Technologie? Vorhanden. Kapital? Ebenfalls. Doch Europas Industrie steht auf der Bremse. Zwischen regulatorischer Überkomplexität und fehlender Vision droht der Anschluss. Was internationale Manager jetzt fordern.
Was hindert Europas Industrie am Fortschritt – und welche Visionen, Partnerschaften und Strategien jetzt dringend nötig sind? Im Artikel erfahren Sie es.gopixa - stock.adobe.com)
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Industrie und Europa? Das Thema ist derzeit geprägt von Gegensätzen:
Denn Europa redet viel über seine industrielle Stärke, zweifelt sie aber
gleichzeitig an. Und dann ist das wirtschaftliche Wachstum ist nicht so
dynamisch wie erhofft. Gleichzeitig verfügt Europa aber über eine industrielle
Basis, die weiterhin global Gewicht hat.
Die Lösung? Europa müsse aufhören, sich permanent zu
vergleichen – und stattdessen klären, wie es etwas Eigenes schaffen und
exportieren kann, sagt Gwenaelle Avice Huet, Executive Vice President Industrial
Automation bei Schneider Electric. Der industrielle Fußabdruck Europas solle
nicht verwaltet, sondern aktiv gestaltet werden.
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Denn die Lage der europäischen Industrie sei komplex, so
Avice Huet weiter. Geopolitische Herausforderungen, der globale Wettbewerb und
hohe Energiekosten stellen die Branche vor große Herausforderungen. Aber genau
diese Hürden könnten ein Katalysator für eine Neuerfindung Europas sein, wenn
Politik und Wirtschaft es schaffen, ihre Pläne umzusetzen, meint die
Topmanagerin auf dem Innovation Summit von Schneider Electric.
Diskutierten über die Zukunft Europas (von links): Gwenaelle Avice Huet (Schneider Electric), Poul George Moses (Topsoe) und Lars Sandahl Sørensen (Dansk Industri).Anja Ringel)
Poul George Moses, CTO Power-2-X beim dänischen
Technologieunternehmen Topsoe, ist der Ansicht, dass Europa vor allem eines
fehlt: eine positive Vision. Europa definiere häufig sehr genau, was es nicht
wolle.
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Aber: „Wir brauchen eine klare Vision für die Transformation
und müssen die Produktivität steigern, weil sie eng mit dem Wohlstand verknüpft
ist. Wir müssen handeln, anstatt nur zu rechtfertigen, was wir ablehnen“, so
der CTO.
Anstatt sich im Klein-Klein zu verlieren, müsse Europa
handlungsfähiger werden – sowohl technologisch als auch politisch.
Wichtig ist dabei: Um ein Problem zu lösen, müsse man es
erst anerkennen, ergänzt Lars Sandahl Sørensen, CEO von Dansk Industri, Dänemarks
größte Arbeitgeber‑ und Wirtschaftsorganisation. Europa realisiere gerade erst,
dass es in einigen Bereichen ins Hintertreffen geraten sei – nicht, weil es an
Innovationen oder Kapital mangelt, sondern weil die Innovationsgeschwindigkeit
und Anwendung nicht ausreichen.
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Regulierung: Chance ja, Komplexität nein
Auch Regulierung spielt dabei eine wichtige Rolle. Denn egal
ob Data Act, AI Act oder Cyber Resilience Act: Europas Industrie sieht sich
einer wachsenden Regulierungsdichte gegenüber. Sørensen betont jedoch, dass
gemeinsame Regeln grundsätzlich richtig sind: „Wir können hier Standards für
den Rest der Welt setzen.“
Das Problem sei die Überkomplexität. „Wir müssen diese
Komplikationen rückgängig machen und vereinfachen.“ Regulierung dürfe
Innovation nicht ausbremsen, sondern müsse sie ermöglichen.
Auch Moses sieht Licht und Schatten. Vieles sei ohnehin gängige Praxis, da es von den Kunden verlangt wird. Andere Teile hingegen seien „extrem risikoavers“ und machten Innovationen unnötig langsam. Wenn die Leitplanken so eng werden, dass neue Lösungen nur noch mühsam und langsam entstehen, verliere Europa im globalen Wettbewerb Zeit.
