Zeitenwende in Europas Rüstungsindustrie

Europäische Rüstungsindustrie im Stresstest

Die europäische Rüstungsindustrie erlebt eine tektonische Verschiebung. Steigende Verteidigungsbudgets, geopolitischer Druck und industrielle Engpässe zwingen Hersteller und Zulieferer zu radikalem Hochlauf.

Rheinmetall Skynex Air Defence: Das hochmobile Flugabwehrsystem kombiniert Radar, Sensorik und Oerlikon-Revolverkanone zu einer vernetzten Nahbereichsverteidigung gegen Drohnen und Luftziele – modular, digitalisiert und ausgelegt für den schnellen Schutz kritischer Infrastrukturen.
Rheinmetall Skynex Air Defence: Das hochmobile Flugabwehrsystem kombiniert Radar, Sensorik und Oerlikon-Revolverkanone zu einer vernetzten Nahbereichsverteidigung gegen Drohnen und Luftziele – modular, digitalisiert und ausgelegt für den schnellen Schutz kritischer Infrastrukturen.

Die Rüstungsbranche befindet sich in einem historischen Transformationsprozess. Jahrzehntelange Unterinvestitionen in Produktionskapazitäten treffen auf eine sicherheitspolitische Realität, die schnelle Verfügbarkeit, hohe Stückzahlen und technologische Überlegenheit verlangt.

Ein Sprecher von Rheinmetall bringt die Lage auf den Punkt: „Die europäische Rüstungsindustrie steht an einem strategischen Wendepunkt. Technologisch ist Europa leistungsfähig, zugleich zeigen sich die Folgen jahrzehntelanger Unterinvestitionen in Produktionskapazitäten und industrielle Tiefe.“ Gerade bei Munition, Landsystemen, Elektronik und Digitalisierung habe das Unternehmen frühzeitig investiert. Dennoch bleibe die Herausforderung, „Produktionsvolumina schnell, verlässlich und über längere Zeiträume hochzufahren“.

Hier zeigt sich das Kernproblem: Europas Defense-Industrie ist technologisch auf Augenhöhe, doch Skalierung ist zur alles entscheidenden Disziplin geworden. Serienfertigung unter Hochdruck, parallele Modernisierung bestehender Systeme und Aufbau neuer Produktionslinien verlangen massive Investitionen – in Maschinen, Personal und Liefernetzwerke. 

Erfahren Sie mehr über den European Summit: Klicken Sie hier!

Maschinenbau als Skalierungshebel der Verteidigungsfähigkeit

Der Maschinen- und Anlagenbau wird zum unsichtbaren Taktgeber dieser Aufholjagd. Thilo Brodtmann, VDMA-Hauptgeschäftsführer, ordnet ein: „Der Maschinen- und Anlagenbau ist kein Hersteller von Rüstungsgütern, sondern Zulieferer. Daher können wir den Stand der europäischen Rüstungsindustrie auch nicht beurteilen. Klar ist allerdings, dass es zum raschen Ausbau der Kapazitäten in der Rüstungsindustrie eine Fähigkeit zur Skalierung der Produktion braucht, die der Maschinen- und Anlagenbau liefern kann.“

Skalierung bedeutet Automatisierung, flexible Fertigungszellen, digitalisierte Produktionsplanung und resiliente Wertschöpfungsketten. Brodtmann fordert ein umfassendes Update: „Der gesamte Sicherheitsapparat Europas braucht jetzt ein schnelles ‚Update‘. Von daher gibt es keine einzelnen Felder, die jetzt besonders im Fokus stehen; vielmehr müssen alle Bereiche, die mit Verteidigung zu tun haben, auf den technologisch neuesten Stand gebracht werden.“

Für die industrielle Praxis heißt das: Robotik, additive Fertigung, KI-gestützte Qualitätskontrolle und modulare Produktionskonzepte werden zum Standard. Ohne diese Hebel bleibt jede Budgeterhöhung ein Papiertiger.

 Luftfahrtprogramme treiben Kapazitätsausbau in Europa

Besonders sichtbar wird der Hochlauf in der militärischen Luftfahrt. Airbus Defence and Space meldet eine anhaltend starke Nachfrage im gesamten Portfolio. „Deutschland, Großbritannien, Italien, Spanien und die Türkei haben in den vergangenen 14 Monaten 89 Eurofighter bestellt“, erklärt ein Sprecher von Airbus.

