Warum Digitalisierung im Maschinenbau oft unsichtbar bleibt
Die deutsche Industrie gilt als Nachzügler bei der Digitalisierung. Für den Maschinen- und Anlagenbau ist dieses Bild unvollständig. Ein Großteil der Transformation findet dort statt, wo sie kaum sichtbar ist: in Maschinen, Prozessen und Systemen.
Manfred GodekManfredGodek
Qualität statt Quote: Im Maschinenbau entsteht Digitalisierung dort, wo Maschinen, Daten und Prozesse intelligent zusammenspielen.OpenAI / ChatGPT, KI-generiert
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Summary: Im Maschinen- und Anlagenbau findet digitale Transformation vielfach im Verborgenen statt, wie aus Einschätzungen von Fraunhofer IPA, VDMA und Praxisbeispielen von HAWE und Trumpf hervorgeht. Im Fokus stehen vernetzte Maschinen, KI, digitale Geschäftsmodelle und die Nutzung von Produktionsdaten. Die Auswirkungen reichen von höherer Produktivität über robustere Prozesse bis zu neuer Wertschöpfung.
Das bekannte
„Produktivitätsparadoxon“ beschreibt den Befund, dass im Maschinenbau trotz
Umsatzwachstums nach der Finanzkrise die Produktivität schwach blieb. Nach dem
Startschuss für Industrie 4.0 auf der Hannover Messe 2012 zögerten viele
Unternehmen mit der Umsetzung. Transformation kostet Geld, der Nutzen zeigt
sich oft zeitversetzt. Dann kamen Corona, Lieferkettenkrisen und
Konjunkturschwächen. Stagnierende Produktivität und steigende Lohnstückkosten
verstärkten den Eindruck eines strukturellen Rückstands. Entsprechend
hartnäckig hält sich die These, die deutsche Industrie habe die Digitalisierung
verschlafen.
Licht unter dem Scheffel - Warum Digitalisierung im Maschinenbau oft unsichtbar bleibt
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Oliver Schöllenhammer, Geschäftsbereichsleiter Digitalisierung und KI am Fraunhofer IPA.Fraunhofer
Tatsächlich
nutzen laut einer Auswertung des Fraunhofer-Instituts für System- und
Innovationsforschung (ISI) Industrie-4.0-Technologien nur rund 30 % der
Industrieunternehmen in Deutschland systematisch in der Produktion. Die Quote
erfasst allerdings die Verbreitung, nicht aber nicht Reifegrad, Qualität und
wirtschaftliche Effekte der führenden Anwendungen und der Unternehmen, die in
der Industrie die Maßstäbe setzen und damit die Entwicklung bestimmen. Speziell
im Maschinenbau zeige sich Digitalisierung vor allem im Prozess und im Produkt.
Sie sei deshalb weniger sichtbar als in plattformgetriebenen Geschäftsmodellen,
so Oliver Schöllenhammer, Geschäftsbereichsleiter Digitalisierung und KI am
Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung (IPA). Viele
Unternehmen stellten ihre Fortschritte regelrecht unter den Scheffel. „Es wird
mehr gemacht, als sichtbar ist“, sagt er.
Ein Beispiel
für Selbstunterschätzung: Nur 3 % der in einer IPA-Erhebung Befragten stimmten der
Aussage zu, dass ihr Produktionssystem die Grundlage für radikale Innovationen
bietet. Tatsächlich würden aber in vielen Betrieben vernetzte Maschinen,
datenbasierte Anwendungen und automatisierte Prozesse bereits eingesetzt. Dies
lasse den Schluss zu, dass ein Teil der digitalen Fortschritte intern gar nicht
als strategische Transformation eingeordnet werde. Klar, es gebe Nachzügler,
aber die gebe es schließlich überall.
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Das
Produktivitätsparadoxon sei auch damit erklärbar, dass viele Technologien lange
zwar verfügbar, in der Praxis aber noch nicht reif genug für breite
Produktivitätseffekte gewesen waren. Erst die heutige Konvergenz von KI,
Automatisierung, Vernetzung und Rechenleistung mache daraus real wirksame
Lösungen. Deutsche Unternehmen müssten von der hohen
Entwicklungsgeschwindigkeit vor allem in China lernen, sie könnten dieses Tempo
adaptieren. Und einen typischer Fehler vermeiden: von Technologien aus zu
denken – mehr Rechenleistung, maschinelles Lernen, Virtualisierung – statt von
dem Zielsystem, das ein Unternehmen tatsächlich erreichen will.
Wertschöpfung statt Werkzeug - Warum Digitalisierung im Maschinenbau mehr als Technologie ist
Prof. Claus Oetter, Geschäftsführer des Fachverbands Software und Digitalisierung im VDMA.Uwe Noelke
„Digitalisierung
wird im Maschinen- und Anlagenbau noch zu oft auf Sensorik, Cloud oder einzelne
Softwarelösungen reduziert“, sagt Prof. Claus Oetter, Geschäftsführer des
Fachverbands Software und Digitalisierung im VDMA. Tatsächlich gehe es um
Produktivität, neue Wertschöpfung, Resilienz und technologische Souveränität.