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Partnerschaften werden immer wichtiger
Elektrifizierung, Digitalisierung und Automatisierung gelten
als Schlüssel für Europas industrielle Zukunft, wie auch Avice Huet erklärt.
Doch während die Technologie vorhanden ist, hapere es bei der Umsetzung.
Und weil kein Unternehmen die Transformation alleine
bewältigen kann, rückt das Thema Ökosysteme immer mehr in den Vordergrund.
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Partnerschaften sind der Schlüssel, sagt auch Sørensen.
Weder der Staat noch die Privatindustrie noch einzelne Unternehmen können diese
Aufgaben allein lösen. Entscheidend sei die Fähigkeit, mit klugen Partnern,
öffentlichen Institutionen und dem Kapitalmarkt zusammenzuarbeiten. Europas
Erfolg hänge davon.
Europas Industrie: Warum Perfektionismus jetzt falsch ist
Daneben ist für ihn ein weiterer Punkt wichtig: Europa müsse
anders arbeiten. Europa ist gut darin, perfekte Lösungen zu planen. Doch die
globale Realität verlangt etwas anderes. „Alles kann nicht immer sofort perfekt
sein“, mahnt Sørensen. Innovation sei eine Reise und keine abgeschlossene
Bauanleitung.
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In einer Welt, in der sich Technologie schnell
weiterentwickelt, muss man kreativer sein und akzeptieren, dass nicht alles
sofort perfekt ist.
Er verweist auf einen Ansatz, den er in den USA und in Asien
beobachtet hat: Produkte werden veröffentlicht, obwohl sie noch nicht perfekt
sind, und dann kontinuierlich verbessert. Europa müsse diese Reise der
kontinuierlichen Verbesserung akzeptieren.
Die Technologie ist da. Das Kapital auch. Was Europas
Industrie jetzt vor allem brauche, sei der Mut, ins Tun zu kommen.
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FAQ: Europas Industrie im Spannungsfeld zwischen Anspruch und Realität
1. Warum wird Europas industrielle Stärke aktuell infrage gestellt?
Europa verfügt zwar über eine starke industrielle Basis, doch es fehlt an Dynamik und Umsetzung. Internationale Expertinnen und Experten kritisieren, dass Europa zu sehr mit sich selbst beschäftigt ist, sich ständig vergleicht und dabei vergisst, eine eigenständige, exportfähige Vision zu entwickeln.
2. Was sind die größten Herausforderungen für Europas Industrie?
Zu den Hauptproblemen zählen geopolitische Unsicherheiten, ein intensiver globaler Wettbewerb, hohe Energiekosten und eine wachsende regulatorische Komplexität. Gesetze wie der AI Act oder der Data Act schaffen zwar Standards, bremsen aber häufig Innovation durch ihre Überkomplexität.
3. Welche Kritik äußern führende Industrievertreter an Europas Strategie?
Poul George Moses von Topsoe bemängelt das Fehlen einer positiven Vision – Europa definiere zu oft nur, was es nicht wolle. Lars Sandahl Sørensen von Dansk Industri kritisiert die geringe Umsetzungsgeschwindigkeit und warnt davor, dass Perfektionismus Innovation ausbremst. Für Gwenaelle Avice Huet von Schneider Electric muss der industrielle Fußabdruck aktiv gestaltet werden, statt nur verwaltet zu werden.
4. Welche Rolle spielt Regulierung für die Innovationsfähigkeit?
Regulierung wird grundsätzlich als Chance gesehen, um globale Standards zu setzen. Allerdings warnen Experten vor einer Überregulierung, die neue Technologien und Geschäftsmodelle behindert. Besonders problematisch sei eine zu starke Risikoaversion, die Innovationen unnötig verlangsamt.
5. Was fordern Expertinnen und Experten für Europas industrielle Zukunft?
Gefordert wird eine klare, mutige Vision für die industrielle Transformation. Statt perfekter Konzepte braucht es eine Kultur der kontinuierlichen Verbesserung. Entscheidend sind stärkere Partnerschaften zwischen Wirtschaft, Staat und Kapitalmarkt sowie ein Wandel im Denken – weg von Perfektion, hin zu Umsetzung und Skalierung.