Eurofighter-Endmontage in Manching: In hochgetakteter Präzisionsarbeit integrieren Fachkräfte Rumpfsektionen, Avionik und Missionssysteme zum einsatzbereiten Kampfflugzeug – ein Schlüsselstandort für den industriellen Hochlauf der europäischen Verteidigungsfähigkeit.
Eurofighter-Endmontage in Manching: In hochgetakteter Präzisionsarbeit integrieren Fachkräfte Rumpfsektionen, Avionik und Missionssysteme zum einsatzbereiten Kampfflugzeug – ein Schlüsselstandort für den industriellen Hochlauf der europäischen Verteidigungsfähigkeit.

Die Konsequenz ist ein massiver Produktionsausbau: „Bis 2028 wird Airbus die Produktion von mittleren Rumpfsektionen und rechten Flügeln von derzeit 14 pro Jahr auf 20+ pro Jahr erhöhen. Wir werden auch neue Fachkräfte einstellen.“ Parallel dazu steigt im spanischen Werk Getafe die Umrüstung ziviler A330 zu MRTT-Tankflugzeugen von fünf auf bis zu acht Maschinen jährlich.

Diese Zahlen zeigen: Der Hochlauf ist real. Er betrifft nicht nur Endmontagelinien, sondern die gesamte industrielle Architektur – vom Rohmaterial über Strukturbauteile bis zu Avionik und Wartungskapazitäten.

Satelliten, ISR und digitale Souveränität als Schlüssel

Neben der klassischen Plattformfertigung gewinnt der Space- und ISR-Bereich strategisch an Gewicht. Satellitengestützte Kommunikation, Aufklärung und Erdbeobachtung sind längst unverzichtbar. „Für die Resilienz und Verteidigungsfähigkeit Deutschlands und Europas ist satellitengestützte Infrastruktur unabdingbar“, betont ein Sprecher von Airbus.

Programme wie SATCOMBw oder das Aufklärungssystem SARah belegen die industrielle Kompetenz. Gleichzeitig verweist Airbus auf realisierte Großprojekte wie Eutelsat OneWeb. Entscheidend ist die Fähigkeit zur schnellen Skalierung: Bestehende Fertigungslinien könnten bei Bedarf erweitert werden. Hier entscheidet sich Europas technologische Souveränität. Wer Datenströme, sichere Kommunikation und Aufklärungssysteme kontrolliert, kontrolliert Einsatzfähigkeit.

Kommen Sie zum European Summit!

Nach Wien und Amsterdam findet der VDMA European Summit 2026 erstmals in Rom statt. Die Veranstaltung am 12. und 13. März 2026 zählt zu den zentralen Treffen des europäischen Maschinen- und Anlagenbaus.

Auf dem Programm stehen aktuelle Branchenthemen wie das Thema Rüstung sowie Beiträge internationaler Speaker. Zudem bietet das Treffen umfangreiche Möglichkeiten für Austausch und Networking.

Weitere Informationen und Tickets gibt es hier!

Lieferketten unter Hochdruck und neue Resilienzstrategien

Mit steigenden Produktionszahlen wachsen die Risiken in den Lieferketten. Airbus verweist auf Engpässe bei metallischen Rohstoffen, Schmiedeteilen und Halbleitern. Zusätzlich belastet eine wachsende Nachfrage nach Ersatzteilen und MRO-Leistungen den Serienfluss.

Thilo Brodtmann: „Ein ‚Upgrade‘ der Verteidigungsfähigkeit Europas braucht einen Fokus auf die drei Felder ‚Skalierung‘, ‚Standardisierung‘ und ‚Vereinfachung‘.“
Thilo Brodtmann: „Ein ‚Upgrade‘ der Verteidigungsfähigkeit Europas braucht einen Fokus auf die drei Felder ‚Skalierung‘, ‚Standardisierung‘ und ‚Vereinfachung‘.“

Rheinmetall setzt auf Diversifikation und Transparenz. „Wir sichern unsere Bedarfe durch strategische Einkäufe und Lagerhaltung für mehrere Jahre ab. Wir haben verschiedenste und sehr ausdifferenzierte Lieferquellen aus allen Teilen der Welt“, erklärt der Sprecher. Ergänzt werde dies durch IT-Systeme, die Rohstoffverbräuche zentral überwachen und sogar die Geo-Lokalisation der Lieferkette steuern.