Erfolgreich sei Digitalisierung dann, wenn Unternehmen Maschinen, Prozesse und
Geschäftsmodelle softwarezentriert weiterentwickelten und aus Daten konkreten
Kundennutzen machten.
Dazu passt,
dass der Maschinenbau sich schrittweise vom reinen Produktgeschäft löst.
Vernetzte Maschinen schaffen die Grundlage für Remote Monitoring, Condition
Monitoring, virtuelle Services oder optimierte Wartung. Darauf aufbauend
entstehen datenbasierte Geschäftsmodelle wie Subskriptionen, Pay-per-Use oder
Equipment-as-a-Service. Maschinen werden nicht nur verkauft, sondern nach
Nutzung abgerechnet; zugleich liefern sie Zustands- und Prozessdaten, mit denen
Hersteller Verfügbarkeit, Servicequalität und Margen verbessern können. Oetter
bezeichnet digitale Geschäftsmodelle deshalb als Schlüssel zu neuen
Wertschöpfungsmöglichkeiten. Voraussetzungen seien vernetzte Maschinen, ein
klarer Kundennutzen, eine belastbare Preislogik, strategische Einbettung und Changemanagement.
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Dr.-Ing. Jens Folmer, Manager Digital Transformation bei HAWE.HAWE
HAWE
Hydraulik nutzt produktionsnahe Digitalisierung bereits im laufenden Betrieb.
Maschinen unterschiedlicher Generationen sind angebunden, Produktions-,
Qualitäts- und Zustandsdaten werden systematisch erfasst und für Planung,
Steuerung und Analyse genutzt. Der nächste Schritt ist die operative Nutzung
von Live-Daten. Erkennt eine Maschine ein neues Werkzeug, wird automatisch ein
Prüfprozess ausgelöst und dem Werker sofort ein fertiger Prüfplan
bereitgestellt. Manuelle Schritte entfallen, der Prozess wird schneller und
robuster. „Digitalisierung ist kein Produkt von der Stange. Sie funktioniert
nur dann, wenn sie konsequent an den realen Prozessen und Bedürfnissen des
Unternehmens ausgerichtet ist“, sagt Dr.-Ing. Jens Folmer, Manager Digital
Transformation bei HAWE. Johannes Simon, Teamleiter Operational Excellence,
ergänzt: „Viele Unternehmen haben heute viele Daten – die eigentliche
Herausforderung ist, diese Daten im Produktionsalltag schnell und sinnvoll
nutzbar zu machen.“ Für HAWE liegt die Herausforderung vor allem in der
Verknüpfung von OT und IT. Deshalb setzt das Unternehmen neben klassischer IT
stärker auf Low-Code, Citizen Development und die Befähigung der Fachbereiche. Auch
Trumpf zeigt, wie Digitalisierung direkt im Produkt entsteht: Mit dem
KI-gestützten „Cutting Assistant“ lassen sich Schneidparameter für
Laserschneidanlagen auf Basis gescannter Schnittkanten und wiederholter
Optimierungsschleifen anpassen. Trumpf verspricht damit Zeit- und
Materialeinsparungen sowie eine verbesserte Schnittkantenqualität.
Häufige Fragen zur Digitalisierung im Maschinenbau
Warum gilt die deutsche Industrie als Nachzügler bei der Digitalisierung? - Trotz eines stagnierenden Eindrucks findet die Transformation im Maschinenbau oft „unsichtbar“ in internen Prozessen und Systemen statt. Der Eindruck eines Rückstands rührt häufig vom sogenannten „Produktivitätsparadoxon“ her, bei dem die Produktivität trotz Umsatzwachstums nach der Finanzkrise schwach blieb.
Welche Vorteile bietet Industrie 4.0 für die Produktivität? - Durch den Einsatz digitaler Technologien lassen sich jährliche Produktivitätszuwächse von bis zu 3,3 % erzielen; in intelligenten Fabriken steigt dieser Wert sogar auf bis zu 4,4 %. Digitale Geschäftsmodelle können zudem die Wertschöpfung pro Mitarbeitendem um bis zu 20 % steigern.
Wie verändern neue Geschäftsmodelle wie „Equipment-as-a-Service“ die Branche? - Der Maschinenbau löst sich schrittweise vom reinen Produktverkauf hin zu datenbasierten Modellen wie Pay-per-Use oder Subskriptionen. Vernetzte Maschinen liefern dabei die notwendigen Daten für Remote Monitoring und optimierte Wartung, was die Servicequalität und Margen verbessert.
Wie wird Künstliche Intelligenz (KI) konkret im Maschinenbau eingesetzt? - KI optimiert heute bereits Kernprozesse wie die Produktionsplanung, die Anomalieerkennung oder die technische Dokumentation. Ein Praxisbeispiel ist der „Cutting Assistant“ von Trumpf, der Laser-Schneidparameter auf Basis gescannter Daten automatisiert anpasst.
