vermessungs-, Architektur- und Gebäudetechnikbereich mit 306 offenen Stellen pro 100 Arbeitslosen.
Wie entwickelt sich die Zahl ausländischer Ingenieure? - Sie stieg von 6 Prozent (2012) auf 11,4 Prozent (2025), besonders stark aus Indien, der Türkei und Italien.
Welche Rolle spielt die Ausbildung? - Der VDI fordert eine moderne, praxisnahe Ausbildung sowie gezielte Nachwuchsförderung ab der Kita.