Brodtmann formuliert die strategische Marschroute: „Ein ‚Upgrade‘ der Verteidigungsfähigkeit Europas braucht einen Fokus auf die drei Felder ‚Skalierung‘, ‚Standardisierung‘ und ‚Vereinfachung‘.“ 

Gemeinsame technische Standards innerhalb der NATO, modulare Bauweisen sowie vereinheitlichte Tests und Zulassungen seien essenziell. Ebenso müssten Beschaffungs- und Zertifizierungsprozesse digitalisiert und beschleunigt werden.

Industriekooperationen als Sicherheitsarchitektur

Internationale Kooperationen sind längst integraler Bestandteil europäischer Verteidigungsfähigkeit. Rheinmetall engagiert sich beim Aufbau industrieller Strukturen in der Ukraine, etwa durch lokale Produktion und Instandsetzung. „Solche Partnerschaften leisten einen konkreten Beitrag zur Einsatzbereitschaft und zeigen, wie Industriekooperationen sicherheitspolitische Resilienz stärken können“, heißt es aus dem Unternehmen.

Quantum for Defence & Space

Quantentechnologien revolutionieren Defence & Space. Quantenkryptographie und quantengesicherte Satellitenkommunikation schaffen abhörsichere Netze gegen Cyberangriffe und künftige Quantencomputer. Mit Projekten wie TransEuroOGS entsteht eine europäische Infrastruktur zur souveränen Schlüsselverteilung zwischen All und Boden. Als strategisches Feld der Hightech-Agenda treiben diese Schlüsseltechnologien Resilienz, Dual-Use-Fähigkeiten und technologische Überlegenheit in der Sicherheitsarchitektur voran. 

Quelle: Messe Erfurt GmbH

Auch industriepolitische Großprogramme wie FCAS stehen für diesen Anspruch. Airbus betont, dass bei solchen Projekten die Festlegung eines tragfähigen Systemdesigns, die Reifmachung von Schlüsseltechnologien und die Einhaltung ambitionierter Zeitpläne zentrale Herausforderungen darstellen. Enge Abstimmung und Kooperation werden damit zur Überlebensfrage.

Die strategische Rolle der Branche unterstreicht Marie-Christine von Hahn, Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbands der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie e. V., BDLI: „Die enge Verzahnung von ziviler Luftfahrt, Verteidigungsfähigkeit und Sicherheitspolitik macht unsere Branche zur tragenden Säule strategischer Stabilität. Die deutsche Luft- und Raumfahrtindustrie stärkt technologische Souveränität – wirtschaftlich wie sicherheitspolitisch – und übernimmt Verantwortung in geopolitisch anspruchsvollen Zeiten.“ 

Diese Verzahnung ist mehr als ein politisches Schlagwort. Dual-Use-Technologien, gemeinsame Lieferketten und geteilte Innovationsplattformen beschleunigen Entwicklungszyklen und erhöhen die industrielle Basis. Gerade in Zeiten geopolitischer Unsicherheit wird technologische Eigenständigkeit zur Machtfrage.

Satelliten-Reinraum Friedrichshafen: Unter Reinraumbedingungen integrieren Airbus-Ingenieure einen Satelliten für das europäische Navigationssystem – Hightech-Präzision für sichere Kommunikation, Navigation und strategische Souveränität im All.
Satelliten-Reinraum Friedrichshafen: Unter Reinraumbedingungen integrieren Airbus-Ingenieure einen Satelliten für das europäische Navigationssystem – Hightech-Präzision für sichere Kommunikation, Navigation und strategische Souveränität im All.

Plattformökonomie beschleunigt das Rüstungs-Upscaling

Dr. Hans Christoph Atzpodien: „Anfang Februar 2026 hatten sich deutlich über 800 Unternehmen in der digitalen Plattform SVI Connect registriert. Ziel ist es eine schnelle Ergänzung bestehender Rüstungs-Lieferketten durch geeignete Ressourcen aus anderen industriellen Branchen zu ermöglichen.“
Dr. Hans Christoph Atzpodien: „Anfang Februar 2026 hatten sich deutlich über 800 Unternehmen in der digitalen Plattform SVI Connect registriert.“

Ein neues Instrument zur Beschleunigung des Hochlaufs ist die Plattform ‚SVI-Connect‘ (Sicherheits- und Verteidigungsindustrie), initiiert von BDSV und BME. Ziel ist es, Bedarfe der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie strukturiert mit Angeboten anderer Branchen zu verknüpfen.

