Jeder zweite Maschinenbauer fürchtet Verlust der Technologieführerschaft
Eine Allensbach-Befragung im Auftrag von FTI-Andersch zeigt: 53% der Maschinenbauer erwarten den Verlust der Technologieführerschaft. 93% rechnen mit einer China-Offensive in Europa – und 29% spüren Einbußen, weil Services an Dritte wandern.
Nahezu alle in der Studie befragten Maschinen- und Anlagenbauer halten es für wahrscheinlich, dass chinesische Unternehmen in den kommenden Jahren verstärkt auf den europäischen Markt drängen (93 Prozent).gopixa - stock.adobe.com)
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Der deutsche Maschinen- und Anlagenbau gilt seit Jahrzehnten als Innovationsmotor der Industrie. Doch eine aktuelle Allensbach-Studie zeichnet ein ungewohnt skeptisches Bild: 53 Prozent der befragten Maschinenbauer gehen davon aus, dass die Technologieführerschaft künftig vom Ausland übernommen wird oder bereits verloren ist – vor allem an Wettbewerber aus China und den USA. Für die Branche wäre das ein Einschnitt mit erheblichen Folgen: 70 Prozent der Unternehmen erwarten, dass sie davon stark oder sehr stark betroffen wären.
Damit steht nicht weniger als das Fundament vieler Geschäftsmodelle zur Debatte: Premiumpreise durch technologische Überlegenheit, enge Kundenbindung über Lebenszyklusleistungen – und eine Wertschöpfung, die stark von Know-how, Engineering und Service lebt.
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Markteintritt chinesischer Anbieter gilt als nahezu sicher
Parallel zur Sorge um die Technologieführerschaft erwarten die Unternehmen eine weitere Dynamik: 93 Prozent halten es für wahrscheinlich, dass chinesische Hersteller in den kommenden Jahren verstärkt auf den europäischen Markt drängen. 52 Prozent stufen das sogar als sehr wahrscheinlich ein. Weitere zehn Prozent berichten, dass dieser Schritt in ihrem Segment bereits Realität ist.
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Die möglichen Auswirkungen sind aus Sicht vieler Unternehmen deutlich: 57 Prozent rechnen insgesamt mit starken oder sehr starken Effekten auf das eigene Geschäft. Der Wettbewerb verschärft sich damit nicht nur über Preise, sondern zunehmend auch über Geschwindigkeit, Skalierung und technologische Kompetenz – etwa bei Automatisierung, Software und datengetriebenen Lösungen.
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Servicegeschäft unter Druck: Drittanbieter greifen Wartung und Support ab
Ein zusätzlicher Strukturbruch trifft den Maschinenbau dort, wo traditionell besonders stabile Margen erzielt werden: im Service. 29 Prozent der Unternehmen berichten von finanziellen Nachteilen, weil Wartungs- und Supportleistungen zunehmend von Drittanbietern übernommen werden. Treiber sind unter anderem Künstliche Intelligenz, Automatisierung und digitale Plattformen, die Serviceprozesse effizienter machen – und den direkten Kundenzugang verschieben können.
Gerade für Hersteller, die ihre Profitabilität über den Lebenszyklus absichern, ist das ein Warnsignal: Wenn Serviceleistungen entkoppelt werden, drohen nicht nur Umsatzverluste, sondern auch weniger Daten, weniger Bindung – und langfristig weniger Differenzierung.
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Reaktionen: Mehr Softwarekompetenz, schnellere Innovation, stärkere Nischenfokussierung
Die Studie zeigt zugleich, dass viele Unternehmen die Lage ernst nehmen und aktiv gegensteuern. Bei den Maschinenbauern, die sich von einem möglichen Verlust der Technologieführerschaft betroffen sehen, setzen 86 Prozent auf den Ausbau eigener Software- und IT-Kompetenz (weitere drei Prozent planen dies kurzfristig). 73 Prozent arbeiten an schnelleren Innovationszyklen. Zudem intensivieren 66 Prozent die Zusammenarbeit mit Universitäten und Forschungseinrichtungen oder planen entsprechende Schritte.
Auch strategisch suchen viele nach klareren Profilen: Rund zwei Drittel wollen das eigene Geschäft künftig stärker auf Nischen ausrichten, weitere 14 Prozent sind bereits heute stark spezialisiert. Die Botschaft: Nicht jeder kann und muss in jedem Segment globaler Technologieführer bleiben – aber Differenzierung wird zur Überlebensfrage.
