Die europäische Rüstungsindustrie erlebt eine tektonische Verschiebung. Steigende Verteidigungsbudgets, geopolitischer Druck und industrielle Engpässe zwingen Hersteller und Zulieferer zu radikalem Hochlauf.
Maximilian FestusMaximilianFestus
Rheinmetall Skynex Air Defence: Das hochmobile Flugabwehrsystem kombiniert Radar, Sensorik und Oerlikon-Revolverkanone zu einer vernetzten Nahbereichsverteidigung gegen Drohnen und Luftziele – modular, digitalisiert und ausgelegt für den schnellen Schutz kritischer Infrastrukturen.Rheinmetall
Ein Sprecher von Rheinmetall bringt die Lage auf den
Punkt: „Die europäische Rüstungsindustrie steht an einem strategischen
Wendepunkt. Technologisch ist Europa leistungsfähig, zugleich zeigen sich die
Folgen jahrzehntelanger Unterinvestitionen in Produktionskapazitäten und
industrielle Tiefe.“ Gerade bei Munition, Landsystemen, Elektronik und
Digitalisierung habe das Unternehmen frühzeitig investiert. Dennoch bleibe die
Herausforderung, „Produktionsvolumina schnell, verlässlich und über längere
Zeiträume hochzufahren“.
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Hier zeigt sich das Kernproblem: Europas
Defense-Industrie ist technologisch auf Augenhöhe, doch Skalierung ist zur
alles entscheidenden Disziplin geworden. Serienfertigung unter Hochdruck,
parallele Modernisierung bestehender Systeme und Aufbau neuer Produktionslinien
verlangen massive Investitionen – in Maschinen, Personal und Liefernetzwerke.
Maschinenbau
als Skalierungshebel der Verteidigungsfähigkeit
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Der Maschinen- und Anlagenbau wird zum unsichtbaren
Taktgeber dieser Aufholjagd. Thilo Brodtmann, VDMA-Hauptgeschäftsführer, ordnet
ein: „Der Maschinen- und Anlagenbau ist kein Hersteller von Rüstungsgütern,
sondern Zulieferer. Daher können wir den Stand der europäischen
Rüstungsindustrie auch nicht beurteilen. Klar ist allerdings, dass es zum
raschen Ausbau der Kapazitäten in der Rüstungsindustrie eine Fähigkeit zur
Skalierung der Produktion braucht, die der Maschinen- und Anlagenbau liefern
kann.“
Skalierung bedeutet Automatisierung, flexible
Fertigungszellen, digitalisierte Produktionsplanung und resiliente
Wertschöpfungsketten. Brodtmann fordert ein umfassendes Update: „Der gesamte
Sicherheitsapparat Europas braucht jetzt ein schnelles ‚Update‘. Von daher gibt
es keine einzelnen Felder, die jetzt besonders im Fokus stehen; vielmehr müssen
alle Bereiche, die mit Verteidigung zu tun haben, auf den technologisch
neuesten Stand gebracht werden.“
Für die industrielle Praxis heißt das: Robotik,
additive Fertigung, KI-gestützte Qualitätskontrolle und modulare
Produktionskonzepte werden zum Standard. Ohne diese Hebel bleibt jede
Budgeterhöhung ein Papiertiger.
Luftfahrtprogramme
treiben Kapazitätsausbau in Europa
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Besonders sichtbar wird der Hochlauf in der
militärischen Luftfahrt. Airbus Defence and Space meldet eine anhaltend starke
Nachfrage im gesamten Portfolio. „Deutschland, Großbritannien, Italien, Spanien
und die Türkei haben in den vergangenen 14 Monaten 89 Eurofighter bestellt“,
erklärt ein Sprecher von Airbus.
Eurofighter-Endmontage in Manching: In hochgetakteter Präzisionsarbeit integrieren Fachkräfte Rumpfsektionen, Avionik und Missionssysteme zum einsatzbereiten Kampfflugzeug – ein Schlüsselstandort für den industriellen Hochlauf der europäischen Verteidigungsfähigkeit.Airbus
Die Konsequenz ist ein massiver Produktionsausbau:
„Bis 2028 wird Airbus die Produktion von mittleren Rumpfsektionen und rechten
Flügeln von derzeit 14 pro Jahr auf 20+ pro Jahr erhöhen. Wir werden auch neue
Fachkräfte einstellen.“ Parallel dazu steigt im spanischen Werk Getafe die
Umrüstung ziviler A330 zu MRTT-Tankflugzeugen von fünf auf bis zu acht
Maschinen jährlich.
Diese Zahlen zeigen: Der Hochlauf ist real. Er
betrifft nicht nur Endmontagelinien, sondern die gesamte industrielle
Architektur – vom Rohmaterial über Strukturbauteile bis zu Avionik und
Wartungskapazitäten.