Dr. Hans Christoph Atzpodien, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie e.V., BDSV, erklärt: „Wir als BDSV haben den Anstoß zu SVI-Connect in der Überzeugung gegeben, dass mit dieser Matchmaking-Plattform Angebote aus anderen Branchen zur Unterstützung des dringend gebotenen Rüstungs-Upscaling in Deutschland leichter sichtbar und nutzbar gemacht werden können.“

Dr. Lars Kleeberg, Hauptgeschäftsführer des BM Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik e. V., BME, ergänzt: „Strategischer Einkauf und partnerschaftliches Lieferanten-Management sind ein gewichtiger Hebel, um Deutschland auf Kurs zu bringen: Wer Bedarfe transparent erfasst, Lieferanten strukturiert matcht und Kapazitäten frühzeitig skaliert, verkürzt Durchlaufzeiten und erhöht Verlässlichkeit in der gesamten Sicherheits- und Verteidigungswirtschaft.“

Damit entsteht ein branchenübergreifendes Ökosystem. Automobilzulieferer, Maschinenbauer, Metallverarbeiter oder Elektronikhersteller können gezielt in bestehende Defence-Lieferketten integriert werden. Der Hochlauf wird zur gesamtindustriellen Aufgabe.

Dr. Lars Kleeberg

Strategischer Einkauf und partnerschaftliches Lieferanten-Management sind ein gewichtiger Hebel, um Deutschland auf Kurs zu bringen: Wer Bedarfe transparent erfasst, Lieferanten strukturiert matcht und Kapazitäten frühzeitig skaliert, verkürzt Durchlaufzeiten und erhöht Verlässlichkeit in der gesamten Sicherheits- und Verteidigungswirtschaft.

Dr. Lars Kleeberg, Hauptgeschäftsführer des BM Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik e. V.

Europas Rüstungsindustrie zwischen Aufbruch und Bewährungsprobe

Die europäische Rüstungsindustrie steht vor einer doppelten Herausforderung: Sie muss gleichzeitig technologisch führen und industriell skalieren. Milliardenbudgets allein garantieren keine Einsatzbereitschaft. Entscheidend sind Produktionskapazität, Lieferkettenresilienz, Standardisierung und Geschwindigkeit. Unternehmen wie Rheinmetall und Airbus treiben Investitionen und Kapazitätsausbau voran. Verbände wie VDMA, BDLI, BDSV und BME schaffen industrielle Rahmenbedingungen und Plattformen für Kooperation.

Ob Europas Rüstungsindustrie dauerhaft souverän und wettbewerbsfähig bleibt, entscheidet sich nun in den Fabriken, Entwicklungszentren und Beschaffungsprozessen. Der Kapazitätsausbau läuft – doch der Stresstest hat gerade erst begonnen.

FAQ: Europas Rüstungsindustrie im Stresstest

Warum steht Europas Rüstungsindustrie unter Druck?

Steigende Verteidigungsbudgets, geopolitische Spannungen und jahrzehntelange Unterinvestitionen in Produktionskapazitäten treffen auf kurzfristig steigende Bedarfe.

Welche Rolle spielt der Maschinenbau?

Der Maschinen- und Anlagenbau liefert die Skalierungsfähigkeit durch Automatisierung, flexible Fertigungskonzepte und digitalisierte Produktionsprozesse.

Wo zeigen sich aktuell Engpässe?

Laut Airbus unter anderem bei metallischen Rohstoffen, Schmiedeteilen, Halbleitern sowie im Bereich Ersatzteile und MRO-Leistungen.

Welche Initiativen beschleunigen das Upscaling?

Plattformen wie „SVI-Connect“ von BDSV und BME verknüpfen branchenübergreifend Bedarfe und Kapazitäten, um Durchlaufzeiten zu verkürzen und Resilienz zu stärken.