Produktion verlagern, digitale Services aufbauen – aber neue Erlösmodelle bleiben die Ausnahme
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Neben Technologie- und Innovationsmaßnahmen reagieren viele Unternehmen mit Anpassungen in der Wertschöpfung. 72 Prozent verlagern Produktionsschritte in Regionen mit niedrigeren Kosten oder bereiten dies vor. Gleichzeitig bauen 80 Prozent eigene digitale Serviceangebote auf oder planen dies kurzfristig.
Auffällig ist jedoch: Bei den kommerziellen Modellen bleibt die Branche zurückhaltend. Nur 37 Prozent planen neue Erlösmodelle wie Pay-per-Use oder Monitoring-as-a-Service. Auch Beteiligungen an spezialisierten (KI-)Start-ups ziehen lediglich 20 Prozent in Betracht.
Damit zeigt sich ein typisches Muster: Viele Maschinenbauer investieren in Technik und Organisation – doch die konsequente Verknüpfung von Technologie, Service und Monetarisierung ist noch nicht flächendeckend umgesetzt.
FTI-Andersch: Klassische Maßnahmen reichen nicht mehr
Philipp Oemler, Senior Managing Director bei FTI-Andersch, ordnet die Ergebnisse deutlich ein:
„Dass eine Mehrheit der Maschinenbauer den Verlust der Technologieführerschaft erwartet, hätte vor wenigen Jahren noch als undenkbar gegolten“, sagt Oemler. Entscheidend sei nun, wie Unternehmen reagieren. Klassische Instrumente wie Fokussierung könnten zwar sinnvoll sein, griffen aber zu kurz, wenn sie nicht Teil einer umfassenden Transformation seien. Ein reines „Weiter-mit-dem-Markt-wachsen“ werde in vielen Fällen nicht mehr ausreichen.
Mit Blick auf die parallelen Belastungen aus internationalem Wettbewerb und Serviceverschiebung wird laut Oemler vor allem eines zentral: Unternehmen müssten sehr konkret klären, wo Differenzierung möglich ist – und wo nicht. Nur dann ließen sich Investitionen gezielt steuern und Fehlallokationen vermeiden.
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Fazit: Der Maschinenbau muss sein Geschäftsmodell neu zusammensetzen
Die Ergebnisse der Allensbach-Befragung machen deutlich: Der Druck auf den Maschinen- und Anlagenbau steigt gleichzeitig aus mehreren Richtungen – technologisch, regional und im Service. Viele Unternehmen reagieren bereits, vor allem mit Softwareaufbau, Innovationstempo und digitalen Services. Doch die Studie legt auch nahe: Die Zukunft entscheidet sich weniger über einzelne Maßnahmen, sondern über die Fähigkeit, Technologie, Service und Erlöslogik zu einem stimmigen Geschäftsmodell zu verbinden.
Was ist die zentrale Botschaft der Allensbach-Studie?
Die Studie zeigt, dass eine Mehrheit der Maschinenbauer die Technologieführerschaft Deutschlands gefährdet sieht: 53 Prozent erwarten, dass sie künftig vom Ausland übernommen wird oder bereits verloren ist – vor allem an China und die USA.
Wie groß ist die Sorge vor chinesischer Konkurrenz in Europa?
Sehr groß: 93 Prozent halten einen verstärkten Markteintritt chinesischer Anbieter in Europa für wahrscheinlich, 52 Prozent sogar für sehr wahrscheinlich. Insgesamt rechnen 57 Prozent mit starken oder sehr starken Auswirkungen.
Warum wird das Servicegeschäft zum Problemfeld?
Weil Drittanbieter zunehmend Wartung und Support übernehmen. 29 Prozent der Unternehmen berichten bereits von finanziellen Nachteilen – unter anderem durch KI, Automatisierung und digitale Plattformen, die Services effizienter und unabhängiger vom Hersteller machen.
Wie reagieren Maschinenbauer auf die Strukturbrüche?
Vor allem mit mehr Software- und IT-Kompetenz (86%), schnelleren Innovationszyklen (73%), mehr Kooperation mit Forschung (66%) und einer stärkeren Fokussierung auf Nischen. Zusätzlich bauen viele digitale Services aus (80%).
Welche Maßnahmen bleiben bislang eher selten?
Vor allem neue Erlösmodelle: Nur 37 Prozent planen Pay-per-Use oder Monitoring-as-a-Service. Auch Beteiligungen an (KI-)Start-ups sind mit 20 Prozent noch vergleichsweise selten – trotz des hohen Transformationsdrucks.