Satelliten, ISR
und digitale Souveränität als Schlüssel
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Neben der klassischen Plattformfertigung gewinnt der
Space- und ISR-Bereich strategisch an Gewicht. Satellitengestützte
Kommunikation, Aufklärung und Erdbeobachtung sind längst unverzichtbar. „Für
die Resilienz und Verteidigungsfähigkeit Deutschlands und Europas ist
satellitengestützte Infrastruktur unabdingbar“, betont ein Sprecher von Airbus.
Programme wie SATCOMBw oder das Aufklärungssystem
SARah belegen die industrielle Kompetenz. Gleichzeitig verweist Airbus auf
realisierte Großprojekte wie Eutelsat OneWeb. Entscheidend ist die Fähigkeit
zur schnellen Skalierung: Bestehende Fertigungslinien könnten bei Bedarf
erweitert werden. Hier entscheidet sich Europas technologische Souveränität.
Wer Datenströme, sichere Kommunikation und Aufklärungssysteme kontrolliert,
kontrolliert Einsatzfähigkeit.
Kommen Sie zum European Summit!
Nach Wien und Amsterdam findet der VDMA European Summit 2026 erstmals in Rom statt. Die Veranstaltung am 12. und 13. März 2026 zählt zu den zentralen Treffen des europäischen Maschinen- und Anlagenbaus.
Auf dem Programm stehen aktuelle Branchenthemen wie das Thema Rüstung sowie Beiträge internationaler Speaker. Zudem bietet das Treffen umfangreiche Möglichkeiten für Austausch und Networking.
Thilo Brodtmann: „Ein ‚Upgrade‘ der Verteidigungsfähigkeit Europas braucht einen Fokus auf die drei Felder ‚Skalierung‘, ‚Standardisierung‘ und ‚Vereinfachung‘.“VDMA & Salome Roessler
Rheinmetall setzt auf Diversifikation und Transparenz.
„Wir sichern unsere Bedarfe durch strategische Einkäufe und Lagerhaltung für
mehrere Jahre ab. Wir haben verschiedenste und sehr ausdifferenzierte
Lieferquellen aus allen Teilen der Welt“, erklärt der Sprecher. Ergänzt werde
dies durch IT-Systeme, die Rohstoffverbräuche zentral überwachen und sogar die
Geo-Lokalisation der Lieferkette steuern.
Brodtmann formuliert die strategische Marschroute:
„Ein ‚Upgrade‘ der Verteidigungsfähigkeit Europas braucht einen Fokus auf die
drei Felder ‚Skalierung‘, ‚Standardisierung‘ und ‚Vereinfachung‘.“
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Gemeinsame
technische Standards innerhalb der NATO, modulare Bauweisen sowie
vereinheitlichte Tests und Zulassungen seien essenziell. Ebenso müssten
Beschaffungs- und Zertifizierungsprozesse digitalisiert und beschleunigt
werden.
Industriekooperationen
als Sicherheitsarchitektur
Internationale Kooperationen sind längst integraler
Bestandteil europäischer Verteidigungsfähigkeit. Rheinmetall engagiert sich
beim Aufbau industrieller Strukturen in der Ukraine, etwa durch lokale
Produktion und Instandsetzung. „Solche Partnerschaften leisten einen konkreten
Beitrag zur Einsatzbereitschaft und zeigen, wie Industriekooperationen
sicherheitspolitische Resilienz stärken können“, heißt es aus dem Unternehmen.
Quantum for Defence & Space
Quantentechnologien revolutionieren Defence & Space. Quantenkryptographie und quantengesicherte
Satellitenkommunikation schaffen abhörsichere Netze gegen Cyberangriffe und
künftige Quantencomputer. Mit Projekten wie TransEuroOGS entsteht eine
europäische Infrastruktur zur souveränen Schlüsselverteilung zwischen All und
Boden. Als strategisches Feld der Hightech-Agenda treiben diese
Schlüsseltechnologien Resilienz, Dual-Use-Fähigkeiten und technologische
Überlegenheit in der Sicherheitsarchitektur voran.
Quelle: Messe Erfurt GmbH
Auch industriepolitische Großprogramme wie FCAS stehen
für diesen Anspruch. Airbus betont, dass bei solchen Projekten die Festlegung
eines tragfähigen Systemdesigns, die Reifmachung von Schlüsseltechnologien und
die Einhaltung ambitionierter Zeitpläne zentrale Herausforderungen darstellen.
Enge Abstimmung und Kooperation werden damit zur Überlebensfrage.
Die strategische Rolle der Branche unterstreicht
Marie-Christine von Hahn, Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbands der
Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie e. V., BDLI: „Die enge Verzahnung von
ziviler Luftfahrt, Verteidigungsfähigkeit und Sicherheitspolitik macht unsere
Branche zur tragenden Säule strategischer Stabilität. Die deutsche Luft- und
Raumfahrtindustrie stärkt technologische Souveränität – wirtschaftlich wie
sicherheitspolitisch – und übernimmt Verantwortung in geopolitisch
anspruchsvollen Zeiten.“
Diese Verzahnung ist mehr als ein politisches
Schlagwort. Dual-Use-Technologien, gemeinsame Lieferketten und geteilte
Innovationsplattformen beschleunigen Entwicklungszyklen und erhöhen die
industrielle Basis. Gerade in Zeiten geopolitischer Unsicherheit wird
technologische Eigenständigkeit zur Machtfrage.