Was sind die größten Hürden bei der digitalen Transformation? - Die größten Hemmnisse sind weniger technologischer Natur, sondern liegen in der fehlenden organisatorischen Veränderungsbereitschaft. Zudem erschweren fehlende technische Grundlagen, wie eine unzureichende Datenbasis oder die schwierige Verknüpfung von IT und Produktionsebene (OT), die Umsetzung.
Was ist entscheidend für den Erfolg von Digitalisierungsprojekten? - Erfolg stellt sich ein, wenn Unternehmen nicht von der Technologie aus denken, sondern vom Zielsystem und dem realen Kundennutzen. Digitalisierung muss konsequent an den realen Prozessen ausgerichtet und fest in die Kernprozesse eingebettet werden.
Über 3 % mehr Produktivität - Wie Digitalisierung im Maschinenbau die Produktivität steigert
Die
Innovationsdynamik von HAWE und Trumpf bedarf keines Nachweises. Aber auch
viele kleinere Unternehmen kämen mit intelligenten Lösungen gut voran, ohne
dies breit zu kommunizieren, betont Experte Schöllenhammer. „Solche
produktintegrierten Lösungen verschwinden in pauschalen Digitalisierungsdebatten
oft hinter der Frage, ob ein Unternehmen bereits ein großes
Transformationsprogramm ausgerufen hat.“
Guido Reimann, stellvertretender Geschäftsführer von VDMA Fachverband Software und Digitalisierung.VDMA
Gleiches gilt
für den Einsatz von KI. Der VDMA beobachtet eine deutlich konkretere Diskussion
als noch vor wenigen Jahren: Machine-Learning-Modelle können zum Beispiel
Produktionsplanung, Anomalieerkennung und technische Dokumentation optimieren.
„Viele Unternehmen sehen das Potenzial, steckten aber noch in Pilotphasen“, so
Guido Reimann, stellvertretender Geschäftsführer von VDMA Software und
Digitalisierung. Auch hier sei es entscheidend, KI nicht als isoliertes
Experiment zu behandeln, sondern in Kernprozesse einzubetten und am messbaren
Nutzen auszurichten. Schöllenhammer: „Der Engpass liegt nicht mehr primär im
Erkenntnisgewinn. Es geht darum, es einfach zu tun.“
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Wie aus einer
IPA-Studie hervorgeht, lassen sich durch den Einsatz digitaler Technologien
Produktivitätszuwächse von 0,2 bis 3,3 % pro Jahr erzielen. Für intelligente
Fabriken werden 2,8 bis 4,4 % pro Jahr genannt. Digitale Geschäftsmodelle
können die Wertschöpfung pro Mitarbeitendem um bis zu 20 % steigern. Nach
IPA-Angaben haben vier Felder zusammen rund 50 % Einfluss auf
Produktivitätssteigerungen: Modularisierung und Software-defined Production,
Industrial Metaverse, Agentic AI und KI-Workflows sowie Embodiment of AI.
Fraunhofer IPA
adressiert die Nachzügler: Die größten Hemmnisse seien fehlende
organisatorische Veränderungsbereitschaft, fehlende Fähigkeit, verfügbare
Technologien in bestehende Prozesse zu integrieren, und fehlende technische
Grundlagen, insbesondere Daten. Angela Graf vom Bayerischen Forschungsinstitut
für Digitale Transformation (bidt) bringt es auf den Punkt: „Digitale
Transformation ist weniger eine technologische als eine organisationale
Herausforderung.“
• Was umfasst Digitalisierung im Maschinenbau? – Digitalisierung im Maschinenbau umfasst vor allem vernetzte Maschinen, datenbasierte Anwendungen, automatisierte Prozesse, KI und digitale Geschäftsmodelle.
• Warum ist Digitalisierung im Maschinenbau oft wenig sichtbar? – Weil sie sich laut Vorlage häufig in Prozessen, Systemen und Produkten vollzieht und nicht in öffentlich sichtbaren Plattformmodellen.
• Welche Rolle spielt KI in der Digitalisierung im Maschinenbau? – KI kann unter anderem Produktionsplanung, Anomalieerkennung, technische Dokumentation und die Optimierung von Maschinenparametern unterstützen.
• Welche Effekte kann Digitalisierung im Maschinenbau auf die Produktivität haben? – Laut IPA-Studie sind je nach Einsatz digitaler Technologien Produktivitätszuwächse von 0,2 bis 3,3 % pro Jahr möglich, in intelligenten Fabriken 2,8 bis 4,4 %.
• Was bremst die Digitalisierung im Maschinenbau? – Als zentrale Hemmnisse nennt Fraunhofer IPA fehlende organisatorische Veränderungsbereitschaft, Integrationsprobleme in bestehende Prozesse und fehlende technische Grundlagen, insbesondere Daten.