Satelliten-Reinraum Friedrichshafen: Unter Reinraumbedingungen integrieren Airbus-Ingenieure einen Satelliten für das europäische Navigationssystem – Hightech-Präzision für sichere Kommunikation, Navigation und strategische Souveränität im All.Airbus
Plattformökonomie
beschleunigt das Rüstungs-Upscaling
Dr. Hans Christoph Atzpodien: „Anfang Februar 2026 hatten sich deutlich über 800 Unternehmen in der digitalen Plattform SVI Connect registriert.“BDSV e.V.
Ein neues Instrument zur Beschleunigung des Hochlaufs
ist die Plattform ‚SVI-Connect‘ (Sicherheits- und Verteidigungsindustrie), initiiert von BDSV und BME. Ziel
ist es, Bedarfe der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie strukturiert mit
Angeboten anderer Branchen zu verknüpfen.
Dr. Hans Christoph Atzpodien, Hauptgeschäftsführer des
Bundesverbands der Deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie e.V., BDSV,
erklärt: „Wir als BDSV haben den Anstoß zu SVI-Connect in der Überzeugung
gegeben, dass mit dieser Matchmaking-Plattform Angebote aus anderen Branchen
zur Unterstützung des dringend gebotenen Rüstungs-Upscaling in Deutschland
leichter sichtbar und nutzbar gemacht werden können.“
Dr. Lars Kleeberg, Hauptgeschäftsführer des BM Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik
e. V., BME, ergänzt: „Strategischer Einkauf und partnerschaftliches
Lieferanten-Management sind ein gewichtiger Hebel, um Deutschland auf Kurs zu
bringen: Wer Bedarfe transparent erfasst, Lieferanten strukturiert matcht und
Kapazitäten frühzeitig skaliert, verkürzt Durchlaufzeiten und erhöht
Verlässlichkeit in der gesamten Sicherheits- und Verteidigungswirtschaft.“
Damit entsteht ein branchenübergreifendes Ökosystem.
Automobilzulieferer, Maschinenbauer, Metallverarbeiter oder
Elektronikhersteller können gezielt in bestehende Defence-Lieferketten
integriert werden. Der Hochlauf wird zur gesamtindustriellen Aufgabe.
Strategischer Einkauf und partnerschaftliches Lieferanten-Management sind ein gewichtiger Hebel, um Deutschland auf Kurs zu bringen: Wer Bedarfe transparent erfasst, Lieferanten strukturiert matcht und Kapazitäten frühzeitig skaliert, verkürzt Durchlaufzeiten und erhöht Verlässlichkeit in der gesamten Sicherheits- und Verteidigungswirtschaft.
Dr. Lars Kleeberg, Hauptgeschäftsführer des BM Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik e. V.
Europas
Rüstungsindustrie zwischen Aufbruch und Bewährungsprobe
Die europäische Rüstungsindustrie steht vor einer
doppelten Herausforderung: Sie muss gleichzeitig technologisch führen und
industriell skalieren. Milliardenbudgets allein garantieren keine
Einsatzbereitschaft. Entscheidend sind Produktionskapazität, Lieferkettenresilienz,
Standardisierung und Geschwindigkeit. Unternehmen wie Rheinmetall und Airbus
treiben Investitionen und Kapazitätsausbau voran. Verbände wie VDMA, BDLI, BDSV
und BME schaffen industrielle Rahmenbedingungen und Plattformen für
Kooperation.
Ob Europas Rüstungsindustrie dauerhaft souverän und
wettbewerbsfähig bleibt, entscheidet sich nun in den Fabriken,
Entwicklungszentren und Beschaffungsprozessen. Der Kapazitätsausbau läuft –
doch der Stresstest hat gerade erst begonnen.
Warum steht Europas Rüstungsindustrie unter Druck?
Steigende Verteidigungsbudgets, geopolitische Spannungen und jahrzehntelange Unterinvestitionen in Produktionskapazitäten treffen auf kurzfristig steigende Bedarfe.
Welche Rolle spielt der Maschinenbau?
Der Maschinen- und Anlagenbau liefert die Skalierungsfähigkeit durch Automatisierung, flexible Fertigungskonzepte und digitalisierte Produktionsprozesse.
Wo zeigen sich aktuell Engpässe?
Laut Airbus unter anderem bei metallischen Rohstoffen, Schmiedeteilen, Halbleitern sowie im Bereich Ersatzteile und MRO-Leistungen.
Welche Initiativen beschleunigen das Upscaling?
Plattformen wie „SVI-Connect“ von BDSV und BME verknüpfen branchenübergreifend Bedarfe und Kapazitäten, um Durchlaufzeiten zu verkürzen und Resilienz zu stärken.